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ERZÄHL MIR WAS!


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 202/2022 vom 17.06.2022
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»Erzähl mir eine Geschichte!«, verlangen Kinder abends vor dem Zubettgehen. Glücklich, wer spontan eine gute parat hat, sich untertags schon vorbereitet und eine zurechtgelegt hat. Doch wer kennt es nicht – auch aus anderen Situationen – in jenem Moment, in dem sie gefragt wäre, ist die perfekte Geschichte meilenweit entfernt. Ebenso glücklich also, wer hier auf ein gutes Buch zurückgreifen kann und die Kleinen mit Pixibüchern, Märchenwäldern, Bullerbü-Geschichten oder Zauberlehrlingen in den seligen Schlaf entsenden kann. Kinder bewohnen, bevor sie lesen lernen, die Welt der Mündlichkeit. Jede/r von uns hat demnach seine ersten Lebensjahre in der Welt der Mündlichkeit verbracht, hat den Hunger auf Geschichten mittels mündlicher Erzählungen zu stillen versucht, war auf die allabendliche Vorlesebereitschaft der Eltern angewiesen.

So auch die Mutter von Irene Vallejo: »Meine Mutter saß jeden Abend an ...

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... meinem Bett und las mir aus Büchern vor. Sie war die Rhapsodin; ich ihr fasziniertes Publikum.« Die klassische Philologin aus Saragossa schrieb das im Frühjahr auf Deutsch erschienene Buch »Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern« und untermalt darin ihre von ihrer Faszination für das Altertum geprägte Wanderung durch die Bücherwelt lebendig mit persönlichen Erinnerungen. »Diese Lesezeit war für mich ein kleines, vorläufiges Paradies – später habe ich gelernt, dass alle Paradiese so sind, bescheiden und vergänglich.« Vallejo beschwört mit dieser kleinen Episode eindringlich die dem Menschsein immanente Empfänglichkeit für das Geschichtenerzählen, verweist ihre Leser/innen darauf, dass jede/r von uns schon einmal selbst den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit mitgemacht hat. Literatur als »vergängliche Kunst«, wie sie sich auch für Kinder noch darstellt, wurde mit ersten großen Epen wie der Ilias, der Odyssee in schriftliche Bahnen gelenkt. Das veränderte zwar den Umgang mit dem Erzählen, tat jedoch der menschlichen Leidenschaft für Geschichten keinen Abbruch.

Doch warum tun wir das so gerne? Warum erzählen wir Geschichten? Denn im Grunde passiert es die ganze Zeit. Sobald wir einander von unserem Tag berichten, sobald wir Tratsch und Klatsch – oder auch bloß die neuesten Geschehnisse aus der Welt weitergeben, befriedigen wir unseren inneren Drang, etwas erzählbar zu machen. Selbst unser eigenes Leben wird zur Erzählung, zum Narrativ: Ob wir uns oder andere nun als fleißige Arbeitsbiene beschreiben, als faulen Parasiten, als Supermutter oder ewiges Opfer – ständig bedienen wir uns narrativer Erzählstrukturen und empfinden darüber hinaus auch noch große Lust dabei. »Nirgends gibt und gab es jemals ein Volk ohne Erzählung; alle Klassen, alle menschlichen Gruppen besitzen ihre Erzählungen […]. Die Erzählung schert sich nicht um gute oder schlechte Literatur; sie ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit einfach da, so wie das Leben«, zitiert Albrecht Koschorke Roland Barthes in seinem Buch »Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie«. Darin ist Koschorke bestrebt, eine kulturtheoretische Einordnung großer menschlicher Narrative zu ermöglichen, was ihm auch gelingt, in großem Stil. Die Frage, warum der Mensch ein Homo narrans ist, führe oft in die Mythenforschung, schreibt er: Mythen waren Ursprungs-Erzählungen, also sinnstiftend, sie dienten zur Bezwingung von Angst oder zur Orientierung.

»Wir konstruieren unsere Welt in Sprache und aus Sprache, aber zugleich gibt es die Welt, sprachlos, ohne uns. Wir können sie nicht erreichen und müssen es doch.

Thomas Hettche

Während Koschorke an einer allgemeinen Erzähltheorie interessiert ist, ist der Zugang von Fritz Breithaupt, Professor für Germanistik und Kognitionswissenschaften an der Indiana University, wesentlich praktischer. Er fragt nach dem Nutzen – und vor allem auch nach der Genusskomponente von Narrativen für das menschliche Gehirn. Derer gibt es tatsächlich viele, schon allein das Merkmal der Abgeschlossenheit, das Denken in Episoden, ist ein äußerst nützlicher menschlicher Mechanismus, um sich Geschehnisse besser zu merken. Diese Segmentierung, so Breithaupt, leiste eine Strukturierung von Lebensfluss und das Chaos werde in eine minimale Ordnung überführt. Und tatsächlich: Wer mehr segmentiert, wer öfter in abgeschlossenen Episoden denkt und erzählt, kann sich besser erinnern. So segmentieren Menschen etwa auch alltägliche Handlungssequenzen wie das Händewaschen in zahlreiche kleine Einzelhandlungen. In welchem Medium sich unser Bedürfnis nach Segmentierung wohl am stärksten im Zeitgeist widerspiegelt, dürfte, wie Breithaupt mit Augenzwinkern erwähnt, die Plattform TikTok sein, die auf Basis unmittelbar hintereinander gereihter, sehr kurzer Clips funktioniert.

Breithaupt hat mit seinem Buch »Das narrative Gehirn« eine kluge, zugängliche, stark auf kognitionswissenschaftlichen Methoden basierende Analyse geschrieben, die in ihrem Forschungszugang exemplarisch über Kulturtheoretisches hinausgeht. Er macht den Menschen des 21. Jahrhunderts, der stets auf der Suche nach Erzählbarem ist und dafür stets neue Ventile sucht, begreiflich und zelebriert wie nebenbei die reine Lust am Erzählen. Sein Erkläransatz ist einleuchtend und prägnant: Narrative sind nicht bloß, aber natürlich auch sinnstiftend, stärken die Moral und den Zusammenhalt, nein, sie bieten auch die Erfüllung von Fantasie und Wunschdenken. Sie lassen uns in Tagträumereien abdriften, die uns wiederum in unseren Wünschen und Perspektiven bestärken. Sie kultivieren Denk- und Lebensformen, lassen den Menschen in seiner »Multiversionalität« Alternativen zur eigenen Lebensführung erkennen, sie ermöglichen das Miterleben von Ereignissen und Emotionen und entwickeln Positionen zur Beobachtung sozialen Geschehens. Narrative in all ihren Vorkommen, ob nun wahr oder erfunden, öffnen uns also den Blick auf unser eigenes Leben, »trainieren« uns für die echte Welt, bilden uns auf soziale Weise und fördern die Empathie. Dabei unterscheidet Breithaupt nicht zwischen Narrativen unseres echten Lebens, etwa dem Tratschen über aufregende Neuigkeiten, und Narrativen aus der Literatur – einzig, und damit schlägt er durchaus eine Lanze für Letztere, eröffnet uns die Literatur womöglich kreativere Denkformen als der tägliche Klatsch. Immer wieder finden sich in seinem Buch Querverweise auf von ihm geschätzte Literat/innen. Ein Gros der gegenwärtigen Literatur etwa würde jeweils von dem getragen, was die Erzählstimmen ausklammern. Houellebecq, Rooney, Kehlmann: »Derartige Literatur macht ein starkes Angebot an ihre Leser, die Fäden des Erzählens weiterzuspinnen.« Ein schöner Gedanke.

Für das Experiment, das das Kernstück von Breithaupts Buch darstellt, ging der Forscher der Struktur von Nacherzählungen – und somit der Mündlichkeit – auf den Grund. Welche Komponenten waren und sind für die unterschiedlichen Formen der Weitererzählung nach dem »Stille-Post-Prinzip« ausschlaggebend? Wie pflanzen sich Erzählungen von Mensch zu Mensch fort? Seine These: Nicht allein die Kausalität bedingt eine korrekte Nacherzählung, sondern es ist die Emotion, die sie formt. Und er sollte recht behalten: In einem über mehrere Jahre hinweg andauernden Experiment ließ er Geschichten mit gewissen Grundemotionen wie Freude, Trauer, Überraschung weitererzählen, er beobachtete, inwiefern sie verändert wurden, und ließ sie am Anfang wie auch am Ende auf einer Emotionsskala bewerten. Wie erwartet wurden alle Geschichten bei der Weitergabe drastisch verkürzt: von Generation zu Generation etwa 30 %. Doch das Entscheidende: Bei aller Veränderung der Geschichte, bei allen hinzugedichteten und weggelassenen Details, die emotionale Wertigkeit blieb erhalten, ja intensivierte sich oft sogar noch – sie war der Leitfaden zur Rekonstruktion der jeweiligen Geschichte. Das beweist für den Germanisten und Wissenschaftler vor allem eines: Wir erzählen einander Geschichten der Emotionen wegen, sie sind ein Lustfaktor und vor allem ein Belohnungsfaktor. Antizipierte wie auch erlebte Emotionen veranlassen in unserem Gehirn eine Dopaminausschüttung, und das bei Weitem nicht nur bei positiven Emotionen. Sogenannte »Beobachter-fokussierte narrative Emotionen«, also solche, die für die Rezipient/innen belohnend wirken, sind etwa: Triumph, Genugtuung und Satisfaktion, Rührung, Erlösung, Staunen, Erschütterung, Neuheit und Überraschung, eine bestimmte Form der Erotik und Angeregtheit. »Viele Menschen tauchen glücklich in die Welt eines Buches ein, weil sie ahnen, dass sie am Ende mit einer emotionalen Beute entlassen werden. Ja, viele Menschen schauen einen Film oder eine Serienfolge ein zweites Mal, weil sie schon wissen, worauf es hinausläuft und wie sie sich fühlen werden.«

Es mag keine große Überraschung sein, dass Emotionen, das Austesten unserer selbst in Möglichkeitsräumen sowie das Einfühlen in narrativ zugängliche Figuren unser wesentlicher Antrieb sind, in Narrative einzutauchen. Vor allem für literarische Texte kann das Fazit Breithaupts bereichernd sein. Was halten wir für gute Literatur? Wie verhält sich Literatur zur Wirklichkeit? Zwei eng verknüpfte Fragen, denen einige Neuerscheinungen anhand von naher Textanalyse nachgehen. So ist etwa der Schriftsteller Thomas Hettche (»Herzfaden«) auf der Spur großer Literatur, in diesem Fall moderner: Er untersucht die zu ihrer Zeit jeweils avantgardistischen Texte »Das Erdbeben in Chili« von Heinrich von Kleist, Wilhelm Raabes »Zum wilden Mann« und Gottfried Benns »Gehirne«. Die »Verweigerung von Literatur«, wie er in seinem Vorwort schreibt, gehöre genuin zur Moderne: Das setzt er selbst gleich um, indem er in seinem Band die Originaltexte wie ein Band jeweils durch die Metatexte laufen lässt. Die Schönheit der Literatur, so sein Fazit aus der Einleitung, bestehe in ihrer immerwährenden Vergeblichkeit im Versuch, die Wirklichkeit abzubilden. »Wir konstruieren unsere Welt in Sprache und aus Sprache, aber zugleich gibt es die Welt, sprachlos, ohne uns. Wir können sie nicht erreichen und müssen es doch.«

Auf der Suche nach dem letzten Grund, nach dem »Urgrund«, der letzten Endes große Literatur so lesenswert macht, sind auch Anne Weber und Thomas Stangl in »Über gute und böse Literatur«. Das, was Schriftsteller/innen und ihr Geschriebenes verbindet, was es »authentisch« macht, um ein ihnen unliebsames Wort zu verwenden, benennen die beiden in ihrem anregenden Briefwechsel mit dem Bild eines »Fadens« zwischen Schreibendem und Geschriebenem einerseits und Geschriebenem und Leser/innen andererseits. Das »Fundament, ein ›Darunter‹, also ein dem Geschriebenen Vorausgehendes, gewissermaßen: ein Etwas unter der Form« kann zur Vibration gebracht werden, bring die Rezipient/innen in Schwingung. Doch was genau ist es, was ist dieses spielerische Leichte, das gute Literatur im Umgang mit der Wirklichkeit ausmacht? Der amerikanische Bestsellerautor George Saunders (»Lincoln im Bardo«) hat hier eine Antwort.

In seinem lange auf Deutsch ersehnten Werk »Bei Regen in einem Teich schwimmen« erklärt der an einer New Yorker Privatuniversität lehrende Autor »die Russen« zum perfekten Untersuchungsobjekt: Sie gäben, was gute Literatur anbelangt, schlichtweg besonders viel her. Zu diesem Schluss sei er in seiner jahrelangen Lehrtätigkeit nun gekommen. In den Kurzgeschichten Tschechows, Gogols, Turgenjews oder Tolstois spiegele sich auf unvergleichliche Weise im Kleinen, im Individuum, was in der Welt rundherum vorgehe – ein genialer Kniff, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen. Mit Saunders lassen sich nun in der Tat diese russischen Erzählungen auf besondere Weise erleben. Schritt für Schritt begleitet er uns durch die Lektüre, öffnet den lesenden Blick nicht nur für die Optimierung des Leseerlebnisses, sondern auch ganz im Sinne angehender Autor/innen. Vor allem die erste Erzählung »Auf dem Wagen« von Anton Tschechow, die Saunders ausnahmsweise seitenweise für seine bereichernden Zwischenrufe unterbricht, begeistert. Immer wieder fragt Saunders nach unserer Erwartungshaltung bei der Lektüre, ja er führt genial vor Augen, wie Tschechow großmeisterlich damit spielt, wie er Narrative, so wie wir sie kennen und lesen wollen, erst enttäuscht und schließlich von innen aufbricht und neu zusammensetzt. Denn unser lesendes Bewusstsein eilt immer ungeduldig voraus und hat mehr begriffen, als wir es für möglich halten.

Tschechows Geschichte handelt von einer Kutschenfahrt der Lehrerin Marija Wassiljewna, auf der von außen betrachtet nicht viel passiert. Doch aufgrund der geschickten Perspektive, nämlich den Einblick in das Innenleben der einsamen Frau, wird durch das klug eingesetzte Streuen von Hoffnung den Lesenden der kurzzeitige Eindruck vermittelt, Marijas Leben könnte sich zum Positiven wenden und ihre Einsamkeit ein Ende finden – doch die Enttäuschung am Ende der Geschichte verstärkt dadurch erst das eigentliche Gefühl der Einsamkeit. Großartig, wie Saunders unsere Variationen der Wirklichkeit mit der »Banalitätsvermeidung« großer Literatur zusammenführt. Dabei belehrt er nie, er zeigt bloß.

Narrative sind zurzeit etwas in Verruf geraten. Nur allzu leichtfertig wird der Begriff mit »Fake News«, Polarisierung und Extremismus in Verbindung gebracht, so Breithaupt.

Dabei leistet das narrative Denken so einiges für den Menschen: Nicht nur gewinnen wir mittels episodischem Denken Stabilität und Ordnung in unserer immer komplexer werdenden Welt. An ihnen üben wir auch unser Denken in Möglichkeitsräumen, wir erproben uns an der Wirklichkeit, trainieren Empathie und sehen Versionen unseres eigenen Lebens deutlicher vor Augen. Wenn Saunders uns die Lektüre der »Russen« schmackhaft macht, dann deshalb, weil er unseren Blick auf den vibrierenden Faden zwischen Wirklichkeit und Literatur lenken will. Ähnlich befriedigend wie das Nachvollziehen literarischer Narrative ist auch das Finden einer eigenen narrativen Identität. So schmunzelt Fritz Breithaupt als Fazit seines Buches: »Narratives Denken kann glücklich machen!«