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Eltern sind keine Kinder


ÖKO-TEST Kompakt Kinder & Eltern - epaper ⋅ Ausgabe 11/2008 vom 01.09.2008

„Man muss doch was tun“, denken viele erwachsene Kinder, wenn die Eltern ihr Leben offenbar nicht mehr so souverän meistern wie früher. Aber nicht immer ist die Hilfe der Kinder willkommen. Viele alte Menschen nehmen lieber Risiken und Einschränkungen in Kauf, als eine Beschneidung ihrer Unabhängigkeit.


Artikelbild für den Artikel "Eltern sind keine Kinder" aus der Ausgabe 11/2008 von ÖKO-TEST Kompakt Kinder & Eltern. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: irisblende.de

Wilhelm Hermanns hat seit 60 Jahren den Führerschein. Und schon fast genauso lange fahren der 82- Jährige und seine gleichaltrige Frau Helene jedes Jahr in denselben Ferienort im Schwarzwald. Mit dem Auto natürlich. Die Senioren sehen überhaupt keine Veranlassung, daran etwas zu ... überzeugt. Schwiegertochter Clarissa hingegen wird angst und bange, wenn die beiden mal wieder die Koffer packen. Zwar ist Wilhelm Hermanns noch recht rüstig. Ein paar Bypässe hat er aber schon hinter sich, und etwas zittrig ist er auch. Clarissa bezweifelt, dass ihr Schwiegervater den Verkehr noch richtig überblickt und vor allem, dass er im Notfall noch schnell genug reagieren kann. Allerdings traut sie sich auch nicht, ihm zu sagen: „Du bist zu alt, lass das Auto stehen.“ ...

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Wilhelm Hermanns hat seit 60 Jahren den Führerschein. Und schon fast genauso lange fahren der 82- Jährige und seine gleichaltrige Frau Helene jedes Jahr in denselben Ferienort im Schwarzwald. Mit dem Auto natürlich. Die Senioren sehen überhaupt keine Veranlassung, daran etwas zu ändern. „Die Strecke kenne ich in- und auswendig und die Fahrt dauert nur zwei Stunden. Das schaffe ich noch“, ist Hermanns überzeugt. Schwiegertochter Clarissa hingegen wird angst und bange, wenn die beiden mal wieder die Koffer packen. Zwar ist Wilhelm Hermanns noch recht rüstig. Ein paar Bypässe hat er aber schon hinter sich, und etwas zittrig ist er auch. Clarissa bezweifelt, dass ihr Schwiegervater den Verkehr noch richtig überblickt und vor allem, dass er im Notfall noch schnell genug reagieren kann. Allerdings traut sie sich auch nicht, ihm zu sagen: „Du bist zu alt, lass das Auto stehen.“

Bevormundung, nein danke. Die meisten alten Menschen wollen für sich selbst verantwortlich bleiben.


Foto: CCVision.de

Braucht sie auch nicht, meint der Schwiegervater. „Ich weiß, dass ich nicht mehr so fit bin wie früher und dass der Verkehr immer mehr und immer schneller wird. Deshalb werde ich auch sicher nicht noch zehn Jahre lang weiterfahren können. Aber so lange es noch geht, wollen wir uns diese Unabhängigkeit bewahren.“ Ein Mal sind Hermanns’ auf das Drängen der Kinder hin mit dem Zug in Ferien gefahren. „Das war für uns anstrengender als die Autoreise. Das schwere Gepäck, das Umsteigen, die Wartezeiten auf dem Bahnsteig – das war wahrlich kein Vergnügen.“ Das Wichtigste ist für die Senioren jedoch, im Alltag nicht immer die Kinder bitten zu müssen, wenn sie zum Arzt oder zum Einkaufen wollen. „Mit ist es lieber, dass ich die bekannten, kurzen Strecken noch alleine bewältige und nur Hilfe in Anspruch nehme, wenn eine weite Fahrt ansteht oder es mir nicht gut geht“, sagt Hermanns.

Und obwohl die Schwiegertochter immer fürchtet, dass etwas passiert, ist sie eigentlich auch froh, dass die beiden noch so mobil sind. „Sonntags muss man nie ein schlechtes Gewissen haben, dass die Schwiegereltern allein zu Hause sitzen, denn wir wissen genau, die drehen selbst eine Runde“, räumt Clarissa ein.

Allerdings kann sie nicht umhin, den Schwiegervater manchmal auf die Beulen an seinem Auto anzusprechen: „Bist du irgendwo gegen gefahren, ist etwas passiert?“ Schlimmes sei noch nie passiert, eben nur Blechschäden, meint Hermanns. Und überhaupt: „Das ist mein letztes Auto und wenn ich es verkaufe, kriege ich sowieso nichts mehr dafür. Die Beulen sind doch dann egal.“

Kinder in der Zwickmühle

So wie Clarissa geht es vielen erwachsenen Kindern und Schwiegerkindern: Die Eltern tun Dinge, die man für unvernünftig, leichtsinnig oder gar gefährlich hält, aber man weiß nicht, ob man sie davon abhalten soll und kann. Manche älteren Herrschaften treiben ihre Kinder zur Verzweiflung, weil sie bei jedem dubiosen Gewinnspiel mitmachen oder sich an der Haustüre Zeitschriften andrehen lassen, die sie nie lesen werden. Andere Senioren weigern sich, das „Essen auf Rädern“ anzunehmen, obwohl sie sich selbst auch nichts mehr kochen und tagelang von Butterbrot und Joghurt leben – wenn sie überhaupt regelmäßig essen. Und obwohl ihnen die Hausarbeit über den Kopf wächst, wollen sie keine Putzhilfe haben.

Wie bei Familie Hermanns wird häufig das Autofahren zum Streitthema. Denn auf die Mobilität und Unabhängigkeit, die mit dem eigenen fahrbaren Untersatz verbunden ist, legen die meisten alten Menschen großen Wert. Nur widerwillig trennen sie sich davon. Selbst wenn der Bus vor der Haustür abfährt oder sie nur noch so selten fahren, dass ein Taxi billiger wäre als der Unterhalt des eigenen Pkw. Meist vollzieht sich der Abschied vom Auto langsam. Die Eltern fahren immer seltener, schließlich bleibt der Schlüssel hängen. Darauf hofft auch Clarissa, die nicht weiß, wie sie ihrem Schwiegervater das Auto ausreden soll.

Streit ums Hörgerät

Käthe Backes hingegen hat das Gefühl, dass ihre Tochter ihr etwas einreden will – nämlich, dass sie ständig ihr Hörgerät tragen soll. Das hält die 76- Jährige für „Unsinn“, zumal sie die meiste Zeit alleine in ihrer Wohnung ist. Den Ton am Fernseher lauter zu drehen, findet sie einfacher, als das Hörgerät anzulegen. „Der Apparat stört mich, ich komme damit nicht so gut zurecht“, klagt die alte Dame. Deshalb trägt sie das Gerät so selten wie möglich. Nur wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum Kaffeetrinken trifft oder einkaufen geht, legt sie die Hörhilfe an. Und auch das eher widerwillig, „ja, vielleicht ist es auch ein bisschen Eitelkeit. Früher wollte ich auch lange keine Brille haben“, gibt die Seniorin zu. So lange sie nicht unter Menschen geht, stört es sie nicht, weniger zu hören.

Das kann ihre Tochter Sabine nicht verstehen: Was, wenn es zum Beispiel an der Haustüre läutet oder das Telefon klingelt und die Mutter hört es nicht? Käthe Backes sieht das nicht als Problem. Unerwarteten Besuch bekommt sie fast nie, die Tochter hat einen Schlüssel und kommt sowieso immer rein. Und telefonieren tut sie sowieso nicht gern. Manchmal ist sie ganz froh, wenn sie das Telefon nicht hört und ihre Ruhe hat. Und wenn die Tochter vorbeikommt, kann die ja einfach lauter reden – schließlich weiß sie ja, dass die Mutter nicht mehr so gut hört.

Man muss Abstriche machen

„Den alten Eltern seinen Willen überzustülpen, hat keinen Sinn. Man muss ihnen einfach so viel Selbstständigkeit wie möglich lassen“, resümiert Marlies Querbach. Die 66-Jährige und ihr Mann Karl-Josef kümmern sich um die 90 Jahre alte Mutter von Marlies, die noch alleine wohnt. Ein Bekannter habe letztlich scherzhaft gesagt: „Es dauert, bis man die Eltern groß hat“, erinnert sich Marlies. Diese Einstellung kann sie nicht teilen. Für sie ist die Mutter nicht mit einem Kind gleichzusetzen. „Alte Menschen haben ihr Leben selbstständig gemeistert und sehen ihre Situation oft ganz anders als Außenstehende. Zum Beispiel können sie nicht glauben, dass sie selbst keine Sauberkeit mehr halten können, wo sie doch früher immer so pingelig waren.“ Sie hat sich damit abgefunden, in Sachen Reinlichkeit und Ordnung bei der Mutter auch mal fünf gerade sein zu lassen. „Trotzdem kommt es vor, dass wir beide an einem Kleid zerren. Ich will es zum Waschen mitnehmen, sie meint, es sei noch frisch. Dann gehen wir manchmal im Streit auseinander.“

Mit Fingerspitzengefühl . Hilfe sollte man anbieten, sie aber nicht aufdrängen.


Beobachten und abwägen

Verantwortung für die betagte Mutter zu übernehmen, heißt für die 66-Jährige: Genau beobachten, wo wirklich Hilfe nötig ist und im richtigen Moment einschreiten. „Man muss ständig abwägen zwischen den wichtigen und den unwichtigen Dingen“, sagt Marlies. „Meine Mutter ist zum Beispiel selten zum Arzt gegangen. Schließlich habe ich die Initiative ergriffen und den Arzt gebeten, regelmäßig einen Hausbesuch zu machen. Damit war die Sache ein für allemal erledigt.“ Als Marlies im Haus der Mutter für den Einbau eines Treppenlifts sorgte, war die Mutter strikt dagegen. Heute ist sie froh, dass sie ihn hat, denn das Hilfsmittel ermöglicht ihr, weiterhin selbstständig in ihrem Haus zu leben. Auch beim Thema Garten hat sich die Tochter durchgesetzt. Der Gemüsegarten durfte nicht angetastet werden, obwohl die Arbeit der Mutter längst zu schwer war und alle Arbeit an Tochter und Schwiegersohn hängen blieb. Erst als ihr Mann selbst aufgrund gesundheitlicher Probleme die Gartenarbeit bei der Schwiegermutter nicht mehr schaffte, machte Marlies Nägel mit Köpfen und lies den Garten mit Gras einsäen. Auch wenn es manchmal kracht: Marlies Querbach ist überzeugt, dass sie ihrer Mutter Sicherheit vermittelt. „Sie weiß: Es ist jemand für sie da. Und das ist für sie ein ganz wichtiges und tolles Gefühl.“

Begleitung ist wichtig. Man merkt meist recht schnell, wo Hilfe nötig und erwünscht ist.


Foto: irisblende.de

Angst vor Abhängigkeit

Nicht immer gelingt die Balance zwischen Einmischung und Zurückhaltung so gut. Denn bei der Frage, ob und wie sehr man für das Leben der betagten Eltern Verantwortung übernehmen sollte, geht es nicht nur um die Vernunft. Auf beiden Seiten sind Gefühle und auch Ängste im Spiel. Besonders fürchten sich ältere Menschen vor Abhängigkeit. Und auch die Jungen sehen ihre Unabhängigkeit schwinden, wenn die betaten Eltern alleine nicht mehr zurechtkommen.

Für die erwachsenen Kinder ist es ungewohnt, dass sich die Rollen verschieben. Zeit ihres Lebens standen ihnen die Eltern zur Seite, nun brauchen die Eltern ihre Unterstützung. Und dieser Unterstützungsbedarf wird nicht weniger, wie bei Kindern, die heranwachsen und immer selbstständiger werden, sondern größer. Das rührt an existenzielle Fragen: Ist man bereit, die Eltern zu sich zu nehmen, zu pflegen? Sind ihre „Schwächen“ der Anfang vom Ende?

Die meisten Kinder übernehmen aus Liebe und Pflichtgefühl heraus Verantwortung, wenn die Eltern nicht mehr alles selbst regeln können. Sie möchten etwas von dem zurückgeben, was ihnen ihre Eltern geschenkt haben. Aber auch gesellschaftliche Normen spielen eine Rolle. Was sollen die Nachbarn denken, wenn ich mich nicht regelmäßig um die Eltern kümmere?

Von den Alten wird viel verlangt

Für die alten Menschen ist die Lage noch komplizierter. Von ihnen wird erwartet, dass sie weitgehend klaglos Verluste hinnehmen und von alten Gewohnheiten Abschied nehmen. Sie sollen akzeptieren, dass sie alt sind und manches nicht mehr können. Sie sollen Hilfe annehmen und dankbar dafür sein. Dabei erleben sie diese Hilfe nicht selten als unerwünschte Einmischung. Sie stört es vielleicht gar nicht, wenn die Wohnung nicht mehr so aufgeräumt ist wie früher, und erleben es als Übergriff, wenn die Tochter bei jedem Besuch putzt und abwäscht. Sie haben bei der Kaffeefahrt vielleicht eine überteuerte Heizdecke erstanden, dafür haben sie den Ausflug genossen. Doch später schimpft der Sohn, man habe sich übers Ohr hauen lassen. „Viele erwachsene Kinder kommen gar nicht auf die Idee, dass die Eltern die Dinge anders sehen, als sie selbst. Dass ihnen zum Beispiel Unordnung weniger ausmacht als Unselbstständigkeit“, weiß die Wiesbadener Expertin für Gerontopsychologie, Marianne Künzel-Schön. Statt Perfektion zu erwarten, sollte man eher die Bemühungen anerkennen. Denn die meisten alten Menschen versuchen zunächst, mit Beschränkungen zurande zu kommen und entwickeln hohe Fähigkeiten, sich anzupassen.

Die große Mehrhei t der 80-Jährigen lebt noch in den eigenen vier Wänden.


Wird der Alltag zu einer großen Bürde, dann ist professionelle Hilfe angeraten.


Fotos: irisblende.de

Vorsicht „Helferfalle“

Zum Beispiel gehen sie täglich ein bisschen einkaufen, um nicht auf einmal so viel tragen zu müssen. So lange die Eltern damit klarkommen, sollte man ihre Lösung des Problems akzeptieren. Denn allzu schnell geraten erwachsene Kinder in die „Helferfalle“: Sie meinen es gut, aber ohne es zu merken, werden sie zu Erziehern der Eltern. „Was zum Wohle gedacht ist, kann umschlagen in Reglementierung und Bevormundung“, warnt der Viersener Altenpflegeexperte Erich Schützendorf. „Alten Menschen stellt man Fragen, die man anderen Erwachsenen nie stellen würde“, gibt der Pädagoge und Fachbuchautor zu bedenken. Oder wie würde man es selbst finden, wenn man bei jedem Stück Sahnetorte oder jedem Glas Wein gefragt würde: „Ist das auch gut für dich?“ „Man konzentriert sich zu sehr auf die kranken Seiten, auf das, was nicht mehr funktioniert und nimmt den Menschen als Ganzes gar nicht mehr wahr“, kritisiert Schützendorf.

Während man bei jungen Menschen Charaktereigenschaften wie Vergesslichkeit oder Sturheit einfach hinnimmt, bekommen alte leicht das Etikett „Altersstarrsinn“ verpasst. Dabei ist dieser vermeintliche Starrsinn möglicherweise nur das Beharren auf einer eigenen Meinung. „Wer sich widersetzt, gilt als Störfall“, resümiert Schützendorf. Für den von den Jungen gerne beseufzten Altersstarrsinn hat der Komiker Loriot eine ganz eigene Erklärung: „Ein Vorzug des alten Menschen beruht auf seiner Überzeugungstreue. Diese auch als Altersstarrsinn geschätzte Eigenschaft beendet unergiebigen Gedankenaustausch. Ein im hohen Alter willkommener Zeitgewinn.“

Auch mit altersbedingten Beeinträchtigungen kann man selbstständig bleiben.


Foto: Signal Iduna

Rückzug aufs Altenteil verwehrt

Dass die Alten oft einfach nicht ernst genommen werden, ärgert viele Senioren. Dabei sind sie längst nicht so „tatterig“, wie viele Junge glauben. Immerhin leben 80 Prozent der 80-Jährigen noch allein, berichtet das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Und mehr als ein Drittel der 70- bis 85-Jährigen bewertet die eigene Gesundheit mit „gut“ oder „sehr gut“. Andererseits müssen sie sich mit dem grassierenden Jugendlichkeitswahn herumschlagen. Heute werde den Senioren kein gnädiger Rückzug aufs Altenteil mehr gestattet, kritisiert Erich Schützendorf. Stattdessen erwarte man, dass sie bis ins hohe Alter fit und aktiv seien. „Wenn man das nicht schafft, gilt das fast schon als individuelles Versagen“, so der Pädagoge. Wer den Eltern helfen will, braucht Fingerspitzengefühl und eine gute Beobachtungsgabe. Bedeutet ihr „Ich komme schon zurecht“ wirklich, dass sie keine Hilfe annehmen wollen? Oder schwingt darin mit, dass sie zwar so einigermaßen klarkommen, es aber doch eigentlich gerne ein bisschen leichter hätten? Die Kunst besteht darin, das richtige Unterstützungsangebot zur rechten Zeit zu machen.

Vollmachten sind wichtig

In bestimmten Fällen kommen die Kinder nicht drum herum, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel, wenn Vater oder Mutter erkranken und ihre Interessen nicht mehr selbst wahrnehmen können. Für solche Fälle ist es wichtig, Vollmachten zu haben, denn sonst kann man laut Gesetz im Namen der Eltern nichts regeln – weder Bankgeschäfte noch medizinische Entscheidungen annehmen oder ablehnen. Viele Kinder scheuen sich, ihre Eltern zum Erteilen von Vollmachten zu drängen, selbst wenn eigentlich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Jungen und Alten besteht. Doch diese Frage ist zu wichtig, um sie schamhaft zu umgehen. Wenn die Eltern zögern, hilft vielleicht der Hinweis, dass man Vollmachten auch eingeschränkt erteilen kann.