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DER WEG INS SPIEL


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Mehr als ein Spiel Vier Minuten im Mai - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 09.05.2021

Hatten sichtlich Spaß bei der Präsentation: Schalkes Manager Rudi Assauer und „sein“ Neuzugang Andy Möller. FOTOS: firo (2), Imago (2), Witters Im Frühjahr 2000 verhängen die Fans von Schalke 04 die Höchststrafe über ihre Lieblinge. „Ihr spielt Fußball wie der BVB!“, skandieren sie, und das ist weder liebevoll noch widersprüchlich. Denn der verhasste Rivale aus Dortmund, 1997 noch Champions League-Sieger, ist in jener Saison in Abstiegsgefahr geraten und wird sie als Elfter beenden. Immer noch zwei Plätze besser als die Schalker, die die Saison mit neun sieglosen Spielen austrudeln lassen und sich im letzten Heimspiel über Mikrofon beim Anhang entschuldigen. Manager Rudi Assauer verpasst dem Jahr das Etikett „katastrophal“. Nichts deutet darauf hin, dass hier ein Titelkandidat in den Startschuhen steht. Dann, am 26. Mai, lädt Assauer mit den Worten „Sie werden rückwärts vom Stuhl kippen!“ ...

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Hatten sichtlich Spaß bei der Präsentation: Schalkes Manager Rudi Assauer und ?sein? Neuzugang Andy Möller.
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... Aber die Sache rechnet sich, denn alleine 120 Fans treten ein, weckt der „immer noch beste offensive deutsche Mittelfeldspieler“ (Assauer) doch auch Erwartungen auf eine bessere Saison. Und es muss eine werden, es ist schließlich die letzte im altehrwürdigen Parkstadion, und das verdient einen besseren Abschied als Platz 13. Da sind sich alle Schalker einig.Bayern München hat ganz andere Sorgen. Nur durch die Gnade der Spielvereinigung Unterhaching und Bayer Leverkusens Titelallergie hat der Rekordmeister am letzten Spieltag die Meisterschaft verteidigt. Waren es 1999 noch 15 Punkte Vorsprung, sind es 2000 nur sieben Tore. Immerhin kommt noch der Pokal dazu.Der Und ein Lothar Matthäus ist auch nicht mehr da, schon im März zieht es ihn gen Amerika – das hat Vor- und Nachteile. Ganz anders die Schalker, die zehn neue Spieler verpflichten, darunter Jörg Böhme und Tomasz Hajto. Aus Duisburg kommt Eurofighter Mike Büskens zurück. Ein anderer Held von 1997, als der UEFA-Pokal in den Pott kam, geht: Marc Wilmots flieht vor Möller, denn „er und ich – das passt nicht.“ Schalke ist bereits vor Ligastart ein brodelnder Hexenkessel. „Zecke Möller – willkommen in der blauweißen Hölle“, steht auf einem Transparent. Double-Bayern: Sergio, Giovane Elber, Alex Zickler (v.l.) Bayerns Kader 2000/02: Inklusive Trophäen der Vorsaison.Dann kommt die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden, die einen Tiefpunkt der DFB-Historie markiert und auch den Trainern von Bayern München und Schalke 04 ernstliche Sorgen bereitet. Bayern entsendet sieben Spieler, Schalke fünf zu diesem Turnier, nur der Franzose Bixente Lizarazu kommt über die Vorrunde hinaus. Der Wahl-Münchner wird sogar Europameister, alle anderen wollen den Kurzausflug in Sachen EM möglichst schnell vergessen. Das Debakel strahlt auf den gesamten deutschen Fußball aus. Kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh schreibt im Sonderheft zu 2000/01: „So mag diese 38. Bundesligasaison eine besondere Bedeutung gewinnen. Sie muss uns wieder auf den Geschmack bringen, sie muss uns begeistern, sie muss uns die Genugtuung verschaffen, belohnt zu werden in unserer Vorfreude auf attraktive Ereignisse. Denn nach den Enttäuschungen von Holland und Belgien steht der deutsche Fußball wahrlich auf dem Prüfstand.“ Der große Günter Netzer legt in Sport Bild nach und tadelt die Nationalspieler: „Sie haben leichtfertig mit dem Kulturgut ihres Landes gespielt. Die Spieler können sicherlich einiges dafür tun, dass der Fan ihnen verzeiht.“ Die Saison 2000/01 also hat die verdammte Pflicht zur Wiedergutmachung, sie muss etwas Besonderes bieten, Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld zumindest hat es verinnerlicht: „Die Bundesliga ist gefordert wie noch nie, ehrlichen und offensiven Fußball zu spielen.“ Das will er quasi mit dem gleichen Personal tun, nie holt Bayern weniger Spieler in einem Transfersommer. Für Rückkehrer Ciriaco Sforza (aus Mailand) und den Franzosen Willy Sagnol investiert man 25 Millionen – Mark. Es ist die letzte Saison vor dem Euro. Schalkes Kader 2000/01: Inklusive Thorsten Legats Hose. Der eigentliche Buhmann aber ist Assauer. Der verweigert wohlweislich die Ausgabe eines Saisonziels, ins internationale Geschäft würde S04 aber doch gern zurück. Das empfiehlt sich schon deshalb, weil die verrückten Fans bereits 23.000 Dauerkarten für das neue Stadion, das noch im Bau ist, gekauft haben. Ein Jahr vorher! Hat die Mannschaft das Zeug dazu, mit diesemTrainer? Auch Huub Stevens steht nach zwei Jahren Mittelmaß unter verschärfter Beobachtung. Auf die merkwürdige Kicker-Frage, ob er lieber eine leichte (wie 1999) oder eine spannende (wie 2000) Meisterschaft hätte, antwortet er: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich die Lösung mit klarem Vorsprung bevorzugen, auch wenn eine Entscheidung mit Zielfoto für die Fans sicher spektakulärer ist. Ich als Trainer schone lieber meine Nerven.“ Doch Fußball ist kein Wunschkonzert, wie auch? Rund 30 Millionen Fans hat die Bundesliga vor 20 Jahren, und „die wissen hoffentlich erst am 34. und letzten Spieltag, wer Meister und wer Absteiger 2001 wird.“, heißt es im Sonderheft der Sport Bild vor einer Saison, die niemand vergessen wird. Dieser Wunsch immerhin wird sich erfüllen. Auswärtssieg: Schalke zerlegte den BVB förmlich. Beide Mannschaften starten mit drei Siegen. Was für Bayern-Fans Standard ist, haben die Schalker zuletzt 1971 erlebt – sofern sie schon gelebt haben. Nach dem ersten Spiel, das sie nicht gewinnen (1:1 bei 1860 München), sind sie Tabellenführer. Passt irgendwie zu dieser verrückten Saison, die aus königsblauer Sicht ihren Höhepunkt schon am 6. Spieltag verzeichnet. Da gewinnt S04 das Derby in Dortmund mit 4:0, Möller feiert mit freiem Oberkörper vor dem Gästeblock. Nun hat er auch beim BVB mehr Feinde als Freunde. Geschützt: Uli Hoeneß auf der Ersatzbank in Cottbus. Großer Bahnhof: Christoph Daum im Fokus der Medien. FOTOS: Imago (3), firo Der Oktober kommt. Bayern liegt vor Schalke, aber der wahre Feind der Münchner sitzt woanders. Die Daum-Affäre erschüttert die Republik, beschäftigt die Medien von den Tagesthemen bis RTL-Explosiv. Bayern-Manager Uli Hoeneß hat in einem Interview nur gesagt, wenn die Gerüchte über den koksenden Christoph Daum stimmten, könne der Leverkusen-Coach nicht Bundestrainer werden, wie es für Juni 2001 vorgesehen ist. Die Verbreitung des Gerüchts sorgt für Wirbel, die Liga hat ihren Skandal. Daum streitet alles ab und besteht auf einer Entschuldigung „bei mir und meinen Kindern“. Hoeneß bestreitet, ihn beschuldigt zu haben und droht allen Medien mit Klagen, die das weiterhin behaupten. Beinahe täglich gibt es Pressekonferenzen in Leverkusen und München, das Volk steht auf Daums Seite. Der DFB lädt zum Friedensgipfel, Daum kommt nicht. Hoeneß ist der Buhmann, seine Bayern verlieren bei Aufsteiger Energie Cottbus Spiel und Tabellenführung, und mancher sieht einen Zusammenhang. Hoeneß erhält Morddrohungen und wird später von „der schlimmsten Zeit meines Lebens“ sprechen, trotzdem sitzt er bei jedem Spiel auf der Bank. Kann das eine Mannschaft kalt lassen? Schalke geht das alles nichts an, man erobert durch ein 4:0 über Frankfurt die Spitze zurück. Dann kommt der 21. Oktober, ein Samstag. Schon um 7.45 Uhr informiert Bayer Leverkusen den DFB: Unser Trainer ist nicht mehr im Amt, wir bräuchten bitte den Bundestrainer zur Aushilfe. Es ist ein Kuriosum allererster Güte. Wenn er auch bis heute glaubt, die Haarprobe sei vertauscht worden. Leverkusen hat ihn noch am Abend des 20. Oktober freigestellt, am nächsten Morgen flieht er filmreif nach Florida, wo er sich zwei Monate versteckt. Sein Nachfolger wird Rudi Völler, Leverkusens Sportdirektor und seit Juli Interims-Bundestrainer. Der Sieger der Affäre heißt Hoeneß, der schon zuvor gesagt hat: „Es werden sich noch viele bei mir entschuldigen müssen.“ Zur Feier des Tages erobert Bayern die Tabellenspitze zurück, aber nicht für lange. Der Mannschaft fehlt es an Stabilität, eine Siegesserie bekommt sie nicht hin in dieser Hinrunde, die immer wieder neue Tabellenführer kreiert. Drei Wochen regiert Hertha BSC, dann Leverkusen, aber am Ende der Halbserie feiert – Schalke. Der Start in die Rückrunde findet noch im alten Jahr statt, dann feiert Schalke (2:2 in Köln) Weihnachten als Ligaprimus – vor Bayern, das das Verfolgerduell in Berlin 3:1 gewinnt und doch auf bereits fünf Niederlagen zurückblicken muss, im November sogar bei Viertligist 1. FC Magdeburg aus dem Pokal geflogen ist. Die Konkurrenz erzählt immer davon, dass man da sein müsse, wenn die Bayern mal schwächeln. Dieses Jahr schwächeln sie wie lange nicht – und so geht es weiter: Mühsamer 3:2-Heimsieg gegen Bochum durch ein Last-Minute-Tor von Kapitän Stefan Effenberg, drei Wochen später ein peinliches 0:1 im kleinen Münchner Derby gegen Unterhaching. Die Serie von Niederlagen gegen abstiegsbedrohte Mannschaften lässt Hitzfeld verzweifeln: Unter der leidet auch Schalke, das Anfang Februar in Cottbus untergeht (1:4) und zwei Wochen später in Bremen 1:2 verliert. Der FC Bayern bleibt deshalb bis zum 24. Spieltag oben, dann leisten sie sich den nächsten Fauxpas. Beim 2:3 in Rostock fliegt Olli Kahn vom Platz, weil er bei einer Ecke mit nach vorne kommt und den Ball nachTorhütermanier ins Hansa-Tor faustet. „Ich wollt halt auch mal einTor machen“, kann derTitan noch über sich selbst lachen. Der gemeine Fan freut sich, die versprochene Unterhaltung wird wöchentlich geliefert, und keiner weiß, wer Meister wird. Die ersten Fünf sind vier Punkte auseinander, ein Bayern-Alleingang ist nicht zu befürchten. Die WELT lästert: „Krise, Punktemangel, Existenzangst? Der FC Bayern hilft sofort.“ Mehr muss man nicht sagen. Das 0:3 in der Champions League in den Iden des März 2001 und die öffentliche Bloßstellung durch ihren Präsidenten Franz Beckenbauer sorgt für eine Trotzreaktion bei den Profis. Zunächst in Worten, dann in Taten. Effenberg kontert den Kaiser: „Kritik muss sein, aber nicht unter der Gürtellinie!“ Kahn schreibt auf seiner Homepage: „In völlig überzogener Weise wurde unser Verein geradezu lächerlich gemacht.“ Beckenbauer bleibt hart und verbietet „alle Werbeverpflichtungen und Ausflüge“. Plötzlich siegen sie wieder, gegen Cottbus und im großen Stadtderby gegen den TSV 1860.Und Schalke? Kommt kaum noch hinterher, ist nach einer Serie von fünf sieglosen Spielen Fünfter, bei sechs Punkten Rückstand. Vier Spiele ist die Torfabrik um die Vorarbeiter Ebbe Sand und Émile Mpenza schon außer Betrieb. Keiner spricht nach dem 0:0 gegen Freiburg noch vom Titel, Assauer will Platz 6 erreichen, und Büskens warnt: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nach unten durchgereicht werden.“ Dann fahren sie nach Leverkusen, wo mittlerweile Berti Vogts Trainer ist, gewinnen mit 3:0, und plötzlich ist wieder alles drin – Platz 3, nur drei Zähler Rückstand, ebenso wie Leverkusen, Hertha und Kaiserslautern, das dem Zweiten Dortmund 1:4 unterliegt. Bayern lässt sie durch das 2:3 im Heimspiel gegen Werder alle wieder hoffen. Triumphfahrt: Schalke gewinnt in München – Mike Büskens feiert mit den Fans. Am 28. Spieltag kommt es zum Spitzenspiel Dortmund – Bayern, das als Tretergipfel in die Annalen eingeht. Es hat keinen Sieger (1:1), nur einen Verlierer – den Fußball. Schiedsrichter Hartmut Strampe zückt zehn Gelbe Karten und stellt drei Spieler vom Platz. Den Bayern fehlen für das nächste Spiel Stefan Effenberg (Rot), Bixente Lizarazu (Gelb-Rot), Giovane Elber und Thomas Linke (Gelb-Sperre). Aus der Startelf sehen nur Patrick Andersson und Roque Santa Cruz keine Karte. Hoeneß ist wieder der Alte und tobt, unterstellt den Dortmundern Schauspielerei und findet, „der Herr Addo zum Beispiel gehört in den Zirkus.“ Strampe gesteht: „Es hat keinen Spaß gemacht.“ Umso schöner ist das Leben für die Schalker, die am nächstenTag Kaiserslautern aus der Spitzengruppe entfernen (5:1) und sich am BVB vorbei auf Platz zwei schieben. „Schalke plötzlich Titelfavorit“, schreibt die WELT, und Assauer wird euphorisch: „Ich habe immer gesagt: Wir können jeden an jedem Tag schlagen!“ Es fehlt ihnen noch ein Punkt bis Bayern. Die Bundesliga-Trainer setzen in einer Umfrage dennoch auf den Titelverteidiger: 11 Stimmen für Bayern, nur Reinhard Stumpf (Kaiserslautern) glaubt an Schalke. Wieder ein Spitzenspiel. 63.000 im ausverkauften Münchner Olympiastadion werden Zeuge von der Titelreife des FC Schalke 04. Sein Klub übernimmt die Führung in der Tabelle, er die in der Torjägerliste. Bewacher Sammy Kuffour, der um einen neuen Vertrag verhandelt, ist der Sündenbock, Hoeneß droht: „Wenn er so weiterspielt, gibt es keine Mark mehr.“ Präsident Beckenbauer bekennt: „Bei solchen Gegentoren bekommt man Tobsuchtsanfälle.“ Es ist Bayerns neunte Niederlage, und das ist kein gutes Omen. Noch ist keiner Meister geworden, der so oft verloren hat in einer Saison. Schalke wirft auch Hertha aus dem Titelrennen (3:1-Heimsieg), bleibt zwei Punkte vorne. Bayern gewinnt ausnahmsweise in Frankfurt (2:0). Die ganz dicke Luft ist verdampft an der Säbener Straße – seit sie das Finale der Champions League erreicht haben. Am Mittwoch zuvor ist die Revanche gegen Manchester United geglückt (2:1), jenem Verein, der sie im Finale 1999 unsagbar hat leiden lassen. Vielleicht wird es ja doch eine erfolgreiche Saison? Schalke kriegt die Meisterflatter. Beim Nachbarn VfL Bochum, der fast schon abgestiegen ist, gibt es nur ein 1:1. Fans werfen ihre Meisterschalen aus Pappe in den Müll, dabei sind ihre Idole immer noch Erster. Bayern ist auf fünfTore heran, quält sich gegen Freiburg zu einem 1:0 durch ein Freistoßtor von Mehmet Scholl. Noch in der Verlosung sind Dortmund und Leverkusen, mit jeweils drei Punkten Rückstand. Das Wort vom Bayern-Dusel geht wieder um. In der 87. Minute erzielt Joker Santa Cruz das 1:0 in Leverkusen – per Kopf. „Wenn die Leverkusener ihre Chancen nicht nutzen, können wir dafür doch nicht strafbar gemacht werden“, sagt Uli Hoeneß, er sei „nun überzeugt, dass wir Meister werden.“ Assauer lässt das nach dem 2:1 gegen Wolfsburg so stehen: „Wir haben schon mehr erreicht, als uns alle zugetraut haben.“ Schalke bleibt Erster, mit fünf Toren Vorsprung, und Torwart Oliver Reck verspricht: „Wenn wir unsere beiden Spiele gewinnen, dann sind wir Meister.“ Eingenickt: Roque Santa Cruz trifft. Schalten wir in die WDR-Schlusskonferenz an jenem 12. Mai. Es ist 17.16 Uhr und 44 Sekunden. Aus Stuttgart meldet sich Reporter Detlev Lindner: „Toooor in Stuttgart. Liebe Schalker Freunde, bös, bös…“ Sieben Sekunden später ruft Hans-Peter Pull aus München: „Toor!“ Lindner: „Der VfB Stuttgart führt!“ Pull will gehört werden: „Tooor!!“ Lindner: „Krassimir Balakov!“ Pull insistiert: „Tooor!!“ Lindner: „1:0 VfB Stuttgart!“ Pull: „Toor Bayern!!“ Lindner registriert es endlich: „Und noch ein Tor.“ Pull: „Toor für Bayern!!!“ Lindner (übergibt ohne weitere Schilderung des Gewaltschusses, der dem VfB den Sieg bringt): „Bitte schön …“ Tor für Bayern: Alexander Zickler erzielt das 2:1. Die Gleichzeitigkeit der sich überstürzenden Ereignisse ist ein Fest für jede Konferenz, die es in dieser Saison erstmals auch im Fernsehen gibt. Dort schaltet Pay-TV-Sender Premiere World umgehend von Stuttgart nach München, wo sich eine rote Jubeltraube über Joker Alexander Zickler bildet. Den hat Hitzfeld erst in der 89. Minute eingewechselt, mit seinem ersten Ballkontakt wagt er den Schuss, der noch einmal abgeblockt und wieder vor seine Füße kommt. Mit sattem Volley schmettert er den Ball mit gemessenen 105 km/h ins Lauterer Netz. Das Drama ist für manchen zu viel, auch für Radiomann Pull, der nun exklusiv verkündet: „Tor für Bayern, 1:0. Das gibt es nicht! Das gibt es nicht! 1:0! Gerade, als in Stuttgart Balakov das 1:0 macht, fällt hier das 1:0 für Bayern durch den Mann, der eingewechselt ist.“ Ob 1:0 oder 2:1, es ist einerlei. In München feiern sie, die Schalker vergießenTränen. 25.000 Fans sind mitgereist nach Stuttgart, nun wünschen sie sich an einen weit entfernten Ort. Vize-Präsident Josef Schnusenberg ist sauer: „Kann mir mal jemand sagen, warum wir hier so gespielt haben? Die hatten Schiss in der Hose, eine Lachnummer war das.“ Möller gibt zu: „Insgesamt war das Spiel grausam, eigentlich ein Skandal für die Zuschauer.“ Das mag sein, doch die Gesamtkonzeption jenes Spieltags ist großes Kino. Findet auch Uli Hoeneß: „Wenn ein Regisseur diese Geschichte geschrieben hätte, er wäre auf diese Idee wahrscheinlich nicht Der liebe Gott hat uns belohnt.“ Auch Ottmar Hitzfeld glaubt an höhere Mächte: „Da steckt fast Magie dahinter.“ Nun reicht ihnen den Bayern ein Punkt im letzten Spiel. Tor für Stuttgart: Krassimir Balakov erzielt das 1:0. Beide Mannschaften haben trainingsfrei. Auf einem Straßenfest tröstet Gelsenkirchens OB Oliver Wittke die Fans: „Wenigstens der Himmel ist noch königsblau.“ Auf der Geschäftsstelle stapeln sich Faxe der Schalke-Fans, die sich über Stevens‘ Taktik beim VfB beschweren und über den Pessimismus von Assauer, der die Titelchancen auf „10 bis 15 Prozent“ beziffert hat. Schalke hat immer noch trainingsfrei, Hitzfeld bittet zum Waldlauf, „denn wir wollen alles gewinnen, wir sind der FC Bayern.“ Hoeneß macht den Transfer mit Niko Kovac klar, der zur neuen Saison nach München wechselt – vom HSV. Die Schalke-Spieler treffen sich im Stammlokal „Zutz“ in Buer und trinken sich Mut an. Möller: „Da waren wir wieder oben auf.“ Assauer wehrt sich: „Ich lasse nicht zu, dass diese erfolgreiche Saison kaputtgeredet wird.“ Schließlich steht S04 noch im Pokalfinale. HSV-Torwart Mathias Schober, ausgeliehen von Schalke, verspricht seinem Kumpel Mike Büskens am Telefon alles zu tun, damit Königsblau Meister wird. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement beschwört: „Am Samstag sind wir alle Schalker.“ Hitzfeld verkündet: „Der HSV ist nicht Unterhaching. Wir können nicht auf Unentschieden spielen, wir müssen in Hamburg gewinnen.“ Müssen sie nicht, aber jeder versteht, wie er es gemeint hat. Schalkes Aufsichtsratsboss Jürgen Möllemann beteuert, es werde ein königsblaues Wunder geben. „Möllemann glaubt aber auch an 18 Prozent für die FDP“, witzelt die WELT. Assauer sagt im Kicker plötzlich: „Natürlich haben wir noch eine Chance, manchmal ist der Fußballgott gerecht.“ Daran glauben 37,6 Prozent der Teilnehmer an der Meisterumfrage der Fachzeitschrift. Stevens geht zum Friseur, direkt gegenüber der alten Glückauf-Kampfbahn, in der Schalkes letzte Meisterelf (1958) gespielt hat. Schalke reißt Sitzschalen aus dem Parkstadion. Die vorzeitigen Abrissarbeiten sind eine Geste an den Gast. Wider Erwarten haben sich 3000 Unterhachinger angekündigt, Schalke hat aber nur 1700 Karten gen Süden geschickt. Nie hat der kleine Klub aus dem Münchner Vorort so viele Auswärtsfans gehabt, er kämpft noch um den Klassenerhalt. Der Spieltag. Für Ebbe Sand geht es auch um dieTorjägerkanone, er liegt gleichauf mit Hamburgs Sergej Barbarez (je 21), der doch eigentlich die Bayern abschießen soll. Sand: „Für die Schale würde ich auf die Kanone verzichten. Sergej kann ruhig drei, vier Tore machen.“ Schalke-Fan Karl-Heinz Annuhs stiftet um zwölf Uhr eine Kerze in der St. Urbanus-Kirche in Buer. Der Fußballgott möge endlich einmal gnädig sein mit seinem Verein. Der DFB denkt sachlicher, das Original der Meisterschale wird nach Hamburg geschickt. Vernünftig offenbar: Der HSV meldet neun Ausfälle, Bayern muss nur auf den gesperrten Hasan Salihamidzic verzichten.

Im Frühjahr 2000 verhängen die Fans von Schalke 04 die Höchststrafe über ihre Lieblinge. „Ihr spielt Fußball wie der BVB!“, skandieren sie, und das ist weder liebevoll noch widersprüchlich. Denn der verhasste Rivale aus Dortmund, 1997 noch Champions League-Sieger, ist in jener Saison in Abstiegsgefahr geraten und wird sie als Elfter beenden. Immer noch zwei Plätze besser als die Schalker, die die Saison mit neun sieglosen Spielen austrudeln lassen und sich im letzten Heimspiel über Mikrofon beim Anhang entschuldigen. Manager Rudi Assauer verpasst dem Jahr das Etikett „katastrophal“. Nichts deutet darauf hin, dass hier ein Titelkandidat in den Startschuhen steht. Dann, am 26. Mai, lädt Assauer mit den Worten „Sie werden rückwärts vom Stuhl kippen!“ zu einer Pressekonferenz. Auf der präsentiert er einen Zugang für die Saison 2000/01, die schon dadurch unverwechselbar wird. Denn spontan treten 90 Mitglieder aus dem Verein aus. Andy Möller kommt aus Dortmund, der verbotenen Stadt, und das ist zu viel für so manchen echten Schalker. Aber die Sache rechnet sich, denn alleine 120 Fans treten ein, weckt der „immer noch beste offensive deutsche Mittelfeldspieler“ (Assauer) doch auch Erwartungen auf eine bessere Saison. Und es muss eine werden, es ist schließlich die letzte im altehrwürdigen Parkstadion, und das verdient einen besseren Abschied als Platz 13. Da sind sich alle Schalker einig.

Bayern München hat ganz andere Sorgen. Nur durch die Gnade der Spielvereinigung Unterhaching und Bayer Leverkusens Titelallergie hat der Rekordmeister am letzten Spieltag die Meisterschaft verteidigt. Waren es 1999 noch 15 Punkte Vorsprung, sind es 2000 nur sieben Tore. Immerhin kommt noch der Pokal dazu.Der FCB ist und bleibt die Nummer eins im Lande, doch souverän geht anders. Und ein Lothar Matthäus ist auch nicht mehr da, schon im März zieht es ihn gen Amerika – das hat Vor- und Nachteile.

Ganz anders die Schalker, die zehn neue Spieler verpflichten, darunter Jörg Böhme und Tomasz Hajto. Aus Duisburg kommt Eurofighter Mike Büskens zurück. Ein anderer Held von 1997, als der UEFA-Pokal in den Pott kam, geht: Marc Wilmots flieht vor Möller, denn „er und ich – das passt nicht.“ Schalke ist bereits vor Ligastart ein brodelnder Hexenkessel. „Zecke Möller – willkommen in der blauweißen Hölle“, steht auf einem Transparent.

Dann kommt die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden, die einen Tiefpunkt der DFB-Historie markiert und auch den Trainern von Bayern München und Schalke 04 ernstliche Sorgen bereitet. Bayern entsendet sieben Spieler, Schalke fünf zu diesem Turnier, nur der Franzose Bixente Lizarazu kommt über die Vorrunde hinaus. Der Wahl-Münchner wird sogar Europameister, alle anderen wollen den Kurzausflug in Sachen EM möglichst schnell vergessen.

Das Debakel strahlt auf den gesamten deutschen Fußball aus. Kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh schreibt im Sonderheft zu 2000/01: „So mag diese 38. Bundesligasaison eine besondere Bedeutung gewinnen. Sie muss uns wieder auf den Geschmack bringen, sie muss uns begeistern, sie muss uns die Genugtuung verschaffen, belohnt zu werden in unserer Vorfreude auf attraktive Ereignisse. Denn nach den Enttäuschungen von Holland und Belgien steht der deutsche Fußball wahrlich auf dem Prüfstand.“

Der große Günter Netzer legt in Sport Bild nach und tadelt die Nationalspieler: „Sie haben leichtfertig mit dem Kulturgut ihres Landes gespielt. Die Spieler können sicherlich einiges dafür tun, dass der Fan ihnen verzeiht.“ Die Saison 2000/01 also hat die verdammte Pflicht zur Wiedergutmachung, sie muss etwas Besonderes bieten, Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld zumindest hat es verinnerlicht: „Die Bundesliga ist gefordert wie noch nie, ehrlichen und offensiven Fußball zu spielen.“

Das will er quasi mit dem gleichen Personal tun, nie holt Bayern weniger Spieler in einem Transfersommer. Für Rückkehrer Ciriaco Sforza (aus Mailand) und den Franzosen Willy Sagnol investiert man 25 Millionen – Mark. Es ist die letzte Saison vor dem Euro.

Der eigentliche Buhmann aber ist Assauer. Der verweigert wohlweislich die Ausgabe eines Saisonziels, ins internationale Geschäft würde S04 aber doch gern zurück. Das empfiehlt sich schon deshalb, weil die verrückten Fans bereits 23.000 Dauerkarten für das neue Stadion, das noch im Bau ist, gekauft haben. Ein Jahr vorher! Hat die Mannschaft das Zeug dazu, mit diesemTrainer? Auch Huub Stevens steht nach zwei Jahren Mittelmaß unter verschärfter Beobachtung. Der Kicker prophezeit: „Zwischen Platz 5 und 10 ist alles möglich!“

Die Bayern wollen und müssen wieder Deutscher Meister werden, Hitzfeld ist davon überzeugt. Auf die merkwürdige Kicker-Frage, ob er lieber eine leichte (wie 1999) oder eine spannende (wie 2000) Meisterschaft hätte, antwortet er: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich die Lösung mit klarem Vorsprung bevorzugen, auch wenn eine Entscheidung mit Zielfoto für die Fans sicher spektakulärer ist. Ich als Trainer schone lieber meine Nerven.“ Doch Fußball ist kein Wunschkonzert, wie auch? Rund 30 Millionen Fans hat die Bundesliga vor 20 Jahren, und „die wissen hoffentlich erst am 34. und letzten Spieltag, wer Meister und wer Absteiger 2001 wird.“, heißt es im Sonderheft der Sport Bild vor einer Saison, die niemand vergessen wird. Dieser Wunsch immerhin wird sich erfüllen.

Beide Mannschaften starten mit drei Siegen. Was für Bayern-Fans Standard ist, haben die Schalker zuletzt 1971 erlebt – sofern sie schon gelebt haben. Nach dem ersten Spiel, das sie nicht gewinnen (1:1 bei 1860 München), sind sie Tabellenführer. Passt irgendwie zu dieser verrückten Saison, die aus königsblauer Sicht ihren Höhepunkt schon am 6. Spieltag verzeichnet. Da gewinnt S04 das Derby in Dortmund mit 4:0, Möller feiert mit freiem Oberkörper vor dem Gästeblock. Nun hat er auch beim BVB mehr Feinde als Freunde.

Der Oktober kommt. Bayern liegt vor Schalke, aber der wahre Feind der Münchner sitzt woanders.

Die Daum-Affäre erschüttert die Republik, beschäftigt die Medien von den Tagesthemen bis RTL-Explosiv. Bayern-Manager Uli Hoeneß hat in einem Interview nur gesagt, wenn die Gerüchte über den koksenden Christoph Daum stimmten, könne der Leverkusen-Coach nicht Bundestrainer werden, wie es für Juni 2001 vorgesehen ist. Die Verbreitung des Gerüchts sorgt für Wirbel, die Liga hat ihren Skandal. Daum streitet alles ab und besteht auf einer Entschuldigung „bei mir und meinen Kindern“. Hoeneß bestreitet, ihn beschuldigt zu haben und droht allen Medien mit Klagen, die das weiterhin behaupten. Beinahe täglich gibt es Pressekonferenzen in Leverkusen und München, das Volk steht auf Daums Seite. Der DFB lädt zum Friedensgipfel, Daum kommt nicht. Hoeneß ist der Buhmann, seine Bayern verlieren bei Aufsteiger Energie Cottbus Spiel und Tabellenführung, und mancher sieht einen Zusammenhang. Hoeneß erhält Morddrohungen und wird später von „der schlimmsten Zeit meines Lebens“ sprechen, trotzdem sitzt er bei jedem Spiel auf der Bank. Kann das eine Mannschaft kalt lassen?

Schalke geht das alles nichts an, man erobert durch ein 4:0 über Frankfurt die Spitze zurück. Dann kommt der 21. Oktober, ein Samstag. Schon um 7.45 Uhr informiert Bayer Leverkusen den DFB: Unser Trainer ist nicht mehr im Amt, wir bräuchten bitte den Bundestrainer zur Aushilfe. Es ist ein Kuriosum allererster Güte. Daum hat sich selbst mit einer Haarprobe („Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe“) überführt. Kokaingenuss wird nachgewiesen. Wenn er auch bis heute glaubt, die Haarprobe sei vertauscht worden. Leverkusen hat ihn noch am Abend des 20. Oktober freigestellt, am nächsten Morgen flieht er filmreif nach Florida, wo er sich zwei Monate versteckt. Sein Nachfolger wird Rudi Völler, Leverkusens Sportdirektor und seit Juli Interims-Bundestrainer. Der Sieger der Affäre heißt Hoeneß, der schon zuvor gesagt hat: „Es werden sich noch viele bei mir entschuldigen müssen.“ Zur Feier des Tages erobert Bayern die Tabellenspitze zurück, aber nicht für lange.

Der Mannschaft fehlt es an Stabilität, eine Siegesserie bekommt sie nicht hin in dieser Hinrunde, die immer wieder neue Tabellenführer kreiert. Drei Wochen regiert Hertha BSC, dann Leverkusen, aber am Ende der Halbserie feiert – Schalke. Mit einem 3:0 in Unterhaching fahren die Knappen die Herbstmeisterschaft ein, verfolgt von Leverkusen (zwei Punkte zurück), den Bayern und Dortmund (drei).

Der Start in die Rückrunde findet noch im alten Jahr statt, dann feiert Schalke (2:2 in Köln) Weihnachten als Ligaprimus – vor Bayern, das das Verfolgerduell in Berlin 3:1 gewinnt und doch auf bereits fünf Niederlagen zurückblicken muss, im November sogar bei Viertligist 1. FC Magdeburg aus dem Pokal geflogen ist. Die Konkurrenz erzählt immer davon, dass man da sein müsse, wenn die Bayern mal schwächeln. Dieses Jahr schwächeln sie wie lange nicht – und so geht es weiter: Mühsamer 3:2-Heimsieg gegen Bochum durch ein Last-Minute-Tor von Kapitän Stefan Effenberg, drei Wochen später ein peinliches 0:1 im kleinen Münchner Derby gegen Unterhaching. Die Serie von Niederlagen gegen abstiegsbedrohte Mannschaften lässt Hitzfeld verzweifeln:

„Das ist wie eine Krankheit.“

Unter der leidet auch Schalke, das Anfang Februar in Cottbus untergeht (1:4) und zwei Wochen später in Bremen 1:2 verliert. Der FC Bayern bleibt deshalb bis zum 24. Spieltag oben, dann leisten sie sich den nächsten Fauxpas. Beim 2:3 in Rostock fliegt Olli Kahn vom Platz, weil er bei einer Ecke mit nach vorne kommt und den Ball nachTorhütermanier ins Hansa-Tor faustet. „Ich wollt halt auch mal einTor machen“, kann derTitan noch über sich selbst lachen. Der gemeine Fan freut sich, die versprochene Unterhaltung wird wöchentlich geliefert, und keiner weiß, wer Meister wird. Die ersten Fünf sind vier Punkte auseinander, ein Bayern-Alleingang ist nicht zu befürchten. Die WELT lästert: „Krise, Punktemangel, Existenzangst? Der FC Bayern hilft sofort.“

Dann kommt der nächste Abend für die Vereinsgeschichte: Lyon. Kaiser Franz. Wutrede. Uwe-Seeler- Traditionsmannschaft. Mehr muss man nicht sagen. Das 0:3 in der Champions League in den Iden des März 2001 und die öffentliche Bloßstellung durch ihren Präsidenten Franz Beckenbauer sorgt für eine Trotzreaktion bei den Profis. Zunächst in Worten, dann in Taten. Effenberg kontert den Kaiser: „Kritik muss sein, aber nicht unter der Gürtellinie!“ Kahn schreibt auf seiner Homepage: „In völlig überzogener Weise wurde unser Verein geradezu lächerlich gemacht.“ Beckenbauer bleibt hart und verbietet „alle Werbeverpflichtungen und Ausflüge“. Plötzlich siegen sie wieder, gegen Cottbus und im großen Stadtderby gegen den TSV 1860.

Und Schalke? Kommt kaum noch hinterher, ist nach einer Serie von fünf sieglosen Spielen Fünfter, bei sechs Punkten Rückstand. Vier Spiele ist die Torfabrik um die Vorarbeiter Ebbe Sand und Émile Mpenza schon außer Betrieb. Keiner spricht nach dem 0:0 gegen Freiburg noch vom Titel, Assauer will Platz 6 erreichen, und Büskens warnt: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nach unten durchgereicht werden.“ Dann fahren sie nach Leverkusen, wo mittlerweile Berti Vogts Trainer ist, gewinnen mit 3:0, und plötzlich ist wieder alles drin – Platz 3, nur drei Zähler Rückstand, ebenso wie Leverkusen, Hertha und Kaiserslautern, das dem Zweiten Dortmund 1:4 unterliegt. Bayern lässt sie durch das 2:3 im Heimspiel gegen Werder alle wieder hoffen.

Ein Sechskampf um den Titel – am 1. April 2001 macht die Tabelle Hoffnung auf ein irres Saisonfinale.

Am 28. Spieltag kommt es zum Spitzenspiel Dortmund – Bayern, das als Tretergipfel in die Annalen eingeht. Es hat keinen Sieger (1:1), nur einen Verlierer – den Fußball. Schiedsrichter Hartmut Strampe zückt zehn Gelbe Karten und stellt drei Spieler vom Platz. Den Bayern fehlen für das nächste Spiel Stefan Effenberg (Rot), Bixente Lizarazu (Gelb-Rot), Giovane Elber und Thomas Linke (Gelb-Sperre). Aus der Startelf sehen nur Patrick Andersson und Roque Santa Cruz keine Karte. Hoeneß ist wieder der Alte und tobt, unterstellt den Dortmundern Schauspielerei und findet, „der Herr Addo zum Beispiel gehört in den Zirkus.“ Strampe gesteht: „Es hat keinen Spaß gemacht.“

Umso schöner ist das Leben für die Schalker, die am nächstenTag Kaiserslautern aus der Spitzengruppe entfernen (5:1) und sich am BVB vorbei auf Platz zwei schieben. „Schalke plötzlich Titelfavorit“, schreibt die WELT, und Assauer wird euphorisch: „Ich habe immer gesagt: Wir können jeden an jedem Tag schlagen!“

Es fehlt ihnen noch ein Punkt bis Bayern. Die Bundesliga-Trainer setzen in einer Umfrage dennoch auf den Titelverteidiger: 11 Stimmen für Bayern, nur Reinhard Stumpf (Kaiserslautern) glaubt an Schalke.

NUR NOCH SECHS SPIELTAGE.

29. Spieltag: Wieder ein Spitzenspiel. 63.000 im ausverkauften Münchner Olympiastadion werden Zeuge von der Titelreife des FC Schalke 04. Nach Rückstand gewinnen die Gäste mit 3:1 bei den Bayern, Ebbe Sand schießt alle Tore. Sein Klub übernimmt die Führung in der Tabelle, er die in der Torjägerliste. Bewacher Sammy Kuffour, der um einen neuen Vertrag verhandelt, ist der Sündenbock, Hoeneß droht: „Wenn er so weiterspielt, gibt es keine Mark mehr.“ Präsident Beckenbauer bekennt: „Bei solchen Gegentoren bekommt man Tobsuchtsanfälle.“ Es ist Bayerns neunte Niederlage, und das ist kein gutes Omen. Noch ist keiner Meister geworden, der so oft verloren hat in einer Saison.

30. Spieltag: Schalke wirft auch Hertha aus dem Titelrennen (3:1-Heimsieg), bleibt zwei Punkte vorne. Bayern gewinnt ausnahmsweise in Frankfurt (2:0). Die ganz dicke Luft ist verdampft an der Säbener Straße – seit sie das Finale der Champions League erreicht haben. Am Mittwoch zuvor ist die Revanche gegen Manchester United geglückt (2:1), jenem Verein, der sie im Finale 1999 unsagbar hat leiden lassen. Vielleicht wird es ja doch eine erfolgreiche Saison?

31. Spieltag: Schalke kriegt die Meisterflatter. Beim Nachbarn VfL Bochum, der fast schon abgestiegen ist, gibt es nur ein 1:1. Fans werfen ihre Meisterschalen aus Pappe in den Müll, dabei sind ihre Idole immer noch Erster. Bayern ist auf fünfTore heran, quält sich gegen Freiburg zu einem 1:0 durch ein Freistoßtor von Mehmet Scholl. Noch in der Verlosung sind Dortmund und Leverkusen, mit jeweils drei Punkten Rückstand.

32. Spieltag: Das Wort vom Bayern-Dusel geht wieder um. In der 87. Minute erzielt Joker Santa Cruz das 1:0 in Leverkusen – per Kopf. „Wenn die Leverkusener ihre Chancen nicht nutzen, können wir dafür doch nicht strafbar gemacht werden“, sagt Uli Hoeneß, er sei „nun überzeugt, dass wir Meister werden.“ Assauer lässt das nach dem 2:1 gegen Wolfsburg so stehen: „Wir haben schon mehr erreicht, als uns alle zugetraut haben.“ Schalke bleibt Erster, mit fünf Toren Vorsprung, und Torwart Oliver Reck verspricht: „Wenn wir unsere beiden Spiele gewinnen, dann sind wir Meister.“

33. Spieltag: Die Bayern empfangen Kaiserslautern, das im Sinkflug ist. Schalke muss zu den abstiegsbedrohten Stuttgartern. Beide werden ihrer Favoritenrolle nicht gerecht. Nach 90 Minuten steht es überall Unentschieden, 1:1 in München, 0:0 in Stuttgart. Wenn in der Nachspielzeit nichts mehr passiert, geht Schalke als Tabellenführer ins letzte Spiel. Wenn sie dann Unterhaching schlagen, wie soll Bayern beim HSV noch fünf Tore höher gewinnen?

Schalten wir in die WDR-Schlusskonferenz an jenem 12. Mai. Es ist 17.16 Uhr und 44 Sekunden. Aus Stuttgart meldet sich Reporter Detlev Lindner: „Toooor in Stuttgart. Liebe Schalker Freunde, bös, bös…“

Sieben Sekunden später ruft Hans-Peter Pull aus München: „Toor!“ Lindner: „Der VfB Stuttgart führt!“ Pull will gehört werden: „Tooor!!“ Lindner: „Krassimir Balakov!“ Pull insistiert: „Tooor!!“ Lindner: „1:0 VfB Stuttgart!“ Pull: „Toor Bayern!!“

Lindner registriert es endlich: „Und noch ein Tor.“

Pull: „Toor für Bayern!!!“

Lindner (übergibt ohne weitere Schilderung des Gewaltschusses, der dem VfB den Sieg bringt): „Bitte schön …“

Die Gleichzeitigkeit der sich überstürzenden Ereignisse ist ein Fest für jede Konferenz, die es in dieser Saison erstmals auch im Fernsehen gibt. Dort schaltet Pay-TV-Sender Premiere World umgehend von Stuttgart nach München, wo sich eine rote Jubeltraube über Joker Alexander Zickler bildet. Den hat Hitzfeld erst in der 89. Minute eingewechselt, mit seinem ersten Ballkontakt wagt er den Schuss, der noch einmal abgeblockt und wieder vor seine Füße kommt. Mit sattem Volley schmettert er den Ball mit gemessenen 105 km/h ins Lauterer Netz.

Zwischen 17:16:44 Uhr und 17:16:51 Uhr stellt sich die Fußballwelt auf den Kopf, und die Reporter auf den Pressetribünen müssen ihre fertigen Texte umschreiben.

Das Drama ist für manchen zu viel, auch für Radiomann Pull, der nun exklusiv verkündet: „Tor für Bayern, 1:0. Das gibt es nicht! Das gibt es nicht! 1:0! Gerade, als in Stuttgart Balakov das 1:0 macht, fällt hier das 1:0 für Bayern durch den Mann, der eingewechselt ist.“ Ob 1:0 oder 2:1, es ist einerlei. In München feiern sie, die Schalker vergießenTränen. 25.000 Fans sind mitgereist nach Stuttgart, nun wünschen sie sich an einen weit entfernten Ort. Vize-Präsident Josef Schnusenberg ist sauer: „Kann mir mal jemand sagen, warum wir hier so gespielt haben? Die hatten Schiss in der Hose, eine Lachnummer war das.“ Möller gibt zu: „Insgesamt war das Spiel grausam, eigentlich ein Skandal für die Zuschauer.“

Das mag sein, doch die Gesamtkonzeption jenes Spieltags ist großes Kino. Findet auch Uli Hoeneß: „Wenn ein Regisseur diese Geschichte geschrieben hätte, er wäre auf diese Idee wahrscheinlich nicht Der liebe Gott hat uns belohnt.“ Auch Ottmar Hitzfeld glaubt an höhere Mächte: „Da steckt fast Magie dahinter.“

Nun reicht ihnen den Bayern ein Punkt im letzten Spiel.

DIE WOCHE BIS ZUM SHOWDOWN:

Sonntag, 13. Mai: Beide Mannschaften haben trainingsfrei. Auf einem Straßenfest tröstet Gelsenkirchens OB Oliver Wittke die Fans: „Wenigstens der Himmel ist noch königsblau.“

Montag, 14. Mai: Auf der Geschäftsstelle stapeln sich Faxe der Schalke-Fans, die sich über Stevens‘ Taktik beim VfB beschweren und über den Pessimismus von Assauer, der die Titelchancen auf „10 bis 15 Prozent“ beziffert hat. Schalke hat immer noch trainingsfrei, Hitzfeld bittet zum Waldlauf, „denn wir wollen alles gewinnen, wir sind der FC Bayern.“ Hoeneß macht den Transfer mit Niko Kovac klar, der zur neuen Saison nach München wechselt – vom HSV.

Dienstag, 15. Mai: Die Schalke-Spieler treffen sich im Stammlokal „Zutz“ in Buer und trinken sich Mut an. Möller: „Da waren wir wieder oben auf.“ Assauer wehrt sich: „Ich lasse nicht zu, dass diese erfolgreiche Saison kaputtgeredet wird.“ Schließlich steht S04 noch im Pokalfinale.

Mittwoch, 16. Mai: HSV-Torwart Mathias Schober, ausgeliehen von Schalke, verspricht seinem Kumpel Mike Büskens am Telefon alles zu tun, damit Königsblau Meister wird. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement beschwört: „Am Samstag sind wir alle Schalker.“ Hitzfeld verkündet: „Der HSV ist nicht Unterhaching. Wir können nicht auf Unentschieden spielen, wir müssen in Hamburg gewinnen.“ Müssen sie nicht, aber jeder versteht, wie er es gemeint hat.

Donnerstag, 17. Mai: Schalkes Aufsichtsratsboss Jürgen Möllemann beteuert, es werde ein königsblaues Wunder geben. „Möllemann glaubt aber auch an 18 Prozent für die FDP“, witzelt die WELT. Assauer sagt im Kicker plötzlich: „Natürlich haben wir noch eine Chance, manchmal ist der Fußballgott gerecht.“ Daran glauben 37,6 Prozent der Teilnehmer an der Meisterumfrage der Fachzeitschrift. Stevens geht zum Friseur, direkt gegenüber der alten Glückauf-Kampfbahn, in der Schalkes letzte Meisterelf (1958) gespielt hat.

Freitag, 18. Mai: Schalke reißt Sitzschalen aus dem Parkstadion. Die vorzeitigen Abrissarbeiten sind eine Geste an den Gast. Wider Erwarten haben sich 3000 Unterhachinger angekündigt, Schalke hat aber nur 1700 Karten gen Süden geschickt. Nie hat der kleine Klub aus dem Münchner Vorort so viele Auswärtsfans gehabt, er kämpft noch um den Klassenerhalt.

Samstag 19. Mai: Der Spieltag. Für Ebbe Sand geht es auch um dieTorjägerkanone, er liegt gleichauf mit Hamburgs Sergej Barbarez (je 21), der doch eigentlich die Bayern abschießen soll. Sand: „Für die Schale würde ich auf die Kanone verzichten. Sergej kann ruhig drei, vier Tore machen.“ Schalke-Fan Karl-Heinz Annuhs stiftet um zwölf Uhr eine Kerze in der St. Urbanus-Kirche in Buer. Der Fußballgott möge endlich einmal gnädig sein mit seinem Verein. Der DFB denkt sachlicher, das Original der Meisterschale wird nach Hamburg geschickt. Vernünftig offenbar: Der HSV meldet neun Ausfälle, Bayern muss nur auf den gesperrten Hasan Salihamidzic verzichten.

Da kann doch eigentlich nichts mehr passieren. Oder?