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Dilemma Seitensprung


ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund - epaper ⋅ Ausgabe 5/2009 vom 10.05.2009

Seitensprünge hat es schon immer und in allen Kulturen gegeben. Selbst glücklich Verheiratete lassen sich auf riskante Liebesaffären ein – und enden unversehens vor dem Scheidungsrichter. Aber gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen dem Reiz des Neuen und unserem romantischen Liebesideal?


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Foto: Inger Anne Hulbaekdal/Fotolia.com

Die meisten Menschen wünschen sich Treue in der Partnerschaft. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Denn laut Umfragen ist fast jeder zweite Mann und fast jede dritte Frau in Deutschland schon mindestens einmal fremdgegangen. Fliegt die Affäre auf, gehen ...

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Die meisten Menschen wünschen sich Treue in der Partnerschaft. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Denn laut Umfragen ist fast jeder zweite Mann und fast jede dritte Frau in Deutschland schon mindestens einmal fremdgegangen. Fliegt die Affäre auf, gehen die wenigsten Partner damit gelassen um. Sie fühlen sich verraten, gedemütigt und in ihrer Weiblichkeit oder Männlichkeit verletzt.

Ob One-Night-Stand oder festes Verhältnis – Untreue ist auch in aufgeklärten Zeiten ein wunder Punkt in vielen Paarbeziehungen. Forscher am Institut für Psychologie der Universität Göttingen haben Konsequenzen eines Seitensprungs in einer großen Studie untersucht. Mindestens die Hälfte der Betrogenen litt noch nach einem halben Jahr unter quälenden Erinnerungen, Wutgefühlen oder Zukunftsangst. Und rund 70 Prozent der Befragten äußerten sich über ihre Partnerschaft zutiefst verunsichert. Besonders verblüffend waren die Antworten der Fremdgänger: Vier von fünf erklärten, dass sie ihre Lebensgefährten liebten und mit ihnen zusammenbleiben wollten.

Ein heikles Erbe

Aber warum wagen trotzdem so viele einen Seitensprung, obwohl sie den häuslichen Frieden doch eigentlich nicht gefährden wollen? Kanadische Wissenschaftler führen notorisches Fremdgehen auf den Einfluss der frühen Eltern-Kind-Beziehung zurück. Die Psychologen der Universität in Montreal vermuten, dass besonders solche Menschen zur Untreue neigen, die Angst haben, eine zu enge emotionale Bindung einzugehen. Aber auch mit dem Einkommen und der Bildung wächst die Wahrscheinlichkeit für sexuelle Außenbeziehungen. Wohlhabende Männer gehen häufiger fremd. Ähnliches gilt für Frauen, die ihren Partnern bildungsmäßig überlegen sind. Nicht selten spielt aber auch schlicht der Zufall eine Rolle. Gelegenheiten für spontane Kontakte bieten sich vor allem auf Geschäftsreisen oder bei Kongressen. Und besonders dann sind Menschen zu einem Seitensprung bereit, wenn sie annehmen, dass sie ihn verheimlichen können. Das Psychologische Institut der Technischen Universität Braunschweig hat dazu fast 1.300 Teilnehmer einer Online-Studie befragt: 63 Prozent der betroffenen Männer und 46 Prozent der Frauen gaben dabei an, ihren Lebensgefährten nichts über ihre Affären zu erzählen.

Der größte Risikofaktor für das Fremdgehen ist allerdings die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht. Dass besonders Männer für den Reiz des Neuen aufgeschlos sen und meistens auch Wiederholungstäter sind, hat wahrscheinlich mit unserem stammesgeschichtlichen Erbe zu tun. Evolutionspsychologen erklären das so: Schon in der Steinzeit war der Mann darauf erpicht, möglichst viele weibliche Wesen mit seinem Sperma zu beglücken. Nur so konnte er sicher sein, sich erfolgreich fortzupflanzen. Dabei bevorzugte er junge, hübsche Sexgenossinnen als Garant für gesunde Gene. Der Frau dagegen reichte zum Kinderkriegen ein Geschlechtspartner aus. Doch auch sie sah sich gelegentlich nach einem attraktiven Liebhaber mit günstigen Genen um, um die Qualität des Nachwuchses zu verbessern. Gleichzeitig musste sie den festen Partner aber bei der Stange halten und ihn im Glauben lassen, der leibliche Erzeuger zu sein – eine Strategie, der sich angeblich auch moderne Frauen häufiger bedienen.

Wenn aus Leidenschaft Langeweile wird, zieht es Partner häufig in fremde Betten.


Foto: stockbyte

Da hilft auch die Ausrede vom evolutionären Erbe nichts: Wer fremdgeht, setzt seine Partnerschaft aufs Spiel.


Foto: image source

Frust im eigenen Schlafzimmer?

Ob angeboren, in der Kindheit erworben oder ganz einfach eine Frage der Gelegenheit: Seitensprünge hat es seit jeher und in allen Kulturen gegeben – und in der Folge auch immer Lüge, Eifersucht, Kränkung, Rivalität, und Schuldgefühle. Aber gibt es Alternativen? Auch die in den 60er-Jahren propagierte sexuelle Freizügigkeit als Gegenentwurf zur bürgerlichen Ehe hat sich als untaugliches Modell erwiesen. „Das Dilemma, in dem Paare heute leben, ist diese Spannung zwischen der Faszination des romantischen Liebesideals und der Realität des unablässigen Scheiterns“, schreibt Ulrich Clement, Professor für medizinische Psychologie in Heidelberg. Und er stellt fest: „Was man hat, begehrt man nicht mehr.“ Anders formuliert: Wenn Sex zur Routine wird, kann aus Leidenschaft Langeweile werden.

Ist es also der Frust im eigenen Schlafzimmer, der so viele Menschen in fremde Betten treibt? Umfragen ergeben ein widersprüchliches Bild. So erklärten in der Göttinger Untersuchung 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen, dass sexuelle Unzufriedenheit in der eigenen Partnerschaft bei ihrem Seitensprung die Hauptrolle spielte. Dagegen nannten in einer Interviewstudie von Hamburger und Leipziger Wissenschaftlern lediglich 25 Prozent der Fremdgänger dieses Motiv. Vier von fünf Betrügern fühlten sich aber von ihren Geliebten sexuell angezogen. „Die meisten erwischt es in der an sich guten Beziehung, aus Zufall, infolge der Wahrnehmung anderer liebenswerter Personen, aus Lust und Lebensfreude und aus vielen anderen, an sich nicht negativen Gründen“, fasst der Leipziger Sexualwissenschaftler Professor Kurt Starke die Ergebnisse zusammen.

Was auch immer die Gründe für Untreue sein mögen, die entscheidende Frage ist: Wie gehe ich damit um? Soll ich den Seitensprung mitteilen oder ihn verschweigen? Soll ich passiv leugnen oder besser die Affäre aktiv verschleiern? Habe ich ein Recht auf ein Eigenleben oder die unbedingte Verpflichtung, über alles zu informieren? Einfache Antworten gibt es darauf nicht. Haben sich beide Partner schon vorher abgesprochen, alles offenzulegen, ist eine Beichte unerlässlich. Andererseits kann ein ungefragtes Geständnis alles noch schlimmer machen. In seinem BuchWenn Liebe fremdgeht rät Ulrich Clement deshalb zur sorgfältigen Abwägung der Konsequenzen. Der renommierte Paar- und Sexualtherapeut empfiehlt den Betroffenen, sich zunächst einmal über ihre eigenen Motive klarzuwerden. Will der Täter unter dem Deckmantel der Offenheit nur sein schlechtes Gewissen erleichtern? Möchte er die eigenen Schuldgefühle abwälzen und womöglich die Verantwortung dem Partner zuschieben, der ihm nun alles verzeihen soll? Clement plädiert für „Tapferkeit vor dem Feind“ – also kein reuevolles Geständnis mit gesenktem Haupt, sondern ein klares Bekenntnis mit offenem Visier, in dem der Fremdgänger mutig zu seinen Gefühlen steht. Nur so könne sich auch der Betrogene frei entscheiden.

Variante Geheimhaltung

Möglich ist aber auch, dass der Partner gar nicht alles so genau wissen will. In manchen Paarbeziehungen gibt es eine Art unausgesprochenes Einverständnis auf der Basis von Vertrauen und gegenseitiger Toleranz. Motto: Wir müssen das Privatleben des anderen nicht in allen Einzelheiten kennen, solange nichts geschieht, was unsere Beziehung grundsätzlich in Frage stellt. In solchen Fällen kann es besser sein, belanglose Sexabenteuer zu verschweigen, um den Partner nicht unnötig zu verletzen.

Doch auch wer sich für die Variante Geheimhaltung entscheidet, sollte nicht unbedacht zu Werke gehen. Clement hat in seinem Buch ein kleines Regelwerk aufgestellt. So rät er: Wer seine Affäre geheim halten will, sollte das nicht halbherzig tun, sondern mit Intelligenz, Raffinesse und aller Konsequenz. Fremdgänger sollten jedoch Seitensprünge im eigenen sozialen Umfeld vermeiden, die sie nach dem Ende der Liebschaft bereuen könnten. Und es gehöre sich auch nicht, persönliche Eheprobleme in fremden Betten auszuplaudern. Vor allem aber müssten untreue Partner immer damit rechnen, irgendwann doch ertappt zu werden. Dann sollten sie jedoch nicht alles leugnen, sondern bereit sein, den Preis für ihre Affäre zu bezahlen.

Mit aller Konsequenz: Was als Seitensprung begann, endet nicht selten vor dem Scheidungsrichter.


Foto: irisblende.de

Untreue als häufigster Trennungsgrund

Fremdgänger wägen offensichtlich Nutzen und Kosten eines Liebesabenteuers ab – und scheinen dabei oft genug den möglichen Schaden für ihre Partnerschaft zu unterschätzen. Denn was als harmloser Flirt beginnt, endet nicht selten vor dem Scheidungsrichter. Statistisch gehört Untreue zu den häufigsten Trennungsgründen. Doch dazu muss es nicht kommen. Manchen Betroffenen gelingt es auch, zu verzeihen und durch die Bewältigung der Krise ihre Beziehung ganz neu zu erfinden. Die einen kehren zum Prinzip Treue zurück, andere einigen sich auf eine offene Beziehung und akzeptieren die Affären. Für den Ausweg aus dem Dilemma Seitensprung gibt es keine Standardlösung, wohl aber Hoffnung für die Betrogenen. „Die Affäre ist keine Alternative zur Ehe, sondern sie ist auf sie angewiesen“, sagt Experte Clement. „Und umgekehrt: Die Affäre kann die Qualität der Ehe erst zur Geltung bringen.“