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Der „FIFA“- Messi


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 08.11.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 12/2022

Es ist seine erste deutsche Meisterschaft, und am Ende regnet es Konfetti für Anders und sein Team Red Bull Leipzig Gaming, kurz RBLZ. Die „Rebelz“ sind Fußballmeister an der Konsole, sie haben die Virtual Bundesliga gewonnen, und jetzt stehen sie da, zu fünft, auf dem Kunstrasen der Soccerhalle in Köln-Mülheim, sie jubeln und recken eine Meisterschale aus Aluminium in die Höhe. Sie haben es geschafft, auch weil Anders Vejrdank, mit sechzehn der Jüngste im Team, es mal wieder allen gezeigt hat.

7:0 hat er im Finale gewonnen, und zwar nicht gegen irgendeinen Hobbyspieler, sondern gegen Mustafa Cankal, genannt Musti, von St. Pauli, der bis dahin ein überragendes Turnier gespielt hatte und anschließend mit den Tränen kämpft. Im Video-Chat, einige Monate später, muss Anders Vejrdank auf die Frage, welcher sein bislang wichtigster Sieg sei, nicht lange überlegen: „Das Bundesliga-Finale“, sagt er, und ...

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... auch den Tag hat er sich gemerkt: Es war der 27. März 2022.

Mittlerweile ist die Saison beendet, die Spieler warten auf „FIFA 23“, die neue Version des Spiels, das zu den beliebtesten Online-Spielen der Welt gehört. Mit der neuen Version beginnt dann für Profis wie Anders die neue Spielzeit. Bis dahin aber chillt er, denn Fußball an der Konsole ist anstrengend, wenn man zu den Besten der Welt gehört und es mehr ist als Freizeit-Zocken. Anders ist zu Hause in Hjørring, einer Kleinstadt im Norden Dänemarks, wo er mit seiner Mutter Laila lebt. Er sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, er sieht jünger aus als sechzehn, kindlich, mit blonden Haaren und rundem Kopf, schmalen, hängenden Schultern, manchmal, wenn er sich zurücklehnt, ist nur noch die obere Hälfte seines Gesichts auf dem Bildschirm zu sehen, Nase, Augen und Stirn. Im Gespräch wirkt er eher ein wenig schüchtern, und er ist niemand, der von sich aus ins Erzählen kommt, er beschränkt sich auf das Nötigste. In der „FIFA“-Welt hat Anders nicht nur Bewunderer, was zum einen daran liegen mag, dass er so gut ist, und zum anderen daran, dass er daraus keinen Hehl macht. Er hält sich für den Besten der Welt – ein Statement, das ihm in den sozialen Medien viele Hater beschert. Auf die Frage, ob er wirklich der Beste der Welt sei, sagt er im Video-Chat: „Aus meiner Sicht ja, aber es ist schwer zu sagen, weil ich bislang noch keine Weltmeisterschaft spielen durfte.“ Bislang war er nicht alt genug, aber das hat sich geändert, seit er im Januar sechzehn geworden ist und somit das Mindestalter erreicht hat. Bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr kann er dann endlich zeigen, ob er wirklich der Beste ist – vorausgesetzt, er qualifiziert sich.

Gegenpressing in der Schule

Während andere in seinem Alter den halben Tag in der Schule sitzen, kann Anders sich vor die Konsole hocken, für ihn war nach der neunten Klasse Schluss. Er machte seinen Schulabschluss (hierzulande wäre es der Realschulabschluss) und konzentriert sich nun voll auf den E-Sport. „Es hat Probleme in der Schule gegeben“, sagt er. Und seine Mutter Laila sagt, in der Schule hätten sie Erwartungen an Anders gehabt, die er nicht habe erfüllen können. Er war viel auf Reisen, und wenn er von Turnieren zurückkam, sollte er nicht nur seine Hausaufgaben gemacht haben, sondern auch im Unterricht voll dabei sein. Und auch als sie den Lehrern erklärt habe, wie anstrengend diese Reisen für ihren Sohn seien, mit Zwölf- bis Vierzehn-Stunden-Tagen, dass er müde und gestresst sei, habe die Schule nicht verstanden, was Anders da leiste, sagt Laila Vejrgang; immerhin spiele er auch in der dänischen Nationalmannschaft. Sie sagt: „Die meisten Menschen haben keine Vorstellung von E-Sport, es wäre alles anders, wenn mein Sohn richtigen Fußball spielen würde.“

„Ob ich der beste ‚FIFA‘-Spieler der Welt bin? Aus meiner Sicht: ja!“

Anders Vejrgang, 16, wirkt manchmal fast schüchtern – aber nicht immer.

Würde er richtigen Fußball spielen, draußen auf dem Rasen, hätten die Lehrer wohl längst begriffen, wen sie da im pädagogischen Abseits sitzen ließen: ein absolutes Ausnahmetalent, einen Jungen, der gerade dabei ist, die „FIFA“-Welt auf den Kopf zu stellen. Manche nennen ihn „Fußballgott“ oder „GOAT“, die Kurzform für „Greatest of All Time“. Und selbst diejenigen, die ihn nicht mögen, leugnen nicht, dass er an der Konsole einer der Größten ist. Im Alter von sieben hat Anders in einer Shopping Mall das erste Mal „FIFA“ gespielt, mit elf nahm er an seinem ersten Turnier teil. Er wollte wissen, wie gut er wirklich war – am Ende gewann er gegen den damaligen dänischen Meister Frederik Fredberg mit 4:1. Anders’ Mutter erzählt, Fredberg habe anschließend den Controller durch den Raum geworfen. Anders sagt: „Ich war überrascht, ich dachte nicht, dass ich so gut war.“ Dann lächelt er etwas in sich hinein und sagt: „So fing es an.“

Er kam dann ins E-Sport-Team von Aalborg. Sein erster Trainer sagt, er sei der beste Junge gewesen, den er je gesehen habe. Schon damals habe er die Spielzüge seiner Gegner antizipieren können wie ein Schachspieler. Später wechselte Anders zu Vendsyssel FF, dann zu AGF in Aarhus und vor zwei Jahren zu RBLZ nach Leipzig. Sein Manager hatte ihm dazu geraten, er sollte endlich mit den Besten spielen.

Seitdem gehört Anders zu den fünf Spielern im RBLZ-Team, die so gut sind, dass ihr Trainer Daniel Fehr, wie er sagt, im Training eigentlich nur noch an Stellschrauben dreht. Aber Training, ganz ohne Rennen, Grätschen, Grasfressen, wie es im Kickerjargon heißt? Wie darf man sich das denn vorstellen? Einmal pro Woche werden intern Turniere gespielt, der Coach sieht zu, schneidet anschließend Spielszenen zusammen und kritisiert: „Warum rennst du mit dem Innenverteidiger raus und reißt den Raum hinter dir auf?“ Es ist das, was Anders bei all seinen Fähigkeiten noch lernen kann: nicht zu aggressiv zu verteidigen und ein wenig mehr Geduld zu haben.

Einmal im Monat fährt Anders mit seiner Mutter nach Leipzig. Laila Vejrdank kennt das schon, sie hat ihren Sohn all die Jahre zu den Turnieren begleitet. Sie bezeichnet sich selbst als Teilzeitmanagerin ihres Sohnes, ist mit ihm unterwegs und kümmert sich um seine Finanzen, nebenbei arbeitet sie einige Stunden in einem Fahrradladen und in einem Fitnessstudio.

„Warum reißt du mit dem Innenverteidiger den Raum auf?“, fragt der Coach im Training.

Spätestens als Anders den dänischen Meister Fredberg geschlagen und in Rage versetzt hatte, war auch Laila Vejrgang bewusst, dass sie einen äußerst talentierten Sohn hat in einem Sport, über den sie bis dahin wenig bis nichts wusste. Während Anders bei den Turnieren, so wirkt es zumindest, fast stoisch und hoch konzentriert in seinem Gaming-Stuhl versinkt, hält es seine Mutter als Zuschauerin kaum aus, so nervös und aufgeregt ist sie. Manchmal sitzt sie dann in einem Nebenraum, aus dem sie ihn zwar hören kann, wenn er sich auf Dänisch selbst anfeuert: „Jaaaa! Kom nu!“, zu Deutsch „Komm schon!“. Aber sie kann ihn nicht sehen, was für ihre Nerven manchmal besser sei, wie sie sagt. Als Anders anfing, war es ihre Mutter, seine Großmutter, die zu Hause an seiner Seite saß. Ihre Mutter habe es geliebt, sagt Laila, Anders beim Spielen zuzusehen, sie war seine erste Zuschauerin. Sie lebt in der unmittelbaren Nachbarschaft und hat sich damals um ihn gekümmert, wenn seine Mutter gearbeitet hat.

„Sein erster Fan war die Oma – sie liebte es, ihn zocken zu sehen.“

Mutter Laila Vejrgang über Anders’ Unterstützerin Nummer eins

Es war die Großmutter, die für Anders gekocht, ihn von der Schule geholt oder zum Training gebracht hat. Bis zwölf spielte er auch noch richtigen Fußball in einer Mannschaft, zwei- bis dreimal Training die Woche, an den Wochenenden die Spiele. Aber dann hat er sich für den E-Sport entschieden. Ob es da Ähnlichkeiten gebe? „FIFA“, sagt Anders, das sei schon anders als Fußball. Weil er beim E-Sport nicht rennen muss? „Ja“, sagt er und lacht.

„Anders will in allem, was er tut, der Beste sein“, sagt seine Mutter, das sei schon als kleines Kind so gewesen. Und vielleicht hat er diese mentale Stärke letztlich auch von ihr, sie hat einige Triathlons bestritten und ihm vorgelebt, wie es ist, sich Ziele zu setzen und nicht aufzugeben. „Er glaubt immer, dass er gewinnt“, sagt sie. Was aber letztlich auch nicht verwundert, er ist es kaum anders gewohnt: dass er mal verliert, kommt selten vor. In der Weekend League, in der jedes Wochenende die besten Spieler der Welt gegeneinander antreten, hält er den Rekord: 536 Siege in Folge. Den Ex-Weltmeister Mohammed „MoAuba“ Harkous fertigte er gleich zweimal ab, mit 7:0 und 6:0.

Zwischen Goals und Gassi

Ob es der Mutter nie zu viel war, wenn Anders ganze Tage an der Konsole verbrachte? „Er liebt es, vor dem Bildschirm zu sitzen“, sagt Laila Vejrgang, „und deswegen habe ich es ihm erlaubt.“ Von klein auf durfte er spielen, wann und solange er wollte, was auch daran liegen mochte, dass Anders, wie seine Mutter sagt, „ein wenig speziell“ gewesen sei: Er sei nicht der geselligste Mensch, auf Feiern und Alkohol habe er nie Lust gehabt, und am liebsten umgebe er sich mit Leuten, die seine Leidenschaft teilen.

Wenn er nicht gerade auf Reisen ist, um ein Spiel zu bestreiten, verbringt er seine Zeit meistens zu Hause, allein, mit seinem Hund Nemo, den er schon als Welpen bekommen hat und der heute sieben ist. Ob er auch mal rausgehe? „Manchmal mit Nemo“, sagt Anders, „aber wenn, dann abends.“ Ansonsten aber sehe er sich gern am Computer Streams an von „Counter-Strike“-Turnieren, einem Shooter-Spiel. „Counter-Strike“ sei sein Hobby, sagt er. Es ist seine Art, abzuschalten und Kraft für die neue Saison zu schöpfen, in der es am Ende auch wieder Konfetti regnen soll. Aber dieses Mal will Anders statt der Schale den Pokal in den Händen halten, der ihn ganz offiziell zum besten Spieler der Welt macht.