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GRÜN-BLAUE PROJEKTE


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TASPO GARTEN-DESIGN - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 09.09.2022
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Rotterdam: Der vormals wenig genutzte und oft überschwemmte Platz Benthemplein verwandelte sich durch Vertiefungen und eine geschickte Dreiteilung in ein gern besuchtes und vielseitig genutztes Zentrum des Rotterdamer Stadtquartiers.

Gärten und Parks, kleine Teiche, Brunnen, Wasserläufe und Wasserspiele waren einst wichtige Gestaltungselemente von Städten. Für die Klimaanpassung gewinnen sie nun in neuen Formen wieder an Bedeutung – die ersten Städte machen vor, wie der Umbau gelingen kann.

Eine 2019 veröffentlichte Umfrage des Deutschen Bundesumweltamtes (UBA) unter deutschen Städten und Gemeinden ergab, dass 81 % der kontaktierten Kommunen und Landkreise in den vergangenen zehn Jahren von den negativen Folgen des Klimawandels betroffen waren. Maßnahmen zur Klimaanpassung scheinen dennoch erst jetzt richtig Fahrt aufzunehmen: Der UBA-Umfrage zufolge liegt zwar in 40 % der deutschen Kommunen eine politische Entscheidung zur Bearbeitung des Themas vor; aber nur 27 % geben an, es gebe bereits einen Beschluss zur Umsetzung der Strategien.

Am weitestgehendsten findet die Anpassung in der Bauleitplanung Berücksichtigung, denn der ...

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... Umbau bereits bestehender Quartiere ist wesentlich aufwendiger zu bewerkstelligen als die Planung von Neubaugebieten. Grün-blaue Infrastrukturen, bereits in der Planungsphase gemeinsam gedacht, bieten ökologische Nischen mitten in der Stadt; sie verbessern Mikroklima und Wohnqualität und schützen Menschen und Infrastrukturen vor Extremwetter.

TORNESCH AM SEE

Ein Beispiel dafür ist das 36 Hektar große, neue Siedlungsgebiet „Tornesch am See“ der Stadt Tornesch in Schleswig-Holstein. Das beauftragte Planungsbüro war die Firma Polyplan Kreikenbaum GmbH, die in Bremen, Berlin und Warschau Niederlassungen unterhält und einen Schwerpunkt auf Naturbäder, Seen und Aquakultur legt. Als Herzstück des neuen Wohngebietes plante das Team einen 5.000 Quadratmeter großen und 6,5 Meter tiefen See mit flachem Uferbereich, ein Sandareal und Wasserspielplatz sowie einen ausgedehnten Grüngürtel rund um den See. Erholung bieten zudem eine Parkanlage mit Wildblumen, eine Streuostwiese, ein naturnaher Abenteuerspielplatz, diverse Sitzecken und Fitnesspfade.

Im September 2020 begannen die Bauarbeiten für das vom Sozialausschuss nach der Flurbenennung „Lüttensee“ getaufte Gewässer. Bis zum Ende der Bauarbeiten, unter anderem an der Seeterrasse und am Mehrgenerationenplatz, ist das Seeumfeld noch nicht direkt über einen öffentlichen Zugang zu erreichen. Der See ist trotzdem bereits jetzt das Glanzstück der neuen Siedlung, denn befüllt wurde er schon vor einem Jahr mit Wasser aus einem nahegelegenen Regenrückhaltebecken. Als Badegewässer ist der See nicht konzipiert, dafür selbst als Rückhaltebecken, gespeist durch Regenwasser von den Dächern der umliegenden Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie durch Oberflächenwasser aus Gräben und Mulden in den angrenzenden Grünanlagen. Für ein biologisches Gleichgewicht und eine anhaltend gute Wasserqualität sorgen zwei große Filterpumpen, ausgewählte Wasser- und Uferpflanzen und ein spezieller Fischbesatz.

SKATEN IN ROTTERDAM

Ungleich schwerer zu planen als der Lüttensee war die Umgestaltung des Benthemplein-Platzes in Rotterdam: Der vormals vernachlässigte, wenig genutzte und immer wieder überschwemmte Platz mitten in der verdichteten Stadt wurde nach einem Umbau 2013 neu eröffnet. Die Lösung des niederländischen Landschaftsarchitekturbüros „De Urbanisten“ lag in einer multifunktionalen Nutzung des öffentlichen Raumes, womit die Firma damals weltweite Aufmerksamkeit erzielte.

Das Team von „De Urbanisten“ machte aus der Not eine Tugend und das Wasser selbst zum Erlebnis- und Gestaltungselement: Der Benthemplein-Platz verwandelte sich in einen riesigen Sportplatz, der temporär als Regenrückhaltebecken dient. Die meiste Zeit ist der Platz trocken – dann steht er den Jugendlichen der Umgebung wahlweise als Amphitheater, als Fußball-, Volleyball- und Basketballplatz oder auch als Skaterbahn zur Verfügung. Ein Open-Air-Taufbecken neben einer Kirche, diverse Bäume, hohe Gräser und Blumen sorgen für Atmosphäre und dafür, dass der heutige „Watersquare Benthemplein“ zur guten Stube des Stadtquartiers geworden ist.

Ermöglicht wurde diese vielseitige Nutzung durch eine Dreiteilung des Platzes in zwei flachere und ein tiefes Becken, in die sich bei Regen das Wasser aus der Umgebung ergießt: Zunächst füllen sich die beiden flacheren Becken, nur bei Dauerregen flutet das Wasser bis hinunter ins tiefere Bassin. Dabei fließt es nicht versteckt unter der Erde, sondern wird gesammelt, strömt oberirdisch durch offene Edelstahlrinnen, ergießt sich über eine Wand und rinnt Treppen hinunter, spritzt und sprudelt aus diversen Wasserfällen und bietet den Bewohnern gerade bei schlechtestem Wetter ein sehenswertes Spektakel. 1,7 Millionen Liter Wasser können so zwischengespeichert werden; nach Regenende verlässt es den Platz mit Hilfe von Pumpen in den nahen Noordsingel-Kanal, ohne die Rotterdamer Kanalisation zu belasten.

SCHWIMMENDE INSELN

Zu den Städten, in denen die Menschen am und mit dem Wasser leben, gehört auch Kopenhagen. Der australische Architekt Marshall Blecher und der dänische Designer Magnus Maarbjerg haben sich bei ihrer von der Stadt geförderten Non-Profit-Initiative Mast dem Kontakt zwischen Menschen und Wasser, Stadt und Natur verschrieben: „Copenhagen Islands“ heißt ihr Projekt, bei dem schwimmende Inseln öffentliche Räume auf dem Wasser und neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere schaffen sollen.

Der Prototyp einer solchen Insel entstand 2018 in traditioneller Bootsbauweise aus nachhaltigen und recycelten Materialien. Die 25 m² große, schwimmende Insel ging an verschiedenen Orten im dicht bebauten Hafen Kopenhagens vor Anker und wurde für Ausstellungen, Vorträge und Picknicks genutzt. Wenn alles so läuft wie geplant, wird 2023 die nächste Insel zu Wasser gelassen und der Hafen vielleicht in Zukunft einen „Parcipelago“ beherbergen, wie Magnus Maarbjerg die Ansammlung vieler mehrerer kleinen Grünoasen auf dem Wasser nennt. Ein „Parcipelago“ ist möglich, weil die Inseln in Modulbauweise konstruiert sind und darum überall am Hafenboden verankert und bei größeren Veranstaltungen auch aneinander andocken und zu einem einzigen, großen schwimmenden Garten verschmelzen können. Die Prototyp-Insel beherbergte nur einen Baum zur Beschattung – für die künftigen Inseln ist eine Bepflanzung mit weiteren einheimischen Pflanzen vorgesehen, die Raum für Vögel und Insekten bieten. An der Unterseite der künstlichen Inseln können sich ebenfalls Pflanzen ansiedeln, die wiederum Schutzorte für Meerestiere sind.

BERLINS BLAUE PERLEN

Große Städte wie Kopenhagen und Rotterdam verfügen über mehr Ressourcen als kleinere, und so sind die großen generell aktiver, sowohl was den Klimaschutz anbelangt als auch die Klima-Anpassungsmaßnahmen. Das ist das Ergebnis eines 2021 veröffentlichten Rankings des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner und der Universität Potsdam unter bundesdeutschen Städten und Kommunen. Den ersten Platz erzielte dabei Berlin.

Laut der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Umweltschutz (SenUMVK) ist im Berliner Raum die durchschnittliche Jahresmitteltemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 um zirka 1,3 Grad Celsius angestiegen. Mit einer Durchschnittstemperatur von 11,4 Grad Celsius war Berlin im Jahr 2020 das mit Abstand wärmste Bundesland. Dabei ist Berlin laut SenUMVK eine Wasserstadt: Nehme man alle Flächen, die das Wasser innerhalb der Stadt bildet, zusammen, dann seien dies immerhin 6,6 Prozent der Berliner Gesamtfläche mit beachtlichen 58,9 km².

Was also liegt näher, als die bislang zum Teil sträflich vernachlässigten Wasserlandschaften aufzuwerten und damit erstens die Wohnqualität zu steigern, zweitens die Klimaresilienz zu stärken und drittens solche Projekte in das gesamtstädtische Kompensationsmanagement einzugliedern, in dessen Rahmen die Ausgleichsmaßnahmen für große Bauvorhaben vorgezogen werden, um den Bauprozess zu beschleunigen?

Laut der Stiftung Naturschutz Berlin hat fehlender Regen in den vergangenen Jahren in Berliner Teichen, kleinen Seen, Pfuhlen, Weihern und Tümpeln zu starkem Wassermangel geführt. Um die Belastungen zu reduzieren, werden im Rahmen des Berliner Ökokontos unter der Überschrift „Blaue Perlen für Berlin“ Maßnahmen geplant, mit denen kleine Fließgewässer und stehende Gewässer als wesentliche Biotopverbundelemente wassergeprägter Lebensräume ökologisch aufgewertet werden. Die verbesserten Gewässer dienen dem Amphibienschutz, sollen aber auch für Erholungssuchende erlebbar sein.

Anhand zweier Pilotprojekte – dem Gewässerkomplex Schleipfuhl/Feldweiher in Marzahn-Hellersdorf und dem Lankegrabenteich in Steglitz-Zehlendorf – sollen die grundsätzlichen Machbarkeiten und Abläufe der ökologischen Aufwertung geklärt werden. Diese beiden Projekte sind in Vorbereitung, in den Jahren 2022/23 werden die Vorplanungs- und Bauplanungsunterlagen erstellt. Die Umsetzung ist für 2023/24 geplant.

Der Lankegrabenteich wird als erster von dem Projekt profitieren. Bisher war der kleine Teich nicht gerade ein ökologisches Kleinod: Denn er ist verschattet, enthält in Trockenzeiten zu wenig Wasser und hat verbaute Ufer. Das soll sich nun ändern, sagt Irma Stopka, die Leiterin des Projektes „Blaue Perlen“ bei der Stiftung Naturschutz Berlin.

Um den Teich wieder aufzufüllen, soll Regenwasser von Gebäuden in der Umgebung gesammelt und eingeleitet werden. Da es sich dabei um Gebäude Dritter handelt, bedarf es hier noch verschiedener Kooperationen. Ferner werden die umgebenden Gehölzbereiche qualifiziert und aufgelichtet, sodass es mehr sonnige Uferbereiche gibt. Auch werden die Gehölze ergänzt, insbe sondere mit Lebensraumelementen für Amphibien.

WIENER TRÖPFERLBAD 2.0

Zu den ersten Staaten der Europäischen Union (EU), die mit einem umfassenden Aktionsplan ein strategisches Konzept zur Klimawandelanpassung erstellten, gehörte 2012 Österreich. Besonders engagiert ist die Stadt Wien: Nicht grundlos, denn allein 2019 gab es dort 40 Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fiel. Entgegengesteuert wird mit einem Hitzeaktionsplan, der eine Fülle von Maßnahmen beinhaltet: darunter die Entsiegelung von Flächen und die Schaffung von Grünraum und Wasserorten, zum Beispiel mit Brunnen und Wasserspielen. Über die App „Cooles Wien“ kann eine Karte mit den über die ganze Stadt verteilten, kühlenden Orten heruntergeladen werden.

In den Hitzeaktionsplan aufgenommen wurde das vom österreichischen Klimaund Energiefonds finanzierte Forschungsprojekt Tröpferlbad 2.0. In dessen Rahmen entstanden 2020 zwei sogenannte Coolspots als Prototypen: einer steht im Esterhazypark, ein weiterer am Schlingermarkt. Der Name Tröpferlbad ist abgeleitet von einer alten Wiener Institution: Als es noch keine eigenen Badezimmer in den Wohnungen gab, reinigten sich die Menschen in den Volksbädern, die sie wegen ihres oftmals spärlichen Wasserflusses „Tröpferlbad“ nannten.

Wie das historische Tröpferlbad sollen die neuen Coolspots in Zeiten des Klimawandels der öffentlichen Gesundheit, insbesondere jener von vulnerablen Gruppen, dienen. Beim ersten Projekt im Esterhazypark entstand dazu eine Stahlkonstruktion mit einem schattierenden Gewebe, an dem Kletterpflanzen wie Wisteria, Aristolochia und Clematis emporklimmen. Nach einiger Zeit übernehmen die Pflanzen die Beschattung, und das Gewebe kann entnommen werden. Heute ist der alte Baumbestand ergänzt durch Bäume wie Hainbuche oder Spitzahorn sowie Stauden als Unterbepflanzung. Beton und Asphaltflächen sind inzwischen entsiegelt und durch ein spezielles Pflaster mit Rasenfuge ersetzt.

Wichtig ist die richtige Substratwahl und ein gut funktionierendes Bewässerungs- und Düngesystem, entweder möglichst automatisch – oder eingebunden in das soziale Umfeld mit verlässlicher lokaler Pflege, sagt Doris Schnepf, Geschäftsführerin des mit dem Projekt beauftragten Planungsbüros „green4cities“. Die Firma erstellt derzeit ein Handbuch mit allen Ergebnissen des wissenschaftlichen Monitorings, in dem von der örtlichen Temperatur über die Entwicklung der Pflanzen bis hin zur sozialen Akzeptanz und zum Wasser- und Energieverbrauch alle Parameter dargestellt werden. Das Handbuch soll zum freien Wissenstransfer zur Verfügung stehen – mit dem Ziel, dass die Coolspot-Idee weitere Kreise schlägt und nicht nur in Wien zu einem Netzwerk ausgebaut wird.

Die Kosten liegen laut Doris Schnepf für die Einzelanfertigung bei 150.000 Euro und mehr, zuzüglich Planungskosten von 20 bis 30.000 und Co-Kreationsplanung von 15 bis 20.000 Euro. Für eine Serienproduktion von zehn Anlagen und mehr mit demselben Design könne man von 50.000 Euro aufwärts je Spot ausgehen, zusätzlich Planungskosten und Co-Kreationsplanung (5 bis 7.000 Euro). Zu beachten sei dabei, dass bauliche Materialkosten zurzeit sehr volatil seien.

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Idee der Coolspots spielte die Energieeffizienz. So sorgt zum Beispiel eine Hochdruckpumpe dafür, dass der Sprühnebel so fein verteilt wird, dass er trotz einer gefühlten Temperaturreduzierung um bis zu sechs Grad nur 150 Liter Wasser am Tag verbraucht. Noch in diesem Jahr wolle man auch an der Energieautarkie der Coolspots arbeiten, sagt Doris Schnepf: Solarpanels werden dann den benötigten Strom liefern und die Coolspots in energieneutrale, sich selbst versorgende kühlende Inseln verwandeln.

ANPASSUNGSSTRATEGIE

Die Europäische Kommission verabschiedete im Februar 2021 die neue EU-Strategie für die Anpassung an den Klimawandel. Darin wird die vorangegangene Anpassungsstrategie der EU zwar positiv bewertet, aber die Maßnahmen müssten vertieft und ausgeweitet werden. Städten wird demzufolge eine zentrale Rolle zukommen, sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Anpassung, denn im Jahr 2020 lebten laut Europäischer Statistikbehörde 77,96 Prozent aller Menschen in der EU in Städten, wobei die Tendenz steigt und Städte auch für einen Großteil schädlicher Treibhausemissionen verantwortlich sind. Ein einheitliches Rezept für alle könne es nicht geben, heißt es in dem Statement der EU-Kommission, weil die geographischen Lagen, die Bedrohungen sowie die Voraussetzungen vor Ort zu unterschiedlich seien.

Die Projekte in Rotterdam und Kopenhagen, Wien und Berlin sind nur Beispiele für viele weitere Ideen und Maßnahmen, mit denen Städte anfangen, sich auf verschiedene Arten klimafest zu machen, auf neue Ansprüche zu reagieren und insgesamt wieder lebenswerter zu werden. Waren gestern Städte noch auf möglichst reibungslosen Autoverkehr, auf effiziente Verdichtung, Begradigung bestehender Fließgewässer und die Verdrängung natürlicher Wildnis ausgerichtet, so findet heute ein fundamentales Umdenken auf allen Ebenen der Stadtplanung statt: Urbane Räume werden neu gedacht und aufgeteilt, sektorenübergreifend geplant und multifunktional genutzt. Die Natur erobert sich wieder ihren unersetzlichen Platz zurück. Neben Pflanzen und Tieren spielt dabei die Ressource Wasser eine zentrale Rolle.

Infos

• https://www.lpundb.de/

• https://www.polyplan-krei kenbaum.eu/

• https://www.urbanisten.nl/

• www.green4cities.com

• www.mast.dk

Kanäle optisch und ökologisch aufwerten

Berlin ist durchzogen von Wasserwegen, deren kilometerlange Ränder mit Stahlspundwänden befestigt sind. Die sind nicht nur hässlich, sondern auch ökologisch äußerst bedenklich: Sie bieten weder Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten für Landtiere noch Rückzugsmöglichkeiten für Insekten und Brutgelegenheiten für Wassertiere.

Der Berliner Diplomingenieur für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung Ralf Steeg entwickelte mit seiner Firma Wite GmbH für das Problem der Spundwände eine ebenso einfache wie kostengünstige Lösung: hängende Wassergärten im Modulsystem, die an Halterungen in verschiedenen Höhen an die Spundwände angebracht werden können.

In einem von der Stiftung Naturschutz Berlin geförderten Vorgängerprojekt „Vertical Wetlands“ wurden am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal (BSSK) im Bezirk Mitte sechs jeweils 4,20 Meter lange, bepflanzte Kästen in verschiedenen Höhen montiert: Bei der tiefen Positionierung auf Wasserspiegelhöhe stehen die Pflanzen im Gewässer; die Kästen in circa zwei Metern Höhe werden über eine ständig laufende Solarpumpe in einem dauerfeuchten Zustand gehalten. In den Modulen wachsen Pflanzen wie Schilf, Blutweiderich, Sumpfschwertlilie, Ufersegge und Weiden.

Bei der nun folgenden, auf 60 Jahre Lebensdauer ausgelegten Generation 2 - entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) – konnten noch einmal Optimierungen umgesetzt werden: Das Volumen der Module wurde wesentlich erhöht, die Breite auf einen Meter vergrößert und die Flächen wurden mit einer leichten Neigung versehen, so dass natürliche Flachufer und amphibische Lebensräume nachgebildet werden. Weiterhin wurden die Module baulich so gestaltet, dass auch bei hohen Belastungen durch Strömungen und Wellenschlag oder sogar dem Anprall von kleinen Schiffen keine Schäden an den Pflanzungen entstehen. Ein besonderer Vorteil der bepflanzten Spundwände bestehe in der Reduzierung der Temperatur: Denn an heißen Tagen erhitzten sich unbepflanzte Spundwände laut Messungen auf bis 57 °C. Solche Temperaturen schädigen aquatische Organismen. Diese Hitzeinseln erhöhen ferner die Temperatur der Stadt, leiten die Wärme in die Gewässer ein und entziehen diesen Sauerstoff.

Der Arbeitsaufwand und die Kosten für die von Ralf Steeg als „Trittsteinhabitate“ bezeichneten Module sind vergleichsweise gering. Die Module können ohne großen Aufwand und je nach Größe der Anlage in ein an der Spundwand befestigtes Schienensystem eingehängt werden. Auch die Pflanzen sind pflegeleicht, denn Ralf Steeg hat den Schwerpunkt auf Arten der gehölzlosen Aue gelegt. Natürlich könnten auch Gehölze wie zum Beispiel Silberweiden gepflanzt werden, die dann aber in periodischen Abständen zurückgeschnitten werden müssten. Pro Modul mit einem Volumen von 0,16 Kubikmetern beziffert Ralf Steeg die Erstellungskosten auf etwa 1.200 Euro. Auch der Aufwand für die Instandhaltung ist zumindest nach den Erfahrungen aus dem Pilotprojekt überschaubar: Für die Pflanzkästen am Schifffahrtskanal belief sich die Arbeit im ersten Jahr auf gerade einmal zwei Stunden.

Fertiggestellt wurde das Pilotprojekt im Sommer 2021. Ein Nachfolgeprojekt läuft bereits: In diesem Jahr beginnen die Arbeiten, bei denen Spundwände an einem weiteren Standort mit Schilf bestückt werden. Dieses Projekt wird wissenschaftlich begleitet vom Leibnitz-Institut für Gewässerkunde Berlin und gefördert über das Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung (BENE), das wiederum aus einem Topf der EU finanziert wird.

Steeg denkt bereits weiter: Etwa über eine Bestückung der Modulkästen mit Wassergemüse und vom Wasser aufsteigende Schrägen mit trockenresistenten Arten, um Ausstiegsmöglichkeiten für Tiere zu verbessern. Mehr unter: www.wite.company