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Fair, Fair away


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Soul Sister - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 31.08.2022

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Bildquelle: Soul Sister, Ausgabe 3/2022

Die grünste aller Reisen führt nicht in die Ferne, keine 10 000 Kilometer weit weg. Sie dauert keine 3 bis 6 Wochen, braucht kein Flugzeug, keinen Zug, noch nicht mal ein Auto. Die grünste aller Reisen beginnt an der eigenen Haustür. Sich einfach die Schuhe anziehen, losgehen und die nächste Nähe als größte Weite erleben kann vielfältig, unterhaltsam und spannend sein. Es ist doch so: Die Gegend um die eigene Wohnung kennen wir oft weniger gut als ferne Länder. Ferne birgt jedoch immer auch ein Versprechen: das andere, die Abwechslung, vielleicht sogar – obwohl davon bei den meisten Reisen heute nicht mehr die Rede sein kann – das Abenteuer. Ansichtssache. Und eher eine Frage der inneren Haltung: ob wir bereit sind, uns auf Neues einzulassen, dem vermeintlich Bekannten anders zu begegnen und uns so bei einem zweistündigen Spaziergang im eigenen Viertel weiter weg zu fühlen vom ...

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... Alltag, als irgendeine Flugreise das schaffen könnte. Die Frage „Was ist Reisen?“ hat der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Anatole France bereits zu Zeiten gestellt, als es weder Pauschalurlaub noch All-inclusive-Hotels gab: „Ein Ortswechsel? Keineswegs! Beim Reisen wechselt man seine Meinungen und Vorurteile.“ Also los, mache dich auf und entdecke deine Welt!

wohin geht die reise?

Sich auf Entdeckungstour zu begeben geht in Augsburg so gut wie in Albanien und im Harz nicht weniger als in Honduras. „Die weitesten Reisen“, meinte der polnisch-britische Schriftsteller Joseph Conrad dazu, „unternimmt man mit dem Kopf.“ Klar, wir alle sehnen uns nach neuen Eindrücken und möchten einfach mal raus – im Meer baden, auf Bergen wandern oder die Denkmale der Welt mit eigenen Augen sehen. Und das ist selbstverständlich erlaubt! Trotzdem lohnt es sich, achtsam zu sein und abzuwägen, ob es wirklich mehrmals im Jahr eine Fernreise ans andere Ende der Welt sein muss. Oder ob man eine Mischung aus nah und fern finden kann. Denn der Massentourismus bringt den Planeten an die Belastungsgrenze, so viel ist klar. Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger brachte das 1958 in einem Essay auf den Punkt: „Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet.“ Die unberührten Fleckchen Natur, die Geheimtipps, die man sich so schön vorstellt, werden knapp. Das gilt heute mehr als gegen Ende der 1950er, als jährlich um die 30 Millionen Reisen weltweit verzeichnet wurden. Derzeit sind es um die 1,5 Milliarden, und bis 2030 sagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sogar eine Verdopplung voraus. Der Massentourismus ist zu einer der wichtigsten Industrien des Jahrhunderts geworden. Daran hat auch die Pandemie nichts geändert.

In Deutschland erbringt die Reisebranche pro Jahr eine Bruttowertschöpfung, die der tourismuspolitische Bericht der Bundesregierung auf knapp 100 Milliarden Euro beziffert. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen entstehen aber auch etwa 5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen direkt durch den Tourismus – das sind Jahr für Jahr mehr als eine Milliarde Tonnen. Andere Quellen, etwa eine groß angelegte australische Studie, gehen sogar von 8 Prozent aus. Davon entfallen 40 Prozent auf Flugreisen und 32 Prozent auf den Autoverkehr, 21 Prozent auf die Unterkünfte und 3 Prozent auf die Reisen mit Bus und Bahn.

wie vielfältig ist die Belastung?

Die Entfernung zum Reiseziel und die Wahl des Verkehrsmittels haben einen enormen Einfluss auf die CO2-Bilanz. Ein Flug von Deutschland auf die Kanaren und zurück hat einen Ausstoß von ungefähr 1800 Kilogramm CO2 zur Folge. Pro Person, wohlgemerkt. Ein voll besetzter Mittelklassewagen könnte einmal um die ganze Welt fahren, ohne dabei mehr Kohlendioxid auszustoßen. Hinzu kommen weitere Effekte des Verkehrs auf Umwelt und Klima. Geht man wie der Weltklimarat der Vereinten Nationen davon aus, dass diese etwa 2- bis 5-mal höher liegen als die alleinige Wirkung des ausgestoßenen CO2, wird deutlich, dass Massentourismus für die Gesundheit des Planeten verheerende Auswirkungen hat. Die Belastungen sind vielfältig und beschränken sich nicht allein auf den Ausstoß von Treibhausgasen: Bausünden, Verkehrs-Overkill, Vernichtung von Natur, Berge von Müll (auf den Malediven werden 140 Tonnen an einem einzigen Tag produziert), Lärm, Ausbeutung von Arbeitskräften, Verzerrung sozialer und ökonomischer Gefüge vor Ort sowie nicht zuletzt die Zerstörung von Kulturgütern, wenn zum Beispiel Tempelanlagen der Vielzahl an Besuchern nicht standhalten können oder Landschaften durch Safaris kaputt gefahren werden. Es ist extrem schweres Gepäck, das der internationale Tourismus mit sich schleppt, und wir alle haben lange unseren Teil mit in diesen Koffer gepackt. Der fällt uns, wenn sich nicht schnell eine Menge ändert, bald auf die Füße.

welche arten zu reisen gibt Es?

Die Reisebranche steht am Scheideweg. Zwar müssen wir unsere Reisegewohnheiten nicht auf Spaziergänge um den Block reduzieren, allerdings müssen wir uns bemühen, anders zu reisen. Sich als Weltbürgerin zu verstehen heißt eben nicht, dass einem die ganze Welt gehört und man sich wie und wo auch immer bedienen kann. Es bedeutet, dass man eine Verantwortung für diese Welt hat und sich in ihr so bewegt, dass unser Vergnügen nicht notwendig Schaden für andere mit sich bringt.

Auch als ein Kriterium für Urlaubsqualität gewinnt dies mehr und mehr an Bedeutung, es wiegt oft schon schwerer als Urlaubsbräune oder ausufernde Badelandschaften. So gaben in der Umfrage einer Buchungsplattform etwa 81 Prozent der Reisewilligen an, sie würden im nächsten Jahr in einer nachhaltigen Unterkunft Urlaub machen wollen. Fast die Hälfte bemängelte allerdings, es gebe nicht genügend nachhaltige Angebote. Immerhin: Google hat festgestellt, dass sich die Anzahl der Suchen nach Öko-Hotels innerhalb des vergangenen Jahres verdoppelt hat. Deswegen führte die Suchmaschine ein Informations- und Kennzeichnungssystem ein, das es den Nutzern leichter machen soll, die Umwelteinflüsse ihrer Reisen zu kontrollieren. Flüge werden nach ihren CO2-Emissionen eingestuft, und Unterkünfte, die von einer unabhängigen Organisation zertifiziert wurden, werden neben einem entsprechenden Icon auch mit einer Liste versehen, die genau aufführt, wie sehr sich eine Unterkunft um Nachhaltigkeit und Umwelt verdient macht. „Wir sehen deutlich, dass das Interesse an Nachhaltigkeit steigt“, sagt Andrea Nicholas von der Zertifizierungsinstitution Green Tourism im schottischen Edinburgh. „Es entwickelt sich zu einem Must-have.“

Sich als Weltbürgerin zu verstehen heißt nicht, dass einem die Welt gehört. Sondern dass wir für ihren Schutz verantwortlich sind

Sich um die Nachhaltigkeit Gedanken zu machen heiße allerdings nicht, dass man auf seinen Urlaub komplett verzichten müsse, erklärt Justin Francis, Geschäftsführer von Responsible Travel, einem nachhaltigen britischen Reiseunternehmen. Aber was heißt es dann? Kurz und knapp ließe es sich etwa mit dem großen Schriftsteller Theodor Fontane auf den Punkt bringen: „Wer reisen will, muss zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen.“ Etwas weniger romantisierend ließe sich der nachhaltige, grüne Tourismus beschreiben als ein Sammelbegriff für mehr Verantwortungsbewusstsein unterwegs, für eine Art zu reisen, die nicht nur auf unsere Erholung bedacht ist und die nicht nur unser Wohl fördert, sondern auch das anderer und das der Umwelt. Anders ausgedrückt geht es darum, die negativen Folgen des Reisens zu minimieren, seien sie ökonomischer, ökologischer, kultureller oder sozialer Art. Das klingt dramatischer, als es ist, und führt im besten Fall dazu, dass eine verantwortungsvoll geplante Reise einen Beitrag leistet, um natürliches, soziales und kulturelles Erbe zu bewahren und somit zu mehr Vielseitigkeit beizutragen. Was auch für uns Reisende eine bereichernde Erfahrung ist, weil es uns zu einem besseren Verständnis der Verhältnisse vor Ort und einer tieferen Verbindung mit diesen verhilft.

Hat sich deine Haltung geändert?

Dieses Verhalten äußert sich nicht unbedingt in dramatischen Gesten, sondern ist Gegenstand einiger grundlegender, aber auch vieler kleiner Entscheidungen. Dazu gehört zum Beispiel bei Flugreisen, dass man sich Gedanken macht, mit welcher Airline man unterwegs sein möchte und ob es wirklich immer der Billigflug sein muss. Besser wäre, eine Airline mit möglichst neuen Maschinen zu wählen und die CO2-Emissionen unseres Trips über eine Organisation wie Atmosfair zu kompensieren. Wir können eine kleine Unterkunft beziehen, ein Gästezimmer, ein B&B, und wenn es doch ein Hotel sein soll, dann ein von unabhängiger Seite entsprechend zertifiziertes. Außerdem kann man die All-inclusive-Resorts, die internationale Ketten in die erste Reihe hinter den Strand betoniert haben, bei der nächsten Reise durch eine dieser Alternativen ersetzen, da bei diesen der Umgang mit Ressourcen und Mitarbeitern in vielen Fällen besser ist. Und wir können schon mit ganz kleinen Veränderungen starten: eine eigene Wasserflasche mitnehmen, statt immer wieder Wegwerfflaschen aus Plastik zu kaufen. Klingt nach einer Petitesse? Auf keinen Fall! Schließ lich landen rund 34 000 Plastikflaschen pro Minute im Mittelmeer. Hier zählt der Beitrag jedes Einzelnen. Zudem können wir uns bemühen, individuell auf Entdeckungstouren zu gehen, statt in der geführten Reisegruppe Klischee-Erlebnisse zu konsumieren. Uns dafür entscheiden, uns unterwegs bei lokalen Anbietern zu versorgen, frische Waren auf einem Markt einzukaufen und abends dort essen zu gehen, wo es auch die Einheimischen hinzieht. Und wir können uns schon im Vorfeld über Gepflogenheiten und Sitten im Gastland informieren, denn das hilft uns, wie ein guter Gast rücksichts- und respektvoll aufzutreten – und nicht so wie manch ignoranter Touri, der neben einem am Strand liegt und immer wieder so tut, als würde die Welt ihm allein gehören.

Tipps fürs grüne Reisen

So lassen sich Fernweh und Fairness ab sofort besser miteinander vereinbaren

1. Urlaubsziel Wähle es sorgsam aus. Man muss nicht weit weg reisen, um viel erleben zu können. Und wenn es weit weg gehen soll, gibt es Regionen und Länder, die besonders zu empfehlen sind. In Namibia etwa ist Naturschutz Bestandteil der Verfassung. Costa Rica macht von sich reden mit dem Ziel, das erste klimaneutrale Land der Welt werden zu wollen.

2. Reiseveranstalter Informiere dich über Anbieter, die neben dem Klimaschutz auf ökonomische und soziale Verhältnisse vor Ort achten. Das TourCert-Siegel ist dafür ein vertrauenswürdiger Anhaltspunkt, es bescheinigt Tourismusanbietern Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Handeln. Hier etwa findest du TourCert-Anbieter:

3. Transportmittel Sammle Infos, wie du am Reiseziel mobil bleibst. Fortbewegungsmittel der Zukunft sind etwa Walking Area BEVs: Elektrofahrzeuge für den Fußgängerbereich, die den Menschen vor allem in Innenstädten die letzten Meter bis an ihr Ziel erleichtern. Mehr dazu erfährst du im Internet unter startyourimpossible/walking-area-bevfamily. Auch top: Apps für Shared Mobility, die weltweit die Verfügbarkeit von Fortbewegungsmitteln anzeigen.

4. Ökologischer Fußabdruck Gleiche deine Umweltbelastungen aus. Non-Profit-Organisationen wie Atmosfair, Myclimate oder Greenmiles helfen dabei. Indem du einen finanziellen Beitrag zu Klimaschutzprojekten leistest, kannst du die CO2-Emissionen deines Fluges kompensieren. Ausgleichsprojekte, die nach Verified Carbon Standard (VCS), Gold Standard (GS) oder Clean Development Mechanism (CDM) der Vereinten Nationen zertifiziert wurden, gelten als vertrauenswürdig.

Reisen bedeutet, sich selbst anders zu erleben und vielleicht sogar als ein anderer Mensch nach Hause zu kommen

5. Unterkunft Wähle sie mit Bedacht. Mit jedem Stern mehr steigt der durchschnittliche CO2-Ausstoß pro Gast. Darf es also stattdessen ein Bio-Hotel sein? Entsprechende Unterkünfte findest du unter www. . Inhabergeführte Hotels und Pensionen sind großen Ketten vorzuziehen, so bleibt das Geld in der Region.

6. Gepäck Nimm weniger mit. Packing Light hat sich schon zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Ins Gewicht fällt das bei Flugreisen. Aber auch im Auto macht es einen Unterschied, ob sich das Gepäck auf ein paar wenige Teile beschränkt oder den ganzen Kofferraum verstopft. Jedes zusätzliche Kilo kostet Kraftstoff.

7. Shopping Kauf auch im Urlaub regional. Das ist umweltverträglicher und stärkt die kleinen lokalen Anbieter. Alteingesessene Läden zu besuchen oder über einen Markt zu bummeln ist unterhaltsamer als der globalisierte Shopping-Terror in klimatisierten Malls.

8. Entfernung Das Gute liegt meist nah. Es ist ein Mythos, dass der Reiz der Reise mit der Distanz zunimmt. Im Umkreis von 100 Kilometern um den Wohnort gibt’s oft mehr Neues zu entdecken, als dir die immer gleichen Destinationen von Pauschalreisen bieten können.

was bringt die Zukunft?

Nachhaltiger Tourismus schließt also umweltverträgliches Reisen ein, ist als Begriff aber viel weiter zu fassen. Und so gelangt man zu den Fragen, die ganz am Anfang allen Reisens stehen: Warum verreisen wir überhaupt? Was versprechen wir uns vom Anderswo? Treiben uns Neugier und Fernweh in die Fremde? Soll es, wohin wir reisen, überhaupt fremd sein? Und ist es nicht der Reiz einer jeden Reise, sich selbst im anderen anders zu erleben und vielleicht sogar als ein anderer Mensch nach Hause zurückzukommen?

Zugegeben, das sind ganz schön hohe Erwartungen. Und nicht jede Reise muss diese Erwartungen erfüllen. Manchmal möchte man einfach einen kleinen Tapetenwechsel, eine Flucht aus dem Alltag. Gutes Wetter, gutes Essen und Urlaubsbräune. Und statt immer auf Zwang den Horizont zu erweitern, sehen wir auch gern einfach mal dabei zu, wie die Sonne am Horizont im Meer versinkt. Unsere Seele braucht Erholung, und wie die aussieht, kann jeder ganz individuell für sich entscheiden. Aber wenn wir alle uns über unseren Urlaub mehr Gedanken machen, steigen die Chancen erheblich, mit unseren Reisen nicht nur tolle Erlebnisse und Erinnerungen für uns zu schaffen, sondern auch dazu beizutragen, den Tourismus umwelt- und sozialgerechter zu gestalten. Und letztlich unseren Planeten mit all seinen einzigartigen, wundervollen Ecken zu schützen. In diesem Sinne: Schönen Urlaub – für uns alle!