Lesezeit ca. 14 Min.

MIKROBIOM: Darm an Hirn: Pizza!


Der Spiegel Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.08.2019

Wer die Mikroben in seinem Darm richtig füttert, kann gesünder und glücklicher leben. Davon ist der Neurowissenschaftler John Cryan überzeugt. Doch woraus besteht die perfekte Mikrobiom-Diät?


Artikelbild für den Artikel "MIKROBIOM: Darm an Hirn: Pizza!" aus der Ausgabe 3/2019 von Der Spiegel Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel Wissen, Ausgabe 3/2019

SPIEGEL: Herr Professor Cryan, was wissen Sie über Ihren Darm?
Cryan: Wenig, wie ich gestehen muss. Ich habe bisher der Versuchung widerstanden, meine eigene Darmflora zu analysieren. Natürlich weiß ich, dass dort eine vielfältige Gemeinschaft von Mikroben wohnt. Aber ich bin eher der Typ Hausbesitzer, der seine Mieter, solange es ihnen gut zu gehen scheint, nicht ständig überwacht.
SPIEGEL: Sind Sie nicht ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel Wissen. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2019 von HAUSMITTEILUNG: AUGUST 2019. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HAUSMITTEILUNG: AUGUST 2019
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von PROTOKOLLE »Ein gutes Brot muss eine möglichst kurze Zutatenliste haben.«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PROTOKOLLE »Ein gutes Brot muss eine möglichst kurze Zutatenliste haben.«
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von PROTOKOLLE »Uns ist wichtig, dass wir alle Produkte mit der Hand machen.«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PROTOKOLLE »Uns ist wichtig, dass wir alle Produkte mit der Hand machen.«
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von PROTOKOLLE »Meine Gäste merken sofort, wenn jemand anderes kocht.«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PROTOKOLLE »Meine Gäste merken sofort, wenn jemand anderes kocht.«
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von NAHRUNGSZUSÄTZE: Kleine Helferlein. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NAHRUNGSZUSÄTZE: Kleine Helferlein
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von SELBSTVERSUCH: Macht Mangold glücklich?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SELBSTVERSUCH: Macht Mangold glücklich?
Vorheriger Artikel
PROTOKOLLE »Meine Gäste merken sofort, wenn jemand and…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel NAHRUNGSZUSÄTZE: Kleine Helferlein
aus dieser Ausgabe

SPIEGEL: Herr Professor Cryan, was wissen Sie über Ihren Darm?
Cryan: Wenig, wie ich gestehen muss. Ich habe bisher der Versuchung widerstanden, meine eigene Darmflora zu analysieren. Natürlich weiß ich, dass dort eine vielfältige Gemeinschaft von Mikroben wohnt. Aber ich bin eher der Typ Hausbesitzer, der seine Mieter, solange es ihnen gut zu gehen scheint, nicht ständig überwacht.
SPIEGEL: Sind Sie nicht neugierig? Das Mikrobiom, die Gesamtheit der uns besiedelnden Mikroben, ist schließlich Ihr Forschungsgebiet.
Cryan: Es mag Sie erstaunen: Aber es ist gar nicht so klar, was ich mit den Informationen über mein Mikrobiom eigentlich anfangen könnte. Das gibt Ihnen einen Eindruck davon, wo dieses Forschungsfeld steht: Es gibt viel Aufregung. Es wird immer klarer, dass die Darmmikroben eine wesentliche Rolle sowohl für unsere Gesundheit als auch in vielen Krankheitsprozessen spielen. Aber wirklich verstanden haben wir diese Rolle noch nicht.
SPIEGEL: Sie haben ein Buch über das Mikrobiom veröffentlicht. Sie beschreiben es darin als unerhört komplexes Gefüge, das in ständigem Austausch mit unserem Darmgewebe, mit unserem Immunsystem und unserem Gehirn steht. Wie soll man sich das vor stellen: Ist das Mikrobiom ein weiteres Organ, das von der Medizin nur lange Zeit übersehen wurde?
Cryan: Ja, einige Leute sprechen von einem Organ. In meinen Augen ist das Mikrobiom sogar noch etwas viel Größeres. Vergessen Sie nicht: Die Bakterien waren zuerst da, wir kamen erst viel später. Wir neigen dazu, uns vorzustellen, die Mikroben hätten sich in unserem Körper eingerichtet. Aber in Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Wir haben uns in ihrer Welt eingerichtet.
SPIEGEL: Und wie kommunizieren unsere Darmbewohner nun mit uns?
Cryan: Das beginnen wir gerade erst zu verstehen. Viele der Mechanismen sind uns noch unbekannt. Aber wir wissen, dass die Mikroben zunächst direkt mit dem Schleim interagieren, von dem die Innenwand des Darms überzogen ist. Und dann kommunizieren sie mit den Epithelzellen, also mit der Zellschicht, die das Darminnere umschließt. Entscheidend wird es nun sein, genauer zu erfahren, was für Substanzen diese Bakterien ausscheiden. Sie ähneln winzigen Fabriken, die lauter wundersame Stoffe herstellen, die unser Körper ohne sie nicht produzieren könnte. Wenn die Darmwand nun leckt oder sonst wie verändert ist, dann können die Bakterien auch ins Gewebe eindringen und das enterische Nervensystem aktivieren, das sogenannte zweite Gehirn, das unseren Darm wie eine Art Socke umschließt. Und dieses zweite Gehirn wiederum sendet dann seine Signale bis hoch ins zentrale Nervensystem.


»Die Mikroben wirken darauf ein, wie das Gehirn wächst, wie es sich entwickelt und wie es altert.«


SPIEGEL: Ihr besonderes Interesse gilt dem Einfluss der Mikroben auf unsere seelische Gesundheit. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass es so einen Einfluss gibt?
Cryan: Ursprünglich bin ich Stressforscher, deshalb interessierte mich, wie Stress auf unser Immunsystem einwirkt und wie dieses wiederum mit dem Gehirn kommuniziert. Vor 15 Jahren starteten wir ein Projekt zur Erforschung der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Niemand kannte die genauen Ursachen dieser Leiden. Uns aber fiel auf, dass ungewöhnlich viele der Patienten als Baby oder Kleinkind Stress erlebt hatten. Wir entwickelten deshalb ein Tiermodell für frühkindlichen Stress, indem wir neugeborene Mäuse nach wenigen Tagen von ihren Müttern trennten. Das hat Auswirkungen nicht nur auf das Gehirn, sondern auch auf das Immunsystem bis hinunter in den Darm. CED ist also der klassische Fall einer Störung der Darm-Hirn-Kommunikation.
SPIEGEL: Und wo kommen die Mikroben ins Spiel?
Cryan: Ja, genau da wird es spannend. Als wir nämlich die Darmflora dieser Tiere genauer untersuchten, stellten wir fest, dass ihre Vielfalt reduziert war – und zwar auch noch, als sie längst ausgewachsen waren. Eine frühkindliche Störung hatte also das Mikrobiom lebenslang verändert.
SPIEGEL: Können Sie wirklich sicher sein, dass die Trennung von den Müttern die Ursache war?
Cryan: Sie haben recht. Der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs ist das noch nicht. Aber als wir die Literatur durchforsteten, fanden wir eine bahnbrechende Arbeit japanischer Kollegen. Die hatten Mäuse untersucht, die in einer sterilen Umgebung aufgezogen wurden und deren Darm folglich keimfrei war. Es zeigte sich, dass diese Tiere extrem stressempfindlich waren. Das heißt: Wir hatten gezeigt, dass Stress auf das Mikrobiom einwirkt; sie hatten gezeigt, dass das Mikrobiom auf die Stressreaktion einwirkt. Das sieht doch sehr nach einer realen Wechselwirkung aus, finden Sie nicht?
SPIEGEL: Und worin besteht diese Wechselwirkung? Wie erfahren die Mikroben im Darm, dass das Gehirn da oben gestresst ist?
Cryan: Das war der nächste Schritt für uns: Wir haben den Vagus-Nerv der Tiere durchtrennt, der vom Gehirn in die Peripherie, auch bis zum Darm, führt. Und tatsächlich konnten wir damit die Kommunikation unterbrechen. Dieser Nerv ist also die Verbindung, über die sich Hirn und Mikrobiom miteinander austauschen.
SPIEGEL: Das Wechselspiel von Nerven-, Immun- und Hormonsystem untersuchen Forscher schon seit vielen Jahrzehnten. Warum ist so lange übersehen worden, dass sich auch die Mikroben einmischen?
Cryan: Wie so oft waren auch hier neue Technologien die Triebfeder der Erkenntnis. Vor 20 Jahren fehlten uns schlicht die Möglichkeiten, das Mikrobiom zu erfassen. Wir haben das Wirken der Bakterien nur im Fall pathologischer Infektionen wahrgenommen – und das Wirken des Immunsystems nur, wenn eine entzündliche Reaktion aus dem Ruder lief. Erst jetzt verfügen wir über die technischen Mittel, auch die alltägliche, nicht pathologische Kommunikation zu studieren.
SPIEGEL: Sie haben den Begriff »Psychobiotika « geprägt. Was soll er ausdrücken?
Cryan: Die Bedeutung dieses Begriffs hat sich im Laufe der letzten paar Jahre gewandelt. Inzwischen verstehen wir darunter jede Art von Eingriff ins Mikrobiom, die unserer seelischen Gesundheit zuträglich ist. Wir wollten damit das gängige Konzept der Psychopharmaka infrage stellen. Die Wissenschaft von den Psychobiotika will anregen, neu über unsere seelische Gesundheit nachzudenken. Auf eine Weise, bei der es auch um Ernährung und andere Umwelteinflüsse geht.

SPIEGEL: Und haben Sie das Gefühl, dass dieser Gedanke innerhalb der Wissenschaft auf Zustimmung trifft?
Cryan: Es gibt viel Skepsis, und das ist auch gut so. Denn die Skepsis spornt uns an. Tatsächlich haben wir große Fortschritte gemacht. Heute gibt es auf jeder größeren Tagung der Neurowissenschaften eine Sitzung über das Mikrobiom. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.
SPIEGEL: Und worum geht es dann auf solchen Sitzungen?
Cryan: Vor allem um Ernährung. Das ist ein Thema, das innerhalb der Psychiatrie rapide an Bedeutung gewinnt. Je nachdem was wir essen, florieren andere Bakterien in unserem Darm. Und die senden dann andere Botschaften ans Gehirn.
SPIEGEL: Wie spezifisch sind denn solche Botschaften? In Ihrem Buch behaupten Sie, Darmbakterien könnten sogar ganz konkret oben im Hirn Pizza bestellen …
Cryan: … was mir gar nicht so abwegig erscheint. Wir haben zeigen können, dass das Gehirn in fast jeder Hinsicht von Veränderungen des Mikrobioms beeinflusst wird: Ob Sie die elektrische Isolation der Nervenfasern, die Geburt neuer Neuronen oder die Verzweigung der Nervenzellen betrachten – alles wird von Mikroben mitreguliert. Sie wirken darauf ein, wie das Gehirn wächst, wie es sich entwickelt und wie es altert. Es gibt nur sehr wenige Bereiche der Neurowissenschaft, in denen sich keine Einflüsse des Mikrobioms nachweisen lassen. Was nun unsere Präferenzen beim Essen betrifft, gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass sie unempfänglich für die Signale sind, die von den Mikroben ausgesandt werden.
SPIEGEL: Belege dafür gibt es aber nicht?
Cryan: Doch, zumindest bei Fruchtfliegen. Forscher in Lissabon konnten zeigen, dass ganz bestimmte Bakterien darüber bestimmen, ob Fliegen Hefe oder Zucker bevorzugen. Aber kein Zweifel: Wir brauchen hier noch viel mehr Daten, um die Steuerung unserer Vorlieben durch die Mikroben besser zu verstehen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch gehen Sie sogar noch weiter: Nicht nur, was wir essen, sondern auch, wie wir uns sozial verhalten, sei von den Mikroben in unserem Darm mitbestimmt. Wie kommen Sie darauf?

Cryan: Diese Frage finde ich besonders faszinierend, und ich bin sehr gespannt, ob es uns gelingen wird, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Dass unser Sozialverhalten
einen Einfluss auf die uns besiedelnden Mikroben hat, liegt ja auf der Hand: Wenn wir in Gruppen zusammenkommen, erleichtert das den Mikroben das Leben, weil sie leichter von Wirt zu Wirt überspringen können. Die Frage ist aber: Gilt das auch umgekehrt? Verändern Mikroben unser soziales Verhalten? Ich erzähle Ihnen dazu unseren experimentellen Befund: Wenn Sie Mäuse ihrer mikrobiellen Besiedler berauben, zeigen sie ein seltsam verändertes Verhalten. Sie suchen nicht mehr die Gesellschaft ihrer Artgenossen, und ihr Interesse für neue, ihnen unbekannte Mäuse erlahmt. Forscher in Kalifornien und Texas wiederum haben gezeigt, dass die Verabreichung eines einzigen Lactobacillus-Stammes ausreichen kann, um die sozialen Defizite bestimmter Mäuse zu lindern.
SPIEGEL: Sie empfehlen also Lactobacillus gegen Autismus?
Cryan: So weit sind wir noch nicht. Aber Sie haben recht: Ein wichtiger Teil unserer Forschung zielt in der Tat auf Autismus und andere Störungen des Sozialverhaltens – soziale Angststörungen, bestimmte Aspekte der Schizophrenie, aber auch Schüchternheit oder schlicht die Frage, ob Sie eher introvertiert oder extrovertiert sind. All das sind Dinge, die mitgestaltet werden könnten durch die Kommunikation zwischen Gehirn und Mikroben.
SPIEGEL: Noch stehen Sie ganz am Anfang, wie Sie sagen. Sind Sie denn schon so weit, dass Sie praktizierenden Psychiatern handfeste Empfehlungen geben können?
Cryan: Durchaus. Zunächst einmal können die ihre Patienten animieren, darüber nachzudenken, was sie eigentlich essen. Eine Studie in Australien hat eindrucksvoll gezeigt, dass sich die Verfassung von Depressiven durch eine Ernährungsberatung signifikant verbesserte. Das Wichtigste sind dabei die Ballaststoffe, was im Wesentlichen heißt: viel Gemüse. Außerdem gilt es, bestimmte Lebensmittel zu ver meiden – Süßstoffe et - wa und Emulgatoren. Auch sonst kann man aus unserer Forschung lebenspraktische Empfehlungen ableiten. Wir wissen zum Beispiel, dass Aerobic gut für das Mikrobiom ist und Schlafmangel schlecht.
SPIEGEL: Klingt ziemlich unspezifisch. Egal, mit welcher Diagnose einer zum Psychiater kommt, lautet die Empfehlung: Bewegung, Gemüse und genügend Schlaf.
Cryan: Wie gesagt: Noch stehen wir ganz am Anfang. Das Schlechte ist, dass wir bisher gar nicht wirklich wissen, wie ein normales, gesundes Mikrobiom aussieht. Wir wissen also nicht, wohin wir steuern müssen. Andererseits ist das Gute, dass die Patienten selbst etwas beitragen können zu ihrer Gesundung. Das allein wirkt sich bereits positiv auf die seelische Verfassung aus.
SPIEGEL: Weltweit steigt die Zahl psychia - trischer Diagnosen. Ist diese Zunahme womöglich auch auf Störungen des Mikrobioms zurückzuführen?
Cryan: Das halte ich für denkbar. In den zurückliegenden 50 oder 60 Jahren hat sich unsere Lebensweise im Westen drastisch verändert – und überwiegend in einer Weise, die sich negativ auf unser Mikrobiom auswirkt. Nehmen Sie die gewaltige Zunahme der Antibiotika, das Aufkommen von Fertiggerichten und industriell verarbeiteten Lebensmitteln. Und dann kommt noch der viele Stress im Alltag hinzu. All das hat zu einer Verarmung des Mikrobioms geführt. Es fehlen uns inzwischen viele der Bakterien, die im Darm unserer Vorfahren lebten.


»Das Schlechte ist, dass wir bisher gar nicht wirklich wissen, wie ein normales, gesundes Mikrobiom aussieht.«


SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
Cryan: Weil Kollegen das Mikrobiom von Naturvölkern untersucht haben, in Tansania, Malawi und Venezuela. Und das Interessante: Es gibt bei ihnen praktisch keine chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, keine Multiple Sklerose. Ganz generell lässt sich sagen: Wir sehen eine viel geringere Inzidenz bei fast allem, was mit Entzündungen zu tun hat. Und falls, wie ich vermute, auch die Depression zumindest bis zu einem gewissen Grad mit entzündlichen Prozessen einhergeht, fällt es nicht schwer, sich einen Zusammenhang vorzustellen zwischen dem Verlust bestimmter Mikroben und der Zunahme von Depressionen.
SPIEGEL: Ein weiterer Faktor, der sich schädlich aufs Mikrobiom in unserer modernen Gesellschaft auswirken könnte, ist die Zunahme der Kaiserschnittentbindungen. Bei der natürlichen Geburt wird ein Baby von den Mikroben der mütterlichen Vagina besiedelt, bei der chirurgischen Entbindung dagegen nicht. Führt das zu nachhaltigen Veränderungen des Mikrobioms?
Cryan: Vieles spricht dafür, dass die Antwort Ja lautet. Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass der Effekt mindestens sechs Monate lang anhält. Zuletzt konnten Kollegen hier in Cork sogar nach vier Jahren noch Unterschiede zwischen dem Mikrobiom von Kaiserschnittbabys und demjenigen natürlich geborener Kinder nachweisen.
SPIEGEL: Und wie wirken sich solche Unterschiede auf die Gesundheit aus?
Cryan: Was mich besonders interessiert, ist die Frage kritischer Fenster …
SPIEGEL: … das heißt also, ob die Mikroben zu ganz bestimmten Zeitpunkten in die Entwicklung eines Kindes eingreifen?
Cryan: Genau. Wenn das Mikrobiom gleich nach der Geburt verändert ist, dann bedeutet dies, dass das sich entwickelnde Immunsystem andere Signale bekommt. Und in der Tat belegen epidemiologische Studien eindeutig, dass das Risiko für immunbedingte Erkrankungen wie zum Beispiel Allergien und Diabetes Typ 1 unter Kaiserschnitt - babys erhöht ist. Möglicherweise gilt dasselbe auch für das Gehirn, wenngleich diese Frage bisher weniger gut erforscht ist.
SPIEGEL: Sie meinen also, das Fehlen bestimmter mütterlicher Mikroben könnte bei den Kaiserschnittsäuglingen das Risiko von neuronalen Entwicklungsstörungen erhöhen?
Cryan: Genau diese Frage untersuchen wir derzeit. Bei Tieren, die per Kaiserschnitt geboren worden waren, konnten wir nachhaltige Verhaltensveränderungen nachweisen – und das, obwohl sich das Mikrobiom der ausgewachsenen Mäuse nicht mehr von dem natürlich geborener Artgenossen unterschied. Das zeigt, dass es manchmal nicht darauf ankommt, welche Mikroben heute in Ihrem Darm leben, sondern auf diejenigen, die dort lebten, als Sie ein Baby waren.
SPIEGEL: Gezeigt haben Sie das, genau genommen, nur für Mäuse. Wie sieht es denn beim Menschen aus, haben Sie auch da Erkenntnisse?

Cryan: Ja, den Fachartikel darüber schreiben wir gerade. Wir haben Medizinstudenten Stresstests ausgesetzt und dabei festgestellt, dass sowohl die immunologische wie auch die psychische Stressreaktion bei denjenigen, die durch Kaiserschnitt auf die Welt gekommen waren, stärker ausgeprägt war als bei den anderen.
SPIEGEL: Und das, glauben Sie, könnte vom Einfluss der Mikroben in der frühen Kindheit herrühren? Ist das nicht sehr weit hergeholt? Können Darmbakterien wirklich die Hirnentwicklung beeinflussen?
Cryan: Im Tierversuch ist das gut untermauert. Unsere Untersuchungen an keimfrei aufgewachsenen Mäusen zeigen zweifelsfrei, dass Mikroben für die normale Hirnentwicklung notwendig sind. Beim Menschen gibt es dazu bisher kaum Daten. Die pädiatrischen Neurologen entdecken das Thema aber gerade. Sie können sich vorstellen, dass das Interesse besonders unter Babymilchherstellern groß ist.
SPIEGEL: Könnte man Babys nach einem Kaiserschnitt nachträglich mit einem Va - ginalabstrich ihrer Mutter beimpfen und sie so künstlich mit deren Bakterienflora besiedeln?
Cryan: Das wurde bereits gemacht. Und tatsächlich konnten die mikrobiellen Defizite der Babys auf diese Weise behoben werden. Aber der Verband der Gynäkologen und Geburtshelfer in den USA hat sich entschieden gegen diese Praxis ausgesprochen – wegen der Gefahr von Infektionen mit Streptokokken oder anderen gefährlichen Keimen. Deshalb setzen wir eher auf Eingriffe durch richtige Ernährung. In Tierversuchen haben wir gezeigt, dass sich den dauerhaften Folgen von Kaiserschnittentbindungen durch frühzeitige Fütterung mit Bifidobakterien begegnen lässt. Jetzt arbeiten wir zusammen mit der Industrie daran, die richtige Rezeptur für menschliche Babys zu finden.
SPIEGEL: Wie weit sind Sie damit?
Cryan: Wir kommen voran. Besonders verblüfft hat mich die enorme Komplexität von Zuckern, die wir in menschlicher Muttermilch gefunden haben. Das Überraschende: Es sind dies Zucker, die von dem Säugling selbst gar nicht abgebaut werden können. Die Mutter füttert damit also nur die Bakterien im Darm ihres Babys. Die wiederum fungieren dann als natürliche Pharmafabriken: Sie nehmen die Zucker aus der Muttermilch auf und wandeln sie in für den kindlichen Organismus nutzbare Substanzen um, zum Beispiel in Sialinsäure, die sehr wichtig für die Hirnentwicklung ist. Dieser Zusammenhang könnte mitverantwortlich sein für die positive Wirkung von Muttermilch auf IQ und kognitive Fähigkeiten.
SPIEGEL: Mütter, sagen Sie, geben auf dem Weg über das Mikrobiom Signale für die geis tige Entwicklung an ihre Kinder weiter. Tut sich damit nicht ein ganz neuer Weg der Vererbung auf, der bisher von der Wissenschaft übersehen wurde?
Cryan: Das ist ein ganz heißes Thema. Es gibt viel Forschung zu der Frage, ob Merkmale auch auf anderem als dem genetischen Weg von einer Generation an die nächste weitergegeben werden können. Meist steht dabei aber die sogenannte Epigenetik im Mittelpunkt, also chemische Veränderungen am Erbmaterial. Die Rolle des Mikrobioms wurde bisher kaum beachtet. Wir sind jedoch überzeugt, dass es eine solche Rolle gibt.


»Mütter füttern mit ihrer Milch die Bakterien im Darm ihres Babys. Und die fungieren als Pharmafabriken.«


SPIEGEL: Wie veränderlich ist das Mikrobiom im Verlaufe unseres Lebens?
Cryan: Es ist relativ stabil, wenn es erst einmal fertig ausgebildet ist. Das zeigte zum Beispiel eine Studie von Eric Alm am MIT bei Boston. Seine Postdoc-Studierenden haben ein Jahr lang jeden Tag eine Stuhlprobe genommen und außerdem genau protokolliert, was gerade passiert war. Ihr Mikrobiom blieb während dieser Zeit weitgehend unverändert. Außer während der Antibiotikatherapie, die Eric bekam. Da ging die Zahl der Bakterien natürlich – zack – runter. Und auch als ein Postdoc auf einer Tagung in Bangkok eine Lebensvermittelvergiftung hatte, gab es einen ordentlichen Ausschlag. Aber sogar in diesen Fällen erholte sich das Mikrobiom schnell wieder.
SPIEGEL: Wie verhält es sich denn bei so einer Antibiotikakur: Wenn die Bakterien wirklich einen so starken Einfluss auf unser Gehirn ausüben, wie Sie behaupten, dann müsste uns doch ein radikaler Kahlschlag im Darm aufs Gemüt schlagen? Als ich kürzlich nach einer Zahnoperation präventiv Antibiotika nahm, habe ich aber nichts davon gespürt.
Cryan: Eine wirklich gute Frage. Leider gilt auch hier: Wir haben noch viel zu wenige Studien. Die meisten Untersuchungen zu Antibiotika wurden mit Probanden gemacht, die krank waren. Bei denen sagt es natürlich nicht viel aus, wenn ihre seelische Verfassung nicht gut ist. Deshalb haben Sie recht: Es wäre interessant, präventiv Behandelte zu untersuchen. Dass Sie nichts gemerkt haben, muss noch nichts aussagen. Möglicherweise hätte man Sie Stress oder anderen spezifischen Versuchsbedingungen aussetzen müssen, um subtile Ver - änderungen Ihrer Psychologie nachweisen zu können, deren Sie sich vielleicht gar nicht bewusst waren.
SPIEGEL: Der Titel Ihres Buches verspricht eine »Revolution«. Wann haben wir diese zu erwarten?
Cryan: Die Revolution hat bereits begonnen. Ich denke, Sie müssen den Begriff vor dem Hintergrund sehen, was sich hinsichtlich unserer seelischen Gesundheit in den vergangenen 30 Jahren getan hat: nämlich fast nichts. Wir verstehen psychische Erkrankungen kaum besser als damals, und was neue Psychopharmaka betrifft, haben wir jetzt Ketamin, aber das war’s dann auch schon. In dieser Lage werden sich die Leute zunehmend dessen bewusst, dass auch unsere Lebensweise, unsere Ernährung und die Umwelt, in der wir leben, einen heilsamen Einfluss auf unsere seelische Gesundheit haben können. Mit unserem psychobiotischen Ansatz wollen wir dieser Einsicht eine biologische Grundlage geben. Und das, so denke ich, ist eine sehr wichtige Botschaft.
SPIEGEL: Herr Professor Cryan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

WEITERLESEN

SCOTT C. ANDERSON, JOHN F. CRYAN, TED DINAN
»The Psychobiotic Revolution: Mood, Food, and the New Science of the Gut-Brain Connection«.
National Geographic; 320 Seiten.

JOHN CRYAN

lehrt Neuro wissenschaft am Uni - versity College Cork in Irland. Der 46-jährige Forscher gilt als einer der führenden Experten für den Zusammenhang zwischen Mikrobiom, Gehirn und Psyche.

Kurz erklärt: WIE DER KÖRPER UNSERE NAHRUNG VERARBEITET

60 bis 120 Stunden, also bis zu fünf Tage, dauert es, bis Spaghetti, Steak und Blaubeerkuchen den langen Slalom durch den Verdauungstrakt absolviert haben. Bis zu neun Meter lang ist der Verdauungskanal aus Mund, Rachen, Speiseröhre, Magen und Darm. Und die einzelnen Stationen haben reichlich zu tun, denn im Laufe eines Menschenlebens müssen sie einen Berg von 30 Tonnen Nahrungsmitteln und rund 200 Badewannen voll Flüssigkeit ver arbeiten.

Eine ausgewogene und schmackhafte Ernährung macht es den Verdauungs - organen dabei leichter, die Nährstoffe herauszufiltern und zu verwerten. Dabei helfen Ballaststoffe, Obst, Gemüse, Vollkorn produkte, ungesättigte Fett - säuren und täglich anderthalb Liter Flüssigkeit.

1. Mund

Die Nahrung wird beim Kauen zerkleinert, die Zunge prüft den Geschmack, der Speichel spaltet lange Stärkemoleküle und leitet die Verdauung ein.
Tipp: Kräftiges Kauen, flüssigkeitsreiches Obst und Gemüse regen den Speichelfluss an.

2. Gehirn

Das Gehirn nimmt sich gleich, was es braucht: Glukose.
Tipp: Kohlenhydrate, etwa in Süßkartoffeln, Vollkornbrot, Bananen, Nüssen, Hirse oder Hafer flocken, liefern Glukose über längere Zeit.

3. Magen

Bis zu sechs Stunden lang zersetzt der Magensaft den Nahrungsbrei, tötet gefährliche Keime und verdaut Proteine.
Tipp: Minze, Fenchel, Anis und Kümmelsamen helfen gegen Blähungen.

4. Arterien

Das Blut transportiert lebenswichtige Nährstoffe zu den Organen – und die Abfallprodukte zu Leber und Niere.
Tipp: Avocado, Knoblauch, Wassermelone helfen, die Blutgefäße vor Verkalkung zu schützen.

5. Leber

Das größte Stoffwechselorgan im Körper speichert, zerlegt und verwaltet Nährstoffe.
Tipp: Reichlich (nicht alkoholische) Flüssigkeit, aber auch Bitterstoffe, wie sie in Chicorée, Artischocke und dunkler Schokolade vorkommen, tun der Leber gut.

6. Nieren

Die Kläranlage des Körpers filtert Giftstoffe aus und pro - duziert wichtige Hormone.
Tipp: Trinken, trinken, trinken! Gurken, Bohnen, Heidelbeeren und viele andere Obstund Gemüsesorten unterstützen die Nierenfunktion.

7. Fettgewebe

Fett, das der Körper braucht, wird hier gespeichert.
Tipp: Zur Fettverbrennung benötigt der Körper große Mengen Magnesium, das vor allem in Vollkornprodukten (Brot, Nudeln) enthalten ist.

8. Darm

Unzählige Darmzotten mit Lymph- und Blutgefäßen absorbieren die Nährstoffe.
Tipp: Fünf leckere Portionen Obst und Gemüse täglich, dazu Ballaststoffe wie Leinsamen tun dem Darm gut.

ILLUSTRATIONEN NADINE KOLODZIEY

NADINE KOLODZIEY/ SPIEGEL WISSEN

NADINE KOLODZIEY/ SPIEGEL WISSEN