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Manche Dinge kommen erst, wenn man losgelassen hat


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Max - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 10.12.2021

MAX: Frau Nosbusch, Ihre Karriere begannen Sie als Zwölfjährige beim Radio und wurden dann eine der erfolgreichsten Moderatorinnen Europas. Auch für Filme und Serien standen Sie immer wieder vor der Kamera, in Deutschland und Luxemburg genauso wie in Italien oder Frankreich. Trotzdem mussten Sie 53 Jahre alt werden, bis Ihnen 2018 mit „Bad Banks“ der echte Durchbruch als Schauspielerin gelang. Waren Sie immer davon überzeugt, dass Ihnen das eines Tages noch gelingen würde?

Désirée Nosbusch: Nein, im Gegenteil. Eigentlich hatte ich damals ja schon beschlossen, die Sache an den Nagel zu hängen. Ungefähr drei Monate, bevor sich die Chance ergab, für „Bad Banks“ vorzusprechen, hatte ich meine Agentin angerufen und gebeten, mich aus der Kartei zu nehmen. Bevor ich die 18. Gastrolle hinten links in irgendeiner Krimiserie übernehme, wollte ich es sein lassen. Mir tat das zu weh, in der Schauspielerei, ...

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... die mir so sehr am Herzen liegt, in einem Bereich herumzudümpeln, in dem ich so nicht stattfinden wollte. Ich hatte also vor, mich darauf zu beschränken, ein paar schöne Sachen zu moderieren, denn das kann ich anscheinend, und das wollen die Leute sehen. Außerdem hatte ich in Luxemburg am Theater meinen Fuß in der Tür, wo ich meine künstlerische Erfüllung finde und man mir Chancen gab, die ich in Deutschland nicht bekommen habe. Aber wie sagt man es so schön: Manche Dinge kommen im Leben erst so richtig, wenn man sie eigentlich gerade losgelassen hat.

MAX: Klingt nach viel Aufwand für nur eine Handvoll Drehtage. Da kann man einer Figur doch nicht sonderlich viel Tiefe abgewinnen, oder?

Nosbusch: Das hängt natürlich immer davon ab, wie sie geschrieben ist. Und bei „Glauben“ hatte ich das Glück, dass die Kriminalhauptkommissarin, die ich spiele, eine Schlüsselfigur ist. Manchmal kann es schwierig sein, wenn man nur für ein paar Tage zu einem Team mit eingespielter Dynamik stößt und ein Fremdkörper bleibt. Aber hier fühlte ich mich auf Anhieb willkommen und gut aufgehoben. Und schon ein einziger intensiver Drehtag mit meinem grandiosen Kollegen Peter Kurth wäre die Sache wert gewesen.

MAX: Thematisch werden bei Schirach ja immer große Themen und komplexe moralische Fragen verhandelt. Welcher Aspekt hat Sie an dieser Geschichte besonders interessiert?

Nosbusch: Über dem Ganzen steht ja in großen Lettern der Missbrauch von Kindern, und da gehen bei mir natürlich sofort sämtliche Lampen an. Aber dazu kommt in diesem Fall eben die Frage, wie schnell wir eigentlich mit unseren Urteilen sind. Was enorm zeitgemäß ist, selbst wenn die Serie von einem realen Fall in den Neunziger Jahren inspiriert ist. Denn wir alle erleben ja im Moment – mal im Größeren, mal im Kleineren – welche Macht die sozialen Medien haben. Gerade in der Generation meiner Kinder bekomme ich das hautnah mit. Die haben zum Teil eine echte Panik davor, dass irgendjemand ein Gerücht postet, das sich dann verselbstständigt wie ein Lauffeuer. Im Zweifelsfall kann einen das in deren Welt sozial zerstören.

MAX: Haben Sie oder Ihre Kinder denn so etwas schon einmal erlebt?

Nosbusch: Ich denke da an einen konkreten Fall im Umfeld meiner Kinder, über den wir lange gesprochen haben. Einem Freund meines Sohnes wurde in den sozialen Netzwerken vorgeworfen, ein Mädchen vergewaltigt zu haben. Es ist unglaublich, was das für Kreise zog und wie viele Menschen da mit hineingezogen wurden, obwohl es bis heute null Beweise dafür gibt. Das ist inzwischen natürlich ein Fall für die Anwälte, aber online lässt sich das eigentlich kaum wieder einfangen. Der Junge ist erst einmal erledigt und bekam teilweise Morddrohungen. Diese Macht, die ein Urteil in den sozialen oder überhaupt in den Medien haben kann, finde ich schon erschreckend.

MAX: Ziehen Sie für sich daraus Konsequenzen?

Nosbusch: Ich war mir schon immer meiner Verantwortung bewusst, wenn ich vor einer Kamera den Mund aufmache. Das darf man nicht unterschätzen, welche Macht man in diesem Moment hat. Und überhaupt versuche ich seit Jahren, mich selbst immer wieder an der Nase zu packen, wenn ich merke, dass ich zu schnell urteile. Oder wenn ich mich dabei ertappe, ungefragt Ratschläge zu geben. Was solche Dinge angeht, müssen wir uns alle öfter hinterfragen und überprüfen, denn das ist wirklich ein Problem.

MAX: Aber um noch kurz bei den sozialen Netzwerken zu bleiben: Haben Sie selbst damit auf Anhieb den richtigen Umgang gefunden?

Nosbusch: Anfangs habe ich mich komplett gegen die Sache gewehrt. Aber ich gehörte auch zu den Leuten, die vor 30 Jahren sagten, sie brauchen keinen Computer sondern lieben ihre Schreibmaschine. Ich dachte also immer, ich sei viel zu alt für Social Media, bis irgendwann im Urlaub mal mein Sohn meinte: Wir machen dir jetzt einen Instagram-Account. Wirklich aktiver wurde ich dort allerdings erst, als ich verstanden und akzeptiert habe, wie wichtig ein solcher Account heutzutage beruflich ist. Nicht nur, weil es inzwischen teilweise von Produktionsfirmen erwartet wird, dass man gewissen Content zur Promotion liefert. Sondern auch, weil es mir beispielsweise bei dem kleinen Theater, an dem ich hier in Luxemburg arbeite, gelingt, mit ein paar Posts auf Instagram unsere 90 Sitzplätze vollzukriegen. Gleichzeitig wehre ich mich aber auch gegen vieles.

MAX: Zum Beispiel?

Nosbusch: Ich mache keine Werbung auf meinem Account. Und ich möchte mich auch nicht zum Sklaven meines Telefons machen. Meine Kinder sind bei Plattenfirmen unter Vertrag, die müssen wirklich so und so viele Posts jede Woche machen. Auf so einen Druck habe ich keine Lust. Ich vergleiche auch nicht, wie viele Follower ich im Vergleich zu den Kollegen habe oder so. Aber mein Mitteilungsbedürfnis ist eben auch nicht so groß, dass ich ständig alle wissen lassen müsste, wenn ich mal einen Kuchen backe.

MAX: Ist diese besonnene Reflektiertheit, die Sie an den Tag legen, auch das Ergebnis eines Aufwachsens und Lebens im Licht der Öffentlichkeit?

Nosbusch: Vielleicht. Aber es hat viele Jahre der Verarbeitung gebraucht, damit umgehen zu können, dass du be-und verurteilt wirst, bevor du selbst überhaupt weißt, was Sache ist. Als ich jung war, wusste ja die Welt – oder sagen wir lieber: Deutschland und Luxemburg, vielleicht auch Österreich und die Schweiz – immer schon, was mit mir falsch oder richtig ist, bevor ich selbst das tat. Ich erinnere mich noch genau an Schlagzeilen, die mich als altklug beschrieben – und ich musste dann erst einmal im Wörterbuch nachschlagen, was genau damit eigentlich gemeint ist. Solche Dinge haben auch mit dazu geführt, dass ich irgendwann das Gefühl hatte wegzumüssen und nach New York gegangen bin.

MAX: Haben Sie das als Flucht empfunden?

Nosbusch: Nein, eher als gezielte Veränderung. Ich wollte herausfinden, wie das ist, wenn ich irgendwo bin, wo ich nur danach beurteilt werde, was ich gerade mache, nicht danach, welches Bild die Menschen von mir im Kopf haben. Ob diese Erfahrungen nun einen Einfluss darauf haben, wie reflektiert ich heute bin? Vielleicht. Damals schlug das aber erst einmal um ins Gegenteil: In meinen Zwanzigern wollte ich von allen geliebt werden. Oder zumindest gemocht. Ich wollte nicht mehr, dass Leute sagen, ich sei frech oder vorlaut. Bloß nicht anecken, bloß es allen recht machen. Denn natürlich hat auch meine Familie sehr darunter gelitten, wenn über mich geschrieben wurde, ich sei frech. Zumal ich wirklich überhaupt kein rebellisches Kind war. Lange Rede, kurzer Sinn: Es hat lange gedauert, bis ich mich wieder zurückgependelt habe und wieder an den Punkt gekommen bin, wo ich auch mal den Mund aufgemacht habe, wenn mir etwas nicht gepasst hat.

MAX: Wann haben Sie denn realisiert, dass sich bei jedermann lieb Kind zu machen auch nicht der richtige Weg ist?

Nosbusch: Das hat gedauert. Erst einmal kamen ja einige Karriereknicks. Nachdem ich mit 19 Jahren den Grand Prix gemacht hatte, habe ich etliche Jahre lang erst einmal alles moderiert, wo es jemanden gebraucht hat, der im langen Kleid und Stöckelschuhen eine Treppe herunterkommt und ein paar Sprachen spricht. Dann folgte ich meinem damaligen Mann nach Amerika und habe Kinder bekommen. Schauspielerisch hat es lange nicht funktioniert, obwohl ich das eigentlich am meisten wollte. Galas moderieren reichte mir nicht.

MAX: Aber Sie haben sich Ihrer Situation nie ergeben, sondern immer bewusst Veränderungen herbeigeführt, oder?

Nosbusch: Ja, Stagnation war bei mir nie angesagt. Irgendwann habe ich den zweiten Bildungsweg eingeschlagen, Regie und Produktion studiert und in Los Angeles meinen ersten Kurzfilm gedreht. Mein Motto war immer: Man muss den Eimer erst einmal füllen, bevor man ihn wieder umkippen kann. Aber ich fühlte mich in meinem Leben sehr lange asynchron. Entweder war ich zu früh und die Jüngste – oder ich war zu spät und hatte meine Chance verpasst. Ich war sicherlich schon 40, als ich endlich das Gefühl hatte, dass Außen und Innen wieder zusammenkommen und ich mehr im Gleichgewicht bin. Da fing es an, dass ich wieder in der Spur und synchron mit mir selbst war. In beruflicher Hinsicht kam das übrigens noch später, um zurück auf den Anfang unseres Gesprächs zu kommen. Erst heute habe ich eine echte Auswahl und kann mich bewusst für und gegen Projekte entscheiden. Und wenn ich Lust habe, neben der Schauspielerei auch den Opus Klassik zu moderieren, dann erlaube ich mir das eben.

MAX: Den Eimer füllen und vor allem ihn dann immer mal wieder umzukippen – das erfordert eine ganze Menge Mut!

Nosbusch: Im Rückblick erkenne ich das auch häufig, aber in der jeweiligen Situation habe ich mich eigentlich nie als mutig empfunden. Klar, ich hätte es mir früher einfacher machen und statt nach New York nach Paris gehen können. Dann wäre ich jedes Wochenende mit meiner dreckigen Wäsche nach Hause gefahren. Aber wenn schon Aufbruch, dann wollte ich auch was lernen – und Englisch sprach ich damals noch kaum, weil ich in der Schule Latein hatte. In jedem Fall waren meine Veränderungen immer das Ergebnis davon, dass sich der Ist-Zustand nicht mehr richtig anfühlte. Meckere nicht rum, mach’s besser. Gib nicht anderen die Schuld, wenn du unzufrieden bist. Das habe ich mir sehr früh dick hinter die Ohren geschrieben, und deswegen nehme ich die Dinge immer wieder selbst in die Hand. Entsprechend auch das Regie-und Produktionsstudium: Ich war unzufrieden mit den Stoffen, die man mir anbot, also musste ich sie eben selbst kreieren. Inzwischen habe ich seit elf Jahren eine eigene Produktionsfirma.

MAX: Würden Sie sich als angstfrei beschreiben?

Nosbusch: Zumindest hatte ich immer sehr viel mehr Angst davor, stehenzubleiben und zu stagnieren, als mich zu verändern. Ich bewundere große Kollegen, die mit spielerischer Leichtigkeit auf der Bühne immer die gleichen Sprüche bringen, die dann auch jedes Mal funktionieren. Das könnte ich nicht, denn ich denke schon, dass ich mich wiederhole, wenn ich eine Anekdote ein zweites Mal erzähle. Aber es ist natürlich auch leichter, keine Angst vor Veränderungen zu haben, wenn man früh gelernt hat, auf die Fresse zu fallen. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes, mein Gesicht ist voller Narben. Und ich habe immer gemerkt: Hinfallen ist nicht schlimm – solange man wieder aufsteht. Später zurückzublicken und zu bereuen, dass man etwas nicht ausprobiert hat, ist viel schlimmer.

MAX: Es klingt nicht danach, aber tatsächlich sagen Sie über sich selbst, Sie seien nicht selbstbewusst, richtig?

Nosbusch: Die Leute denken immer, ich kokettiere damit, aber das ist wirklich so. Frank Elstner, der ja mein erster Chef war, sagte neulich in einem Interview, dass er einen Job hat, für den er eigentlich nicht gemacht ist. Das würde ich auch unterschreiben. Ich bin ein total scheuer Mensch und nicht sehr selbstbewusst. Dagegen kämpfe ich bis heute an, das ist mein Antrieb. Und das Drumherum unseres Jobs brauche ich sowieso gar nicht. Zu Events gehe ich zum Beispiel nur, wenn ich sie moderiere. Ansonsten kann ich wahnsinnig gut allein sein, das hat mich oft genug gerettet.

MAX: Nicht einmal die Anerkennung für die Rolle in „Bad Banks“ hat an diesem mangelnden Selbstbewusstsein etwas geändert?

Nosbusch: Ich bin niemand, der sagt, Preise und Auszeichnungen würden nichts bedeuten. Denn der Grimme-Preis hat tatsächlich etwas bei mir bewirkt. Der hatte zur Folge, dass ich in den Spiegel gucken und mir sagen kann, dass ich all die Jahre so falsch doch nicht gelegen habe. Wenn man ein Leben lang einem Traum nacheifert, der sich nicht wirklich erfüllt, kommt man als erwachsener Mensch schließlich irgendwann an den Punkt, wo man sich ernsthaft fragt, ob man die Sache vielleicht doch falsch eingeschätzt hat. Aber dank des Grimme-Preises dachte ich zum ersten Mal: willkommen im Klub. Ich darf mitspielen, im wahrsten Sinne des Wortes. Seither habe ich zumindest ein kleines Gefühl der Sicherheit und fürchte nicht mehr jedes Mal am Set, dass alle denken: Was macht denn die Moderatorin hier? Aber insgesamt bin ich immer noch jemand, die bei anderen eher das Tolle und bei sich selbst einen Mangel sieht.

MAX: Apropos allein sein: Sie haben mal gesagt, Sie seien sich selbst der beste Freund. Aber mit besten Freunden streitet man auch mal. Gibt es oft Momente …

Nosbusch: … in denen ich mich nicht leiden kann? Mindestens dreimal am Tag. Einfach weil ich diese Unruhe in mir habe. Meine Kinder sagen manchmal zu mir: Mama, du bist nicht immer gut zu dir selbst. Und da haben sie Recht. Diese Tendenz, mich selbst eher runterzumachen als hochzuheben, steckt immer noch von früher in mir drin. Ich sehe für mich selbst oft eher ein halb leeres als ein halb volles Glas. Selbst wenn ich längst weiß, dass der Gedanke, man würde nur geliebt, wenn man auch erfolgreich ist und etwas leistet, absoluter Quatsch ist.

MAX: Und um kurz im gleichen Bild zu bleiben, weil man Freunden ja auch Geschenke macht. Was ist das schönste Geschenk, das Sie sich selbst machen können?

Nosbusch: Gerade gestern habe ich hier bei mir im Garten einen Baum pflanzen lassen. Das war ein Geschenk an mich selbst. Genauso wie mein kleiner Hund, den ich jetzt seit einem Jahr habe. Ich leiste es mir nun zu sagen, dass ich nur noch dahin gehe, wo ich ihn mitnehmen darf. Aber ansonsten ist es für mich natürlich das größte Geschenk, Zeit mit meinen Kindern und meiner Familie zu verbringen. Es gibt nichts Schöneres für mich. Da bin ich echt eine italienische Mama.

MAX: Stichwort Kinder: Wenn Sie die mit sich selbst vergleichen, wo sehen Sie – von Smartphones und Social Media abgesehen – die größten Generationsunterschiede?

Nosbusch: Vielleicht waren wir früher idealistischer. Oder naiver. Ich bin zum Beispiel völlig blauäugig in diesen Beruf gegangen, ohne zu überlegen, ob ich davon leben kann oder was ich dafür kriege. Die ersten beiden Jahre habe ich umsonst fürs Radio gearbeitet. Und wenn mein Vater sagte, ich solle an die Rente denken und ein Haus kaufen, habe ich das abgetan. Heute sehe ich seinen Punkt, denn tatsächlich werde ich kaum Rente bekommen und habe auch nicht groß in Immobilien investiert. Aber damals habe ich so nicht gedacht.

MAX: Und Ihre Kinder sind da anders?

Nosbusch: Oh ja. Meine Tochter hat jetzt mit 23 Jahren bereits das Gefühl, sie sei zu alt und müsse unbedingt schon mitten im Leben stehen. Das finde ich schade. Aber man kann die Sache natürlich auch umgekehrt sehen. Wenn ich mit jüngeren Kolleginnen drehe, bin ich oft beeindruckt, wie viel cleverer die sind, als ich es damals war. Denn die wissen schon, dass die Schauspielerei nicht nur eine Berufung ist, sondern auch ein Beruf. Die gehen da ran wie an ein Business, überblicken alles und haben die Zügel in der Hand. Zu meiner Zeit hätte sich niemand getraut, Kunst und Geschäft in einem Atemzug zu nennen. Künstler sein hieß damals, dass man irgendwo in einem Hinterhof sitzt, schwarzen Kaffee trinkt und übers Leben nachdenkt. Von daher kann man diese Veränderungen auch positiv sehen. Und natürlich waren wir auch eine Generation, die Türen aufgestoßen hat für die Nachfolgenden.

MAX: Was meinen Sie konkret? Nosbusch: Ich war zum Beispiel die Erste, die im deutschen Fernsehen ein VJ war, lange vor MTV und Co. Ich war die Erste, die Schelte und Morddrohungen bekam und aus einer Halle rausgetragen werden musste, weil sie etwas gegen Franz Josef Strauß gesagt hat. Heute kräht kein Hahn mehr danach, wenn jemand eine Meinung über einen Politiker äußert. Oder denken Sie an meine Nacktszene damals in „Nach Mitternacht“. Da fragte sogar die Bravo mit einem Obenohne-Bild von mir: „Désirée, muss das sein?“ Was natürlich totale Doppelmoral war, denn zwei Seiten weiter kam Dr. Sommer mit dem Thema, wie schön es ist, sich frei in der Liebe zu bewegen. Und beim ZDF wurde mir nahegelegt zu gehen, weil ich kein Aushängeschild mehr für die Jugend sein könne. Würde heute so vermutlich auch nicht mehr passieren.

MAX: Wären Sie denn gern noch einmal in dem Alter, in dem Ihre Kinder heute sind?

Nosbusch: Nein, das müsste ich nicht haben. Ich bin total zufrieden mit dem, was und wo ich heute bin. Es gibt nur eine Sache, über die ich manchmal nachdenke und was ich im Rückblick anders machen würde. Denn ich finde es ein bisschen schade, dass ich mir nicht mehr Zeit gelassen habe mit einigen Dingen. Ich habe etwas zu oft den Druck empfunden, dass es weitergehen muss. Heute denke ich, ich hätte mal ruhig ein bisschen studieren können, Psychologie, Kunstgeschichte, all diese Dinge hätte ich einfach mal ausprobieren können.