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Das Morgengebet am Computer


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versöhnend – das Begleitheft zum Treffen der Weltkirche in Karlsruhe - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 03.08.2022

Reportage

Das Hermann-Maas-Haus im Heidelberger Stadtteil Kirchheim ist äußerlich betrachtet etwas in die Jahre gekommen. Aber es ist voller Leben. Neben der gegenüberliegenden altehrwürden Petruskirche ist das Haus der zentrale Treffpunkt zahlreicher Gruppen und Kreise der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde in Kirchheim. Die Kinder- und Jugendarbeit der Pfadfinder spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Musik mit mehreren Chören. Eine beeindruckende Vielfalt. Wer das Hermann-Maas-Haus sonntagsmittags Schlag zwölf Uhr betritt, wird überrascht sein. Denn auch an diesem Tag und um diese Uhrzeit geht es dort sehr lebendig zu. Laut und deutlich ist schon im Foyer der Gesang zu hören, der nach unten dringt. Eine ausladende Treppe führt in den ersten Stock, wo sich die Tür zu einem kleinen schmucklosen Saal öffnet. Etwa 40 überwiegend junge Frauen und Männer sitzen hier an Tischen und feiern ...

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Bildquelle: versöhnend – das Begleitheft zum Treffen der Weltkirche in Karlsruhe, Ausgabe 3/2022

Kurz zuvor hat Pfarrer Jun-Bong Jeon noch gepredigt. Jetzt schöpft er Reis für die Mitglieder seiner Gemeinde.
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... Gottesdienst. Die meisten haben eine aufgeschlagene Bibel vor sich liegen. Vorne hängt ein großes weißes Tuch, auf das abwechselnd das berühmte Rembrandt-Gemälde von der Rückkehr des verlorenen Sohnes und die Lieder des Gottesdienstes projiziert werden. Der Gesang ist inzwischen beendet. Jetzt lauschen alle konzentriert dem Pfarrer, der seine Predigt begonnen hat. Mit grauem Gewand und weißer Stola steht er vorne, beide Hände die meiste Zeit auf einen als Altar dienenden Tisch gestützt. Seine Sprache erscheint gewöhnlichen deutschen Ohren nicht nur fremd, sondern geradezu exotisch. Rein gar nichts ist zu verstehen, abgesehen von dem Wort „Amen“, das er immer wieder einfließen lässt und das dann von der Gemeinde wie zur Bekräftigung erwidert wird. Es ist eine lange Predigt, der dann wieder zwei Lieder folgen, begleitet am Flügel von einem jungen Pianisten. Aus der Nähe klingt der Gesang noch kräftiger, geradezu leidenschaftlich. Dasselbe gilt für das frei formulierte Gebet, mit dem der Pfarrer schließlich den Gottesdienst beendet.

Die Gemeinde, die sich jeden Sonntag im Kirchheimer Hermann-Maas-Haus zum Gottesdienst versammelt, stellt eine Besonderheit dar. Es ist eine Personalgemeinde, deren 45 erwachsene Mitglieder größtenteils aus Südkorea stammen. Unter ihnen sind Studierende, die gerade für einige Semester an der Heidelberger Uni eingeschrieben sind. Aber auch ältere Menschen, die schon vor Jahrzehnten mit der Absicht kamen, nur vorübergehend hier zu arbeiten, aber dann geblieben sind.

Pflegenotstand der 1970er-Jahre ....

Kaum jemand weiß heute noch, dass die Bundesrepublik in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren in großem Stil südkoreanische Krankenschwestern anwarb, um den hiesigen Pflegenotstand zu lindern. Zu den weit über 10 000 jungen Frauen, die in dieser Zeit nach Deutschland kamen, gehörte auch Husang Song. 1973 begann sie mit einem Dreijahres-Vertrag an der Heidelberger Thorax-Klink. Und sie erinnert sich noch genau an einen Gottesdienst, den insgesamt 16 Krankenschwestern aus Südkorea in der dortigen Klinikkapelle am 2. Dezember 1973, nicht lange nach ihrer Ankunft, feierten. „Das war die Gründung unserer Gemeinde“, sagt sie. „Anschließend ist die Gemeinde gewachsen und es kamen auch viele Leute von außerhalb des Krankenhauses dazu.“ Husang Song, entschloss sich, zu bleiben. Ihren Mann, der zunächst in Korea geblieben war, holte sie nach Deutschland. Zu den Urgesteinen der koreanischen Gemeinde in Heidelberg gehört auch Jungsin Dietzinger. Ihr Nachname verrät, dass sie als junge Krankenschwester einen deutschen Mann geheiratet hat. Das kam damals ebenso häufig vor wie Hochzeiten zwischen in Heidelberg stationierten amerikanischen Soldaten und jungen Koreanerinnen. Auch von diesen Ehepaaren und Familien stießen einige zur Gemeinde, erinnert sich Jungsin Dietzinger. „Damals kamen jeden Sonntag fast 100 Leute zum Gottesdienst“, stellt sie rückblickend fest. „Das war unsere beste Zeit.“ Es war allerdings auch eine sehr unruhige Zeit. Eine Zeit ständiger Veränderungen und einer gewissen Heimatlosigkeit. Die Krankenhauskapelle der Thorax-Klinik war bald zu klein geworden. In den nächsten Jahren folgten für die kleine koreanische Personalgemeinde nicht weniger als 14 Umzüge, bis sie schließlich 2002 im Hermann-Maas-Haus der Kirchheimer Bonhoeffer-Gemeinde unterkam. „Hier haben wir Heimat gefunden“, sagt Jungsin Dietzinger. „Dafür sind wir sehr dankbar.“

Die schöne Kulisse für eine große Geschichte

Die Universitätsstadt am Neckar gilt als touristischer Perle mit einer langen Geschichte. Eine kurze Episode war recht bedeutsam für den Fortgang der Reformation. 1518 besuchte Martin Luther die Stadt, um bei der Hauptversammlung der deutschen Reformkongregation der Augustinereremiten dabei zu sein. Überdies stellte er sich in einer öffentlichen Veranstaltung „Studenten, Bürgern und Hofleuten.“ Dieses persönliche Zusammentreffen mit dem kritischen Geist war für viele prägend, fortan beschäftigten sich viele Studenten aufmerksam mit den Schriften Luthers. Etliche Theologiestudenten, die Luther erlebt hatten, begannen alsbald „evangelisch“ in den umliegenden Rittergemeinden zu predigen. Viel früher als es anderswo in Deutschland der Fall war. Heute gibt es in der Stadt neben den großen Kirchen eine Vielzahl weiterer christlicher Glaubensgemeinschaften, z. B. die altkatholische Kirche, die anglikanische Kirche, die Neuapostolische Kirche, Baptisten … Aber auch eine ganz besondere koreanische Gemeinde.

Dass eine vorwiegend aus Migranten bestehende Gemeinde auch durch eine starke personelle Fluktuation geprägt ist, liegt auf der Hand. Es betrifft vor allem die jungen Gemeindemitglieder, von denen die meisten nach einigen Studienjahren in Heidelberg in ihre koreanische Heimat zurückkehren. Gleichzeitig stoßen immer wieder christliche Neuankömmlinge aus Korea und vereinzelt auch aus anderen Ländern zu den Gottesdiensten hinzu. Die Fluktuation betraf lange Zeit auch die Pfarrer. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um Theologiestudenten, die sozusagen nebenbei einige Zeit die Gottesdienste und die Seelsorge übernahmen. Das änderte sich erst mit Jun-Bong Jeon. Er ist der 22. Pfarrer der Gemeinde seit ihrer Gründung.

Der Mann, der eine halbe Stunde zuvor noch leidenschaftlich im Saal des Hermann-Maas-Hauses gepredigt hat, schöpft jetzt Reis auf die Teller der Gemeindemitglieder, die wie fast jeden Sonntag nach dem Gottesdienst zum gemeinsamen Mittagessen im Garten der Bonhoeffer-Gemeinde hinter der Petruskirche zusammengekommen sind. Neben ihm stehen zwei Studenten am Elektrogrill, auf der anderen Seite vervollständigen landestypisch zubereitete Gemüse und Salate das reichhaltige Buffet.

Nachdem alle bedient sind, setzt sich auch Pfarrer Jeon zum Essen auf eine der aufgestellten Bänke. Er hatte sein 2009 in Korea begonnenes Theologiestudium in Heidelberg fortgesetzt und kam 2013 als Pfarrer zur Gemeinde. Im Unterschied zu seinen vielen Vorgängern ist er geblieben.

Digitale Möglichkeiten erleichtern die Seelsorge

Das Engagement des ebenso fröhlichen wie gelassenen Theologen geht weit über den sonntäglichen Gottesdienst hinaus. So lädt Jun-Bong Jeon an allen Werktagen um 6.30 Uhr zu einem halbstündigen digitalen Morgengebet ein. Dazu kommt ein gemeindlicher Hauskreis, der sich – derzeit digital – unter der Woche trifft und natürlich die seelsorgliche Begleitung von Gemeindemitgliedern, gerade derjenigen, die neu in Deutschland angekommen sind. Die koreanische Gemeinde kommt ursprünglich aus der calvinistisch-presbyterialen Tradition. Wie viele kleine freie Gemeinden lässt sie sich aber kaum den „offiziellen“ Bekenntnissen zuordnen wie sie jetzt im Sommer beim Treffen des Ökumenischen Rats der Kirche in Karlsruhe vertreten sind. „Ich finde, dass unsere Spiritualität etwas Besonderes ist“, sagt Jeanghyun Lee, die derzeitige Vorsitzende des Ältestenkreises der Gemeinde. Und es fällt ihr auch nicht schwer, dieses „Besondere“ näher zu benennen: „Wir sind sehr fleißig, wir feiern viele Gottesdienste und Andachten, wir singen laut und kräftig, wir beten auch gerne mit lauter Stimme und wir lesen im Laufe des Jahres die ganze Bibel durch.“ Nicht unerwähnt lässt Jeanghyun Lee aber auch die gegenseitige Unterstützung bei Problemen und die regelmäßige finanzielle Unterstützung einer internationalen Gemeinde in Chemnitz und einer arabischen Gemeinde in Mannheim.

Eine weitere Besonderheit kommt dazu: So „frei“ die koreanische Gemeinde daherkommt, so schlank ihre Strukturen im Vergleich zu den alteingesessenen evangelischen Kirchengemeinden hierzulande sind und so niederschwellig der Zugang zu ihr ist – sie wurde inzwischen offiziell als Mitglied in die Evangelische Landeskirche Baden aufgenommen. „Als erste Migrantengemeinde überhaupt“, wie Pfarrer Fabian Kliesch betont. Sicher ein auf den ersten Blick unscheinbares Beispiel der Ökumene. Bemerkenswert ist es trotzdem.

Wobei der Pfarrer der Bonhoeffer-Gemeinde wohl selbst einiges dazu beigetragen hat, dass die koreanischen Christen in Kirchheim und dann sogar in der Badischen Landeskirche Heimat gefunden haben.

Ein gemeindliches Leben mit begrenzten Mitteln

Nach einer längeren Zeit der Tätigkeit am Ökumenischen Institut der Evangelischen Theologischen Fakultät der Uni Heidelberg kam Fabian Kliesch vor gut sieben Jahren nach Kirchheim. Von Anfang an sei es ihm ein Anliegen gewesen, die Kontakte zur koreanischen Gemeinde zu halten und zu vertiefen, betont er. Dass dies gelungen ist, zeigt schon allein das herzliche Verhältnis zwischen ihm und Pfarrer Jun-Bong Jeon, aber auch zwischen den Mitgliedern der alteingesessenen landeskirchlichen Bonhoeffer-Gemeinde und den freikirchlich geprägten Christen aus Fernost. Und es ist noch mehr gewachsen: Inzwischen gibt es sogar einen monatlichen gemeinsamen Abendgottesdienst. „Wenn sich Gemeinden begegnen, können sie etwas voneinander lernen“, sagt Fabian Kliesch. In diesem Fall sei es beispielsweise das freie Beten, das die koreanischen Christen in ihren Gottesdiensten praktizierten. Oder auch das Singen mehrerer Loblieder hintereinander. Für den Kirchheimer Pfarrer passen solche besonderen Eigenheiten sehr gut zur grundsätzlichen Ausrichtung seiner eigenen Gemeinde. „Wir wollen ein Ort sein, an dem verschiedene Spiritualitäten zum Tragen kommen“, sagt er. Apropos „voneinander lernen“: Die koreanischen Christen, die jeden Sonntag im Kirchheimer Hermann-Maas-Haus Gottesdienst feiern und anschließend auch noch zum Essen zusammenbleiben, könnten den landläufigen evangelischen wie katholischen Gemeinden auch als Beispiel dafür dienen, dass es auch mit begrenzten Mitteln möglich ist, gemeindliches Leben zu gestalten. Mit der Mitgliedschaft in der Landeskirche wollen sie vor allem ein Zeichen der Zugehörigkeit und der Gemeinschaft setzen. Finanziell fällt sie kaum ins Gewicht, weil die Landeskirche ihren Zuschuss nach den offiziellen Mitgliederzahlen einer Gemeinde ausrichtet – in diesem Fall nach den aktuell gerade mal 45 eingetragenen erwachsenen Personen. Ein Gehalt für den Pfarrer lässt sich damit nicht finanzieren. Das heißt, dass Jun-Bong Jeon von den Spenden der Gemeinde – und von Einkünften, die er anderweitig erzielt: Erst vor Kurzem hat er zusammen mit seiner Frau ein Restaurant eröffnet. ❚