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HISTORISCH VERREISEN


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 202/2022 vom 17.06.2022

THEMA

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 202/2022

Was ist der Zweck des Reisens? Gesund heimkommen, im besten Fall. Giftige Tiere, unbekannte Krankheiten, klimatische Unbilden, exzentrische Benimmregeln, willkürlich geschlossene Sehens(un)würdigkeiten und lügnerische Veranstalter, psychische Belastungen, kulinarisch Degoutantes oder linguistische Debakel: Ein jeder hat dies erlebt. Weshalb, ach, also überhaupt reisen?

Im mexikanischen Hochland saß der kanadische Schriftsteller George Woodcock einst in einem Bus, dessen Fahrer verkrüppelt war. Vor kritischen Stellen versuchte dieser, mit dem maladen Arm den Omnibus auf der Straße zu halten – und bekreuzigte sich mit dem gesunden. Selbst Woodcock, dem Theoretiker des Anarchismus, war das zu anarchistisch. Und nachdem der jüngst verstorbene US-amerikanische Satiriker P. J. O’Rourke Tansania bereist hatte, kommentierte er das Überfliegen eines afrikanischen Berges in seinem Band »Reisen in die ...

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... Hölle und andere Urlaubsschnäppchen«, einen Literaturmythos der Moderne, sehr profan erdend: »Die Maschine flog über den Kilimandscharo. Hemingway beginnt seine Erzählung über den Schnee daselbst mit der Bemerkung, dicht unterhalb des Gipfels liege das ausgedörrte, gefrorene Gerippe eines Leoparden. Niemand weiß, was der Leopard in jener Höhe suchte. Meine Vermutung ist: eine saubere Toilette.«

Seinem Widerwillen kann man auch höflicher, also französischer, Ausdruck verleihen. Etwa so: »Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.« Dies schrieb niemand Geringerer als der viel reisende französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss, dessen berühmtestes Buch »Traurige Tropen« in den 1930er-Jahren nach Aufenthalten in Süd- und Lateinamerika entstand, nach Fernreisen also. Reisen wünschte sich Lévi-Strauss von Herzen kaum.

Anderen dagegen ging das Herz auf. »Endlich ist unser Wunsch erfüllt.« Denn: »Wir sind wirklich auf der Reise, und gehen mit starken Schritten dem Paradiese von Deutschland, den Ufern der Sächsischen Elbe und dem Rheine entgegen.« Man schrieb das Jahr 1802. Die lang erträumte Reise ging von Bremen via Sachsen, Böhmen und Franken nach Heidelberg und in die Pfalz.

Wer damals zum Vergnügen reiste, konnte nichts anderes als wohlhabend sein. Denn wer sich schlechten Straßen, schlammigen Wegen und ausnehmend unbequemen, da harten, nicht gefederten Karossen aussetzte, die zudem dazu neigten, Speichenbruch zu erleiden oder vom überschaubar wenig fixierten Fahrweg abzukommen, der war eigentlich, wie vazierende Handwerker auf der Walz, Kaufleute oder auf kleinhöfische Anstellung, zumindest auf Trinkgeld hoffende Musikanten, Hausierer oder Bettler, nur des Verdienstes wegen unterwegs. Oder musste es sich wahrhaftig leisten können, so wie das Ehepaar Gondela aus Bremen. Schließlich war Heinrich Gondela (1765–1832) seit dem Jahre 1792 Ratsherr in der global vernetzten Hansestadt, 1813 sollte er für drei Jahre Senator werden. Die Gondelas reisten zum Vergnügen. Sie konnten es sich leisten. Denn ihre Tour endete auf einem Weingut, das Christine Gondela geerbt hatte.

Vier Jahre vor der Gondela’schen Reise wurde Thomas Cook in Melbourne in der englischen Grafschaft Derbyshire geboren. 1841 organisierte der Baptisten-Missionar und Sonntagsschullehrer erstmals eine Gemeinschaftsreise von mehr als 500 Anhängern der Abstinenzlerbewegung, also Gegnern des Alkoholkonsums. Im Reisepreis inkludiert: eine kleine Jause. Es folgten weitere Exkursionen, für die Cook Fahrt und Unterbringung managte. 1869 gab es dann die erste Cook’sche Pauschalreise. Das Ziel war Ägypten; ab Luxor offerierte er auf dem Nil als erster Vergnügungsfahrten. Nachdem Cook 1892 starb, wurde er fürs nachfolgende 20. Jahrhundert sprichwörtlich für das Phänomen des organisierten Massentourismus.

Worum ging es beim touristischen Aufbruch des Massentourismus aus West- und Nordeuropa gen Süden seit den 1960er-Jahren? Ferien waren ein Versprechen der Freiheit, Aussichten auf etwas jenseits von grauer Routine, Alltag, gleichtönigem Trott. Ferien, das ist Farbe, Rhythmus, Abenteuer, Erfüllung. Das Leben nicht als Tiefgarage, sondern als einsame Hütte am idyllischen einsamen Strand, Sonnenuntergang mit Palmen inkludiert. Urlaub, meint der in Luzern lehrende Wiener Historiker Valentin Groebner, Autor des im müden Corona-Sommer 2021 erschienenen Bandes »Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat«, ist die »unfehlbare Anti-Überdruss-Maßnahme«. Tourismus, das war die ästhetische Erfüllung im Anderswo. Reisen ist, vielen psychologisch halb bis gar nicht bewusst, eine Wiedergutmachung des eigenen Lebens. Ein Wiederholen von als verloren empfundener Zeit.

»Reisen ist, vielen psychologisch halb bis gar nicht bewusst, eine Wiedergutmachung des eigenen Lebens. Ein Wiederholen von als verloren empfundener Zeit.«

Im 18. und 19. Jahrhundert glaubten Reisende dagegen, Bewegung im Raum sei identisch mit Bewegung durch die Zeit.

Es ist schon kurios. Und ein Kuriosum verstrichener Zeit. Fällt heute der Name Alexander von Humboldt (1769–1859), denken selbst Gebildete fast nur an ein bestimmtes Buch, das zum internationalen Bestseller wurde. Dagegen wurden Humboldts Neueditionen und die Bücher über ihn, die 2009 zu seinem 150. Todestag erschienen, verblüffend schütter wahrgenommen. Dabei war der gebürtige Berliner ein Universalgelehrter, vielleicht der letzte, den Europa hervorbrachte.

1847 machten den Verleger Johann Georg Cotta die »wirklichen Schlachten« der Deutschen um – ein Buch! – sprachlos. Es handelte sich um den zweiten Band von Alexander von Humboldts »Kosmos«. Ganze 157 Jahre später, 2004, lieferten sich deutschsprachige Medien in ihren Berichterstattungen abermals »wirkliche Schlachten« über einen Wissenschaftler. Waren doch fast zeitgleich drei Bücher in edlem Gewand in der anspruchsvoll randständigen ›Anderen Bibliothek‹ erschienen von – Alexander von Humboldt. Der Autor der »Ansichten der Kordilleren«, der »Ansichten der Natur« und des »Kosmos« schaffte es – 145 Jahre nach seinem Ableben! – sogar auf die Titelseite des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel«.

Doch wer hat die Bücher des »mit Abstand modernsten Wissenschaftlers des 19. Jahrhunderts« (Frank Holl) tatsächlich von Anfang bis Ende gelesen, wer seine Aufsätze studiert, etwa das Traktat »Ueber die gleichwarmen Linien« oder die Miniatur »Ueber die Milch des Kuhbaums und die Milch der Pflanzen überhaupt«, zu schweigen von seiner 29 Einzelbände umfassenden Schilderung der Reise in die amerikanischen Tropen, gar nicht zu erwähnen die geschätzt 50.000 Briefe, die Humboldt in seinem 90-jährigen Leben schrieb?

1804 war er, der Offizierssohn, mit zehn Jahren Halbwaise und mütterlicherseits äußerst wohlhabend – der Familie gehörte ein später klassizistisch adaptiertes Renaissanceschlösschen in Berlin-Tegel, das heute zu einem Teil Humboldt-Museum ist –, mit 35 Jahren von einer mehrjährigen Südamerika-Expedition nach Europa zurückgekehrt. Er stand auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Wurde von Salon zu Salon gereicht. Seine öffentlichen Vorlesungen zog das Eintritts- und Hörgebühr entrichtende Publikum in Scharen an. Humboldt war Stadtgespräch, war eine Attraktion. Ab 1827 bis zu seinem Lebensende musste er am preußischen Hofe ebendiese Rolle weiterspielen, den weltkundigen, alles wissenden Intellektuellen, zehrten doch seine aus eigener Tasche finanzierten extrem kostspieligen, da opulent ausgestatteten Bücher fast sein ganzes Vermögen auf.

Dass vor allem deutsche Zeitungen ihn als »Mutmacher« anpriesen und als »Vorzeige-Deutschen«, verdankt sich allerdings einer fahrlässigen, ahistorischen Reanimation. Denn nichts lag ihm, dem Wahlfranzosen, ferner. Sein Bruder Wilhelm, preußischer Gesandter, später einflussreicher Bildungsreformer, um zwei Jahre älter als Alexander und von diesem um 24 Jahre überlebt, attestierte seinem frère mieselig »pariserische Oberflächlichkeit« und »vaine de gloire«, Eitelkeit.

Nun legt der aus Berlin gebürtige, seit fast zwölf Jahren an der Universität Bern lehrende Germanistik- und Komparatistik-Ordinarius Oliver Lubrich eine umfangreiche Abhandlung vor. Lubrich, der auch Gastdozenturen in Mexiko und in Brasilien wahrnahm, widmet sich seit mehr als zwanzig Jahren intensiv dem Werk Humboldts. Er betreut die im Entstehen begriffene digitale Ausgabe Sämtlicher Schriften, er edierte federführend die Edition der Studienausgabe der 6 823 Seiten umfassenden Sämtlichen Schriften wie einen Band, der dessen grafisches Gesamtwerk zusammenführte, er gab Humboldt-Auswahlbände auf Französisch und Spanisch heraus und arbeitete 2004 an der sich stupend gut verkaufenden »Kosmos«-Ausgabe mit.

Lubrich folgt Humboldt auf seinen Reisen bis an die Grenzen der seinerzeit bekannten Welt. Erst nach Amerika, das dieser ab 1799 fünf Jahre lang kreuz und quer mit immenser wissenschaftlicher Neugier und Finder- wie Entdeckerfreude bereiste und auch Berge bestieg, auf deren Höhen kaum ein Weg führte, und wenn, dann nur ein so provisorischer, dass das Wort »provisorisch« dafür äußerst provisorisch war, etwa den Chimborazo im heutigen Ecuador. Dann die Russlandreise, bis an die Grenze zum chinesischen Kaiserreich.

Im Gegensatz zur Humboldt-Erfolgsbiografin Andrea Wulf aus den USA entschlägt er sich allzu hollywoodesker Szenarien. Dafür ist Lubrich bis in nahezu jede Lebensfaser und jeden Reisemonat des exzellenten Netzwerkers und Homo politicus – mit scharfem Blick sah er nicht nur Sklaverei und Umweltzerstörung, er prangerte beide auch an – ein intimer Kenner Humboldts.

Für einen seiner Zeitgenossen, für Georg Forster, müssen offensichtlich biografische Darstellungen fast zweimal olympisches Maß haben. So erschien Jürgen Goldsteins 300 Seiten starke Biografie im Jahr 2015, Ludwig Uhligs »Lebensabenteuer eines gelehrten Weltbürgers« erschien 2004, Ulrich Enzensbergers »Georg Forster. Ein Leben in Scherben« 1996, Georg Harpprechts schwungvoll-essayistische Darstellung 1990.

Dem Weltreisenden und Weltrevolutionär, der am 10. Januar 1794 im Alter von gerade einmal 39 Jahren und zwei Monaten starb – der Geburts- und der Sterbeort signalisieren bereits Aufstieg und Reisedistanz: hier das winzige preußische Dorf Nassenhuben südöstlich von Danzig, dort Paris –, wurde vieles eins: Er beschrieb Revolutionen in der Natur, Vulkanausbrüche zum Beispiel oder Überschwemmungen, und er redete von Revolutionen als notwendigen Umwälzungen der gesellschaftlichen Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts. »Beides«, so Jürgen Goldstein, »stand für ihn nicht unverbunden nebeneinander.«

Mit zehn Jahren nahm ihn sein Vater Johann Reinhold mit auf eine Welt und Augen öffnende Reise zu deutschen Siedlern am fernen Fluss Wolga. Und gab ihm philosophischen Unterricht. Es wurden die zeitgenössischen Aufklärer gelesen und studiert, Adam Smith und David Hume aus dem schottischen Edinburgh, damals neben Paris die unbestrittene und leuchtende Kapitale eines neuen weltklaren Denkens. Dann unternahm Forster mit James Cook eine Weltreise bis zu den Antipoden, wurde danach Professor in Kassel, ging nach Wilna an die Universität, wurde isoliert, fühlte sich isoliert, revoltierte, zog weiter nach Mainz, wurde zum leidenschaftlichen wie sprachmächtigen Revolutionär. Schließlich, in Paris, war alles für ihn zu spät, verlassen von seiner Frau und immer stärker verzweifelnd, da er buchstäblich vor der Haustür den Terreur tyrannisch wüten sah und registrieren musste, dass die hehren Ideale der Revolution in einem Orkus der Denunziation, der Angst, der Panik, des Blutrauschs untergingen.

Arne Taube zeichnet in seiner an der Universität Düsseldorf eingereichten, nun als Buch vorliegenden Dissertation Forsters »Stationen einer aufgeklärten Weltreise« nach. Durchaus mit Erkenntnisgewinn. Auch wenn man sich durch den akademisch vorgegebenen Jargon inklusive recht schwerfälliger Terminologie hindurchzukämpfen hat. Taube beugt sich über Weltreise, Universalismus-Gedankenreichtum und die Gesellschaftsphilosophie des stürmischen Aufklärers, der in die republikanische Praxis abtauchte, um in deren Maelstrom zu zerschellen. Dass Forster ein ethnografisch einfühlsamer Beobachter war, wird deutlich. Auch dass seine Schlussfolgerungen und Ableitungen in Zeiten von Krieg und Friede, von Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und krasser sozialer Ungerechtigkeit durchaus heute noch mit Gewinn zu lesen und anregend zu durchdenken sind.

Schwungvoller ist Jürgen Wertheimer, bis 2015 ein Vierteljahrhundert lang Ordinarius für Vergleichende Literatur an der Universität Tübingen. In seiner wagemutig ausgreifenden Kulturgeschichte Europas, die nun im Taschenbuch vorliegt, will er nicht nur ein »Protokoll der kulturellen Verwandlungen dieses Kontinents« nachzeichnen, er will die Wende- und Angelpunkte extra stark akzentuieren, die Träume, Transformationen und Tragödien. Angesichts von rund 3 000 Jahren Zivilisationshistorie ist seine Darstellung selbst auf großzügig eingeräumten 608 Buchseiten partiell etwas oberflächlich, da kursorisch raffend.

»Was wir gelernt haben – könnten?«, fragt Wertheimer final. »Ein starker Kontinent wie Europa hat ein gewaltiges Potential, wenn es darum geht, bedrohte Ordnungen neu zu stabilisieren, kreative Ideen zu entwickeln, Synergien zu erzeugen, Ängste zu nehmen und radikale Positionen zu entschärfen. Statt in die Defensive zu gehen und Zäune zu bauen, sollten wir alles daransetzen, aktiv in das Geschehen um uns her wie innerhalb des Kontinents selbst einzugreifen und gestaltend mitzuwirken.«

Was man lernte könnte, wenn man die Perspektive auch des Reisens umkehrt? Viel.

1708 war ein junger Mann, Hanna Diyâb geheißen und aus einem der schönsten Städte des Orients gebürtig, aus Aleppo, unterwegs. In Europa. Durch Europa, Im Gefolge und als Begleiter des Franzosen Paul Lucas, eines Sammlungsreisenden im Auftrag des französischen Königs Louis XIV.

Diyâb entstammte eher einfachen Verhältnissen. Aleppo war um das Jahr 1700 eine geradezu kosmopolitische Stadt. Händler aus der Levante, dem östlichen Teil des Mittelmeers, unterhielten Handelsstationen und -kontore, Aleppos Basare waren Magnete. Das erklärt auch, wieso und dass Hanna vielsprachig war, neben Arabisch auch Französisch sprach und sich auf Provenzalisch, Italienisch und Türkisch verständigen konnte. Lucas stellte ihn umgehend als seinen Dolmetsch an und als Gehilfen. Hanna begleitete ihn aus der syrischen Wüste an die Seine.

Dort erregte er Aufsehen. Noch mehr aber das, was Lucas mitbrachte. Umgekehrt war für Hanna mit seinem ethnologischen Blick avant la lettre – und die Perspektive von Beobachter und Beobachteten ist hier stupend umgedreht – alles am Hofe zu Versailles fremd, aufregend, neu. Ob nun – und wir sind auf dem luxuriös dekadenten Höhepunkt des üppigen Hochbarocks – die »kostbaren Kleider aus goldbestickter Seide« oder die »Zofen, schön wie Sterne«. Die vielen langen Flure des Schlosses, dessen Säle und Säle und Säle, insgesamt 1 800 Räume zählt ja der riesenhafte labyrinthische Palast. Hanna Diyâb sieht »Wunder«, die ihn vollkommen betören, beispielsweise eine Aufführung der Oper »Atys« von Louis’ Leib- und Hofkomponisten Jean-Baptiste Lully. So bezaubert ist er über das, was auf der Bühne passiert, dass sich alle Anwesenden herablassend über seine Naivität amüsieren und extra lustig machen.

Als Diyâb dann zurückreist, die Route führte ihn via Istanbul durch das anatolische Hochland nach Aleppo, ist er ein Anderer. Er fühlt sich anders. Und er gibt sich als Anderer aus, als »fränkischer« Mediziner, er kleidet sich in europäische Gewänder und wendet bei Paschas und Gouverneuren westliche Medizin an, mit Erfolg. Bei Lucas hatte er sich das eine und andere abgeschaut. Es ist somit eine »Bildungsreise«. Und die Reise einer Verwandlung.

Originellerweise gelangte 1928 Diyâbs Manuskript, das mitten in einem Satz einsetzt, da offensichtlich ein Teil verlorengegangen ist, nach Rom, in die Vatikanische Apostolische Bibliothek. Die nun erste Übersetzung ins Deutsche, die auf der wissenschaftlich seriösen französischen aufbaut und von dieser maßgeblich profitiert, ist klug von einem Vorwort des Übersetzers Gennaro Ghirardelli und einem instruktiven Essay des französischen Historikers Bernard Heyberger eingerahmt.

»Alles beginnt mit der Sehnsucht.« Schließlich ist das der eigentliche Urkern des Reisens. Diesen Satz von Nelly Sachs, der Dichterin und Literaturnobelpreisträgerin, ist das Erste, was man im bildstarken Band »Frauen auf Reisen« liest. Der Münchner Thiele Verlag hat eine Fülle von reizvollen Illustrationen zusammengestellt, in die ein kleiner Essay Tania Schlies eingestreut ist. Es sind postimpressionistische Gemälde und alte, anmutig pittoreske Werbeplakate, Annoncen für Bahnfahrten wie für einst hochexklusive Orte wie Monte Carlo oder das extravagante Juan-les-Pins in Südfrankreich. Man sieht Strand und Meer und Promenierende in fremden Städten und gewaltige Schrankkoffer. Man sieht die sich wandelnde Freizeitmode und Skier, die noch aus Holz waren. Ein zum sofortigen Aufbruch verführender Band für die heimische Couch, wenn die nächste Reise noch weit, herzziehend weit entfernt ist.

Wie aber reisten Frauen, bis weit ins 20. Jahrhundert auch beim Reisen eingeengt bis unterdrückt, denn nun tatsächlich, jenseits idealisierender Darstellungen oder lockend sexualisierter Reklamebilder?

Hierzulande eher unbekannt ist Nelly Bly, eine Undercover-Reporterin, die 1888 die Wette einging, einmal um den Globus zu reisen, und zwar schneller als Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg. Verne wettete nach einem Treffen mit ihr, sie würde es in 75 Tagen schaffen – tatsächlich waren es am Ende nur 72. Noch weniger bekannt ist Annie Cohen Kopchovsky, die 1894/95 als Erste auf einem Zweirad die Welt umfuhr, ganz zu schweigen von der Afrikareisenden Osa Johnson, genannt »The Woman in the Safari Outfit«, die die allererste Filmdokumentation mit Ton über Afrika drehte, oder die gebürtige Litauerin Lillian Alling, die nach ihrer Auswanderung in die USA 1926/27 zu Fuß quer durch Nordamerika nach Sibirien wanderte – was vor ihr noch nie jemand gewagt hatte! – und die in Alaska spurlos verschollen ging. Und wer weiß heute noch, dass Annie Brasseys Reisetagebuch »A Voyage in the Sunbeam«, in dem sie ihre Weltumsegelung anno 1873 mit der 157 Fuß langen Dampfyacht »Sunbeam« – die über ein eigenes Klassenzimmer für Annies mitreisende Kinder verfügte und über eine Bordbibliothek mit 4 000 Büchern – aufschrieb, in den 1880er-Jahren nicht nur ein Bestseller war, sondern auch Schullektüre? Und Hermione, Countess of Ranfurlys abenteuerliches Tagebuch »To War With Whitaker« über vier Kriegsjahre in Kairo und Nordafrika harrt seit einem Vierteljahrhundert einer deutschen Übersetzung.

Bärbel Arenz und Gisela Lipsky porträtieren in »Mit Kompass und Korsett« eine instruktive Auswahl abenteuerlich reisender Frauen aus vier Jahrhunderten. Die Bekanntesten davon: Isabelle Eberhardt, die inzwischen auch spielfilmisch gewürdigte Gertrude Bell und Alexandra David-Néel, die 1969 101-jährig starb und ab den 1890er-Jahren Asien bereist, zwei Jahre in einem buddhistischen Kloster gelebt und ein Wörterbuch Französisch-Tibetisch verfasst hatte. Fein, dass auch die österreichische Reisende Ida Pfeiffer gewürdigt wird. Schöne Entdeckungen sind Alexandrine Tinne, eine Niederländerin, die davon träumte, die Nilquellen zu entdecken und 1869 in der Wüste Libyens ermordet wurde, oder Lise Cristiani, eine eminente russische Violoncellistin, die den weiten Osten des Zarenreichs und die nach China überlappende Steppe erkundete.

»Erkunden« hat noch eine zweite Bedeutungsebene, eine politische, militärische. Denn wenn man unterwegs ist, früher mit Zeichengerätschaften, Mappe, Block, dann protokollierte man, was man sah. Das konnte dann überzeitlich ausfallen, wie die Aquarelle der Freundestrias Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet auf ihrer Tunisreise 1911, bis heute ein populäres Motiv für Poster, Kalender, preiswerte Drucke. Aber es konnte auch heißen, das festzuhalten, was man sah. Und was politstrategisch, in Zeiten vor Satellitenüberwachung und digitaler Erdkartierung, für kommende militärische Expeditionen oder gar Bataillen von nicht zu unterschätzendem Wert war.

Die Kunsthistorikerin Ulrike Boskamp, die einige Jahre an der Freien Universität Berlin lehrte und forschte, hat in ihrem großzügig illustrierten Band, allein 125 Abbildungen sind vierfarbig, rund 240 Rapporte und Archivdokumente ausgewertet, um über fünf Jahrhunderte hinweg nachzuzeichnen, in welche Bredouillen reisende Künstlerinnen und Künstler kamen, wenn sie reisten. Und malten. Oder zeichneten. Wenn sie Topografisches festhielten. Und ihnen Festungen, Forts, Grenzen und Grenzstädte pittoresk ins Auge fielen. Sie wurden allzu oft als feindliche Spione und Agenten eingestuft, die sich zum Schein harmlos gaben, aber vielleicht, nein: sicherlich!, Späher waren.

Aus der Literaturhistorie bekannt ist, dass Schriftsteller, die in der Ferne unterwegs waren, späterhin von Ministerialen ausgefragt wurden. Somerset Maughams »Ashenden: Or the British Agent«, eine Sammlung von Erzählungen aus dem Jahr 1927, basiert mit übergroßer Wahrscheinlichkeit auf Maughams eigener Agententätigkeit während des Ersten Weltkriegs. Der hochbetagt verstorbene Maugham behauptete, dass, hätte er seine im Auftrag der britischen Regierung unternommene Russlandreise im Jahr 1917 nicht recht überstürzt abbrechen müssen, sich ihm vielleicht die Gelegenheit geboten hätte, Lenin zu erschießen – und der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine andere Wendung zu geben. Und Ian Fleming, der Erfinder von James Bond, war bekanntlich Offizier im britischen Nachrichtendienst. Heute vergessen ist, dass es ja im Ersten und im Zweiten Weltkrieg offizielle »Kriegsmaler« gab. Dass Künstler als Vergnügungsreisende und nicht als Gesinnungsgesandte unterwegs waren, das brachte andere auf die Palme.

Wie meinte im Jahr 1809 ein Autor, der in einer Kleinstadt lebte, in der die Distanzen zu Fuß leicht zurückzulegen waren und sind, der selbst lediglich überschaubar reiste, einzig in sein Traumland Italien, und niemals in Länder mit Palmen kam, wie meinte Goethe in »Die Wahlverwandtschaften«: »Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande wo Elephanten und Tiger zu Hause sind.« Das aber wäre eine andere historische Zeitreise.