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KLEOPATRA HERRSCHERIN UND GELIEBTE


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National Geographic History - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 17.06.2022
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Bildquelle: National Geographic History, Ausgabe 5/2022

OHNE SKRUPEL Kleopatra VII. schaltete gezielt ihre Geschwister aus, um sich die alleinige Herrschaft in Ägypten zu sichern. Auf dieser Seite: Skizze des französischen Malers Alexandre Cabanel für sein Ölgemälde ?Kleopatra testet Gifte an verurteilten Gefangenen? von 1887 (Königliches Museum der Schönen Künste, Antwerpen).

Dem römischen Politiker und Feldherrn Gaius Julius Cäsar eilte der Ruf eines Frauenhelden voraus. Insgesamt dreimal verheiratet, pflegte er gerne und leidenschaftlich außereheliche Affären. Sein antiker Biograf Sueton, Experte, was Cäsars amouröses Leben angeht, wusste von hochrangigen Partnerinnen zu berichten: „Liebesbeziehungen unterhielt er auch zu Königinnen.“

Doch eine dieser Königinnen stach alle anderen aus: „Am meisten“, berichtet Sueton, „liebte er Kleopatra.“ Und fügt als Bestätigung dieser Aussage hinzu: „An ihrer Seite dehnte er Gelage bis zum frühen Morgen aus.“

Cäsar war es gewohnt zu siegen. Und so glaubte er auch, Kleopatra für sich gewonnen zu haben. In Wirklichkeit aber war es genau umgekehrt: Kleopatra gewann Cäsar. Während der Römer meinte, die ägyptische Königin sei seinem viel erprobten, unwiderstehlichen Charme erlegen, nutzte sie die Verliebtheit des 31 Jahre älteren Mannes ...

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... konsequent aus, um ihre ehrgeizigen politischen Ziele zu erreichen. Und als ihr großer Gönner unter tragischen Umständen starb, gelang ihr dasselbe Kunststück noch einmal, indem sie wieder einen mächtigen Römer so sehr faszinierte, dass er ihr alle Wünsche erfüllte.

Kleopatra war Königin von Ägypten, aber keine Ägypterin. Sie gehörte zur griechisch-makedonischen Dynastie der Ptolemäer, die nach der Eroberung des Nillandes durch Alexander den Großen 332 v. Chr. ans Ruder gekommen war.

Die Monarchen residierten in einem prächtigen Palastkomplex in der Hauptstadt Alexandria.

Die Ressourcen des fruchtbaren Landes mit den Exportschlagern Getreide und Papyrus spülten viel Geld in die königlichen Kassen. Die fremden Herrscher regierten nach dem Vorbild der alten ägyptischen Pharaonen – unnahbar, absolut und gottgleich.

Land am Abgrund

Doch im 1. Jahrhundert v. Chr. war es mit den glorreichen Zeiten vorbei. Schwache Könige, Intrigen am Hof, Missernten und nicht zuletzt der Aufstieg Roms zur führenden Macht im Mittelmeerraum brachten den ägyptischen Koloss ins Wanken.

Ptolemaios XII., der Vater der Kleopatra, den die Zeitgenossen als Auletes, „Flötenspieler“, verspotteten, weil er sich wohl mehr für musikalische Darbietungen als für die Politik interessierte, war eine Marionette am Gängelband der Römer.

Es schien nur noch eine Frage der Zeit, dass die Senatoren Ägypten dem römischen Imperium einverleibten. Ptolemaios XII. war oft in Rom gewesen und hatte mit seinen Klagen und devoten Auftritten nicht gerade Respekt und Sympathie geerntet. Zum Glück waren die Politiker in Rom zu dieser Zeit so zerstritten, dass keiner dem anderen über den Weg traute. Ägypten zu erobern, bedeutete nach der römischen Herrschaftspraxis, einem Senator die Verwaltung des reichen Landes zu überlassen. Wer aber konnte garantieren, dass er diese Position nicht zum Aufbau einer persönlichen Machtstellung nutzen würde? Doch am Hof in Alexandria machte man sich keine Illusionen. Es musste nur ein starker Mann kommen, dann würde es mit der Unabhängigkeit Ägyptens schnell vorbei sein.

CHRONOLOGIE

LEBEN DER KÖNIGIN

69 v. Chr.

Kleopatra, Tochter von Ptolemaios XII., kommt in Alexandria zur Welt.

51 v. Chr.

Gemäß dem Testament des Vaters gelangt sie mit ihrem Bruder auf den Thron.

44 v. Chr.

Nach dem Tod der beiden Brüder herrscht Kleopatra mit Cäsarion.

30 v. Chr.

Die ägyptische Königin stirbt nach der Niederlage von Actium durch Selbstmord.

Ptolemaios XII. starb 51 v. Chr. Seine Tochter Kleopatra war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt.

Sie hatte eine jüngere Schwester namens Arsinoe und zwei jüngere Brüder, die, weil in der Familie der Ptolemäer alle männlichen Nachkommen Ptolemaios hießen, in der modernen Wissenschaft die Namen Ptolemaios XIII. und XIV. tragen. Auch der Name Kleopatra kam in der Dynastie häufig vor: Die heute berühmte Kleopatra war bereits die Nummer sieben in der Reihe prominenter weiblicher Familienmitglieder.

Machtkampf am Hof

Der Vater hatte sich gewünscht, dass seine Kinder nach seinem Tod ein Leben in vorbildlicher Eintracht und Harmonie führen würden. Sicherheitshalber hatte er sie mit dem griechischen Titel „Philadelphoi“ ausgestattet. Doch geschwisterliche Liebe, wie sie dieser Name zum Ausdruck bringen sollte, war es nicht, was das Verhältnis untereinander prägte. Ganz im Gegenteil: Von Anfang an herrschten erbitterte Machtkämpfe, für die vor allem die ehrgeizige Kleopatra verantwortlich war. Nach dem Willen des Vaters sollte sie die Herrschaft gemeinsam mit dem acht Jahre jüngeren Bruder Ptolemaios XIII. ausüben. Doch die junge Frau machte keine Anstalten, den Bruder, der noch ein Kind war, an der Macht zu beteiligen. Über ein Jahr lang regierte sie praktisch allein, wie offizielle Dokumente zeigen, in denen nur ihr Name und nicht der des Bruders auftaucht.

Vielen im Palast war die resolute Kleopatra ein Dorn im Auge. Einflussreiche Höflinge rieben sich nicht so sehr daran, dass sie eine Frau war, als vielmehr daran, dass sie eine entschlossene Frau war, die in jeder Situation wusste, was sie wollte.

Den Rat der Ratgeber brauchte sie nicht und sorgte damit für viel Frust. Die Rechnung wurde ihr im Laufe des Jahres 50 v. Chr. präsentiert. Prominente Köpfe der Hofgesellschaft scharten sich um Ptolemaios XIII., stürzten Kleopatra zugunsten ihres Schützlings vom Thron und schickten sie aus der Hauptstadt Alexandria in die Wüste.

Doch das Wort „Aufgeben“ war in Kleopatras Vokabular nicht vorgesehen. In ihren Rückzugsorten in Oberägypten und Syrien schmiedete sie eifrig Pläne für die Rückkehr und den Weg zurück auf den Thron. Sie hatte bereits Kontakt zu arabischen Truppen aufgenommen, als sich plötzlich eine viel bessere Lösung bot. Diese nahte in Gestalt des damals mächtigsten Mannes von Rom. Gaius Julius Cäsar hatte im Bürgerkrieg, der in Rom tobte, gerade seinen großen römischen Rivalen Pompeius in der Schlacht bei Pharsalos in Griechenland (48 v. Chr.) besiegt.

Der geschlagene Feldherr Pompeius fuhr per Schiff nach Alexandria weiter, in der Erwartung, dort Asyl zu finden, weil er mit Ptolemaios XII. befreundet gewesen war.

Doch in Ägypten war man über den Ausgang der Schlacht bereits informiert. In realistischer Einschätzung der aktuellen Lage sagten sich die Hofkreise,

DER BRAND VON ALEXANDRIA

ALS CÄSAR bei den Kämpfen vor Alexandria die ägyptische Flotte in Brand setzte, griffen die Flammen angeblich auch auf einige Hafengebäude über: Dieser Stich zeigt das Feuer, bei dem auch die berühmte Bibliothek der Stadt zerstört worden sein soll. Laut Autoren wie Cassius Dio wurden in den Lagerräumen aber nur einige Buchbände verbrannt, nicht der gesamte Bibliotheksbestand.

es sei besser, den Sieger Cäsar zu hofieren, als den Verlierer Pompeius zu schützen.

So wurde Cäsars Rivale getötet, kaum dass er im Hafen von Alexandria das Schiff verlassen hatte.

Kurze Zeit später kam Cäsar in Alexandria an. Er wusste nichts von der Tragödie, die sich im Hafen abgespielt hatte, und wollte eigentlich Pompeius in die Hände bekommen. Als man ihm den Kopf des ermordeten Konkurrenten präsentierte, weinte Cäsar pflichtschuldigst. Er beschloss, etwas länger zu bleiben, um sich über die aktuelle Situation im Königreich Ägypten zu informieren und die Machtverhältnisse zu sondieren. Kleopatra hatte er bis dahin noch nie gesehen. Das erste Zusammentreffen aber hinterließ bei ihm wohl einen bleibenden Eindruck. Laut der Überlieferung des antiken Autors Plutarch hatte sich Kleopatra die originellste Kontaktaufnahme der Antike ausgedacht. Heimlich war sie nach Alexandria gekommen. Von ihrem Bruder und seinen Unterstützern durfte sie auf keinen Fall entdeckt werden. Sie wusste, dass Cäsar einen Teil des königlichen Palastes bezogen hatte. Bei einbrechender Dunkelheit näherte sie sich mit einem kleinen Boot.

Vor dem Schlosstor ließ sie sich von einem Helfer namens Apollodoros in einen Sack wickeln und zu Cäsar bringen. Der Römer soll – so berichtet zumindest Plutarch – nicht schlecht gestaunt haben, als sich der Inhalt des seltsamen Paketes als die verstoßene Königin Kleopatra herausstellte.

Klug, listig und schön

„Schon dieser listige Einfall“, erzählt Plutarch, „gewann Cäsars Herz, und vollends erlag er ihrer Anmut und dem Reiz ihres Umgangs.“ Er hebt auch die gewinnende Art als Kleopatras wichtigstes Kapital hervor und relativiert damit die Mythen und Legenden über die sagenhafte Schönheit, von der alle fest überzeugt sind, die den Hollywood-Klassiker von 1960 mit Elizabeth Taylor in der Rolle der Kleopatra gesehen haben: „An und für sich war ihre Schönheit, wie man sagt, gar nicht so unvergleichlich und von der Art, dass sie beim ersten Anblick berückte. Aber im persönlichen Umgang hatte sie einen unwiderstehlichen Reiz, und ihre Gestalt, verbunden mit der gewinnenden Art ihrer Unterhaltung und der in allem sie umspielenden Anmut, hinterließ einen großen Eindruck. Ein Vergnügen war es auch, ihrer Stimme zu lauschen.“

An dem hingerissenen Cäsar erprobte sie erstmals die „Methode Kleopatra“. Das Rezept war an sich einfach. Sie musste den mächtigsten Mann von Rom für sich gewinnen, um ihre beiden Ziele zu erreichen: Sie wollte über Ägypten herrschen und sicherstellen, dass das Land am Nil unabhängig blieb. Diese Pläne verfolgte sie mit hoher Intelligenz und bemerkenswerter Konsequenz. Cäsar tat alles, was sie wollte – spätestens nachdem sie mit ihm wohl noch eine lange Nilkreuzfahrt unternommen hatte. Er besiegte ihre internen Widersacher. Ptolemaios XIII. ertrank nach einer schweren Niederlage bei Alexandria im Nil. Cäsar setzte Kleopatra auf den Thron und stellte ihr den jüngsten Bruder Ptolemaios XIV. als Mitherrscher an die Seite. Die Schwester Arsinoe, die sich auf die Seite von Kleopatras Gegnern geschlagen hatte, wurde ins Exil nach Ephesos geschickt. Als Cäsar neun Monate später Ägypten wieder verließ, war Kleopatra hochschwanger. Kurze Zeit später brachte sie einen Sohn zur Welt. Offiziell hieß er Ptolemaios (XV.), doch alle Welt nannte ihn „Cäsarion“, den „kleinen Cäsar“.

Dank Cäsars Protektion stand Kleopatra nun ganz oben. Und Cäsar stieg in Rom zum unumschränkten „Diktator auf Lebenszeit“ auf. Nicht aus Liebe, wie Cäsar dachte, sondern um sicherzugehen, dass ihr Mentor seine Haltung ihr gegenüber nicht änderte, zog Kleopatra mit Cäsarion und großem Gefolge nach Rom, wo sie von Cäsar in einer Prachtvilla im heutigen Stadtteil Trastevere untergebracht wurde. Zwei Jahre blieb sie in der Hauptstadt, dann passierte eine Katastrophe: An den Iden des März, dem 15. März 44 v. Chr., wurde Cäsar Opfer eines Attentats. Kleopatra, bei den Senatoren und bei der Bevölkerung nicht besonders beliebt, bestieg eilends ein Schiff und kehrte nach Alexandria zurück.

Heirat mit Marcus Antonius

In Rom brachen wieder Bürgerkriege aus. Um die Macht stritten Octavian, Großneffe und Adoptivsohn des ermordeten Diktators, und Marcus Antonius, ein militärischer Haudegen und alter Weggefährte Cäsars. Im fernen Alexandria beobachtete Kleopatra genau, wer von den beiden für sie wichtig werden könnte. Als Antonius den Osten des Imperiums als Aufgabenbereich erhielt, war ihr klar, was zu tun war. Sie hatte sein Persönlichkeitsprofil studiert und wusste: Er war wohl eher schlicht gestrickt, hatte nicht das Format eines Cäsar. Ihn musste sie auf andere Weise beeindrucken. Die Gelegenheit bot sich, als Antonius die jetzt 28-jährige Königin 41 v. Chr. zu einem Treffen nach Tarsos lud. Kleopatra kam auf einem Prunkschiff und gestaltete die Ankunft im Hafen zu einer perfekten Inszenierung. „Die Königin lag“, berichtet Plutarch, „unter einem reich mit Gold verzierten Sonnendach, gekleidet und geschmückt, wie man Aphrodite gemalt sieht, und junge Männer wie gemalte Liebesgötter standen zu beiden Seiten und fächelten ihr Kühlung zu.“

Cäsar wäre das zu viel an Pomp gewesen, für Antonius war es genau richtig.

DIE SCHWESTER ALS BEUTE

BEI CÄSARS TRIUMPHZUG in Rom präsentierte der Imperator unter anderem Kleopatras geschlagene Schwester Arsinoe, die sich während der Machtkämpfe auf die Seite der Gegner von Cäsar und Kleopatra gestellt hatte. Arsinoe (hier auf einem Stich von 1888 dargestellt) ging anschließend zunächst in Ephesos ins Exil – und wurde später getötet, vermutlich auf Wunsch Kleopatras.

Begegnung mit Folgen

Anfang 41 v. Chr. ließ Antonius Kleopatra nach Tarsos kommen, einer Stadt am Mittelmeer in der heutigen Türkei. Er wollte sich die Hilfe der reichen Königin bei künftigen Feldzügen sichern. Um Antonius zu beeindrucken, hielt sie angeblich auf einem vergoldeten Prunkschiff Einzug, umgeben von nackten Mädchen und Knaben.

Kleopatra selbst trat als Aphrodite auf beziehungsweise als deren ägyptisches Pendant, der Göttin Isis. Laut Plutarch war sie schmuckbehängt, aber kaum bekleidet. Antonius fand sich umgehend in seine Rolle als neuer Dionysos ein und schloss mit der göttlichen Herrscherin nicht nur eine politische, sondern auch erotische Verbindung.

Die legendäre Begegnung der (bekleideten) Protagonisten hielt Giovanni Battista Tiepolo in diesem Gemälde fest (1743/44, Privatsammlung, Paris).

Urteil der Geschichte: eine laszive Verschwenderin

Die ägyptische Herrscherin kämpfte geschickt darum, die Unabhängigkeit ihres Reichs zu bewahren und Roms Machtansprüche abzuwehren. Im Gegenzug wurde sie von römischen Geschichtsschreibern diffamiert; vor allem nach Octavians Sieg stellte man sie als verschwendungssüchtige Königin dar. Dazu passt die Episode, von der der Chronist Plinius der Ältere berichtet: So habe Kleopatra eines Tages mit Marcus Antonius darum gewettet, wer von den beiden reicher sei. Kleopatra habe sich daraufhin nur eine Schale mit Essig bringen lassen.

Darin löste sie eine wertvolle Perle auf, die an einem ihrer Ohringe befestigt war. Anschließend soll sie diese Lösung getrunken und die Wette gewonnen haben. Immerhin haben Wissenschaftler nachgewiesen: Mit der richtigen Essigmischung ist es tatsächlich möglich, Perlen aufzulösen.

GD

Von diesem Augenblick an erfüllte er Kleopatra jeden Wunsch. Er ließ die Schwester Arsinoe beseitigen, schenkte Kleopatra großzügig römische Besitzungen im Osten wie die Inseln Kreta und Zypern und verlieh ihr den Titel „Königin der Könige“. Antonius ließ sich von seiner römischen Ehefrau scheiden und heiratete Kleopatra. Das Paar bekam drei Kinder. Das war mehr, als sich Kleopatra je erträumt hatte.

TOD EINER KÖNIGIN

MIT IHREM SELBSTMORD entzog sich Kleopatra der Rache Octavians – und machte sich bis heute unsterblich. Ob sie wirklich durch den Biss einer Schlange starb oder sich Gift in die Vene spritzen ließ, wird diskutiert. Das Reptil galt bei den Ägyptern als göttliches Tier. Die Art ihres Todes könnte zu Propagandazwecken verbreitet worden sein, um auf die Göttlichkeit Kleopatras hinzuweisen.

Doch das Glück war trügerisch. Denn im Westen rüstete Octavian zur Entscheidung im Kampf um die Macht im Römischen Reich. Die Liaison zwischen Antonius und Kleopatra lieferte ihm willkommene Munition für eine beispiellose Propaganda-Kampagne. Die nymphomanische Zauberin vom Nil habe Antonius verhext, hieß es, und ihn seines Verstandes beraubt. Octavian verlas im Senat das Testament des Antonius, in dem dieser seinen Wunsch kundtat, nicht in Rom, sondern in Alexandria an der Seite Kleopatras bestattet zu werden. Damit war das Maß voll. Der Senat erklärte Kleopatra den Krieg – nicht Antonius, denn es sollte der Eindruck eines neuerlichen Bürgerkrieges vermieden werden.

Die Entscheidung fiel am 2. September im Jahr 31 v. Chr. Octavian besiegte in der Schlacht von Actium vor der Nordwestküste Griechenlands die Flotten der Kleopatra und des Antonius. Noch einmal versuchte Kleopatra, ihre erfolgreiche Methode zu aktivieren. Doch Octavian, sechs Jahre jünger als die Königin, zeigte sich bei einer zaghaften Kontaktaufnahme immun gegenüber allen Avancen. Am 12. August 30 v. Chr. nahm sich Kleopatra im Alter von 39 Jahren das Leben, stilecht ägyptisch durch den Biss der Uräus-Schlange. Die Ägypter glaubten, der Biss des heiligen Tieres des Gottes Amun-Re bedeute die Entrückung des Opfers zum Sonnengott (s. Kasten rechts). Von dieser Todesart berichten jedenfalls die römischen Quellen, die, wie manche Forscher vermuten, möglicherweise vom Sieger Octavian gesteuert waren, der damit die Fremdheit und Exotik Kleopatras betonen wollte. Da sich die Makedonin Kleopatra in der Rolle der Ägypterin gefiel, gibt es aber keinen Grund, an dieser Form des Selbstmordes zu zweifeln.

Auch im Tod zeigte Kleopatra jene unbeirrbare Konsequenz, die ihr ganzes Leben geprägt hatte.

Mit ihrem freiwilligen Tod entging sie der Demütigung, als Attraktion in Octavians Triumphzug in Rom präsentiert zu werden.

Auch Antonius hatte in der ausweglosen Lage Selbstmord begangen. Damit war der Weg frei für Octavian. Ägypten wurde von ihm, der danach als Kaiser Augustus Weltgeschichte schreiben sollte, dem Römischen Reich einverleibt. Kleopatra war gescheitert. Doch selbst ein Octavian konnte ihr seinen Respekt nicht versagen. Zwar ließ er seinen Lieblingsdichter Horaz auf die Nachricht von ihrem Tod schreiben: „Jetzt muss getrunken werden!“ Aber er ließ ihn in einem Nachruf auch hinzufügen: Sie war „keine unbedeutende Frau“ – aus dem Munde des nüchternen Octavian ein geradezu euphorisches Lob.

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BÜCHER

Kleopatra. Gestalten der Antike Christoph Schäfer. wbg, 2006

Kleopatra. Ein Leben Stacy Schiff. Bertelsmann, 2013