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Ein tierisch gutes Leben


natur Sonderausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 03.05.2019

Wie sieht eine artgerechte Tierhaltung aus? Und in welchen Punkten unterscheiden sich Bio-Höfe und konventionelle Betriebe? Ein neuer Ansatz will weg von theoretischen Haltungs- Richtlinien und die Tiere selbst in den Mittelpunkt stellen


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Auf den Bergweiden der Alpen gehören Kühe zum Landschaftsbild. Doch Studien zeigen, dass diese Haltung immer seltener wird


Foto: Michael Stabentheiner

Sieben Stunden, sagt der Reiseführer. Sieben herrliche Stunden in den karnischen Alpen auf dem Wanderweg zum Wolayersee. Ein warmer Augusttag und ein tiefblauer Himmel, an den die Berggipfel anzuklopfen scheinen. Zwei ...

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... Stockwerke tiefer grüßen Wälder, Wiesen, Bäche. Doch die friedvolle Berg - kulisse ist noch nicht komplett. So richtig schön wird sie erst durch die Kühe, die hier weiden. Ihr Glockengeläut ist der Sound zum Glück. Megacool liegen die Viecher im Gras oder staksen lässig ein paar Schritte, zupfen an Kräutern und Grasbüscheln. Schauen schwitzenden Wanderern mitleidig in die Augen. Einige Tiere steigen in den Bach, bewegen sich tritt - sicher zwischen Kieseln und kneippen eine Runde. Andere rangeln ein wenig, besteigen sich präpubertär.

Artgerechte Haltung? Auf den Almen europäischer Bergregionen kann sie im Sommer in ihrer schönsten Form besichtigt werden. Da schmeckt die Käsejause gleich doppelt so gut. Im September, beim Almabtrieb, trotten die Kühe zurück zum Hof. Fein rausgeputzt und mit Blumenkränzen geschmückt, ziehen sie in eindrucksvollen Prozessionen runter ins Tal.


»Die Unfreiheit der Tiere muss wenigstens gemildert werden«
Walter Rudolph, Pionier der Öko-Bewegung, 1925


Dort leben sie bis zum Frühsommer bestenfalls im modernen Laufstall mit einer Prise Kuhkomfort. Im schlechtesten Fall tauschen sie die Bergwiese gegen ein dunkles sumpfiges Loch mit Spaltenböden und engen Boxen, womöglich noch angebunden.

Glück und Elend unserer Nutztiere liegen eng beieinander, Hoftor an Hoftor. Die Wünsche der Verbraucherinnen und Verbraucher sind indessen klar. Sie wollen Milch, Fleisch und Eier von gesunden, artgerecht gehaltenen Tieren. Dafür sind sie bereit, etwas mehr Geld auszugeben. Zumindest behaupten sie das in den Umfragen. 87 Prozent der Deutschen wünschen sich eine bessere artgerechte Tierhaltung, so steht es im aktuellen Ernährungsreport des Landwirtschaftsministeriums. Die Lebensmittelwirtschaft bedient diese Kundenwünsche. Auf den Verpackungen picken Hühner im sonnigen Freiland, legen sich junge Schweine quiekend in die Kurve, grasen Kühe entspannt auf der Weide. Alles ist gut.

Die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus. Milchkühe zum Beispiel könnten schon bald aus unserer Landschaft verschwinden. Der artgerechte Weidegang geht in Mittel- und Nordeuropa „in rasantem Tempo zurück“, heißt es in einer Studie des niederländischen Forschungsinstituts Lei Wageningen. In Dänemark können nicht einmal fünf Prozent der Milchkühe sommerlichen Weidegang genießen. Die Agrarwissenschaftler haben das Grasen der Kühe in sechs Ländern untersucht. Ergebnis: Irland ist Europameister. Dort leben sämtliche Kühe während der Hälfte des Jahres auf der Weide. Deutschland dagegen wird die Dänen bald einholen. In den Regionen im Norden und Westen unserer Republik, die von den Forschern unter die Lupe genommen wurden, zeichnet sich ein starker Trend ab, die Kühe nur noch im Stall zu halten. Zum Zeitpunkt der Untersuchung hatten dort 15 Prozent der Tiere ausgiebigen Weidegang. Setzt sich diese Entwicklung fort, werden in Deutschland bis 2025, so die Prognose der Wissenschaftler, mehr als 90 Prozent der Kühe das ganze Jahr im Stall stehen. Keine Sonne, keine Wiese, keine frische Luft.

Die Bauern wollen vor allem die Milchleistung weiter nach oben treiben. Im Stall gibt’s eiweiß - reiches Kraftfutter statt Gras. Die Produktionssteigerung mit höheren Milchmengen erscheint vielen Betrieben angesichts desaströser Milchpreise als einzige Überlebenschance. Seit 1996 hat die Leistung deutscher Kühe noch einmal um 28 Prozent zugelegt. Zudem besitzen expansive Großbetriebe bei immer höheren Tierzahlen gar nicht mehr genug Land, um die Kühe hofnah weiden zu lassen.


Tiere können nur ein gutes Leben haben, wenn der Bauer sein Auskommen hat


Weidehaltung muss sich rechnen

Rein wirtschaftlich betrachtet, schwanken die Einkommen der Milchviehbetriebe mit Weidehaltung beträchtlich. Im Schnitt schneiden sie etwas schlechter ab als Betriebe ohne Weidegang, obwohl sie bei den Ausgaben für Stallungen, Energie und Tierarzt sparen. Die Weide bietet den Milchkühen viele Vorteile für die Ausübung arteigenen Verhaltens, allerdings liefern Gras und Weidepflanzen häufig nicht die Energiedichte, die hochgezüchtete und hochleistende Tiere zur Deckung ihres enormen Energiebedarfs benötigen. Dafür erfreut ihr Anblick Millionen Spaziergänger und Autofahrer. Für die Bauern scheint aber nur die Milchmenge zu zählen. In einigen Regionen gibt es Zuschüsse für Weidemilch. Die sind wohl auch nötig, wenn wir das Milchvieh künftig noch draußen sehen wollen. Am einfachsten wäre eine verpflichtende Kennzeichnung auf der Milch packung. Ähnlich dem Zeichen „Pro Weideland“, mit dem einige Produzenten seit April 2017 ihre Weidemilch auszeichnen und damit bewerben. Aber da würde schnell der Bauernverband Amok laufen – wegen Diskriminierung der überwiegenden Zahl deutscher Kühe.

Vielen auf Hochleistung getrimmten Rassen reichen Heu und Gras nicht mehr aus, um ihren enormen Energiebedarf decken können


Bei den Biobetrieben sieht es besser aus, dort ist das sommerliche Grasen stärker verbreitet. Beim Bioverband „Naturland“ zum Beispiel genießen nach eigenen Angaben „80 Prozent der Rinder den Weidegang“. Der ist allerdings selbst auf Biohöfen nicht zwingend vorgeschrieben. Als Alternative dürfen die Bauern auch „andere Auslaufmöglichkeiten zur Verfügung stellen“ – viereinhalb Quadratmeter für jede Kuh zusätzlich zur Stallfläche, so die Naturland-Vorschrift. Das ist eine Verbesserung, aber ist das ein artgerechtes Kuhleben?
Was ist überhaupt artgerecht? Die lexikalische Definition liest sich so: „Artgerechte Haltung bezeichnet eine Form der Tierhaltung, die sich an den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere orientiert und auf angeborene Verhaltensweisen Rücksicht nimmt“, so Wikipedia. Sehr viel schöner hat das 1925 Ökopionier Walter Rudolph formuliert: „Wir wollen auch aus Gründen der Barmherzigkeit und der Liebe zum Tier in den Fragen seiner Haltung und Pflege eine Stellung einnehmen. Die Unfreiheit und qualvolle Haltung der Tiere muss wenigstens gemildert werden. (…) Nicht nur bei hinterwäld - lerischen Bauern trifft man auf üble Zustände.“

Die artgerechte Haltung ist in aller Munde. Doch Experten wie der Kasseler Nutztierwissenschaftler Albert Sundrum unterscheiden zwischen artgerecht und tiergerecht – die weitaus anspruchsvollere Herausforderung. Tiergerecht ist eine Haltung dann, wenn sie die Ansprüche des einzelnen Tieres in seiner individuellen Bedürftigkeit befriedigt. Beispiel: Eine hochleistende Milchkuh und eine junge Färse sind beide Rinder, die entsprechend ihrer Art gehalten werden sollten. Doch die hochleistende Kuh hat ganz andere Bedürfnisse als die Färse. Ein tiergerechter Umgang muss dieser Kuh die notwendige Ruhe geben und den in diesem Lebensabschnitt erhöhten spezifischen Bedarf an Nährstoffen decken, damit sie gesund bleibt und die Strapazen der erbrachten Stoffwechselleistungen gut übersteht. Die Lebensbedingungen sollten sowohl der Art als auch den einzelnen Tierindividuen gerecht werden.

Hühner in einem Freigehege findet man selbst auf Bio-Höfen selten. Dass auch Hähne unter den Legehennen leben, sorgt für friedlichere Verhältnisse


Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Heute sind die artgerechte Haltung und das Tierwohl zum Leitbild für Verbraucher und Medien geworden. Doch der Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist gewaltig. Viele Missstände der industriellen Intensivhaltung halten sich hartnäckig wie die Vollspaltenböden für Mastrinder und für Schweine, denen oft auch noch die Schwänze abgeschnitten werden. Manche Abgründe bleiben verborgen. So ist die erschreckende Zahl trächtiger Kühe, Schafe und Ziegen die jedes Jahr geschlachtet werden, kaum ein Thema. Bei trächtigen Kühen ist seit September 2017 ein Schlachtverbot in Kraft, das gilt aber nur „im letzten Drittel der Trächtigkeit“. Auch die Beseitigung junger Zicklein und Kälber ist grausam. Ziegen und Kühe liefern nur dann Milch, wenn sie Junge kriegen. Bei den Ziegen sind es meist zwei. Weil es keinen guten Markt für Ziegenfleisch gibt, ist die Aufzucht der Jungen unwirtschaftlich. In nicht wenigen Betrieben werden sie nach der Geburt dezimiert, also getötet. So wie auch Kälbchen in Zeiten mit Tief - preisen schnell beseitigt werden.

Angesichts solcher Zustände sehen viele Verbraucherinnen und Verbraucher in der ökologischen Landwirtschaft den rettenden Ausweg. Tatsächlich sind die Haltungsbedingungen dort besser. Ein Vergleich der wichtigsten Richtlinien für Schweine, Rinder und Hühner von Bioland, dem großen deutschen Bioverband mit konventioneller Haltung zeigt folgendes:

• Die Tiere haben deutlich mehr Platz
• Die Zahl der Tiere ist an die Ackerfläche gebunden.
• Die Tiere haben Auslauf auf Wiesen, Weiden und anderen Freiflächen.
• Vollspaltenböden sind verboten, Einstreu mit Stroh ist vorgeschrieben.
• Der Einsatz von Antibiotika und anderen Arzneimitteln ist strenger reglementiert.
• Der Futteranteil von Gras und Heu bei den Rindern ist höher. Das tägliche Angebot von Raufutter ist auch bei Schweinen und Geflügel Pflicht.
• Mindestens die Hälfte des Futters kommt vom eigenen Hof.
• Tiertransporte und die dabei zurückgelegten Entfernungen sind begrenzt.

Ob die Tiere in engen Boxen stehen oder genügend Auslauf haben, lässt sich durch Richtlinien und Gesetze regeln. Wie der Bauer mit seinen Tieren umgeht, ist schwer vorzuschreiben, aber mindestens genau so wichtig


Daneben gibt es viele Einzelvorschriften: für Stallgebäude, Baumaterialien, Bestandsgrößen, für Ruheund Fressplätze, Beleuchtung und Belüftung bis hin zu Regelungen für Reinigungsmittel. Sauen müssen eine Wühlmöglichkeit haben, bei Hühnern muss die Fensterfläche fünf Prozent der Stallgrundfläche ausmachen und die durch Kunstlicht geschaffene Tageslänge darf 16 Stunden nicht überschreiten. Es sind oft Details, die im Biostall das Leben angenehmer machen. So schreibt der Demeterverband seinen Legehennenhaltern vor, dass sie im Verhältnis 1:100 auch Hähne unter die Hennen mischen müssen, weil die männlichen Tiere zum Hühnerleben dazugehören und für friedlichere Verhältnisse sorgen.

Vom Bauern hängt viel ab

Was nicht durch Vorschriften geregelt werden kann, ist das Mensch-Tier-Verhältnis. Wie kompetent, wie freundlich geht der Bauer mit seinen Tieren um? In welchem Rhythmus sieht er nach ihnen? Wie gut ist die Stallhygiene, wie häufig wird geputzt? Kann der Bauer das Verhalten der Tiere, ihre Lautäußerungen und Gerüche, die wichtige Indikatoren für ihre Gesundheit sind, interpretieren? Hat er eigene Buchten für kranke Tiere? Egal ob Bio oder konventionell: Das gute Management und der Respekt gegenüber dem Tier sind entscheidend. Fernsehbilder von grob vernachlässigten Ställen belegen Verstöße bei beiden Betriebsformen.

Wer über artgerechte Haltung der Tiere redet, muss auch über die artgerechte Haltung der Bauern durch unsere Gesellschaft reden. Die Tiere können nur dann ein gutes Leben haben, wenn der Bauer sein Auskommen hat. Der steckt in der ökonomischen Zwangsjacke, er muss von seinen Tieren den Lebensunterhalt bestreiten. Schon seit vielen Jahren sieht es bei vielen Betrieben wirtschaftlich äußerst bescheiden aus. Ferkelerzeuger in NRW verzeichneten zuletzt im Schnitt gerade noch 30 000 Euro Betriebsgewinn im Jahr. Die durchschnittliche Rente für Bäuerinnen und Bauern in Deutschland beträgt 466 Euro. Klar ist, dass Verbesserungen beim Tierschutz nicht zum Nulltarif zu haben sind. Wer zahlt für bessere Ställe, großzügigere Platzangebote, für Beschäf - tigungsmaterial für Schweine oder für ein lang - sameres, gesünderes Wachstum der Hähnchen und Puten?

Die meist verwendete Putenrasse ist ein besonders offensichtliches Beispiel für qualvolle Überzüchtung. Sie nehmen extrem schnell zu und entwickeln überdimensionale Brustmuskeln. Ihre Beine können dieses Gewicht kaum tragen. Alternative Rassen gelten als unwirtschaftlich


Denn das meiste Geflügel wächst viel zu schnell. Jenseits der Haltungsform bestimmt auch die Genetik, wie sich die Tiere entwickeln und ob sie sich wohlfühlen. Eklatantes Beispiel sind die Puten. In der Putenmast werden mit der dominierenden Rasse „B.U.T. Big 6“ Tiere eingesetzt, die die Kriterien der Qualzucht erfüllen. Mit ihrer genetischen Ausstattung sind sie programmiert auf rapide Gewichtszunahme, hohes Schlachtgewicht und extrem überdimensionale Brustmuskeln. Deshalb, so Heidrun Betz vom Tierschutzbund „leiden sie unter Gleichgewichtsstörungen, schmerzhaften Fehlstellungen und Degenerationen der Beine“. In schlecht geführten Betrieben landet jede fünfte Pute in der Tier - körperbeseitigungsanstalt. Der Bioverband Demeter hat die Gewichtszunahme in der Putenhaltung jetzt auf täglich 100 Gramm für männliche und 70 Gramm für weibliche Tiere begrenzt. Sie sollen mit eiweiß ärmerer Kost langsamer wachsen. Dennoch: Können solche Tiere Bio sein? Ist eine ethisch verantwortbare Haltung dieser Putenrasse überhaupt möglich? Eigentlich nicht, aber die Bioverbände sträuben sich noch gegen ein Verbot, weil Alternativrassen wie etwa die Kelly-Bronzepute als unwirtschaftlicher gelten und mit ihren kleinen Brustfilets nicht dem Anforderungsprofil und Bezahlsystem des Handels entsprechen. Der Demeterverband will die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Putenmast abwarten und dann entscheiden,


»Wir müssen uns die Todesund Erkrankungsraten ansehen, das ist entscheidend«
Albert Sundrum, Agrarwissenschaftler, Uni Kassel


Bio allein sagt über Gesundheit wenig aus

Die durch jahrzehntelange Zucht auf Leistung getrimmte Genetik ist auch bei Schweinen, Kühen und Hühnern für die häufigen Erkrankungen mitverantwortlich. Doch von Stall zu Stall sind die Krankheitsund Mortalitätszahlen stark unterschiedlich. Das gilt auch für Biohöfe. In einer Vier-Länder-Studie wurden 192 Bio-Milchviehbetriebe in Frankreich, Schweden, Spanien und Deutschland untersucht. Im Durchschnitt zeigten 51,3 Prozent der Kühe Anzeichen („subklinische Symptome“) von Euter-Entzündungen, 42 Prozent Anzeichen von Fruchtbarkeitsstörungen. 14,2 Prozent der Bio-Kühe hatten Probleme mit Klauen und Beinen und entsprechende Lahmheitssymptome. Jedes zehnte Tier zeigte Anzeichen von Stoffwechselstörungen. Die Studie belegt aber auch: Es gibt gut und schlecht geführte Biobetriebe und ein guter konventioneller Betrieb schneidet besser ab als ein schlecht geführter Biohof.

Lungenentzündung, Fieber, Parasiten – die Erkrankungsraten bei Schweinen und anderen Masttieren sind relativ hoch. Die Haltungsart spielt dabei offenbar kaum eine Rolle


Experten wie der Agrarwissenschaftler Albert Sundrum, Leiter des Fachgebiets Tierernährung und Tiergesundheit des Fachbereichs für Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel, stellen ohnehin die Frage, ob der ganz auf die Haltung verengte Blick nicht in die Irre führt. Sundrum plädiert vehement dafür, die Tiergesundheit, unabhängig von den Haltungssystemen, auf den Prüfstand zu stellen: „Wir müssen uns die Todes- und Erkrankungsraten ansehen, das ist der entscheidende Punkt.“ Die sind alarmierend hoch – auch bei Biobetrieben. Sundrum: „Die Tiere in der Ökolandwirtschaft haben deutlich mehr Platz und auch Stroh im Stall, sie können arteigene Verhaltensweisen besser ausüben. Doch die Erkrankungsraten sind im Schnitt dieselben.“ Bei den Schweinen sind die Krankheiten allerdings verschieden: Jedes dritte konventionell gemästete Schwein, das nur im Stall lebt, leidet an Lungenund Atemwegserkrankungen mit Fieber, Husten, Benommenheit. Bioschweine haben dagegen häufig Lebererkrankungen durch Parasitenbefall. Die Erkrankungshäufigkeiten ähneln sich.

Platz, frische Einstreu und keine sofortige Trennung vom Muttertier sind wich - tige Aspekte tier - gerechter Haltung


Erkrankungsraten als Maßstab

Was ist zu tun, wenn Biohaltung allein nicht zum Ziel führt? Sundrum will die einzelbetrieblichen Todes- und Erkrankungsraten der Tiere zum Qualitätsmaßstab machen. Wie kann man sie messen? Regelmäßige Inspektionen auf den Höfen? Das wäre viel zu aufwendig. Die Zahl der toten Tiere, die den Mastprozess nicht überleben, ist dagegen relativ leicht festzustellen. Der Halter muss schon jetzt die Zahl der eingestallten Tiere melden. Am Ende der Mastperiode, im Schlachthof, sieht man wie viele übrig geblieben sind. Auch die Körper der geschlachteten Tiere geben Auskunft, wie gesund ihr Leben war. Lunge, Leber, Herz, Bauchfell, Haut, Gelenke werden im Schlachthof vom Veterinär amtstierärztlich untersucht, das ist Vorschrift. Die Untersuchung soll den Verbraucher vor Infektionen und verdorbenem Fleisch schützen.
Sundrum will diese Befunde für den Tierschutz nutzen. Die Ergebnisse der Schlachtkörperbeschau müssten, so die Forderung des Wissenschaftlers, zentral erfasst und ausgewertet werden. Man würde sofort erkennen, welche Betriebe gut, mittel und schlecht mit den Tieren umgehen. Gekoppelt an einen Sanktionsmechanismus für die schlechten Betriebe, wäre dies womöglich ein riesiger Fortschritt. Sundrum: „Beim Tierschutz muss endlich das Tier im Mittelpunkt stehen und nicht die Haltung.“ Davon wollen aber weder Agrarpolitiker noch Tierhalter etwas wissen. Auch die Bioverbände seien in dieser Frage äußerst zurückhaltend, kritisiert der Wissenschaftler. Die Bio - szene lebt davon, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung die Guten sind. Doch die Erkrankungsraten in den Ställen sprechen eine andere Sprache. Diesem Problem müssen sich alle annehmen. Nicht um des Siegels, sondern um der Tiere Willen.


Fotos: laif (2): Achim Multhaupt, Markus Kirchgessner

Fotos: laif / Aurora Photos / USA, Cornelia Pithart / dpa Picture Alliance