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Faith ART & LOVE


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L Officiel Austria - epaper ⋅ Ausgabe 14/2022 vom 01.06.2022
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Bildquelle: L Officiel Austria, Ausgabe 14/2022

Natalia wendet verschiedene Techniken an und schafft Grafiken, Malerei, Installationen, Skulpturen, Videos und Street Art. In ihrer Kunst verschmelzen orthodoxe Symbole und nationale Bildsprache mit ihren persönlichen Bildzeichen.

Ich bewundere Ihre Kunst schon seit langem und ich folge Ihnen in den sozialen Medien, seit Sie die Schule abgeschlossen haben. Es ist wirklich faszinierend, wie Sie sich als Künstler und Ihre Werke verändert haben. Ich freue mich sehr, dass ich die Gelegenheit habe, mit Ihnen ein umfassendes und ehrliches Gespräch über Kunst und Liebe zu führen. Sagen Sie bitte, hat sich Ihre Wahrnehmung von Kreativität im Laufe der Zeit verändert? Ich zeichne schon, seit ich denken kann. Ich wurde auch von meiner Mutter, einer Künstlerin, dazu ermutigt. Anfangs war es (wie mir meine Psychotherapeutin erklärte) eine Möglichkeit, mich zu beruhigen und wenigstens etwas in meinem Leben zu kontrollieren und mich nicht einsam zu fühlen.

Dann gab es eine Periode der Selbstüberwindung: Der Prozess des Zeichnenlernens war wie Eroberung von Berggipfeln oder Lösung von geometrischen Aufgaben. Danach ging es um die völlige ...

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... Freiheit des Undergrounds. Jetzt ist Kreativität für mich gleichbedeutend mit Verantwortung. Reinheit der Seele und der Gedanken. Die Digitalisierung des metaphysischen Kämpfens und der Schöpfung in die reale Welt – NTSHSH (NTSHSH Alter Ego des Künstlers).

Was ist ein Künstler?

Die Inspiration kommt von einem Ikonenmaler. Im Gegensatz zu einem Künstler wird ein Ikonenmaler traditionell nicht als Autor einer bestimmten Zeichnung betrachtet, sondern nur als Vermittler der göttlichen Wahrheit. Ich finde das perfekt.

Es geht um die Vorbereitung für die Arbeit in Form eines Gebets (Eintreten in einen ruhigen Zustand), Zurückhaltung und Reinheit des Bewusstseins im Allgemeinen. Zeichnen für die Suche nach der Wahrheit, sowohl nicht für sich selbst als auch für sich selbst. Ein Künstler ist jemand, der mit der Ewigkeit sprechen kann.

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Orthodoxe Themen und Symbole lassen sich in Ihren Werken oft nachvollziehen. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben?

Eine große. Die Entscheidung für die Orthodoxie fiel bei mir im Alter von 12 Jahren nach meiner ersten Bekanntschaft mit einem „bösen Geist“. Das erschreckte mich so sehr, dass ich dringend Schutz brauchte. So fand ich zu Hause ein Gebetbuch und lernte das Vaterunser.

Obwohl ich getauft worden war, ging niemand in der Familie regelmäßig zur Kirche. Ich bat meine Mutter, mich dort hinzubringen. Die Gestaltung des Tempels hat mich tief beeindruckt – es gibt dort viele Bilder in verschiedenen Größen, die zusammen wie ein bemaltes Schmuckkästchen wirken.

Eines meiner „Spielzeuge“ in der Kindheit war neben Pikachu eine Ikone, auf der Christus die Kinder segnet (ich liebte es, sie anzuschauen und mit ihr zu sprechen).

Am Anfang war Religion nicht mein Lebensstil; ich schämte mich, weil ich ausgelacht wurde. Außerdem sah ich in der Kirche niemanden in meinem Alter. Im Alter von 18 Jahren habe ich mich vom Glauben abgewandt und im Untergrund gelebt – Hip-Hop, Graffiti, Techno, Hausbesetzungen, ich lebte in einem Atelier in einer stillgelegten sowjetischen Militärfabrik, weil ich mein Zuhause verließ; ich malte auf Müllgegenstände... Ich habe also eine Menge durchgemacht. Mit meinem spirituellen Leben ging es hin und her... Aber im Alter von 22 Jahren habe ich endgültig begriffen, dass der Glaube für mich wesentlich ist; er ist die Grundlage meiner inneren Welt und damit auch meiner Kunst.

Ferner ich habe meine Ausbildung als Künstlerin des russischen Volkshandwerks (das von der Ikonenmalerei herstammt). Im Übrigen ist die Ikonenmalerei die Grundlage der russischen Kunst, und sie ist sehr wichtig für mich. Vor kurzem fand ich heraus, dass einige meiner Vorfahren Altgläubige aus dem Ural waren. Jetzt werde ich ihre Lebensweise und Kultur studieren, denn sie unterscheidet sich sehr von der russisch-orthodoxen Kirche, da sie sehr archaisch ist.

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Ich glaube, dass Ihre Einblicke in den Lebensstil und die Kultur der Altgläubigen den fruchtbaren Boden für Ihre zukünftigen Kunstwerke bereiten werden. Was inspiriert Sie grundsätzlich bei Ihrer Arbeit?

Die Geschichte, das Leben, die Suche. Ich höre Musik – sie inspiriert mich; ich lese und studiere – ich habe bereits etwas, an dem ich arbeiten kann. Nur das gibt mir die Gesundheit meiner Seele.

Sind Sie der Meinung, dass die Kunst auch brennende Themen behandeln sollte?

Ja und nein. Wenn es zum Beispiel ein Problem in der Gesellschaft gibt, muss es behandelt werden – die Arbeit als „das Gewissen“ ist sehr wichtig.

Ich sehe die dringende Notwendigkeit, jetzt an den Themen der Dekolonisierung Russlands zu arbeiten und daran, wie man das kollektive Trauma heilen kann, das die Menschen verrückt gemacht hat. Aber das ist ein schwieriges und grausames Gespräch.

Aber egal, wie man es betrachtet, das Hauptproblem ist immer ein Mensch. Ich frage mich also: Was ist mit uns los? Schließlich ist die Natur jenseits von Gut und Böse. Alles auf der Erde ist bereits geschehen, und wir bewegen uns nur im Kreis unserer Leidenschaften.

Sie sind im März aus Russland ausgezogen und haben alles zurückgelassen: Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihr Haus und sogar Ihre Kunstwerke. Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?

Der Rubikon wurde für meinen Mann und mich schon vor langer Zeit überschritten. Wir planten, nach Paris zu ziehen – wir haben uns auf verschiedene Wohnsitze vorbereitet und Französisch gelernt. Also machen wir im Moment einfach alles im Schnellmodus.

Selbstverständlich wird meine Kunst radikaler werden, denn ich fühle die Verantwortung. Da ich es geschafft habe, ausreisen zu können, muss ich ein Sprachrohr sein, ohne Angst zu haben, für diejenigen zu sprechen, die zum Schweigen gezwungen sind.

Ich hatte immer Angst, mich in scharfe, offene politische Diskussionen einzuschalten, weil es nicht ungefährlich war. Ich habe einige radikalere Werke, aber ich habe sie nicht im Internet veröffentlicht. Jetzt kann meine Kunst den Krieg nicht mehr ignorieren. Es ist der Krieg meiner Generation – und wir müssen den bösen Drachen, der die Herzen der Menschen gefressen hat, besiegen.

Wie sehen Sie unsere Welt in der Zukunft?

Ich glaube nicht, dass sich die Welt prinzipiell verändern kann. Es gibt Gesetze des Universums. Es wird immer Gut und Böse geben und deren Kampf im Herzen der Menschen. Aber was mit Russland geschehen wird – ich habe Angst, überhaupt darüber nachzudenken.

Unsere Welt braucht derzeit dringend Liebe (das war allerdings schon immer so). Was bedeutet Liebe für Sie?

Das altgriechische Konzept der „Liebe liegt“ mir sehr am Herzen. Es gibt vier Wörter für verschiedene Arten der Liebe: Agape, Eros, Storge und Philia. Die Liebe ist viel komplizierter als ein Wort. So wie die Liebe zu einem Ehemann nicht mit der Liebe zu einer Mutter verglichen werden kann. Ich nehme alles durch die Brille der Liebe im Sinne des christlichen Absoluten wahr und nicht der Liebe im Sinne des Begehrens.

Ist es möglich, Liebe zu lehren?

Auch hier kommt es auf die Art der Liebe an. Aber die Liebe ist definitiv jenseitig – sie ist ein Geschenk. Sie muss gesucht und geschätzt werden. Es ist auch wichtig, dass ich tiefes Mitgefühl mit den Menschen in der Ukraine habe. Als ich die schrecklichen Nachrichten hörte, gab es keinen Zweifel daran, dass es sich um einen echten Krieg handelt. Es ist eine furchtbare Tragödie und ein Horror. Auch die Tatsache, dass am orthodoxen Osterfest niemand einen bombenfreien Tag verkündet hat, ist unmoralisch und wird tief in meiner Seele eingeprägt.