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Das Immunsystem trainieren


ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund - epaper ⋅ Ausgabe 2/2009 vom 16.02.2009

Medikamente können das Leben mit Heuschnupfen erträglicher machen. Doch auf Dauer hilft nur eine Hyposensibilisierung: Das Immunsystem muss sich an die Pollen gewöhnen. Auch andere Allergien lassen sich so bekämpfen.


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Foto: irisblende.de

Wenn die Augen tränen und die Nase dicht macht, ist schnelle Hilfe nötig. Die bieten zahlreiche, oft rezeptfreie Medikamente (siehe Seite 48). Sie greifen in den Entzündungsprozess ein und lindern die Symptome eines Heuschnupfens oder anderer Allergien. Viele Heu schnupfenpatienten begnügen sich mit solchen Medikamenten und versuchen ansonsten, den aus lösenden Pollen ...

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Wenn die Augen tränen und die Nase dicht macht, ist schnelle Hilfe nötig. Die bieten zahlreiche, oft rezeptfreie Medikamente (siehe Seite 48). Sie greifen in den Entzündungsprozess ein und lindern die Symptome eines Heuschnupfens oder anderer Allergien. Viele Heu schnupfenpatienten begnügen sich mit solchen Medikamenten und versuchen ansonsten, den aus lösenden Pollen möglichst aus dem Weg zu gehen. Das geht vor allem, wenn sich die Allergie auf wenige Pollen und auf eine kurze Zeit im Jahr beschränkt und die Symptome nicht besonders ausgeprägt sind.

Langwierig, aber wirksam: Eine spezifische Immuntherapie kann Heuschnupfen heilen.


Foto: KKH

Impfung gegen Pollen

Eine langfristige Lösung sind diese Medikamente jedoch nicht, weil sie die Allergie nicht heilen. Dies kann nur die spezifische Immuntherapie (SIT), auch Hyposensibilisierung genannt. Dabei wird das Immunsystem über drei Jahre hinweg systematisch an die allergieauslösenden Pollen gewöhnt. Allergologen empfehlen einen möglichst frühen Einsatz, weil die SIT am erfolgreichsten ist, wenn der Heuschnupfen noch nicht lange besteht und nur wenige verschiedene Pollen dafür verantwortlich sind. Zudem lassen sich mit einer frühen Behandlung Verschlimmerungen sowie Folgeschäden vermeiden. Bei einem Drittel der Heuschnupfenpatienten kommt mit der Zeit ein allergisches Asthma hinzu. Rund die Hälfte entwickelt eine Kreuzallergie auf bestimmte Lebensmittel. Auch kann ein nicht behandelter Heuschnupfen zu chronisch entzündeten Nebenhöhlen führen.

Eine SIT kann nicht nur Heuschnupfen heilen, sondern auch eine lebensgefährliche In sektenstichallergie. Auch bei Allergien gegen Milbenkot, Katzenhaare oder Schimmelpilze kann eine Hyposensibilisierung Erfolg haben. Der Ablauf einer SIT bei anderen Allergien gleicht in etwa der bei Heuschnupfen.

In welchen Fällen ist eine SIT sinnvoll?

Die allergischen Beschwerden sollten sich in der zweiten Pollensaison gezeigt haben, damit klar ist, dass es sich um Heuschnupfen handelt. Die allergieauslösenden Pollen müssen bekannt sein und auch als Impfstoff vorliegen. Kinder sollten mindestens fünf Jahre alt sein. Nicht durchgeführt werden sollte eine SIT bei Schwangeren, bei unzureichend behandeltem Asthma mit schweren Atemproblemen, bei schweren Erkrankungen des Immunsystems und bei der Einnahme von Betablockern oder blutdrucksenkenden ACE-Hemmern.

Foto: Alk Abello

Wann wird mit der SIT begonnen?

Begonnen wird die Therapie bei Heuschnupfen meist gleich nach der Pollensaison. Es ist aber auch möglich, erst einige Wochen vor dem Pollenflug anzufangen. Je nach Allergen und Witterung eignen sich also die Monate Oktober bis Februar besonders für den Start. Die Behandlung selbst zieht sich insgesamt über drei Jahre hin. Erst dann ist ein dauerhafter Schutz vor Heuschnupfen erreicht. Doch bereits im ersten Jahr können sich die Symptome verringern: Die Nase läuft weniger, die Augen jucken nicht mehr so stark und es werden weniger Antiallergika benötigt.

Was passiert da genau?

Am Anfang der Behandlung gibt es meist jede Woche eine Spritze in den Oberarm. Dabei wird die Dosis, falls keine Nebenwirkungen auftreten, allmählich gesteigert. Ist die Maximaldosis erreicht, genügt eine Spritze alle vier bis sechs Wochen. In der Pollensaison sollte die Therapie unterbrochen oder mit einer reduzierten Dosierung fortgesetzt werden, um nach Ende der Saison wieder auf die Maximaldosis gesteigert zu werden. Kurze Unterbrechungen, etwa im Urlaub, sind möglich.

Inzwischen gibt es eine Variante mit speziell auf gereinigten Allergenen. Dabei verkürzt sich der Zeitbedarf für die steigenden Dosierungen auf drei Wochen. Die Behandlung kann dadurch noch wenige Wochen vor dem Pollenflug begonnen werden.

Eine weitere Möglichkeit der Desensibilisierung ist eine Kurzzeittherapie. Dabei bekommen Allergiker bis sechs Wochen vor der Pollensaison vier bis sieben Injektionen in wöchentlichem Abstand. Dadurch lassen sich die Symptome effektiv mildern, wie bei der ganzjährigen Behandlung. Auch die Kurzzeittherapie sollte aber drei Jahre lang fortgesetzt werden.

Geht es auch ohne Spritze?

Die Immuntherapie mit Spritzen ist für viele Menschen schwer zu organisieren. Anfangs geht man wöchentlich, später monatlich zum Arzt. Jedes Mal muss man nach der Spritze noch eine halbe Stunde in der Praxis bleiben. Bei der sogenannten sublingualen Immuntherapie (SLIT), die ebenfalls drei Jahre dauert, sprüht oder tropft sich der Patient die Pollenlösung täglich zu Hause unter die Zunge. Die Allergene werden von der Mundschleimhaut aufgenommen und wirken so auf das Immunsystem ein. Oft sind die Tropfen als Einzeldosis verpackt, damit das tägliche Dosieren leichter fällt.

Es soll auch eine Impf-Tablette geben.

Seit November 2006 ist bei einer Allergie gegen Gräserpollen die SLIT auch mit einer Tablette möglich, die auf Kassenrezept verschrieben werden kann. Man legt sie einmal täglich unter die Zunge, die Tablette löst sich dort innerhalb weniger Sekunden auf. Die erste Anwendung erfolgt unter Aufsicht des Arztes, danach macht man zu Hause weiter. Zu Beginn der Behandlung können Mund und Rachen einige Tage leicht jucken. Nach Angaben des Herstellers ALK-Abelló ist die Wirksamkeit vonGrazax in Studien mit insgesamt 1.700 Patienten dokumentiert worden.

Nachdem eine weitere Studie die Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen belegte, istGrazax seit Herbst 2008 auch für diese Patienten zugelassen. Die beste klinische Wirkung wird erreicht, wenn man mit der Einnahme der Tabletten mindestens vier Monate vor dem erwarteten Pollenflug beginnt.

Foto: Alk Abello

Wirken Tropfen oder Tabletten ebenso gut wie die Immuntherapie mit Spritzen?

Für die SLIT mit Tropfen, Spray oder Tablette sowie für Kurzzeittherapien mit Spritze fehlen Studienergebnisse zu den Langzeit-Effekten ebenso wie zur Wirksamkeit bei Asthma und zur Vorbeugung gegen Asthma und andere Folgeerkrankungen. Die allergologischen Fachgesellschaften halten die SLIT bei erwachsenen Pollenallergikern für anwendbar, insbesondere wenn eine Spritzenkur nicht durchführbar ist. Von einer Routineanwendung der SLIT bei Kinder und Jugendlichen raten sie aufgrund fehlender Daten noch ab. Professor Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sagt: „Wir sind noch nicht völlig sicher, ob die sublinguale Therapie genauso wirksam ist wie die Behandlung mit Spritzen, und ob sie auch bei Kindern wirkt. Aber wir denken, dass die vielen Studien, die diese Fragen derzeit untersuchen, bald gute Antworten liefern werden.“

Immer öfter Immuntherapie

Der Verbrauch an Hyposensibilisierungs-Extrakten bei den Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ist von 2003 bis 2007 von 113 auf 153 Millionen Tagesdosen gestiegen. Knapp ein Fünftel der Menge entfiel auf Tropfen zur sublingualen Immuntherapie, der große Rest wurde als Spritze verabreicht. Diese Zahlen teilte das Institut IGES in seinemArzneimittelatlas 2008 mit. Es schätzt, dass im Jahre 2007 420.000 Allergiker behandelt wurden. Die Menge der von den Ärzten verordneten Antihistaminika ging dagegen von 2004 bis 2007 um etwa 15 Prozent zurück, meldete das Wissenschaftliche Institut der AOK in seinemArzneiverordnungs-Report . Ein direkter Zusammenhang mit der gestiegenen Zahl der Spritzenkuren scheint möglich, lässt sich allerdings nicht belegen.

Foto: Fancy

Hilft die Immuntherapie immer?

In rund 80 Prozent aller Fälle ging es den Patienten nach der SIT besser, berichten zahlreiche Studien. Die Beschwerden hatten sich deutlich verringert oder waren sogar ganz verschwunden. Das pharmakritischearznei-telegramm moniert jedoch, dass viele Studien zu diesem Thema von methodisch schlechter Qualität seien, die Datenlage für Pollenallergiker allerdings noch am besten. Bei Kindern liegt die Erfolgsrate höher, nach 15 Jahren sind noch 90 Prozent beschwerdefrei. Hyposensibilisierung halbiert die Gefahr, dass Heuschnupfenpatienten später an Asthma erkranken. Vor allem bei Kindern kann eine frühzeitige SIT den Etagenwechsel der Krankheit verhindern. Auch bei einem vorhandenen Asthma kann die SIT zur Heilung beitragen. Eine durch Heuschnupfen erworbene Kreuzallergie wird man dagegen mit der SIT nur in wenigen Fällen los. „Die Chance steht 50 zu 50. Besser ist es, eine Immuntherapie zu machen, bevor sich eine Kreuzallergie entwickelt“, erklärt der Allergologe Professor Karl-Christian Bergmann. Für Insektengiftallergiker liegen die Heilungschancen einer Immuntherapie bei fast 100 Prozent. Bei Allergien gegen Milbenkot, Schimmelpilze oder Katzenhaare sind die Erfolgsquoten nicht so hoch. Doch auch hier kann eine Spritzenkur die Beschwerden deutlich verringern.

Welche Risiken und Nebenwirkungen bestehen?

Die Therapie an sich ist sehr sicher. Vor der Injektion fragt der Allergologe den Patienten nach aktuellen allergischen oder anderen Symptomen, nach der Verträglichkeit der letzten Injektion, Infekten, veränderter Medikamenteneinnahme und Impfungen. Nach der Spritze muss der Patient eine halbe Stunde in der Praxis warten. Denn in Einzelfällen kann es in den Minuten nach dem Spritzen zu einer allergischen Reaktion kommen. Das kann eine Rötung oder Schwellung an der Einstichstelle sein. Gefährlich, aber selten sind allergische Reaktionen wie Ausschlag, Schwindel oder Atemnot. In sehr seltenen Fällen droht ein allergischer Schock: Die Schleimhäute schwellen so stark an, dass sie die Luftwege blockieren, der Patient reagiert mit Zittern, Panik, Herzrasen bis zum Zusammenbruch. Ohne sofortige ärztliche Hilfe kann ein solcher Schock tödlich enden.
Neue Entwicklungen : Mehrere Wissenschaftlergruppen basteln seit einiger Zeit an gentechnisch hergestellten und veränderten Eiweißen. Sie können das Immunsystem desensibilisieren, sind aber so abgeschwächt, dass sie kaum noch Nebenwirkungen hervorrufen. Erfolgreiche klinische Studien liegen inzwischen für gentechnisch hergestellte Impfstoffe aus Gräserpollen und Birkenpollen vor. Der Hersteller ALK-Abelló forscht an Tabletten mit weiteren Pollenallergenen. Schweizer Wissenschaftler stellten ein Verfahren vor, bei dem sie sehr stark verdünnte Allergene direkt in die Lymphknoten spritzten. Die Therapie war mit nur drei Spritzen innerhalb von zwei Monaten ärmer an Nebenwirkungen und ebenso erfolgreich wie die konventionelle SIT nach drei Jahren und mehr als 50 Injektionen.