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Ein Land, ein Volk, ein Tempel


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 21.01.2022

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 1/2022

Thomas Christian Römer Alttestamentler und Althistoriker an der Universität Lausanne und am Collège de France in Paris.

Im aktuellen Konflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern fordern Letztere, dass al-Quds (die Heilige) – gemeint ist Ostjerusalem – Hauptstadt des palästinensischen Staates wird. Doch die israelische Regierung und die meisten Israelis können Jerusalem nicht aufgeben, weil sich in dieser Stadt der Tempel des Salomo befand, der nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil wieder aufgebaut und im Jahr 70 nC von den Römern zerstört wurde. Nach jüdischem Glauben wird der Tempel mit der Ankunft des Messias endgültig wieder aufgebaut und der Opferkult wieder aufgenommen.

Ein Land und ein Tempel Die Vorstellung, dass Jerusalem das einzige legitime Heiligtum sei, entstand im 7. Jh. vC im Rahmen einer Politik der Zentralisierung, die König Joschija und seine Berater am Hof ...

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... von Jerusalem verfolgten. Um diese Reform zu legitimieren, schrieb eine Gruppe von Schriftgelehrten eine erste Fassung des Buches Deuteronomium, in der es hieß, dass JHWH einzig sei (Dtn 6,4) und dass dieser Einzigkeit des Gottes Israels die Einzigkeit des Ortes entsprechen müsse, an dem ihm Opfer dargebracht werden könnten.

Das Heiligtum ist also mit dem Glauben an einen einzigen Gott und das Land verbunden, das er Israel gab. Im Hintergrund steht die Erfahrung der Eroberung des Nordteils Israels durch die Assyrer 100 Jahre zuvor. Natürlich gab es danach im Norden auch assyrische (und andere) Kulte. Das Land war verloren, die religiöse Integrität ebenso. Das sollte für das Restreich im Süden verhindert werden. Joschija und seine Theologen griffen also durch.

Diese Sichtweise ist auch in der Geschichte des Königtums präsent, die in den biblischen Büchern Samuel und Könige zu finden ist. Diese sogenannte „deuteronomistische“ Darstellung nimmt einen judäischen Standpunkt ein.

Dagegen wird die Geschichte des Königreichs Israel und seiner Könige negativ gesehen, und die nördlichen Heiligtümer werden verdammt. Was das Königreich Juda betrifft, suggerieren die Bücher der Könige, dass der Tempel von Jerusalem der einzige gewesen sei. Das deckt sich allerdings nicht ganz mit den Funden der Archäologie: Bei Ausgrabungen wurde auch für die Königszeit durchaus die ehemalige Existenz anderer Heiligtümer nachgewiesen.

QUELLEN TEXT

Das Kultgesetz Joschijas (Dtn 12,1-2.5)

„Das sind die Gesetze und Rechtsentscheide, die ihr bewahren und die ihr halten sollt in dem Land, das der HERR, der Gott deiner Väter, dir gegeben hat, damit du es in Besitz nimmst. Sie sollen so lange gelten, wie ihr in dem Land leben werdet.

Ihr sollt alle Kultstätten zerstören, an denen die Völker, deren Besitz ihr übernehmt, ihren Göttern gedient haben […] ihr sollt nach der Stätte fragen, die der HERR, euer Gott, aus allen euren Stammesgebieten erwählen wird, indem er dort seinen Namen anbringt.“

Die Heiligtümer von Bet-El und Dan Dem biblischen Text zufolge war der erste König des Nordreichs Jerobeam I. Er hätte sich nach dem Tod Salomos von der davidischen Dynastie losgesagt und zwei Heiligtümer mit goldenen Stieren erbaut, um die nördliche und die südliche Grenze seines Reiches zu markieren: das eine in Dan, das andere in Bet-El (1 Kön 12,28-30). Diese Aussage ist jedoch problematisch, da die archäologischen Befunde es sehr wahrscheinlich machen, dass die Region Dan bis Ende des 9. Jh. vC unter aramäischer Kontrolle stand. Der wahre Stifter dieser Heiligtümer wäre demnach König Jerobeam II. (ca. 781–742) gewesen, unter dessen Herrschaft Israel seine größte Ausdehnung hatte. Der „Bericht“ in 1 Kön 12,26-32 ist daher eine Rückprojektion der Zeit Jerobeams II. zu den rekonstruierten Ursprüngen des Nordreichs. Sie soll zeigen, dass die Könige Israels (Nordreich) von Anfang an gesündigt hätten, indem sie in Konkurrenz zu Jerusalem eigene Heiligtümer errichteten.

Die Bedeutung des Heiligtums von Bet-El wird von Amos und Hosea, den Propheten des 8. Jh. vC, bezeugt, die die sozialen Ungleichheiten unter Jerobeam II. kritisieren. Aus Amos 7,13 lässt sich schließen, dass Bet-El, das an dieser Stelle als königliches Heiligtum bezeichnet wird, wahrscheinlich das wichtigste Heiligtum im Königreich Israel war. 2 Kön 17,24-28 lässt vermuten, dass im Heiligtum von Bet-El sogar noch Kultbetrieb stattfand, nachdem die Assyrer dem Nordreich 722 vC ein Ende gemacht hatten.

Das Gebiet von Benjamin, in dem sich das Heiligtum von Bet-El befindet, wurde dem Königreich Juda wahrscheinlich während der Herrschaft von König Joschija angegliedert. Nach 2 Kön 23,15 ließ Joschija das Heiligtum in Bet-El mit seiner Kultstele zerstören, um dem Bau des „Verführers Israels“ (Jerobeam) ein Ende zu machen. Möglicherweise nimmt die Erzählung in Ex 32 darauf Bezug: Mose zerstampft das Goldene Kalb als illegitimes Bild JHWHs zu Staub.

Es ist schwer zu sagen, ob es sich bei der Zerstörung des Heiligtums in Bet-El um einen frommen Wunsch der deuteronomistischen Schriftgelehrten handelt oder um ein historisches Ereignis. Archäologisch ist die Sachlage kompliziert: Ab dem 7. Jh. vC scheint die Stätte von Bet-El tatsächlich an Bedeutung verloren zu haben, was auch die Tatsache bestätigt, dass der Ort von den Propheten der exilischen und der nachexilischen Zeit kaum erwähnt wird. Das Heiligtum ist jedoch bislang trotz intensiver Ausgrabungen nicht gefunden worden.

Was das Heiligtum von Dan betrifft, bieten die biblischen Texte kaum Informationen. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass Dan unter Jerobeam II. vergrößert wurde, bis die Assyrer in die Region einfielen und die Stadt und vielleicht auch das Heiligtum zerstörten.

Das Geheimnis eines JHWH- Heiligtums in Samaria Unter König Omri (9. Jh. vC) wurde Samaria die Hauptstadt des Königreichs Israel. Daher wäre es logisch gewesen, an den Bau eines königlichen Heiligtums zu denken. In der Bibel ist jedoch nirgends von einem JHWH-Tempel in Samaria die Rede, und die amerikanischen Ausgrabungen der 1910er-und 1930er-Jahre haben zwar die Bedeutung des Palastes erwiesen, aber keinen genauen Hinweis auf ein Heiligtum erbracht. Die Inschriften von Kuntillet Adschrud auf der Sinai-Halbinsel dagegen erwähnen einen „JHWH von Samaria“, was die Existenz eines JHWH-Tempels in der Hauptstadt des Königreichs Israel höchst plausibel macht. Der Text von 1 Kön 16,32 beschuldigt König Ahab, einen Baaltempel mit Altar für den Gott Baal errichtet zu haben – eine merkwürdige Aussage; denkbar ist, dass späte Redakteure aus dem „Tempel JHWHs“ einen Baaltempel gemacht haben, um das Heiligtum der Hauptstadt „baalisch“ nennen zu können. Es gab noch weitere JHWH-Heiligtümer im Nordreich, die von den Verfassern der biblischen Texte nicht erwähnt werden: Auf einer Stele – sie steht heute im Louvre – rühmt sich König Mescha von Moab (in Transjordanien), dass er einen Tempel JHWHs zerstört habe.

Das Heiligtum von Schilo, Vorläufer des Tempels von Jerusalem Es gibt ein nördliches Heiligtum, das die Redakteure der Bibel im Süden akzeptiert zu haben scheinen: das von Schilo. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass dieser Ort die Bundeslade beherbergte (1 Sam 4), bevor sie über Kirjat-Jearim (1 Sam 7,1) nach Jerusalem (2 Sam 6) gelangte. Als Jeremia die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ankündigt (Jer 7), vergleicht er ihn mit dem Heiligtum von Schilo: „Ja, geht doch zu meiner Stätte in Schilo, wo ich früher meinen Namen wohnen ließ, und seht, was ich ihr angetan habe wegen des Bösen, das mein Volk Israel verübt hat! Nun denn, […] so werde ich mit dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist […] verfahren, wie ich mit Schilo verfuhr“ (Jer 7,12-14). Das Heiligtum von Schilo galt also als Vorläufer des Jerusalemer Tempels.

Die mit Schweigen übergangenen Heiligtümer von Juda Was das Südreich betrifft, erwähnen die biblischen Autoren nur eine „Konkurrenz“ für den Jerusalemer Tempel, nämlich die „Höhen“. Diese Heiligtümer unter freiem Himmel bestanden aus einer Stele, die JHWH darstellte ,neben einem Baum, der die Göttin Aschera repräsentierte (1 Kön 14,23). Während viele judäische Könige gescholten werden, die Höhen geduldet zu haben, obwohl es sich um jahwistische Heiligtümer handelte, werden die Könige Hiskija und Joschija gepriesen, weil sie diese Heiligtümer der Volksfrömmigkeit bekämpft und zerstört hätten. 2 Kön 23 legt nahe, dass es sich hier auch um Kultorte zur Verehrung Baals gehandelt habe Dies kann allerdings auch der deuteronomistischen Polemik geschuldet sein, die einen einzigen reinen JHWH-Tempel in Jerusalem haben wollte. Joschija soll daher die Höhen von Geba in Beerscheba unrein gemacht und zerstört haben (2 Kön 23,8). Es gab noch weitere Heiligtümer in Juda, die in den biblischen Texten nicht erwähnt werden, deren Existenz aber dank der Archäologie eindeutig nachgewiesen ist. Dies gilt insbesondere für Arad, eine befestigte Stätte im Negev, wo ein gut erhaltenes Heiligtum mit zwei umgestürzten Stelen entdeckt wurde. Einige Forscher haben die Tatsache, dass die Stelen offenbar bewusst beseitigt wurden, mit Joschijas Reform in Zusammenhang gebracht, die zur Schließung dieses Heiligtums geführt habe, während andere vermuten, hier sei eine Spur der Kultzentralisation Hiskijas zu sehen (2 Kön 18,4).

Deuteronomium („zweites Gesetz“) In 2 Kön 22 wird erzählt, wie bei Bauarbeiten im Tempel das alte Gesetzbuch gefunden wird. Die Prophetin Hulda bestätigt dieses Buch als Wort Gottes! Joschija bekommt den Auftrag, es kopieren zu lassen und immer bei sich zu tragen, um die Anweisungen zu befolgen.

Lachisch, die zweite große Stadt Judas, wurde von den Assyrern während ihres Feldzugs im Jahr 701 vC zerstört. Auf assyrischen Reliefs, die die Plünderung der Stadt darstellen, sind jedoch Soldaten zu sehen, die große Kultständer für Weihrauch tragen. Sie können nicht für den privaten Gebrauch bestimmt gewesen sein: Das Relief beschreibt offenbar ein Heiligtum, über das die biblischen Quellen sich ausschweigen.

In Beersheba haben Archäologen einen vierhörnigen Altar freigelegt (Abb. S. 22, der ebenfalls auf die Existenz eines (vielleicht nicht überdachten) Heiligtums hindeutet; wenn es dieses Heiligtum gab, würde sich die biblische Erzählung über die Zerstörung der Höhen durch Joschija wahrscheinlich darauf beziehen.

In den letzten Jahren wurde beim Ausbau der Autobahn von Tel Aviv nach Jerusalem in der Stadt Moza ein Tempel von eindrucksvoller Größe entdeckt (vgl. den Ausgrabungsbericht auf S. 66–67). Die Ausgrabungen an diesem Ort belegen die Vielfalt der JHWH-Heiligtümer in der Zeit der Könige Israels und Judas.

Joschijas Reform, Scheitern und Erfolg Die Redakteure der Bücher der Könige eliminierten die mit Jerusalem konkurrierenden Heiligtümer literarisch, um den Eindruck zu erwecken, der Tempel von Jerusalem sei das einzige legitime Heiligtum schon seit der Zeit Salomos. Die Existenz der Höhen konnten sie nicht vertuschen, da diese wohl zu populär waren; daher stellten sie sie als nicht dem rechten Glauben entsprechende Heiligtümer des Baal dar. Als Joschija um 622 vC seine Zentralisierungsreform durchführte, machte er aus der Not eine Tugend: Lachisch war zerstört worden, Beerscheba und Arad waren nicht unter judäischer Kontrolle, und Jerusalem war die einzige Stadt in Juda. So war es relativ einfach, den Tempel von Jerusalem als einziges religiöses und wirtschaftliches Zentrum durchzusetzen. Dieser Tempel wurde zwar 587 vC von den Babyloniern zerstört, aber symbolisch blieb Jerusalem der heilige Ort. Von Daniel, der im Babylonischen Exil lebte, wird gesagt, er habe in Richtung Jerusalem gebetet (Dan 6,10). Doch als die Perser um 530 vC den Wiederaufbau des Tempels erlaubten, hatte eine kleine jüdische Kolonie im ägyptischen Elephantine bereits ihren eigenen Tempel, in dem sie JHWH, der Göttin Anat und einer Gottheit namens Eshem-Bet-El huldigte. Und in Samaria gab es seit dem 5. Jh. vC einen Tempel für JHWH auf dem Berg Garizim. Erst nach der Zerstörung des Tempels von Elephantine durch die Ägypter und desjenigen vom Berg Garizim durch Johannes Hyrkanus um 110 vC war Jerusalem die Konkurrenz dieser beiden anderen JHWH-Heiligtümer los. Als der Tempel in Jerusalem im Jahr 70 nC von den Römern zerstört wurde, traten die Synagogen seine Nachfolge an. Im dreiteiligen Korpus der Hebräischen Bibel, das im 2. Jh. nC zusammengestellt wurde, wurde der (schon nicht mehr existierende) Tempel in Jerusalem als der einzige legitime JHWH-Tempel dargestellt – eine Idee, die tiefgreifenden Einfluss auf das Judentum hatte.