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Das Wunder der Fortbewegung


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Baby & Co. - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.09.2022
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Es ist wie ein Wunder: Winzige Traglinge entwickeln sich innerhalb eines Jahres zu höchst flinken Krabblern und bald darauf zu aktiven Laufanfängern, die Monat für Monat geschickter und schneller werden. Keine zwei Jahre später erklimmen die Kleinen schon spielend den Dachfirst eines Spielhäuschens oder rutschen johlend die „Monsterrutsche“ auf dem Spielplatz in einem Tempo runter, dass Oma sich dabei die Augen zuhalten muss. Und beim Versuch, fitte Fünfjährige im Garten wieder einzufangen, kommt man schon schnell mal aus der Puste.

Begonnen hat diese Bewegungskarriere vor rund sieben Millionen Jahren. Da haben unsere allerersten Vorfahren die Bipedie entwickelt, das Gehen auf zwei Beinen. Weil diese scheinbar einfache Art der Fortbewegung tatsächlich ein komplexes Zusammenspiel von Gehirn, Muskeln, Nerven und Sensoren erfordert, brauchen kleine Menschenkinder etwa 13 Monate, bis sie dazu in der Lage sind.

SCHRITT FÜR SCHRITT

Den Weg in den aufrechten Gang können Eltern anhand von zwölf Meilensteinen der Entwicklung verfolgen, erklärt die Physiotherapeutin Birgit Kienzle-Müller. Es beginnt mit dem ersten Lächeln, dann folgen Kopfkontrolle, der Ellbogenstütz in verschiedenen Varianten, das Greifen, der Handstütz, Robben, schräges Sitzen, Krabbeln, der Halbkniestand, der freie Stand und dann, voilà: der erste Schritt! „Eltern macht es oft Spaß, die einzelnen Entwicklungsschritte bei ihrem Kind festzustellen. Aber der Ablauf ist nicht schematisch. Kinder entwickeln sich in Sprüngen“, fügt die Expertin hinzu.

JEDER IN SEINEM TEMPO

Das gilt auch fürs Tempo: Einige Kinder brauchen etwas länger als Otto Normalbaby. Bei der lokomotorischen (die Fortbewegung betreffende) Entwicklung gibt es eine erstaunliche Varianz und große zeitliche Unterschiede: Manche Kinder können schon mit elf Monaten laufen, andere erst mit 16 Monaten – und alles ist noch im Rahmen. Der Entwicklungsneurologe Richard Michaelis („Die ersten 5 Jahre“, Trias, 12,99 Euro) hat sogenannte Grenzsteine der Entwicklung herausgearbeitet. Mit 18 Monaten können 95 Prozent aller Kinder gehen. Bis dahin gilt: entspannt bleiben.

Zudem gibt es bereits vorher Hinweise, ob das Kind auf einem guten Weg ist: Wenn es an seinem ersten Geburtstag zwar noch nicht laufen, sich aber drehen kann und eine Fortbewegung wie etwa das Robben oder Krabbeln beherrscht, wenn es den Kopf wenden, nach Dingen greifen und sich alleine aufstellen kann und interessiert und vergnügt ist, sind das alles sehr gute Zeichen.

KONTROLLE BEI DER „U“

Natürlich kommt es vor, dass die Entwicklung tatsächlich nicht optimal verläuft. Eine Krankheit oder eine Behinderung kann dafür die Ursache sein. Oder das Kind hatte durch eine Frühgeburt einen schweren Start. Und es gibt Umweltfaktoren: Vielleicht fehlt es dem Kind an Anregung und Möglichkeiten, sich zu bewegen und auszuprobieren? Oder sind die Eltern übervorsichtig und hemmen ihr Kind dadurch in seinem Bewegungsdrang?

Birgit Kienzle-Müller: „Es gibt viele Gründe, warum ein Kind den statistischen Entwicklungsverlauf nicht einhält. Deshalb ist es so wichtig, wirklich alle U-Untersuchungen wahrzunehmen. Eine Hilfe ist es auch, Babykurse zu besuchen. Die Kursleiterinnen (z. B. PEKiP/Lefino) sind sehr gut ausgebildet und besu- chen regelmäßig Fortbildungen. Sie sind darin geschult, Unregelmäßigkeiten in der Entwicklung zu erkennen, und können Eltern darauf hinweisen, den Kinderarzt außerhalb der Kontrolluntersuchungen aufzusuchen. Auf jeden Fall sollten sie aktiv werden, wenn sie ein komisches Gefühl im Bauch haben.“

Bis aus den ersten tapsigen Schritten ein flüssiges Gehen wird, vergeht aber bei allen Kindern eine ganze Menge Zeit. Der Lauflernprozess dauert bis ins Grundschulalter an. „Erst mit acht bis zehn Jahren kann ein Kind auch kombinieren – das heißt, es kann gehen und dabei gleichzeitig einen Ball fangen oder Sprünge machen“, erklärt der Sportwissenschaftler Professor Klaus Bös aus Karlsruhe.

SCHWANKEND VORAN

Zunächst taumeln und stolpern die kleinen Gehanfänger noch viel. Und sie kippen leicht um, da der Körperschwerpunkt bei ihnen viel höher liegt als bei einem Erwachsenen. Aber der im Vergleich zum Körper überproportional große Kopf ist es auch, der sie so niedlich macht. Und wenn ein Zweijähriger mit der Entdeckerfreude eines Forschungsreisenden losmarschiert, schwingen die Arme noch nicht mit, sondern werden meist henkelartig hochgehalten, um die Balance zu halten. Erst nach und nach verbessert ein Kind durch viel Übung, Gehirnreifung und Körperwachstum seine Gangtechnik immer mehr.

SELBST IST DAS BABY

Eltern sollten ihre Kinder in dieser Phase nicht an die Hand nehmen, sondern nur den kleinen Finger zum Festhalten anbieten. So gewinnen die Kleinen jeden Tag ein bisschen mehr Sicherheit. Gerade beim Laufenlernen gilt das Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Denn niemand muss einem Baby das Laufen beibringen. „Eltern müssen lediglich die Voraussetzungen schaffen, damit das Kind es alleine lernen kann“, sagt Birgit Kienzle-Müller. Sie rät davon ab, das Kind mit hochgezogenen Armen durch die Wohnung marschieren zu lassen oder es an den Händen hoch in den Stand zu ziehen: „Mein Kind will das so? Nein, das will es bestimmt nicht.“ Wenn es soweit ist, wird das Kleine sich von ganz alleine hoch in den Stand ziehen, zum Beispiel am Laufstall- oder einem Absperrgitter, vielleicht auch am Sofa. „Mit dem Kind spielen, herumtollen und toben – das ist das Beste, was Eltern tun können. Denn das fördert nicht nur die Bewegungskompetenz, sondern stärkt auch die Bindung zwischen Eltern und Kind. Auf diese Weise wird im Inneren eines kleinen Menschleins ein ,Schatz- kästchen‘ mit vielen guten Erfahrungen gefüllt, die ein Leben lang eine stärkende Quelle bleiben wird“, sagt die Physiotherapeutin aus Bad Friedrichshall.

„Auch fleißigstes Üben vermag Reifungsprozesse nicht zu beschleunigen“

REMO H. LARGO, KINDERARZT

TÄGLICH AUF TRAB

Anders als etwa beim Radfahren sind die Reifungsvorgänge, die nötig sind, damit ein Kind das Laufen lernt, von den Genen gesteuert. Sie werden durch Lernprogramme angestoßen, die im Zuge der Evolution entstanden sind. Gezieltes Trainieren wird erst einige Jahre später bedeutsam, zum Beispiel, um Schwimmen zu lernen. Aber schon jetzt dürsten Kinder geradezu danach, ganz viele motorische Erfahrungen zu sammeln: toben, rangeln und vom Hochbett springen – je wilder, desto lieber. Sportwissenschaftler nennen die Fähigkeiten, die Kinder in dieser Phase erwerben, „Bewegungsschatz“, da sie ihr ganzes Leben davon profitieren. Aber auch hier gilt: Druck und Ehrgeiz sind nicht gefragt. Zu Beginn brauchen Kinder vor allem Möglichkeiten, sich im Alltag vielfältig und immer wieder ausgiebig zu bewegen.

Wunderbar sind für Zweieinhalb- bis Dreiährige so einfache Dinge wie ein Laufrad: Durch die gleichseitigen Bewegungen werden Gleichgewichtssinn und Koordination gefördert. Das Radfahren lernen Kinder mit Laufrad-Erfahrung meist im Handumdrehen. Und die Kleinen genießen den Rausch der Geschwindigkeit, den sie mit dem simplen Fahrzeug erzeugen können. Dafür muss man natürlich die richtige Strecke wählen, die nicht zu abschüssig und vor allem ruhig ist. Auf andere Verkehrsteilnehmer kann ein Kind in diesem Alter noch nicht angemessen reagieren. Ganz wichtig: Helm nicht vergessen!

DIE PASSEN: BABYS ERSTE SCHUHE

1. Laufanfänger brauchen nur Schuhe, wenn sie außer Haus unterwegs sind. Daheim sind Noppensocken, Lederpuschen oder Barfußlaufen perfekt.

2. Die richtige Größe zu finden, ist nicht einfach: Bei der Daumenprobe ziehen Kinder oft reflexhaft den Zeh zurück. Verlässliche Auskünfte können sie noch nicht geben. Das hilft: Zu Hause den Umriss des Fußes auf Pappe zeichnen, am längsten Zeh 12 mm addieren, einen Streifen in der entsprechenden Länge schneiden und im Geschäft in den Schuh schieben. Alle drei Monate überprüfen!

3. Ein guter Kleinkindschuh ist geschmeidig und atmungsaktiv, lässt sich im 90-Grad-Winkel knicken und seitlich drehen und hat ein möglichst einfaches Fußbett. Polster sind unnötig. Steife Wander- oder Gummistiefel sollten möglichst nur kurz getragen werden.

LASS UNS BUMMELN

Spazierengehen klingt gegen eine Laufrad-Tour natürlich geradezu altmodisch. Aber auch das Schlendern und Bummeln eröffnet tolle Möglichkeiten für Kleinkinder, besonders in der Natur. Das Einzige, was man dafür braucht, sind Zeit und Geduld. Das Kind kann verschiedene Untergründe spüren, über eine Pfütze steigen oder sie umkreisen, in die Hocke gehen, um etwas zu untersuchen, laufen und hüpfen. Selbst der Gang zum Bäcker um die Ecke bietet schon nette Herausforderungen: Balancieren auf dem Kantstein, von einer Wegplatte zur nächsten hüpfen oder um einen Pfeiler kreiseln.

Und das „Streckemachen“ im Alltag fördert ganz nebenbei prima die Aus- dauer, an der es schon Grundschülern häufig mangelt. Experten beklagen, dass viele Kinder, einfach, weil es oft schnell gehen muss, zu häufig im Autositz oder im Buggy von einem Ort zum anderen transportiert werden.

Auch das Schaukeln ist zu Recht ein Klassiker. Die schwingende Bewegung macht nicht nur ein schönes Kribbeln im Bauch, sondern stimuliert die Entwicklung, sie fördert etwa sehr gut das Gleichgewichtsgefühl. Man kann schon ganz früh damit beginnen – auf Mamas oder Papas Schoß. Oder das Kind wird in einer Decke geschaukelt. Und wenn das Kleine später selbst mit Beinen und Oberkörper Schwung holen kann, hat es damit bereits einen ganz schön komplizierten Bewegungsablauf gelernt.

Mit etwa sechs Jahren sollte ein Kind ohne Probleme Treppen steigen und hüpfen können. Sein Gehen sollte dem eines Erwachsenen ähneln. Perlen einfädeln oder Papier schneiden darf kein Problem sein. Kurzum: Die grobe Entwicklung der Motorik ist abgeschlossen, nun kommt der Feinschliff. „Grundsätzlich sind für Kinder Aktivitäten mit Gleichgewichtsansprüchen sehr zu empfehlen, etwa Voltigieren, Reiten, Indoor-Klettern, Karate, Yoga, Ballett, Federballspielen, Slackline, Geo-Caching, Inlinern, Skifahren oder Kinderturnen. Gerade für das Lernen in der Schule sind solche Sportarten sehr förderlich, da das Gehirn besonders gut angesprochen wird“, sagt die Physiotherapeutin Kienzle-Müller. Wichtig ist, die richtige Balance zwischen Lob und Ansporn zu finden. Einerseits sollten Eltern ihr Kind in seinem Bewegungsdrang unterstützen und dürfen dabei nicht zu ängstlich sein. Anderseits sollten sie ihr Kind auch nicht damit überfordern, immer noch besser, geschickter, schneller oder mutiger zu sein. „Versuchen Sie, locker zu bleiben, und überlassen Sie den Kindern die Regie“, rät Prof. Klaus Bös, langjähriger Leiter des Karlsruher Instituts für Sport und Sportwissenschaft.

„Wer als Kind aktiv ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener Sport treiben“

KLAUS BÖS, SPORTWISSENSCHAFTLER

LET’S GO, BABY!

Kinder lernen ganz von alleine laufen. Von uns brauchen sie nur das richtige Umfeld, damit sie ihre Entwicklungsaufgaben meistern können

1. SPIELRÄUME SCHAFFEN

Maxi-Cosi oder Wipper sind sehr praktisch – für eine kurze Zeit. Ansonsten sind Babys besser in kleinen „Trainingscamps“ aufgehoben. Ideal: eine Spieldecke mit verschiedenen hohen, festen Polstern, auf denen sie tasten, fühlen und Freiraum sowie auch Begrenzungen erleben können.

2. FUHRPARK: UNNÖTIG

Lauflerngeräte sollten Laufverhinderer heißen. Die Apparate, in denen die Kinder sitzen, schränken die Bewegungsfreiheit stark ein, die Entwicklung von Muskulatur und Rückgrat kann beeinträchtigt werden, die Unfallgefahr steigt.

3. GUTE „STARTBEDINGUNGEN“

Auf glatten Holz- oder Steinfußböden können Babys schwer das Krabbeln lernen, selbst wenn sie von ihrer Entwicklung her bereit dafür sind. Sobald sie eine griffige Unterlage bekommen, starten sie durch.

4. SICHERES UMFELD

Lauflerner müssen sich ausprobieren können, ohne ständig „Halt“ und „Vorsicht“ zu hören. Vasen, fragile Deko-Türme, Tischdecken und andere unfallträchtige Gegenstände sollten in den ersten Lebensjahren unerreichbar für Kinder sein. Das schont auch die eigenen Nerven …

5. NICHT ZU VIEL EINMISCHEN

Die motorische Entwicklung wird vor allem durch eigene Erfahrungen befeuert – und nicht dadurch, dass wir unsere Kleinen hinsetzen oder -stellen oder mit ihnen üben. Faustregel: Geduldig abwarten und nicht für das Kind etwas tun, sondern mit ihm.

6. TOLLE KISTEN

Kinder lieben Schiebewagen. Anfangs ist jedoch eine beschwerte Kiste besser geeignet, etwa ein Pappkarton mit vollen PET-Wasserflaschen, der gemütlich geschoben werden kann und nicht so schnell Fahrt aufnimmt.

ICH KANN WAS!

Ob ein kleiner Fußball-Steppke am Ende wie der schwedische Stürmer Zlatan Ibrahimovic ein nahezu geniales Ballgefühl entwickelt, ist jedoch mehr als nur eine Frage des Wollens. „Damit jemand Spitzenleistungen erreichen kann, muss einfach alles stimmen. Die genetischen Dispositionen, die mentalen Voraussetzungen und das richtige Training von Anfang an. Und das trifft eben nur in Ausnahmefällen zu“, so der Sportwissenschaftler Klaus Bös.

Aber Rekorde müssen ja gar nicht das Ziel sein. Wie auch? Schließlich kann immer nur einer der Beste sein. Viel wichtiger ist die Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn ein Kind sich in seinem Körper rundum wohlfühlt und sich gut bewegen kann. Das Siegestor gegen das Team aus der Parallelklasse am letzten Tag vor den Ferien, der gelungene Aufschwung an der abgewetzten Stange auf dem Spielplatz oder der erste Sprung vom Dreimeterturm – all das schenkt Kindern eine wunderbare Erfahrung: Ich kann was!

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