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DER PFIFF


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Mehr als ein Spiel Vier Minuten im Mai - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 09.05.2021
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DasSchiedsrichtergespann: Markus Merk (M.) mit den Assistenten Heiner Müller (l.) und Knut Kircher. (r.)

Herr Merk, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie für die entscheidende Partie der Bayern in Hamburg angesetzt wurden? MARKUS MERK: Damals sind die Schiedsrichter wochenweise zu den Spielen eingeteilt worden, und natürlich hat der Ansetzer an den letzten beiden Spieltagen besonders genau überlegt, welcher Unparteiische zu welchem Spiel passt. So etwas ist ja auch abhängig vom bisherigen Saisonverlauf, konkret davon, ob es zuvor Schwierigkeiten zwischen einer Mannschaft und einem Schiedsrichter gab. Am Saisonende stehen oft knackige Spiele an – um die Meisterschaft, den Einzug in die Champions League, den Abstieg. Damit war ich vertraut. Natürlich hat mich die Berufung zu diesem Spiel sehr gefreut.

Wussten Sie während der Partie, wie es auf Schalke steht? Ja, das haben wir mitbekommen. Man spürt so etwas auch an der Atmosphäre – auf dem Feld wie auf den Rängen. Hinzu kam: An den letzten ...

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... beiden Spieltagen sollen alle Spiele möglichst zeitgleich beginnen, auch nach der Halbzeitpause. Das ging in Hamburg aber nicht: Im Bayern-Tor stand Oliver Kahn, und wie so oft war kurz vor Spielbeginn sein kompletter Strafraum voller Bananen, die von den HSV-Fans in der Nordkurve aufs Feld geworfen wurden. Die mussten wir erst einmal wegräumen lassen, das hat den Anstoß deutlich verzögert. Die Ordner haben das eingesammelte Obst dann aber leider, statt es zu entsorgen, in Kisten vor die Nordkurve geschoben – kurz nach dem Anpfiff flogen die Bananen dann erneut auf den Platz. Also gab es eine weitere Unterbrechung, und im Laufe des Spiels kamen noch weitere hinzu. Das alles ließ sich innerhalb der Halbzeitpause nicht mehr aufholen, weshalb wir am Ende gegenüber dem Spiel in Gelsenkirchen rund sieben, acht Minuten hintendran waren. Dadurch war es ein noch größeres Thema, wie es auf Schalke steht. Wir haben dann auch erfahren, dass dort abgepfiffen ist und Schalke gewonnen hat. Die Bayern wussten nun: Bleibt es torlos, dann sind sie Meister.

Dann köpfte Sergej Barbarez das 1:0 für den HSV, 90. Minute. Genau. Barbarez hat dasTor ausgiebig gefeiert, das Stadion hat getobt. Erst mit dem Anstoß nach dem Treffer begann also die Nachspielzeit – und über die ist damals wahrscheinlich mehr diskutiert worden als über den Freistoßpfiff. Dabei waren die drei zusätzlichen Minuten, die es gab, nicht besonders viel. Der Rückpass fand, wenn ich es richtig erinnere, nach einer Minute und 48 Sekunden statt. Es war alles regelkonform.

Die Bayern wirkten nervös, als sie erfuhren, dass Schalke gegen Unterhaching führt. Teilen Sie diesen Eindruck? Nein, eigentlich nicht. Aber als Schiedsrichter darf man sich davon ja ohnehin nicht beeinflussen lassen. Das Spiel hat sich dadurch auch nicht verändert. Erst als der HSV das 1:0 gemacht hat, sind die Bayern nervös geworden. Denn jetzt war ihnen natürlich klar: Das Spiel ist gleich zu Ende, wir müssen „all in“ gehen, sonst ist die sicher geglaubte Meisterschaft weg. Ich habe dann beruhigend auf die Spieler eingewirkt, da waren ja Kapazitäten wie Effenberg und Kahn am Start (lacht). Ich habe ihnen gesagt: ‚Immer mit der Ruhe. Die reguläre Spielzeit ist jetzt um, es gibt eine Nachspielzeit – und daran ändert sich auch nichts, wenn ihr in Panik verfallt.‘

Hätten Sie damit gerechnet, dass Bayern noch den Ausgleich schafft? Hat Sie das mit Blick auf die Spielleitung überhaupt beschäftigt? Als Schiedsrichter spekuliere ich nicht. Im Fußball kann in der Nachspielzeit bekanntlich viel geschehen, manchmal fallen auch zwei Tore. Als ich jung war, ist das auf dem Betzenberg häufig passiert. Da war es den Fans fast schon egal, ob der 1. FC Kaiserslautern nach 88 oder 89 Minuten zurückgelegen hat, weil man stets das Gefühl hatte: Das geht eh 96 Minuten lang – und am Ende macht der FCK noch ein, zweiTore und gewinnt. In Hamburg habe ich darüber nicht nachgedacht. Aber ich habe eben gewusst, dass im Fußball immer alles möglich ist.

Die Bayern sind dann mit dem Mute der Verzweiflung angestürmt, Sammy Kuffour sah nach einem Foul an Torwart Mathias Schober die Gelbe Karte. Die Stimmung auf dem Feld und auf den Rängen kochte. Für den Schiedsrichter keine einfache Situation. Ach, so wild war es nicht. In gewisser Weise ist man ja schon recht abgeklärt und lebt mit dieser besonderen Atmosphäre. Hochkonzentriert und fokussiert war ich sowieso. Wenn in einem solchen Spiel bei diesem Stand noch drei Minuten zu spielen sind, ist das eine Finalsituation, aber darauf ist man vorbereitet. Und dass es in diesen drei Minuten zu Diskussionen kommt, dass es Gelbe Karten gibt, dass die eine Mannschaft noch mal alles versucht, um in den gegnerischen Strafraum zu kommen oder sich in der Nähe des Strafraums einen Freistoß zu erarbeiten, während die andere bemüht ist, den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten – das ist alles logisch und normal. Das kannte ich als Schiedsrichter gut, und ich wusste, wie ich damit umzugehen habe.

Und dann spielte Effenberg einen letzten Steilpass auf Paulo Sergio, der Hamburger Tomas Ujfalusi kam vor dem Brasilianer an den Ball und spielte ihn zu Schober zurück. Der nahm ihn rund neun Meter vor dem eigenenTor mit den Händen auf – und es folgte der legendäre Pfiff. Sofort. Hatten Sie keinerlei Zweifel? Zunächst mal zum regeltechnischen Hintergrund: Die sogenannte Rückpassregel wurde im Sommer 1992 eingeführt, und ich musste sie bei den Olympischen Spielen in Barcelona im selben Jahr auch als einer der ersten Schiedsrichter anwenden. Also einen solchen Rückpass ahnden, genauer gesagt: die folgende Aufnahme des Balles mit den Händen. Aber nach Olympia hatte ich nur noch selten solche Szenen – bis zu diesem Spiel in Hamburg vielleicht noch drei- oder viermal. Anfangs haben viele Torhüter ja mit großer Unsicherheit auf diese Regeländerung reagiert, und den Ball im Zweifelsfall einfach weggedroschen. Aber allmählich hatte es sich eingependelt. Und für mich war das ganz generell auch eine positive Regeländerung, weil sie das Spiel schneller gemacht hat. In Hamburg hatte ich in der besagten Szene aber keine Zweifel, richtig.

Wie haben Sie die Situation gesehen? Klar, Ujfalusi wurde von hinten ein bisschen bedrängt, da war noch ein Gegenspieler in der Nähe. Aber seine Intention war nur eine einzige: den Ball zu seinem Torhüter zurückzuspielen. Ich weiß sogar noch, wie ich in diesem Moment dachte: Das war’s jetzt, Schober wird den Ball so weit wegtreten, wie er kann, der Ball geht irgendwo in der Hälfte der Bayern ins Aus. Und dann wird es schwer für sie werden, überhaupt noch einmal in den HSV-Strafraum zu kommen. Doch Schober hat den Ball überraschenderweise aufgenommen. Und nach dem Pfiff war uns sofort klar: Nun kommt Arbeit auf uns zu.

Inwiefern? Ein indirekter Freistoß im Strafraum, so nahe am Tor, führt in jedem normalen Spiel schon zu Zirkus ohne Ende. Du bringst die Mauer nur mühsam auf die vorgeschriebene Entfernung, und schon vor der Ausführung springen trotzdem welche raus. Man muss deutlich sagen: Eine regelkonforme Ausführung eines Freistoßes in einer solchen Situation ist nur schwer zu gewährleisten. Und in der Explosivität dieser Sekunde – jeder wusste ja: Das ist die letzte Aktion des Spiels, ja, der gesamten Saison! – kann da kaum jemand an sich halten. Ich habe den Spielern gesagt: Ihr müsst hier keine Hektik machen, der Freistoß wird in jedem Fall noch ausgeführt, und danach ist Schluss. Klar wurde da ein bisschen gerangelt und geschubst, aber es war alles im Rahmen.

Sie standen direkt am Ball. Haben Sie geglaubt, der kann reingehen? Ich dachte in dieser Situation natürlich auch als Fußballer. Ich glaubte, da werden einige drei Meter aus der Mauer nach vorne springen, so ein Ball geht nie im Leben insTor. Wie oft trifft denn jemand in so einer Situation? Nur ganz selten. Eben auch, weil es kaum möglich ist, die Ausführung hundertprozentig regelkonform hinzubekommen. Ich hatte also erwartet, dass der Ball nach dem Schuss irgendwohin abprallt – und das war es dann.

Es kam anders. Ja. Der Patrik Andersson hat tatsächlich das Tor getroffen. Mich würde mal interessieren, ob es Absicht war, wie er das gemacht hat, oder ob er den Ball gar nicht richtig getroffen hat. Normalerweise haust du den ja einfach irgendwie mittendrauf – aber er hat ihn flach geschossen. Im Nachhinein betrachtet war es das Cleverste: Du musst ja damit rechnen, dass dir alle entgegenspringen, es bleibt kaum einer stehen. Und dann ist ein Flachschuss die optimale Variante.

Kurz danach war Schluss. Gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse auf dem Weg in die Kabine oder danach? Zwei, drei HSV-Spieler waren, ich sage es mal diplomatisch, not amused. Aber sonst war da nicht viel. Als wir in der Kabine saßen, haben wir uns natürlich über die Dramatik gegen Spielende unterhalten, klar. Aber über den Freistoßpfiff an sich haben wir weniger philosophiert. Wir haben eher vermutet, dass die Nachspielzeit ein Thema werden könnte. Aber dann kam kein einziger – kein einziger! – Journalist zu uns. Weder vom Fernsehen, noch vom Radio oder von einer Zeitung. Auch in den Tagen danach hat mich niemand um eine Stellungnahme gebeten. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis zwei Studentinnen eines Schalker Fanmagazins dann mal zu mir nach Kaiserslautern kamen, um über diesen Tag ausführlich zu sprechen …

Wie ging der Abend weiter? Wir sind später aus dem Stadion raus und wie eigentlich immer, wenn wir ein Spiel in Hamburg hatten, in ein Restaurant im Hafenviertel gefahren. Mein Assistent Heiner Müller hat von dort aus mit einem Schiedsrichterkollegen aus dem Saarland telefoniert – und erst von dem haben wir erfahren, was auf Schalke los war. Dass die Fans dort schon die Meisterschaft feierten und plötzlich realisierten, dass das Spiel im Volksparkstadion entgegen anderslautenden Gerüchten noch lief. Und dass sie dort die dramatischen Schlusssekunden aus Hamburg live auf der Videowand gezeigt haben, was dann viele vom siebten in den achten Himmel befördert hat. Wer damals den Fußball verfolgt hat, weiß oft noch ganz genau, wo er in diesen Minuten war: im Stadion, zu Hause, beim Grillen mit Freunden. Sie alle haben ja diese bewegenden Bilder gesehen. Wir aber kannten die am Abend noch nicht, als wir beim Essen zusammensaßen. Wir gehörten in ganz Fußball-Deutschland zu den Wenigen, die diese Dramaturgie nicht mitbekommen hatten, sondern erst viel später davon erfuhren. Als Sportler, der ich bin, konnte ich dann natürlich nachempfinden, wie sich das für die Schalker Spieler und Fans angefühlt haben muss. Was für ein Schock das für sie gewesen ist.

Gab es in den Tagen danach Anfeindungen von Schalke-Fans? Ich hatte bis 2004 meine Zahnarztpraxis in Kaiserslautern, im Telefonbuch fand man nicht nur deren Nummer, sondern auch meine private. Verstecken wollte ich mich nie, und als Zahnarzt eine Geheimnummer zu haben, wäre ja kontraproduktiv, auch für die Patienten (lacht). Meine Mitarbeiterinnen waren überdies schon einiges gewohnt, denn es kam immer wieder mal vor, dass am Montagmorgen wütende Fans in der Praxis anriefen. Wir hatten aber ein gutes Krisen-Kommunikations-Erlebnis-Management, wie ich es nannte, entwickelt. Aber was dann an diesem Montag nach dem Spiel abging, war unfassbar, ja auch unerträglich. Gegen zehn Uhr haben wir das Telefon abgestellt, es ging einfach nicht mehr. Am Dienstag ging es leider genauso weiter. Erst ab Donnerstag ist es etwas abgeebbt. Emotionalität war ich natürlich gewohnt, und hier sprechen wir über die entscheidende Situation in der letzten Minute der Saison. Aber Morddrohungen? Das ging zu weit.

Hatten Sie trotz allem auch Mitgefühl mit den Schalkern? AmTag nach dem Spiel habe ich zum ersten Mal diese Bilder mit den weinenden Schalker Fans gesehen, die ja wirklich gedacht haben, dass sie Meister sind. Dieses kollektive Zusammenbrechen … (Anm. d Red.: Merk macht eine lange Pause) Boah! Da bekomme ich auch zwanzig Jahre später noch Schüttelfrost. Als Sportler kann ich nachvollziehen, wie grausam und schrecklich das war, zumal Schalke zwar ein Traditionsklub ist, der Titel für den Verein aber ja keine Alltagsmeisterschaft gewesen wäre. Die Sehnsucht nach der Meisterschaft war riesig. Als Schiedsrichter bist du neutral, aber ich bin natürlich nie auf den Platz gegangen, um mit meinen Entscheidungen Fans in ein Tränenmeer zu stürzen. Man weiß, dass es passieren kann. Aber diese Dimension von Betroffenheit war schon heftig, auch für mich persönlich. Das bewegt mich auch nach 20 Jahren noch immer.

Erinnern Sie sich noch, wie der Sonntag verlief? Sehr genau sogar. Wir haben bei mir zu Hause mit Freunden ein bisschen gegrillt. Ich weiß noch, dass ich damals zu meinem Schiedsrichterkollegen Herbert Eli, der bei mir ja eine Ewigkeit als Linienrichter dabei war, sagte: ‚Mir wäre es fast lieber, das wäre gestern eine Fehlentscheidung gewesen. Dann könnte ich sagen, dass es falsch war, ich es aber nicht mehr ändern kann.‘ So aber hatte ich es mit Menschen zu tun, die partout nicht wahrhaben wollten, dass die Entscheidung regeltechnisch richtig war. Herbert hat widersprochen und gesagt: ‚Wenn das falsch gewesen wäre, würdest Du das für immer mit Dir herumschleppen.‘ Da hatte er natürlich Recht.

Auf Schalke haben Sie danach nicht mehr gepfiffen, richtig? Nie wieder. Ich bin 2005 noch einmal nach Schalke gekommen, als der Fußball-Globus, dieses Kunstobjekt zur Heim-WM in Deutschland, im Vorfeld des Turniers in Gelsenkirchen aufgestellt wurde. Es gab dort eine Veranstaltung zum Thema „Fairplay im Fußball“, zu der ich eingeladen war. Olaf Thon war auch dabei. Die Sicherheitsvorkehrungen in dem Globus waren ähnlich streng wie auf einem Flughafen. Einige hundert Leute saßen letztlich im Publikum, viele davon natürlich eingefleischte Schalke-Fans im Trikot, auch Vertreter der Nordkurve. Es war ein bewegender, ein emotionaler Abend, an dem ich mir viel anhören musste. Aber ich habe das auch gerne getan, weil ich diese Emotionalität verstehe. Das Spiel lag damals schon vier Jahre zurück, aber man hatte das Gefühl, dass es erst amTag zuvor abgepfiffen worden sei. Ich habe natürlich nicht erwartet, dass ein Fan, der das alles miterlebt hat, meinen Freistoßpfiff nun mit Abstand zu einhundert Prozent akzeptiert. Dafür war er aus Schalker Sicht zu entscheidend, zu bitter, zu ultimativ.

HSV-Torwart Mathias Schober war von Schalke ausgeliehen, er hätte den Freistoß problemlos vermeiden können. Trotzdem hat sich die gesamte Wut der Schalker gegen Sie gerichtet. Es war für mich schon etwas überraschend, dass über ihn relativ wenig gesprochen wurde. Schließlich war es verwunderlich, dass er den Ball nach dem Rückpass von Ujfalusi in die Hände genommen hat, statt ihn über das Tribünendach zu schießen. Aber ich bin immer froh, wenn es niemanden anderen hart trifft. Und wenn stattdessen ich etwas davon schultern muss, dann ist das eben so. Ich komme damit klar.

Ein Fußballspiel des FC Schalke 04 haben Sie nach dem 19. Mai 2001 also nie mehr gepfiffen? Wessen Entscheidung war das? Um den Schiedsrichter zu schützen und Diskussionen in den Medien zu vermeiden, hält man ihn nach einer solch aufreibenden Situation vorerst von dem betreffenden Verein fern. Das geht nicht selten ein Jahr, vielleicht auch mal zwei Jahre so – und man spricht dann nicht groß darüber, wann man es wieder zulässt. Für mich aber war immer klar: Ich gehe nicht auf einen Fußballplatz, um dort im Mittelpunkt zu stehen. Die besten Spiele für einen Schiedsrichter sind die, bei denen die Zuschauer am Ende nach Hause gehen und unabhängig vom Ausgang gar nicht mehr wissen, wer überhaupt gepfiffen hat. Und das wäre bei einem Heimspiel von Schalke, bei der Vorgeschichte, nicht möglich gewesen. Die Schalker Verantwortlichen übrigens hätten nichts gegen meine Rückkehr gehabt. Nach der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean an Weihnachten 2004 wurde spontan ein Benefizspiel zwischen der deutschen Nationalmannschaft und einem „Bundesliga-Allstars“-Team für Januar 2005 angesetzt. Die Begegnung sollte in der Schalker Arena stattfinden, und als die Frage aufkam, wer pfeift, hieß es: Markus Merk. Aus der Sitzung des DFB heraus, bei der die Veranstaltung vorbereitet wurde, hat man mich dann angerufen und mir das mitgeteilt. Es ging hier aber um eine Aktion mit einer großartigen sozialen Komponente und um gesellschaftliche Verantwortung. Genau das ist ja eigentlich mein Leben. Um so bitterer war es für mich, so zu entscheiden. Aber ich habe sofort gesagt: ‚Ich pfeife das Spiel nicht.‘ Es soll schon bei einem normalen Fußballspiel nicht sein, dass der Schiedsrichter im Mittelpunkt steht. Bei einem Spiel für einen guten Zweck nach einer solchen Naturkatastrophe, mit dem man wieder erste positive Akzente setzen möchte, geht das schon mal gar nicht. In diesem Moment stand dann auch für mich fest: Ich werde nie mehr den FC Schalke 04 pfeifen. Weder auswärts, noch daheim. Man hat noch manches Mal versucht, mich umzustimmen, aber darauf habe ich mich nicht eingelassen.

Zum Abschluss die Frage aller Fragen: Würden Sie die Entscheidung auf indirekten Freistoß heute, 20 Jahre danach, wieder so treffen? Ja! Weil sie die einzig mögliche und regeltechnisch korrekte war und ist – auch wenn sie einer Mannschaft sehr weh getan hat.

„Du stehst da oben und siehst zigtausende Fans weinen. Das hat mich fertig gemacht. So etwas vergisst du nie wieder.“

Gerald Asamoah wechselte 1999 zum FC Schalke 04 – 20 Jahre jung, dynamisch, selbstbewusst und bereit, die Welt zu erobern. Er stieß zu einer Mannschaft im Umbruch, zu einem Klub im Aufbruch: Die Generation der „Eurofighter“, die 1997 den UEFA-Pokal gewonnen hatte, trat langsam ab – junge Wilde wie der spätere Nationalstürmer Asamoah drängten nach. Dazu holte Manager Rudi Assauer den abgezockten Strategen Andy Möller, den Desperado Jörg Böhme sowie mit Émile Mpenza einen internationalen Star. „Wir waren eine Mannschaft mit Persönlichkeiten“, sagt Asamaoh im Rückblick. Bereits im Sommer 2000, zu Beginn seiner zweiten Saison für Königsblau, hatte er das Gefühl, „dass etwas möglich ist“. Doch von dem, was dann passierte und am 19. Mai 2001 zu einem dramatischen Showdown führt, hätte auch er nicht zu träumen gewagt. Es war einTag, der sein Leben auf den Kopf stellte.

Gerald Asamoah, wie hat der 19. Mai für Sie begonnen? GERALD ASAMOAH Ganz normal. Ich bin in unserem Mannschaftshotel in Billerbeck aufgewacht. Das war damals mein zweites Zuhause, dort waren wir vor jedem Heimspiel. Um 8:30 Uhr gab´s Frühstück, dann haben wir einen Spaziergang gemacht. Routine.

Worüber haben Sie während des Spaziergangs geredet, was haben Sie mit ihrem Zimmergenossen gesprochen? Ich hatte keinen Zimmergenossen – weil ich geschnarcht habe. Das wollte sich keiner antun (lacht). Aber die Gespräche, die wir geführt haben, waren ganz normal. Die Abläufe auch: 12 Uhr Mittagessen, Teambesprechung. Huub Stevens hat nichts verändert, es gab keine besonderen Maßnahmen zur Motivation. Der Trainer war sehr locker, hat viel gelacht. Ich glaube, er wollte uns so den Druck nehmen.

Eine Woche zuvor hatte Schalke mit 0:1 in Stuttgart verloren und damit die Chance, aus eigener Kraft Meister zu werden, verspielt. Haben Sie überhaupt noch an eine Titelchance an diesem letzten Spieltag der Saison 2000/01 geglaubt? Sagen wir es so: Wir haben noch an unsere Chance geglaubt, uns aber geärgert, dass wir es nicht mehr in der eigenen Hand hatten. Die Woche nach der Niederlage beim VfB Stuttgart war nicht einfach. In den Zeitungen wurde geschrieben, dass wir „Angsthasen-Fußball“ gespielt hätten. Das ist nicht ganz falsch. Aber es war auch irgendwie menschlich.

Zurück nach Billerbeck: 19. Mai, Samstagmittag. Teamsitzung. Was hat Huub Stevens gesagt? Er hat uns daran erinnert, dass dies heute das letzte Spiel im Parkstadion ist. Und gesagt, dass wir eine herausragende Saison gespielt haben. Dass es nun darum gehe, dem Parkstadion einen würdigen Abschied zu geben, weil dies für Schalke ein besonderer Tag sei. Das Wort Meisterschaft hat er nicht in den Mund genommen, er hat nicht mal eine Andeutung gemacht. Dann sind wir losgefahren – und die Anspannung stieg. Als wir auf die Kurt-Schumacher-Straße einbogen, sahen wir eine unfassbare Menge von Fans, die zum Stadion pilgerten. Massenhaft blaue Trikots, Kutten und Fahnen. Sie haben uns angefeuert, gesungen, geklatscht. Ich weiß noch, wie ich, am Stadion angekommen, auf den Platz gegangen bin, um den Rasen zu checken. Da war ein unglaublicher Trubel. Fallschirmspringer kamen vom Himmel. Ich erinnere mich an unser damaliges Aufsichtsratsmitglied Jürgen Möllemann in seinem gelben Fallschirmspringeranzug. Die Tribünen randvoll. 65.000. Mindestens. Fahnen, Transparente, die Fans haben bereits gefeiert. Als sie uns kommen sahen, fingen sie an zu brüllen. Ohrenbetäubend. Gänsehaut.

Nach dem Warmmachen ging es dann die Rolltreppe hoch zurück in die Kabine. Letzte Besprechung. Können Sie sich erinnern, mit welchen Worten genau Huub Stevens die Mannschaft zum Anpfiff rausgeschickt hat? Sehr genau sogar: „So Männer: Ihr habt nichts zu verlieren“, hat er uns gesagt. „Geht raus, macht ein gutes Spiel. Und denkt dran: Es ist das letzte im Parkstadion.“ Dann ging es los …

Und zwar denkbar schlecht: Schon in der dritten Minute fiel das 0:1 durch André Breitenreiter. Nach 26 Minuten stand es 0:2. Das sagte viel über unsere nervliche Verfassung. Auch wenn Huub Stevens alles versucht hatte – wir waren total nervös. Tja, und Haching hatte nichts zu verlieren. Nach dem erstenTor zogen sie sich weit zurück. Wir spielten und spielten, aber es kam nichts dabei herum. Das 0:1 hatte uns geschockt – auch weil es im Stadion auf einmal totenstill wurde. Und dann patzen wir zum zweiten Mal.

Eigentlich das Ende aller Hoffnung. Ja – aber mit einem Mal war so auch der Druck weg. Wir haben uns gesagt: Gut, Meisterschaft passé, aber das können wir jetzt nicht so stehen lassen. Wir haben uns zurückgekämpft. Von Minute zu Minute kamen wir besser ins Spiel. Dann machte Nico Van Kerckhoven in der 44. Minute das 1:2 - und ich traf eine Minute später zum 2:2. Ebbe Sand hatte im Fallen quergelegt, ich habe den Ball dann mit der Hacke ins Tor gedrückt.

Der Kicker schrieb von einem „Geniestreich“. Ebbe sagte beimTorjubel zu mir: „Mit der Hacke? Wie bist du denn drauf?“ Ich hab nur geantwortet: „Hey, was sollte ich machen? Ich hatte keine andere Chance, der Ball kam so blöd zu mir rüber.“ (lacht) Das 2:2 war wichtig, denn so kamen die Fans zurück. Plötzlich wurde das Stadion wieder zum Tollhaus. Alle schrien: „Ja, jetzt, jetzt, jetzt – jetzt packen wir es.“ Ich bin überzeugt: Wenn wir das 2:2 nicht noch vor der Pause gemacht hätten, hätten wir das Spiel auch nicht mehr gewonnen.

In der zweiten Halbzeit folgte erst einmal der nächste Nackenschlag. Das 2:3 in der 69. Minute. Warum kamen diesmal keine Selbstzweifel mehr auf?

Das ist für mich bis heute einer der interessantesten Punkte überhaupt. Normalerweise, denke ich, wäre es in diesem Augenblick endgültig vorbei gewesen. Und so habe ich es auch gefühlt: „Wie soll das hier überhaupt noch gehen, wie sollen wir das überhaupt noch schaffen?“ Wenn du so denkst, hast du keine Chance mehr. Ich bin mir sicher, wenn es nicht eine so überragende Reaktionen von unseren Fans gegeben hätte, wäre es auch vorbei gewesen. Denn die waren diesmal nicht enttäuscht, die haben noch mehr Gas gegeben. Sie haben uns sofort wieder angefeuert, haben uns signalisiert: Jetzt erst recht! Und plötzlich lief die ganze Maschine auf vollen Touren. Die Tribünen wurden lauter und lauter, wir wurden besser und besser. Auf einmal klappte alles, wir haben Haching regelrecht überrollt.

Dann der Auftritt des vielleicht coolsten Schalkers aller Zeiten: Jörg Böhme. Zunächst zirkelte er einen Freistoß auf die frechste aller Arten ins Netz – und dann setzte er sogar noch einen drauf. Das 4:3 war ein technisches Kabinettstückchen. Hatte der eigentlich gar keine Nerven? Jörg? Nein. Wenn du so gut bist wie er und so einen überragenden linken Fuß hast, wozu brauchst du dann Nerven? Er hat immer Sachen gemacht, die niemand erwartet hat. Bei dem Freistoß rechneten alle mit einem Schlenzer über die Mauer, er aber spekulierte darauf, dass alle Hachinger hochspringen und knallte den Ball unten durch. Eine Minute später lupfte er das Ding dann überTorwartTremmel insTor. Jörg war ein Spieler, der wusste, was er konnte. Seine Art, dieses Unerschrockene, hat uns allen gutgetan. Genauso wie die Routine von Andy Möller. Alte Hasen, die in solchen Phasen einfach keine Angst zeigten. Das hat Rudi Assauer gewusst, deshalb hatte er sie nach Schalke geholt – auch wenn viele gesagt haben: „Oh, das sind aber riskante Verpflichtungen!“ Doch der Manager wusste genau, was er tat.

Nach dem 4:3 war das Spiel eigentlich schon entschieden, danach war klar: Jetzt geht es nur noch darum, was in Hamburg passiert. Waren Sie immer informiert, was im Volkspark vor sich ging? Ja klar, es war auch gar nicht anders möglich. Ich habe auf der Seite vor der Gegengeraden gespielt, da bekam ich alles mit. Die Fans haben permanent über die Tartanbahn gebrüllt: „0:0 in Hamburg“, „immer noch 0:0.“ Und dann auf einmal explodierte alles um uns herum: „1:0 HSV!“ Dann hörte ich „Sergej Barbarez“-Sprechchöre. Ich dachte: Unglaublich, unglaublich – wir werden Meister! Ebbe Sand macht in diese Phase hinein das 5:3. Aber das hat schon gar keiner mehr zur Kenntnis genommen. Ganz Schalke feierte.

Dann pfiff Schiedsrichter Hartmut Strampe auf Schalke ab … Ich schaute mich um. Die Fans riefen: „1:0 Hamburg, Ende. Ihr seid Meister.“ Ich schaute rüber zu unserer Bank, ich sah wie Rudi Assauer und Andreas Müller jubelten. Da wusste ich: Wir haben es geschafft. Ich weiß nicht mehr genau, was ich da gefühlt habe. Ich war so glücklich. Ein Mitarbeiter kam, hat mir ein Riesenglas mit Bier in die Hand gedrückt. Dann kamen die Fans, stürmten den Rasen. Ich habe Leute umarmt. Dann hieß es: „Kommt rein, kommt rein, es laufen immer mehr Fans auf den Platz!“ Ich hab mich dann durch die Menge gekämpft, bin die Rolltreppe hoch – immer mit diesem riesigen Glas Bier in der Hand.

Sind Sie direkt in die Kabine gegangen? Das wollte ich. Aber dann sag ich, dass sich alle anderen Spieler in das kleine Trainerzimmer neben unserer Kabine drängten. Ich wusste nicht warum. Also bin ich hinterher – und sah plötzlich, dass alle wie gebannt auf einen kleinen Fernseher starrten. Und dort liefen dann tatsächlich Spielszenen aus dem Bayern-Spiel. Ich war völlig überrascht und fragte: „Was? Das läuft immer noch?“ Einer rief: „Ja, die spielen noch!“ Der Rest war Schweigen. Und dann sah ich, Sekunden später, dass es diesen indirekten Freistoß für Bayern gab. Mir stockte echt der Atem. Ich hielt es nicht mehr aus. „Das guck ich mir nicht an“, habe ich gesagt, habe das Bierglas abgestellt und bin rüber in unsere Kabine gegangen. Dann hörte ich diese Schreie. Es knallte, es schepperte, es klirrte. Laute Flüche, alles wild durcheinander. Da wusste ich, was passiert war …

Können Sie beschreiben, was Sie in diesem Augenblick gefühlt oder gedacht haben? Nein. Wirklich nicht. Kann ich wirklich nicht. Ich weiß nur, dass um mich herum eine große Hektik herrschte – aber ich saß einfach nur da. Ich fühlte mich wie in einem Film. Ich habe auch nicht geweint. Nicht, weil ich besonders hart bin, sondern weil ich einfach nicht begreifen konnte, was da gerade passiert war.

Wie ging es weiter? Ich hörte die Stimme von Huub Stevens: „Los, alle rüber in die Kabine!“ Er schickte alle Spieler aus seinem Trainerzimmer, sammelte auch die, die im Flur standen, mit ein. Die Kabine füllte sich. Da saßen wir dann alle, eng gedrängt, die Köpfe nach unten, die Blicke leer. Manche – darunter auch erfahrene Profis – weinten hemmungslos. Nach ein paar Minuten hat Huub Stevens das Wort ergriffen. Er hat laut und klar gesprochen. „Ihr habt eine großartige Saison gespielt. Die ist noch nicht vorbei. Nächsten Samstag haben wir die Chance, den Pokal zu holen. Und jetzt geht raus, zeigt Euch Euren Fans.“ Das haben wir gemacht.

Wie war das, als Sie über dem Marathontor standen und den vielen Fans in die Augen geblickt haben? Das hat mich richtig fertig gemacht. Du stehst da und siehst, wie zigtausende Fans vor dir stehen, weinen, und am Boden zerstört sind. Ich habe niemals zuvor und auch nicht mehr danach in so viele traurige Gesichter geblickt. Da wird dir bewusst, dass da einTraum, dem sich alle so nahe wähnten, brutal zerstört wurde: Endlich, nach 43 Jahren wieder Meister zu werden. So etwas vergisst du nie wieder.

Danach ging es in die alte Geschäftsstelle, wo es ein Essen für die Mannschaft gab. Wie lief das ab? Zunächst hat es etwas gedauert, denn wir mussten vom Parkstadion zur Geschäftsstelle gehen – das sind so rund 400 Meter. Aber da standen natürlich noch viele Fans, die entweder versuchten, uns zu trösten – oder auch viele, die so am Ende waren, dass wir sie trösten mussten. Als ich in der Geschäftsstelle ankam, saßen die meisten Spieler schon mit ihren Frauen oder Freundinnen da. Meine Frau und mein bester Freund waren auch gekommen. Wir haben ein bisschen was gegessen, ehrlich gesagt: mehr getrunken. Es wurde kaum gesprochen. Mir hat sich eingeprägt, wie Rudi Assauer geweint hat. So ein riesiger, mächtiger Mann. Wenn du so jemanden weinen siehst: Das geht dir zu Herzen.

Einige Spieler sind anschließend noch zu Frode Grodas, dem Ersatzkeeper, gefahren, um dort den Frust zu ertränken. Sie auch? Nein, da war ich nicht dabei. Ich hatte Besuch zu Hause. Freunde und Familienmitglieder warteten dort. Aber ich weiß, worauf sie anspielen (lacht).

Es heißt, dass Frode Grodas danach seine Wohnung komplett renovieren musste. Das habe ich auch gehört (lacht). Aber wie gesagt: Ich bin unschuldig. Ich habe zu Hause mit Freunden und Verwandten zusammengesessen. Auch dort sprichst du zwangsläufig immer wieder über das Spiel, die Ereignisse in Hamburg. Es war sehr schwer abzuschalten. Das Telefon klingelte in einem durch. Ich habe in der Nacht kein Auge zugemacht.

Was haben Sie gedacht? Alles mögliche. Du denkst: ‚Schobi (der HSV-Torhüter, frühere und spätere Schalke-Keeper Mathias Schober, d. Red.), warum hast du den Ball nicht einfach weggehauen?‘ Du denkst, warum pfeift der Schiedsrichter nicht ab, wenn Oliver Kahn vor dem Freistoß die HSV-Spieler aus dem Fünf-Meter-Raum schubst? Warum hat er überhaupt so lange nachspielen lassen? Aber natürlich denkst du auch: Warum haben wir in Stuttgart nicht entschlossen auf Sieg gespielt?

Am nächsten Morgen sind Sie dann zu ihren Eltern gefahren. Fanden Sie dort Ruhe? Ja, das tat gut. Mein Vater hat versucht, mich zu trösten. Aber klar: Auch er wollte natürlich über den Samstag reden. Meine Schwester auch. Das verstehe ich. Von meiner Mutter ging allerdings keine Gefahr aus (lacht): Sie hat sowieso keine Ahnung von Fußball.

Am Sonntagsabend gab es dann zumindest noch eine schöne Nachricht … Ja. Da hab ich einen Anruf von Rudi Völler erhalten, der mich zur Nationalmannschaft eingeladen hat. Zum ersten Mal! Das war natürlich großartig. Da ging es mir etwas besser.

Und eine Woche später sind Sie in Berlin DFB-Pokalsieger geworden.Wie wichtig war es, die Saison doch noch mit einem Titel zu beenden? Sehr wichtig! Das tat richtig gut. Das war ja auch so ein Spiel, in dem du viel verlieren kannst. Union Berlin war Drittligist, aber total heiß. Alle Augen waren auf uns gerichtet. Nach dem Motto: Na, wie haben sie das Meisterschaftsdrama weggesteckt? Aber wir haben souverän gewonnen. Auf der anschließenden Feier ist dann sehr viel Druck abgefallen – obwohl, so wurde mir berichtet, die Party eher schleppend in Gang gekommen ist.

Waren Sie nicht von Anfang an dabei? Nein, ich wurde zur Dopingkontrolle bestimmt – und konnte nicht … Ich saß sehr lange in den Katakomben des Berliner Olympiastadions und musste dort einige Biere trinken. Ich kam daher als Letzter zur Feier, war aber immerhin schon ziemlich betrunken (lacht). Die Stimmung war zu dem Zeitpunkt dann auch schon gelöst. Am Sonntag ging es dann mit dem Pott durch Gelsenkirchen. Das war ein schöner Abschluss.

Denken Sie heute mit anderen Gefühlen an den 19. Mai 2001 zurück? Ja, denn eine richtige Einordnung der Dinge, die damals auf mich eingeprasselt sind, braucht einfach Zeit. Vieles ist mir erst später, manches erst nach Jahren bewusst geworden. Wissen Sie übrigens, wann ich damals das erste Mal geweint habe?

Auf der Pokalsiegerfeier? Nein, am Montag danach. Ich war gerade dabei, meinen Koffer zu packen, um zur Nationalmannschaft zu reisen. Da überkamen mich urplötzlich dieTränen. Ich wusste gar nicht, was los ist. Ich habe mich auf mein Bett gesetzt und habe geweint. In dem Augenblick wurde mir klar, was da schon alles in meinem Leben und in meiner Karriere passiert ist. Wahnsinn. Ich war 22 Jahre, ich habe mich für vier Minuten und 28 Sekunden als Meister gefühlt, ich habe den DFB-Pokal gewonnen – und nun ging es zur Nationalmannschaft. Da brachen mit einem Mal die ganzen Emotionen aus mir heraus. Ich habe wirklich lange geweint. Aber ich war nicht traurig. Ich habe vielmehr gedacht: Du wirst es schon noch einmal schaffen, Deutscher Meister zu werden. Es kam anders. Fünfmal Vizemeister, aber nie die Schale. Wenn ich heute die Bilder von damals sehe, dann denke ich natürlich: Verdammt, wir waren so nah dran. Aber ich ärgere mich nicht mehr.

Sie sind ein religiöser Mensch, haben vor jedem Spiel gebetet. Rudi Assauer hat damals gesagt: „Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott.“

Ich würde es niemals wagen, dem Manager zu widersprechen.