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Hinter dem Horizont links


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Auszeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 01.12.2022
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Bildquelle: Auszeit, Ausgabe 6/2022

Alles begann mit einer offenen Terassentür. Ich war gerade einmal zwei Jahre alt, als mich der Ruf der Freiheit lockte. Allerdings wartete neben den bunten Blumen im Garten auch der tiefe Schlund des blauen Monsters. Ich stürzte ohne Vorwarnung in das gekachelte Schwimmbecken, das zu dieser Jahreszeit kein Wasser führte. Ich kam mit einer Gehirnerschütterung davon. Der Grundstein für meinen Expeditionsdrang war trotzdem gelegt. Seither zieht es mich hinaus, ob zu Fuß über den Jakobsweg, mit dem Rucksack nach Asien oder im eigenen Expeditionsmobil durch Afrika. Wenn das Feuer der Reiselust zu lodern beginnt, muss ich aufbrechen.

Eine Frage der Zeit

Was ich vor allem gelernt habe ist, dass es Zeit braucht, um in einer fernen Erfahrung anzukommen. Wir sind so sozialisiert, dass jedes Erleben, auch wenn es unter Freizeit rubriziert, in ein Zeitkorsett gepresst wird. Das fängt schon am Flughafen an und ...

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... hört bei der Besichtigung zahlreicher Sehenswürdigkeiten noch lange nicht auf. Ich habe Langsamkeit auf die harte Tour gelernt. Zu Beginn des neuen Millenniums hatten mein Partner und ich eine besondere Reise geplant: In acht Monaten den afrikanischen Kontinent durchqueren, von Kapstadt bis Kairo. Dafür hatten wir eigens einen Geländewagen zum Expeditionsmobil ausgebaut. Schon innerhalb der ersten Wochen habe ich dieses Fahrzeug mitten im Nirgendwo Namibias aufs Dach gelegt. Eine Erfahrung, die nicht zur Nachahmung empfohlen ist, die mich allerdings eine wichtige Lektion lehrte: Es ist völlig sinnlos, von einer Attraktion zur nächsten zu hasten, wenn ich es mir nicht gönne, den Moment auf mich wirken zu lassen, zu schauen, was der Ort und das Leben darin für mich bereithält. In den folgenden Wochen warteten nicht im Köcherbaumwald, sondern in der Lackierkabine des Karosserie-baubetriebs die besten Geschichten auf mich.

Die größten Mythen über das Langzeitreisen

• „Ausstieg aus dem Job ist ein Karrierekiller.“ Im Gegenteil: Eine Auszeit hilft dir neue Ziele anzupeilen. Du kennst dich, deine Stärken und Wünsche danach viel besser, hast neue Kompetenzen aufgebaut und strahlst eine Entschlossenheit aus, die anderen nicht verborgen bleibt.

• „Lange Reisen sind erst möglich, wenn ich in Rente bin, jetzt habe ich zu viele Zwänge.“ Ein Haus kann man vermieten, der Übergang der Kinder von einer Schulform in die nächste bietet sich ideal für eine Pause an, im Job kann ich ein Sabbatical beantragen. Glaub mir, es gibt mehr Lösungen als Probleme. Die Biografien der vielen Reisenden können nicht irren.

• „Ich kann mir das finanziell nicht leisten.“ Es ist wie alles im Leben eine Frage der Prioritäten. Wenn ich etwas wirklich will, dann stecke ich bei anderen Wünschen etwas zurück. Eine Langzeitreise ist auch in der Vorbereitung ein Langzeitprojekt, sparen gehört dazu. Alternativ kann ich auch unterwegs arbeiten.

Einer der Mitarbeiter, die unser Auto wieder expeditionstaublich machten, erzählte mir folgende Sage: Ein Afrikaner sitzt unter einem Mangobaum, als ein Europäer vorbeikommt und ihn fragt, was er da tue. „Ich entspanne mich.“ Der Europäer konnte es nicht fassen. „Es ist doch mitten am Tag, warum arbeitest du nicht?“ Der Afrikaner antwortete: „Ich habe für heute bereits genug eingenommen.“ Darauf der Europäer: „Aber wenn du mehr arbeiten würdest, könntest du Mitarbeiter einstellen und expandieren und noch mehr Geld verdienen.“ Darauf der Afrikaner: „Und was würde ich mit all dem Geld tun?“ „Na, du könntest sorglos unter einem Baum sitzen!“ Der Afrikaner lächelte und entgegnete: „Aber das tue ich doch jetzt schon.“

Ruhe öffnet die Augen

Reisen und Geld verdienen, die Alternative zum Ansparmodell

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, auf Reisen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, mehr oder weniger. Hier sind drei Beispiele dafür:

• Ortsunabhängiges Arbeiten: Spätestens mit Corona ist in vielen Betrieben die Möglichkeit zum Home-Office eingezogen. So mancher Arbeitgeber hat dabei festgestellt, dass es auch ohne Büroräume geht. Vor allem jungen Unternehmen locken mit dem Versprechen, ortsunabhängig zu arbeiten, neue Mitarbeiter an. Wer die Disziplin hat, vom Reiseziel aus seiner geregelten Arbeit nachzugehen, für den ist dieses Modell attraktiv.

• Digitales Nomadentum/Vanlife: Eine spezielle Form des ortsunabhängigen Arbeitens, welche hauptsächlich von beruflich Selbstständigen praktiziert wird, die permanent im Reisemobil leben. Sie arbeiten projektweise mit Kunden zusammen und nutzen die Pausen, um mit ihrem Bus unterwegs zu sein.

• Work-and-Travel: Deutschland hat mit sogenannten Work-and-Travel-Staaten spezielle Abkommen, über die man an Working-Holidays-Visa kommen kann. So ist es möglich, für maximal ein Jahr in diesen Ländern lokale Jobs anzunehmen. Hier gibt es allerdings Altersbeschränkungen, und nicht jedes beliebte Reiseziel ist Teil des Programms.

Müßiggang ist etwas, das uns ausgetrieben wird, als sei es ein Übel. Meine Erfahrung – nach mehr als 30 Jahren unterwegs – ist hingegen, dass im stillen Beobachten sehr viel Erkenntnis liegen kann. Zu Hause sehnen wir uns nach Momenten der Ruhe, in denen wir einmal innehalten und über unsere Situation nachdenken können. Gerade in der stillen Zeit des Jahres nehmen wir uns dies besonders vor, aber wenn wir ehrlich sind, kommt meist etwas dazwischen. Auf einer langen Reise ist die Pause das Ereignis und ich bin oft auf mich selbst zurückgeworfen. Aus dem Unfall habe ich viel über mich selbst gelernt, beispielsweise, dass ich mehr Stärke habe, als ich mir selbst zugetraut hätte. Die Flexibilität, die ich an den Tag legte, um mich an diese unerwartete Situation anzupassen, hat nicht nur meinen Partner überrascht. Auf jeder Reise entdecke ich neue Eigenschaften an mir, die nur hier zum Tragen kommen können, weil ich buchstäblich aus meinem normalen Rahmen falle. Mit jeder Erfahrung wächst meine Gelassenheit.

Wie du für dich das passende Reiseziel festlegen kannst

Folgende Fragen können sehr hilfreich sein, um deinem Traum-Reiseziel näher zu kommen:

• Wieviel Zeit nehme ich mir? Ein Trip um die Welt ist nur dann sinnvoll, wenn du dir mindestens ein Jahr frei nimmst. Den Jakobsweg kannst du dagegen in wenigen Wochen laufen. Suche dir ein Ziel aus, bei dem du mit Ruhe in der Situation ankommen kannst und dir genug Zeit bleibt, an verschiedenen Orten länger zu verweilen.

• Welches Klima sagt mir zu? Ich kenne Menschen, die blühen erst bei Temperaturen über 35 Grad auf. Andere lieben die klirrende Kälte. Frage dich zu welchen Klimazonen du dich hingezogen fühlst. Darf es die Sahara oder der Himalaya sein?

• Wie möchte ich unterwegs sein? Ob ich mit guten Erfahrungen durch ein Land komme hängt auch von der Art ab, wie ich reise. In der Mongolei zu trampen funktioniert, aber es ist mühselig bis frustrierend. Ich kenne Menschen, die mit dem Rad durch Afrika oder nach Indien fahren und Freude dabei empfinden. Sie genießen meine volle Bewunderung, tauschen möchte ich nicht. Man kann auch eng in Kontakt zur Lokalbevölkerung kommen, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzt.

Man muss aber kein Auto zerstören, um auf einer Reise sich selbst näher zu kommen. Jede Begegnung mit Einheimischen, jeder Ausflug in die Natur, hat das Potenzial, die eigenen Konturen zu schärfen. Wenn Naturvölker mit mir ihr Wissen um die Heilkraft von Pflanzen teilen, wenn ich stundenlang in einem Nationalpark den Elefanten bei ihrem Soziallleben zuschaue, wenn ich zwischen Korallenriffen tauchend das feine Zusammenspiel der Arten kennenlerne, dann verstehe ich nicht nur mit dem Kopf, sondern fühle mit ganzem Herzen, dass ich Teil eines wundervollen Planeten bin, auf dem alles mit allem zusammenhängt. Beste Voraussetzungen, um meine Verhaltensweisen zu hinterfragen und alte Muster gehen zu lassen.

Wo das Glück verweilt

Die letzte Auszeit führte mich unter anderem nach Georgien, ein Land zwischen Europa und Asien, etwa so groß wie Bayern, mit landschaftlicher Vielfalt von Wüste bis Gletscher. Die Georgier sind, im Schnitt, nach unseren Maßstäben gemessen „arme Leute“. Ihre Wohnungen sind klein, haben kaum Möbel und sind durch Holzöfen beheizt. Sie leben – von den Touristenregionen und der Hauptstadt einmal abgesehen – vielfach von der Landwirtschaft. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 500 Euro. Kühe ruhen sich mitten auf der Schnellstraße aus, viele Fahrwege sind unbefestigt. Georgier fahren alte Kleinwagen oder Lastwagen noch aus russischer Herstellung. Wir waren hierhergekommen, weil uns andere Reisende von der Gastfreundlichkeit der Georgier vorschwärmten. Wir bekamen direkt am ersten Tag einen Eindruck davon. Auf einem Waldspaziergang begegneten wir einem Bauern. Es war ihm anzusehen, dass er von der Arbeit sehr erschöpft war. Er bat uns unverblümt, ihn in unserem Geländewagen mitzunehmen und zu Hause abzusetzen. Zum Dank lud er uns ein. Seine Frau begann sofort zu kochen, gefühlt alles, was unser Reiseführer unter Nationalspeisen auflistete, zum Beispiel Nudeln mit Fleischeinlage. Stolz präsentierte sie uns zudem hauseigenen Honig und Nüsse. Was uns neben der Gastfreundschaft hier entgegenschlug war Familienglück. Die Bei- den strahlen innere Zufriedenheit aus. Nach dem Essen holte die Ehefrau Fotoalben hervor und wir schauten uns gemeinsam Bilder von Familienfesten an: Die Hochzeit des Sohnes, die Geburt des ersten Enkels, ein runder Geburtstag. Mithilfe dieser Bilder konnten wir uns verständigen, ohne dass einer die Sprache des anderen verstand. Uns verband das Wissen um die Einzigartigkeit dieser Lebensereignisse, die für jeden von uns – egal wo er geboren wurde – Glück bedeuten.

Praktische Tipps zum Individualreisen, Teil 1

• Gesundheit Kläre mit deiner Krankenversicherung, wie lange du im Ausland versichert bist. Es gibt spezielle Reisekrankenversicherungen, die du für längere Zeiträume abschließen kannst. Achte auf die Leistungen und vergleiche die Preise der verschiedenen Anbieter. Vor einer Fernreise lass dich im Tropeninstitut beraten. Dort erfährst du auch, welche Impfungen empfohlen sind. Sprich mit deinem Hausarzt über die Reiseapotheke.

• Dokumente Du brauchst einen Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig sein muss. In manchen Ländern ist ein Visum nötig. Häufig bekommst du dies bei Einreise an der Grenze oder am Flughafen. Musst du es vorher beantragen, ist das keine große Sache. Entweder du stellst dich in der Botschaft vor, oder du beauftragst einen Visumsdienst. Bist du mit einem Haustier unterwegs, dann solltest du seinen Ausweis ebenfalls mitführen. Reist du mit dem eigenen Auto, ist für manche Länder ein Zolldokument erforderlich. Dieses sogenannte Carnet de Passage bekommst du beim ADAC.

• Ausrüstung Hier heißt meine generelle Empfehlung: Weniger ist mehr. Die Erfahrung hat gezeigt, dass man die meisten Utensilien die man zu Hause noch für unerlässlich hält, unterwegs nie benutzt. Erstelle zur Reisevorbereitung eine Liste der Dinge, die für dich zwingend erforderlich sind. Bei mir sind das Block und Stift, eine Stirnlampe, ein Taschenmesser und meine Kaffeekanne. Insbesondere bei Rucksackreisen, wo es auf jedes Gramm ankommt, lass einen Freund deine Packliste durchschauen und streichen. Das hilft dir beim Fokussieren.

Die Fülle des Nichts

Ich hatte die Gelegenheit eines der letzten Naturvölker Indonesiens zu besuchen. Die Mentawai leben noch heute auf einer kleinen Insel, die Sumatra vorgelagert ist. Sie bevorzugen das Leben als Jäger und Sammler, im Einklang mit der Natur, scheinen noch zu fühlen, was die Welt um sie herum braucht. So wird eine Pflanze an einem für sie nicht idealen Standort ausgraben und woanders wieder eingepflanzt. Mentawai tragen keine Kleidung, sondern nur einen Lendenschurz. Ihre Haut ist mit Tattoos verziert, aus denen das geübte Auge ihre soziale Stellung herauslesen kann. Frauen kümmern sich um die Feuerstelle und die Kinder, Männer sorgen dafür, dass etwas zum Essen auf den Tisch kommt. Am liebsten ist ihnen dabei die Jagd mit Pfeil und Bogen. Wenn sie ein Tier erlegt haben, drücken sie ihre Dankbarkeit ihm gegenüber durch Gesten aus. Die Mentawai glauben an Geister, die sie mit Worten und Taten zu besänftigen suchen. Wenn die Geister dennoch einen Verwandten holen, muss das Haus, in dem dieser gestorben ist, verlassen werden. Ich bin fasziniert von dieser Lebensweise, bei der die Menschen für unsere Maßstäbe nichts besitzen und doch alles zu haben scheinen. Eines Morgens nutzte ich die Gunst der frühen Stunde, um mich im Fluss frisch zu machen. Kaum stand ich im kühlenden Wasser, kam eine junge Frau aus dem Busch auf mich zu. Sie baute sich lächelnd vor mir auf und fasste mir mit zwei schwungvollen Bewegungen zunächst an die Brüste und dann in den Schritt. Ich war so überrascht, dass ich stillhielt. Mit wenigen behänden Schritten war sie gleich darauf im Grün des Blätterwalds verschwunden. Offenbar hatte die Neugier über ihre Scheu gesiegt. Sie hatte gelernt, dass ich genauso gebaut bin wie sie.

„Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach und er entwischt dir. Setz dich hin und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.“

Anthony de Mello

Praktische Tipps zum Individualreisen, Teil 2

• Reisezeit Es ist nicht unerheblich, wann du aufbrichst. Zu einem positiven Reiseerlebnis gehört, dass du nicht mit dem Wetter haderst. In Regenzeiten sind beispielsweise manche Straßen unpassierbar. Und wer will schon im Schneesturm auf einen Berg klettern? Mit einem Mausklick kannst du dir im Internet Ganzjahres-Wetterkarten für jedes beliebige Land anschauen.

• Sprachen Viele Menschen sorgen sich, weil sie die Landessprache nicht beherrschen. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass das kein echtes Problem ist. In den meisten Regionen dieser Welt kommst du super durch, wenn du Englisch sprichst. Französisch, Spanisch oder Russisch sind für einige Regionen ein Gewinn, aber selbst wenn du gar keine Sprachkenntnisse hast, ist das kein Grund zur Resignation. Inzwischen gibt es zahllose wirklich gute Übersetzungs-Apps für das Mobiltelefon, die auch offline funktionieren. Ein weiterer Tipp sind Bildwörterbücher mit Piktogrammen für verschiedene Lebenssituationen. Wenn du auf das entsprechende Symbol zeigst, wirst du verstanden.

• Orientierung Das Mobiltelefon ist für Reisende zum wichtigen Begleiter geworden, denn nicht nur für die Sprache und die Wettervorhersage, sondern auch für die Orientierung bietet es wertvolle Hilfestellung. Angefangen von Karten-Apps bis hin zu Anwendungen, die dir Übernachtungsplätze vorschlagen, ist inzwischen alles im Angebot, was die Reiseplanung erleichtert. Der beste Reiseführer ist aber immer noch der Einheimische. Tritt in Kontakt mit Menschen vor Ort und lass dir von ihnen zeigen, was auf keiner Karte verzeichnet ist. Das sind die wahren Abenteuer!

Freunde fürs Leben

Zurück nach Afrika. Mit unserem lädierten Geländewagen kamen wir am Ende nicht bis Kairo. Unterwegs blieben wir immer wieder liegen, weil ein anderes Bauteil seinen Geist aufgab, manchmal so weit von der Zivilisation entfernt, dass uns mulmig wurde. Jedoch ausnahmslos immer tauchten aus dem Nichts Afrikaner auf, die uns einsammelten, Hilfe organisierten und uns in ihr Zuhause einluden, bis der Schaden behoben war. Wir konnten nicht einmal verhindern, dass für uns das letzte Huhn geschlachtet wurde, weil man Gäste ordentlich bewirtet. Mit vielen dieser Menschen verbindet uns bis heute eine tiefe Freundschaft und wir geben etwas zurück, wenn beispielsweise eine Krankenhausrechnung zu begleichen ist. Meine Welt ist durch das Reisen größer geworden. Es spannt sich ein Netzwerk an Kontakten über den Globus, das mich für immer an geteilte Momente erinnern wird. Manchmal ermahnen mich diese Erinnerungen, die eigenen Probleme nicht über die Maßen zu dramatisieren.

Was bleibt

Eine Afrikanerin sagte einmal zu mir: „Afrika hinterlässt etwas in deinem Blut, sodass du nie wieder ganz weiß sein kannst.“ Mit dem Langzeitreisen ist es ähnlich, es hinterlässt Spuren auf der Seele und im Nervensystem. Ich lerne etwas über die Welt und komme gleichzeitig bei mir selbst an. Es ist ein Ausstieg auf Zeit, bei dem ich in der Betrachtung meiner Situation die Vogelperspektive einnehme. Ich verfalle zu Hause nicht mehr über jede Kleinigkeit in Angst und Panik, weil ich erlebt habe, in welchen Umständen zufriedenes  Leben möglich ist. Höher, schneller, weiter mache ich nicht mehr mit. Dafür habe ich innere Gelassenheit gewonnen, Selbstsicherheit und vielleicht auch ein bisschen Mut, neben einer Prise Hoffnung. Auszeiten sind ein Fest für die Sinne, mancher wird dabei erst erweckt – bei mir ist es die Intuition. Ich erkenne den Luxus in dem ich lebe: Alltägliches wie Geschirrspülen und Wäsche waschen übernimmt eine Maschine für mich. Ich muss das Duschwasser nicht erst aus dem Fluss herbei-schaffen und aufwärmen, ich kann sogar die Temperatur nach Belieben regeln. Unser Haus kommt mir nach jeder Rückkehr größer vor. Was haben wir alles angehäuft! Ich bin in der Stimmung auszumisten. Meist habe ich eine neue Idee, wie mein Leben nach der Auszeit aussehen darf. Manchmal kehre ich mit einem Wunschzettel zurück, wie ich den Wandel in kleinen Schritten in mein Leben einladen möchte. Das Leben danach kann auch abenteuerlich sein. Zumindest, bis das Feuer der Reiselust aufs Neue zu lodern beginnt…

Meine persönlichen ganz besonderen Momente

• In Ruanda, Afrika, durfte ich eine der letzten Gruppen von Berggorillas besuchen. Mir wurde schlagartig klar, wie wenig uns voneinander trennt und wie sehr wir schicksalshaft miteinander verbunden sind.

• Im Okavango-Delta, Botswana, saß ich Auge in Auge mit einer schwarzen Mamba. Nachdem sie in einen hohlen Baum verschwunden war, habe ich sehr intensiv über Vergänglichkeit nachgedacht.

• In Kenia, Ostafrika, bin ich mit dem Heißluftballon über einen der schönsten Nationalparks, die Masai Mara, geflogen und habe mir Natur und Tierwelt schwebend angesehen. Ich habe mich dem Himmel nie näher gefühlt.

• Mit den Victoria-Fällen habe ich in Simbabwe den breitesten Wasserfall der Welt besucht. Das Besondere: Ich war in der Nacht dort, als das Licht des Vollmonds einen Regenbogen in die aufsteigende Gischt zauberte. Dieses Zusammenspiel von Wasser und Licht erfüllte mich mit tiefer Ehrfurcht vor den Elementen.

HEIDI METZMEIER

Heidi Metzmeier

ist Autorin im Eigenverlag und selbstständige Kommunikationsberaterin. Wenn sie nicht unterwegs ist, lebt sie mit Mann und Hund am Fuße des Nordschwarzwalds. In ihrem Autorendebüt „Unter demselben Himmel“ erzählt sie von ihren Reiseerlebnissen auf verschiedenen Kontinenten. Sie hat Momente des Schreckens und des größten Glücks erlebt, unterwegs die Liebe verloren und innere Stärke gewonnen. Was sie bis heute prägt, sind Begegnungen mit Menschen, die ihr Türen und Seelen öffneten. Das Buch ist Erzählung und Ratgeber für angehende Abenteurer zugleich. Instagram: @heidimetzmeier