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LEINEN LOS IM PARADIES


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National Geographic Traveler - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.06.2022
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Bildquelle: National Geographic Traveler, Ausgabe 3/2022

Aus der Luft wird die paradiesische Einsamkeit der Halmahera-Küste auf den Nordmolukken deutlich.

JAGO IST ES EGAL, WAS ER RAUCHT. IM ALTER VON 84 HAT ER ALLES AUSPROBIERT: INDONESISCHE MARKEN MIT NELKENSPITZEN ODER TEURE AMERIKANISCHE SORTEN. MIT ALL DEM VERTREIBT ER SICH 0HNEHIN NUR DIE ZEIT ZWISCHEN DEN TAUCHGÄNGEN.

Heute aber taucht Jago nicht – auch wenn man das Gefühl hat, er sei jederzeit bereit. Er sitzt am Hafen von Kabalutan, barfuß und lediglich mit lockeren Shorts bekleidet. Sein Haar ist durch das Meersalz dick geworden, am Ansatz silberfarben und beinahe unanständig üppig. Er ist zierlich, seine Haut ledrig-braun, und er hat den Körperbau eines Teenagers. Jagos tränende Augen sind von Leberflecken umgeben, wirken aber entschlossen. An seiner Hüfte hängt eine Tasche voller Zigarettenschachteln – einige hat er geschenkt bekommen, andere im Tauschgeschäft erworben, wie es hier üblich ist. Ich frage mich laut, wie es seinen Lungen wohl geht. „Gut“, sagt sein Neffe. „Mit seinen Knien ...

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... ist er allerdings nicht so glücklich.“

Es ist nachvollziehbar, dass Jagos Gelenke nach acht Jahrzehnten mit Streifzügen tief unten im Ozean schmerzen. Rohani, so Jagos richtiger Name, begann im Alter von fünf Jahren mit dem Freitauchen. Sein Vater brachte ihm bei, Lungen, Herz, Verstand – und die Knie – zu trainieren, um in 36 Meter Tiefe zu fischen. So bekam er den Spitznamen „Jago“, Meister bei den Freitauchern der Bajau. Diese Seenomaden der ostindonesischen Togian-Inseln sind seit jeher leidenschaftliche Fischer. Über die Jahrhunderte haben die Bajau eine ungewöhnlich große Milz entwickelt: Sie dient als Lagerhaus für rote Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren, und ermöglicht bis zu 13 Minuten lange Tauchgänge. In den letzten Jahren haben die Bajau mit ihrem Tauchen und ihrer Lebensweise diverse Fernsehdokumentationen und Fotoartikel in Zeitschriften inspiriert. Zwischen hier und Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, die immerhin über 2000 Kilometer westlich liegt, ist Jago mit Sicherheit der größte Prominente.

Kabalutan, das Dorf auf den Togian-Inseln, in dem ich ihn gefunden habe, ist weitaus größer, als es zunächst scheint, wenn man sich mit dem Boot nähert. Wacklige Holzbrücken führen über Zuflüsse aus dem Meer und bilden Stege zu Hütten, die auf Stelzen über türkis strahlendem Wasser stehen. Betonwege dringen halbherzig in das felsige Innere der Insel ein, und der schroffe Untergrund dient als Spielplatz für eine Herde Ziegen. Hier leben etwa 2300 Menschen – die meisten von ihnen scheinen jünger als zehn Jahre zu sein. Als ich einen hölzernen Anlegesteg betrete, sehe ich einen Jungen ein imposantes Modellboot steuern, das er aus Holz gebaut hat, Ausleger und batteriebetriebene Schiffsschraube inklusive.

Bis vor ein paar Jahrzehnten waren die Bajau Nomaden, jetzt aber haben sie sich weitgehend niedergelassen. Früher tauchten sie nach Perlen und patrouillierten Fahrrinnen von Schiffen, die Gewürze transportierten – auf Geheiß der mächtigen mittelalterlichen Sultane der Gegend. Heute leben die Bajau vom Fischfang, der Nahrungssuche auf Riffen und dem Bau von (Modell-)Booten. „Einer der besten Segelausflüge, den ich je gemacht habe, war auf einer Schaluppe der Bajau“, sagt Jeffrey Mellefont. Der Schifffahrtshistoriker arbeitet für SeaTrek Sailing Adventures, die balinesische Gesellschaft, mit der ich unterwegs bin. „Sie sind meisterhafte Segler und lesen im Meer wie in einem Buch. Außerdem behaupten sie, dass sie über den Wind bestimmen und Trinkwasser aus den Untiefen herbeizaubern können. Das will ich nicht bezeugen,“ sagt er achselzuckend. „Aber zweifellos kennen diese Leute das Meer. Es ist, wer sie sind. Nach der Geburt eines Kindes werfen sie die Plazenta ins Meer und sagen, dass sie den Menschen auf jeder Reise seines Lebens begleitet – wie eine Art Wassergeist.“

Die Bajau sind nur eine der vielen Gemeinschaften, die sich am östlichen Rand der weltgrößten Inselgruppe einen Lebensraum geschaffen haben. Es ist allerdings Neuland für die zweiwöchige Segelexpedition der SeaTrek, die von der Insel Ternate in Indonesiens nördlichen „Gewürzinseln“ ablegt, um einer duftenden Strecke folgend südostwärts nach Sulawesi zu gelangen. Wenn man seine Karriere nicht wie unser ansässiger Schifffahrtshistoriker an Bord einer Bajau-Schaluppe verbringen kann, die zu abgelegenen ozeanischen Siedlungen segelt, ist dieser Ausflug auf der Ombak Putih („weiße Welle“), eines von SeaTreks zwei traditionellen hölzernen Pinisi-Schiffen, die beste Alternative.

Als ich sie zum ersten Mal sehe – mit einem glänzenden Rumpf aus Eisenholz und sieben tiefblauen Segeln –, stiehlt die Ombak Putih der Insel Ternate und der danebenliegenden Tidore beinahe die Schau. Im Gegensatz zu den klobigen, frisierten Booten, die in Indonesiens östlichen Raja-Ampat-Atollen als Boote für Tauchsafaris weit verbreitet sind, hätten die schön erhaltenen Konturen der Putih auch vor 1000 Jahren im Hafen von Ternate nicht fehl am Platz gewirkt. Ihre eleganten Linien erinnern an die jahrhundertealte Bootsbautradition der Insel Sulawesi, die geschickte Handarbeit stammt von der Volksgruppe der Bugis, die Indonesien 2017 eine Nominierung für Immaterielles Kulturerbe einbrachte. Früher waren Pinisi sogar auf dem 100-Rupien-Schein abgebildet, und heute sind sie immer noch ein zentraler Bestandteil des ausgedehnten Schifffahrtsnetzes der Nation. Nach wie vor fallen als Ladung Muskatnuss, Muskatblüte und Nelken schwer ins Gewicht. Sie machten die Molukken zu Indonesiens mächtigsten Inseln, lange bevor die niederländische Ostindienkompanie und europäische Siedler sie für sich entdeckten. Hinter einer bescheidenen Ladenfront nahe dem Hafen von Ternate finde ich gekräuselte rote Berge von Muskatblüten auf dem Boden und Leinensäcke voll von den Samen, die sie vorher umgaben. Ringsum liegen Reihen von Muskatnüssen, die nach Gewicht und Glanz kategorisiert werden, Säcke von Nelken fallen fast von Regalen und verströmen ihr weihnachtliches Aroma in die 40 Grad heiße Luft. „Indonesien war einmal weltweit der einzige Hersteller von Nelken“, erklärt SeaTrek-Führer Arie Pagaka, der für den chinesischen Ladenbesitzer dolmetscht. „Nelken und Muskat sind immer noch die Haupteinkommensquelle von Ternate.“ Vieles davon geht nach Osten, Richtung China, auf einer Route, die seit Jahrmillionen besegelt wird.

ALS DIE DÄMMERUNG DIE STERNE AUS DEM BLÄTTERDACH VERDRÄNGT, SCHWEBEN SILHOUETTEN DER FEENVÖGEL, WIE MAN SIE HIER NENNT, DURCH DIE LUFT.

SEGELTÖRN MIT MISSION

Es gibt allerdings noch exotischere Dinge, die sich in den Bäumen von Indonesiens Gewürzsultanaten verstecken. Auf der Nachbarinsel Halmahera, die wie ein Seestern geformt ist, trefffe ich den Bänderparadiesvogel – und seine Erscheinung ist weit mehr als eine Kompensation für die Stunde, die ich vor Tagesanbruch im feuchten Flachland-Regenwald von Halmahera hockend verbracht habe. Als die Dämmerung die Sternenkonstellationen aus dem Blätterdach verdrängt, schweben Silhouetten dieser „Feenvögel“, wie man sie hier nennt, wie Schmetterlinge durch die Luft. Während die Sonne aufgeht, wird es offensichtlich, dass sie nicht wirklich schweben – sie bewegen sich wie Ninjas, die mit ausschweifenden Federboas ausgestattet sind. Die Männchen zeigen ein zitterndes Balzverhalten, bei dem sie von Ast zu Ast hüpfen und das Blätterdach zum Beben bringen. Wenn man dies in der Dämmerung beobachtet, scheinen sie mit den Bäumen verwachsen zu sein. Das Tageslicht beweist jedoch, dass es bei ihrem verrückten Gerangel sehr präzise zugeht: Schillernde grüne und kobaltblaue Federn blitzen, als sie statuengleiche Posen einnehmen, und unglaublich lange weiße Federn stehen nach oben und erinnern an einen Kopfschmuck zu Karneval.

WIR BEOBACHTEN SEHR KLEINE KINDER, WIE SIE VERSUCHEN, NAMEN VON INSELN AUSZUSPRECHEN, DIE SIE VERMUTLICH NIE BESUCHEN WERDEN.

Der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace, nach dem der Vogel benannt wurde (Semioptera wallacii), wusste, dass er einen großen Fang gemacht hatte, als er die Art 1858 auf der Nachbarinsel Bacan entdeckte. Der Bänderparadiesvogel war ein wesentlicher Bestandteil seiner Reihe an Erkundungen, die ihn unabhängig von Charles Darwin dazu brachten, die Evolutionstheorie durch natürliche Selektion zu entdecken. Wer ihn endgültig umhaute, war allerdings ein Schmetterling: der goldene Vogelflügler. „Wallaces Aufregung war so groß, dass er sich unter den Baum setzen musste, wo er ihn mit dem Netz einfing. Er wurde beinahe ohnmächtig. Er hatte für den Rest des Tages Kopfschmerzen“, erzählt der SeaTrek-Naturforscher George Beccaloni, der auch Wallace-Spezialist ist. Nachdem wir angelegt haben und über die Startbahn der Insel geeilt sind („Flugzeuge landen hier nur ein paarmal am Tag, uns sollte nichts passieren“, sagt Arie grinsend), befinden wir uns genau an dem Ort, an dem die Entdeckung gemacht wurde. Wir sehen nur ein graubraunes Weibchen, aber es ist so groß, dass es selbst eine Landeerlaubnis benötigen könnte.

Zurück an Bord ergänzen nächtliche Vorträge diese wilden Erlebnisse. Ein zweistündiges Gespräch über Kakerlaken klingt nicht wirklich nach einem Publikumsliebling, aber George verliert im Laufe seiner fesselnden Geschichten nur einen der 24 Passagiere ans obere Deck, wo sich der Himmel über uns wölbt und die Sterne im Meer spiegeln. Die Aussichten bei Tag sind ebenso grenzenlos: Endlose Blautöne werden unterbrochen von entfernten, scheinbar unberührten grünen Inseln mit gezackten Silhouetten. Falls es Dörfer gibt, sind sie im Landesinneren, außer Sichtweite.

Internationale Schiffe legen oft nur alle paar Jahrzehnte auf kleinen Inseln an, und ganze Dörfer – Horden von schreienden Kindern und Erwachsenen auf der Jagd nach Selfies – begrüßen Landungen wie „die Beatles, als sie 1964 in New York ankamen“, wie John, ein Passagier aus Texas, kommentiert. Dieses Gefühl der relativen Berühmtheit wird abgemildert, wenn man kleinere Kinder sieht, die sich hinter den Beinen ihrer Eltern verstecken und Angst haben, wir könnten Ungeheuer sein. Der Begriff ist hier wörtlich zu verstehen: Die Bugis, Sulawesi-Meisterbootsbauer und Pinisi-Hersteller, waren in vergangenen Jahrhunderten gewalttätige Händler, Piraten und Krieger. Kinder fürchten sich immer noch vor den Ankünften des „Bugis-Mann“ – Fremden auf Segelschiffen, so wie wir.

Trotzdem ist unsere internationale Reisegruppe eine Kuriosität, die zum kulturellen Austausch in die Schulen der Insel eingeladen wird. Wir bringen die kreativen Bilderbücher mit, die SeaTrek zum Schutz der Meere veröffentlicht hat. Im Gegenzug bekommen wir die Nationalhymne auf Bahasa vorgesungen, der offiziellen Sprache Indonesiens, zusammen mit anderen Liedern in den Sprachen der unzähligen Inseln. „Sie werden an der Schule jeden Tag vorgetragen. Wir kennen alle den Text, aber wir wissen nicht, was er bedeutet“, lacht Arie und beobachtet sehr kleine Kinder, wie sie versuchen, Namen von Inseln auszusprechen, die sie vermutlich nie besuchen werden. Immerhin sind hier in einem Land mehr als 700 Sprachen über 5150 Kilometer entlang des Äquators verteilt.

Auf der Insel Obilatu ist die internationale Sprache des Geldes laut genug, dass wir eine Karettschildkröte kaufen, die im flachen Wasser angebunden ist und in der Hitze langsam versengt. Es ist ein gutes Gefühl, die bedrohte Delikatesse vor dem Kochtopf zu retten und sie ins offene Meer zu entlassen. Die Mission von SeaTrek, die Natur zu schützen, besteht jedoch aus weit mehr. Die Segeltouren besuchen zahlreiche geförderte Projekte, einschließlich dem in einer bescheidenen Hütte auf der Insel Banggai, die von Korallen umgeben ist. Es widmet sich dem Schutz der Kardinalbarsche, die in dem Gebiet heimisch sind. „Sie werden gewildert und landen schneller im Aquaristikhandel, als sie sich in der Wildnis fortpflanzen können“, sagt Khalis Dwi, der Koordinator vor Ort für die balinesische Einrichtung Lini (indonesische Wohltätigkeitsorganisation zum Schutz der Fischbestände). Er zeigt mir ein paar winzige, zentimeterlange Arten, die in Becken nisten und hier gezüchtet werden, um Aquariumfreunde zu versorgen. Die Erlöse gehen an lokale Freiwillige wie Khalis und finanzieren ökologische Bildung an Grundschulen, die etwa das Thema Plastik oder das Ökosystem Mangrove behandelt.

Beim Schnorcheln sehen wir in Küstennähe eine Gruppe von sieben Kardinalbarschen, dann zahllose weitere, mit ihren schwarz-weißen Rücken perfekt getarnt zwischen halbmeterlangen Seeigelstacheln. Wie immer zeigt ein nur zehnminütiger Tauchgang eine überwältigende Fülle an Seetieren: muskatrot besternte Tintenfische, die sich im flachen Wasser verstecken, Steinfische, Seesterne, Süßlippen und Rochen. Als wir in die Schlauchboote klettern, schrecken wir blitzende Schwärme von türkisfarbenen Papageienfischen und metallisch-funkelnde Napoleon-Lippfische auf. Wir sind mit UV-Schwimmshirts und riffgeeignetem Sonnenschutz – Faktor 50 – ausgerüstet, um uns gegen die glühende Sonne am Äquator zu wehren. Jeden Tag tauchen wir ein in ein Unterwasserkönigreich, das uns alle, Besatzung und Reisende, keuchend wieder an die Oberfläche kommen lässt, von wo aus wir ungläubig nach unten zeigen.

DIE WUNDER DES MEERES

Das Korallendreieck von Indonesien beherbergt die größte Konzentration an Rifftieren der Welt. Grund genug, 14 Tage im Wasser zu verbringen. Ich begegne einigen Arten von Wasserschildkröten von Angesicht zu Angesicht, zudem einer giftigen Seeschlange, die genauso erschrocken scheint wie ich. Kugelfische mit Hundegesichtern krebsen herum, Haie grinsen hinter Riffwänden hervor und zeigen ihre Zähne, während riesige Aale aus dem Meeresboden herausschießen. In marinen Seen wabern Tausende von seltenen ungefährlichen Quallen um uns herum wie in einer Lavalampe. In brackigen Flachgewässern schwebe ich über Muscheln hinweg, die in Regenbogenfarben schillern und deren gewundene Gummilippen einen Meter umfassen. Und während ich zwischen Seefächern, Anemonen und Türmen von Korallen treibe, bringt mir der Naturschutzbeamte Jeni Kardinal die schier endlose Welt der Nacktkiemer näher – winzige bunte Wundertiere, die ich bisher immer als „psychedelische Meeresschnecken“ abgetan habe.

WIE IMMER ZEIGT EIN NUR ZEHNMINÜTIGER TAUCHGANG EINE ÜBERWÄLTIGENDE FÜLLE AN SEETIEREN: TINTENFISCHE, STEINFISCHE, SEESTERNE, ROCHEN.

Wir segeln kreuz und quer über die unsichtbaren Linien, die unsere Welt bestimmen, überqueren den Äquator zweimal, wobei die Aufregung bei der Wallace-Linie größer ist – noch eine Entdeckung von Alfred Russel Wallace, die die Geschichte veränderte: Sie ist die biogeografische Grenze zwischen den orientalischen und australischen Arten, die Indonesien halbiert. „Östlich der Linie, in Halmahera, haben wir Kakadus und Papageien gesehen“, erklärt George. „Affen gibt es nur westlich der Linie, Beuteltiere östlich. Es kommen immer ein paar Anomalien vor: In Guinea leben beide Arten, obwohl Letztere in Bäumen wohnen. Und in Sulawesi gibt es viele Tiere, die man dort nicht erwarten würde. Dort lebten früher Schweine und Elefanten mit drei Stoßzähnen. Als die alten Kontinente begannen, sich zu teilen, wurden Arten getrennt – die Schwimmer zogen davon. Elefanten können hervorragend schwimmen – sie haben schließlich ihren eigenen eingebauten Schnorchel.“

LEBEN AM UND IM WASSER

Wir stehen unter einem Baum, in dem eine Kolonie von Flughunden schläft, eine jener unerwarteten Arten, die sich auf der Wallace-Linie verteilen. Um die Tiere zu beobachten, wenn sie bei Sonnenuntergang losfliegen, haben wir an einem Halbmond aus puderweißem Sand angelegt. Ich betrachte blinzelnd die Äste, die aussehen wie mit ramponierten schwarzen Regenschirmen übersät. Nur ihre Laute und ein strenger Geruch nach Frettchen signalisieren die Anwesenheit von Tieren. „Sie schmecken laut Bill Bailey auch wie ein alter Regenschirm“, sagt George. „Er musste einen für Jungle Hero essen.“ Diese Fernseh-Entertainment-Show folgte einem britischen Komödianten auf seinen Indonesienreisen – ein Versuch, das Ansehen von Wallace wiederzubeleben. Denn das Vermächtnis des viktorianischen Naturforschers wurde über die Zeit vom aufgehenden Stern Darwins überschattet. Dieser gab bis zum Schluss nur widerwillig zu, dass er die natürliche Selektion zusammen mit Wallace entdeckt hatte. Schließlich wurde Wallace in manchen Kreisen als ein Unterklassen-Emporkömmling verspottet, der sich alles selbst beigebracht hatte. Bill Bailey ist Schirmherr des Alfred Russel Wallace Memorial Fund, der von George Beccaloni gegründet wurde, um seines Helden zu gedenken. Das Projekt „Wallace Correspondence“ versucht, alle erhaltenen Briefe und Manuskripte von Wallace zu lokalisieren, digitalisieren und interpretieren – ein beeindruckendes Lebenswerk.

Ich lasse George inmitten der Bäume zurück, Kamera in Position, und wate ins lauwarme Meer, um den bunten Himmel zu beobachten, der sich mit Wolken aus Hunderten von Regenschirmen dunkel färbt. Der Anblick ist surreal – eine Erfahrung, die ich nicht vergessen werde. Dann ist es Zeit, Segel zu setzen. Der Kapitän ruft bereits nach uns. Wie immer bin ich die Letzte, die an Bord kommt. Denn diesmal habe ich entdeckt, wie viel Spaß es macht, in voller Geschwindigkeit auf einem Paddleboard hinter dem starren Schlauchboot des Schiffes herzufahren – und dabei zu versuchen, aufrecht stehen zu bleiben.

Paddleboard-Wasserski ist nur eine von Nita CJs einfachen, aber genialen Ideen. Die SeaTrek-Führerin ist immer draußen an Deck – oder gerade im Wasser beim Tauchen oder Schnorcheln. Das Wasser scheint ihr natürliches Element zu sein. Aber wie so viele Indonesier, die am Rande des Ozeans leben, hatte Nita lange kaum unter die Oberfläche geschaut. Bis vor fünf Jahren. „Als ich zum ersten Mal geschnorchelt bin, bin ich ausgeflippt. Da war so viel Leben!“, erzählt Nita begeistert. „Je öfter ich es tat, desto mehr verliebte ich mich in das, was dort unten ist, und desto mehr wollte ich es schützen.“ Deshalb gab sie ihren Job im Finanzwesen auf. Ihre Initiative „Peek Under the Surface“ verteilt nun gebrauchte Schnorchelausrüstung an Kinder von den abgelegensten Inseln Indonesiens, um ökologisches Bewusstsein zu schaffen. Die Bajau-Speerfischer stellen zwar Taucherbrillen aus Glasflaschen her, aber eine Schnorchelausrüstung ist hier ein exotisches Gut. „Und man kümmert sich nicht um das, was man nicht sieht“, sagt Nita.

WIE SO VIELE INDONESIER, DIE AM RANDE DES OZEANS LEBEN, HAT TE NITA LANGE KAUM UNTER DIE OBERFLÄCHE GESCHAUT. BIS VOR FÜNF JAHREN.

In dem hübschen, von einem Lattenzaun umgebenen Dorf Tumbulawa werden geschenkte Taucherbrillen und Bücher mit Longanfrüchten belohnt, süß wie Litschis. Von gepflegten Feldern mit Indigopflanzen weht Patchouliduft über das Fußballfeld, auf dem Ziegen grasen und die Zahl der Kinder, wie immer, jene der Erwachsenen weit übertrifft. Es gibt keinen Ball, stattdessen erfüllt fröhliches Kreischen die Dämmerung und konkurriert mit dem hubschrauberartigen Ruf der Nashornvögel, die gerade im Aufbruch sind. „Man sagt, dass die Vögel pünktlicher sind als der Imam“, so unser Guide Arie, als der abendliche Gebetsruf ertönt. Wir fahren mit dem Motorboot durch unberührte Mangrovendickichte zurück zum Schiff, wo die Deckhelfer gerade einen Tintenfisch aus dem Meer ziehen. Er ist beinahe einen Meter lang und stößt beeindruckende Wasserstrahlen aus, als er das Meer verlässt. Die Männer glauben, dass er seinen letzten Atemzug getan hat, doch eine letzte Hochdruckfontäne ergießt sich über die Küchenkabine, die Besatzung und die meisten von uns draußen. Abendessen mit Showeinlage. Doch der gefangene Tintenfisch verblasst vor dem Spektakel der Putih, deren Segel gesetzt werden.

Es ist eine Aufgabe, die mit der blitzschnellen Effektivität einer Formel-1-Crew ausgeführt wird (falls diese mit Tonnen von Segeltuch in 30 Meter Höhe kämpfen müsste). Dies ist nur eines der vielen Qualitätsmerkmale des Schiffes, und ich fange sogar an, das Geklapper des Ankers zu lieben. Es erinnert an die Charles-Dickens-Figur Jacob Marley und weckt mich bei Tagesanbruch im tiefblauen Nirgendwo zum Schwimmen. Als wir vom berghohen Rumpf der Putih wegschwimmen, befindet sich sogar das untere Deck weit über meinem Kopf, und die Mastbalken verschwinden fast im Himmel. Ich tauche ein in die Weiten des Meeres, glatt wie ein Spiegel bis auf ein paar angedeutete Wellen. Nach den regenbogenfarbenen und belebten Riffen kommt es mir vor, als würde ich durch den Himmel schwimmen – eine tiefblaue Leere mitten im Ozean, in das sich Unterwasser-Sonnenstrahlen tasten. Ich denke an Jago und tauche tiefer. Aus dem Englischen von Isabel Hagedorn

REISE-INFOS

Anreise & unterwegs vor Ort

Start der Kreuzfahrt ist in Ternate auf den indonesischen Molukken-Inseln. Sie endet auf Sulawesi. Die Anreise ist z. B. möglich mit Etihad, Garuda Indonesia, Malaysia Airlines, Qatar Airways oder Singapore Airlines, die nach Bali oder Jakarta fliegen. Die durchschnittliche Flugzeit beträgt etwa 20 Stunden. , garudaindonesia.com, malaysiaairlines.com, qatarairways.com, singaporeair.com Anschlussflüge zu den östlichen Inseln gibt es mit den örtlichen Fluglinien Batik Air, Citilink und Lion Air. batikair.com, citilink.co.id, lionair.co.id

Reisezeit

Äquatorial-Indonesien ist das ganze Jahr über eine Reise wert. Mit leichten Abweichungen von Ost nach West dauert die Trockenzeit von April bis Oktober, die Monsunzeit von November bis März. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit fühlen sich die Temperaturen wie weit über den durchschnittlichen 28 Grad an. Abseits der Küste und an Bord eines Schiffes ist die Hitze weniger intensiv.

Segelkreuzfahrt

Die Expeditionskreuzfahrt „Rare Species, Remote Cultures & Remarkable Corals“ (zu Deutsch: Seltene Arten, abgelegene Kulturen & beeindruckende Korallen) des balinesischen Unternehmens SeaTrek Sailing Adventures dauert 14 Tage. Auf der Ombak Putih gibt es Platz für 24 Gäste in 12 Kabinen. Ab ca. 8060 Euro p. P.,

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