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Rein- oder rausretuschiert?


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DOCMA - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 14.09.2022

VATIKAN-KRIMI: RÄTSELHAFTE BILDRETUSCHE AUS ANALOGER ZEIT

Bildkritik

Artikelbild für den Artikel "Rein- oder rausretuschiert?" aus der Ausgabe 4/2022 von DOCMA. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: DOCMA, Ausgabe 4/2022

1

Beide Broschüren heißen identisch „Roma“, sie haben zwar dasselbe Format, aber unterschiedliche Titelbilder. Auf der einen mit „80 Tavole“ ist vorn ein Foto vom Tiber und der Engelsburg zu sehen, die Bilder im Inneren sind bläulich getont – die andere zeigt vorn ein Aquarell des Forum Romanum und sepiafarbene Fotografien. Die Abbildungen darin seien aber verschieden, sagte der Antiquar, die Broschüren stammten wohl aus der Zeit um 1900.

Da beim schnellen Durchblättern auf allen nur Gebäude zu sehen waren (die sich wenig verändert haben), sprach nichts gegen diese Annahme. Erst zu Hause stellte ich fest, dass es erstens doch dieselben Fotos in leicht veränderter Reihenfolge waren, und dass zweitens zumindest einige von ihnen um 1950 aufgenommen worden sein mussten. Denn die auf den Petersplatz zulaufende Prachtstraße, die Via della ...

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... Conziliazione, war erst 1936 unter Mussolini geplant und 1950 fertiggestellt worden. Ein befreundeter Auto-Journalist bestätigte mir zudem, dass auch die auf einem Foto zu sehenden Fahrzeuge Modelle aus der Zeit um 1950 waren. Nun gut, dann hatte ich die Broschüren eben doppelt; sie waren ja nicht so teuer gewesen.

Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass alle Szenen nahezu menschenleer waren, nur in der Ferne standen mitunter klein Personen herum – bis auf eine Ausnahme: In der blau getonten Fassung ist ein Papst zu sehen, der am Rande einer Straße durch die Vatikanischen Gärten steht [3]. Im Hintergrund Michelangelos Kuppel von St. Peter. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn in der Sepia-Variante gesehen zu haben und schaute noch einmal in diesem Band nach. Und tatsächlich, hier ist er nicht zu sehen [1].

Wegen der menschenleeren Szenen vermutete ich zunächst, der störende Papst sei vielleicht erst nach dem Druck des anderen Büchleins aufgefallen und zum Zwecke der Vereinheitlichung sauber herausretuschiert worden. Aber stimmt das? Sie brauchen keine Lupe, um nach Retuschedetails Ausschau zu halten. Ob rein- oder rausretuschiert, ist auf einen Blick zu erkennen.

Ganz eindeutig: Reinmontiert!

Was für einen Moment die Beurteilung erschwert, ist der Schlagschatten der Mauer auf dem Gewand des Papstes. Der passt hinsichtlich Richtung und Stärke ziemlich genau zu den anderen Schlagschatten und damit zum Sonnenstand [2].

Man fragt sich dann nur, da der damalige Retuscheur auf diesen Schatten geachtet hat, warum ihm dann der Fehler unterlaufen ist, einen anderen, viel wichtigeren zu vergessen – den nämlich, den der Papst selbst auf das Kopfsteinpflaster werfen würde.

Wie der ungefähr aussehen sollte, zeigt das kleine eingeklinkte Bild oben rechts. (Dazu braucht man zum einen Hilfslinien, die der Richtung der Sonnenstrahlen folgen und sich aus den Schatten von Mauer und Palme ableiten lässt, zum anderen perspektivische Fluchtlinien [5].) Wo die sich mit Hilfslinien kreuzen, die auf Bodenniveau in Richtung der Lichtquelle konstruiert werden, muss der Schatten enden. Aber dort, wo dieser Schatten des Papstes eigentlich sein müsste, ist … nichts.

Schaut man sich den Herrn nun noch einmal näher an, fällt zudem auf, dass er falsch herum steht: Obwohl das Licht im Foto von links kommt, ist seine rechte Seite beleuchtet und die linke abgeschattet. (Natürlich ging das damals nicht so schnell, wie wir heute eine Auswahl spiegeln, aber auch ein Negativ lässt sich natürlich ohne weiteres seitenverkehrt verwenden.)

Der fehlende Schlagschatten scheint ebenso wie der hinsichtlich der Beleuchtung seitenverkehrt platzierte Papst zu beweisen: Er wurde nicht aus dem „leeren“ Foto herausretuschiert, sondern hineinmontiert. (Später wird sich noch zeigen, dass er zudem viel zu klein ist.) Die Fehler, die damals dabei unterlaufen sind, sind immer noch dieselben, die wir auch heute beobachten.

Ganz eindeutig: Rausretuschiert!

Doch nun wird es wirklich verwirrend. Wenn der seitenverkehrte und schattenlose Papst einmontiert worden wäre, dann müsste das sepiafarbene Bild das Original sein. Aber schauen wir uns die Stelle noch einmal näher an [4].

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass hier genau an der Stelle, an der der einmontierte Papst stand, in Bild 1 der Hintergrund ersetzt wurde, Vegetation und Pflaster sind dort blasser und leicht verschwommen. Und genau innerhalb dieser Konturen ist auch der senkrechte Rand der Mauerkrone deutlich heller. Zudem scheint der Abstand der Pilaster an der Mauer nicht der Perspektive zu entsprechen. Hier ist also jemand herausretuschiert worden, also kann auch dies nicht das Original sein.

Perspektivische Rekonstruktion

Um herauszufinden, ob die Abstände der Pilaster stimmen, habe ich die Szene mit etlichen Flucht- und Hilfslinien ergänzt. Der Fluchtpunkt der Szene lässt sich recht einfach durch Mauerkrone und Standfläche der Mauer ermitteln, gegebenenfalls könnte man noch die eher unregelmäßige Hecke rechts zu Hilfe nehmen [5].

Dass der resultierende Fluchtpunkt mitten auf dem Weg liegt, ist nicht verwunderlich, denn der steigt dort an (und das Stück davor davor fällt wohl leicht ab). Eine weitere (hellblaue) Fluchtlinie folgt dem Mauerschatten, eine zusätzliche liegt an einer beliebigen Stelle in der Mitte des Weges.

Die Position des ersten Pilasters links im Bild, weitgehend außerhalb des Fotos, lässt sich so leicht ermitteln. Von dort ziehen Sie eine waagerechte Linie nach rechts, bis sie die rechte Fluchtlinie schneidet. Ziehen Sie eine zweite waagerechte Linie vom Fuß des ersten Pilasters, der hinter der im Vergleichsbild einmontierten Person zu erkennen ist (weiße Kontur), nach rechts; auch sie schneidet die rechte blaue Fluchtlinie.

Wir haben nun also ein Trapez mit vier Ecken; das ist die perspektivische Ansicht eines Rechtecks an dieser Stelle. Verbinden Sie im ersten Schritt diese vier Ecken mit zwei (roten) Diagonalen. Wo diese sich schneiden, ziehen Sie eine weitere waagerechte Linie ein (rot). So wie diese Linie durch den Diagonalenschnittpunkt auch ein Rechteck halbieren würde, entspricht sie der perspektivischen Halbierung unseres Trapezes. Hier fällt bereits auf, dass sie links nicht ganz exakt am Fuß des „mittleren“ Pilasters verläuft.

Teilen wir die sich ergebende Hälfte erneut, diesmal mit gelben Linien, entspricht das der Entfernung von einem Viertel und einem Dreiviertel des Trapezes. Und eine weitere Diagonalenunterteilung (grün) markiert schließlich eine Achtelung.

Nun wird nachprüfbar deutlich, was sich bereits bei der Betrachtung von Abbildung 1 und 4 erahnen ließ: Mit dem Abstand dieser Pilaster stimmt etwas nicht. Dort, wo die gelbe Linie ein Viertel der Tiefe anzeigt, steht kein Pilaster, ebenso wenig bei 5/8. Einfaches Abzählen erweist: Dort, wo auf dieser Strecke eigentlich acht Pilaster stehen sollten, sind es nur sechs. (Die erste Linie ganz vorn darf man in beiden Fällen nicht mitzählen, sie ist nur der Startpunkt.)

Abbildung 6 stellt das noch einmal gegenüber: Die weißen waagerechten Linien markieren die Stellen, wo im Bild Pilaster zu sehen sind – die schwarzen dagegen, wo sie eigentlich stehen sollten. Die senkrechten schwarzen Linien rechts zeigen einen in die Bildtiefe sich stetig verringernden Abstand – die Abstände der weißen Linien dagegen sind unregelmäßig, mal enger, mal weiter. Ein zusätzliches Indiz dafür, dass die Mauer hinter dem Papst künstlich ergänzt und ihre Elemente hineingemalt wurden.

Für zusätzliche Verwirrung sorgen die Schlagschatten der Mauer mit ihren vorspringenden Pilastern. An denen wurde wohl nichts verändert, da sie ja außerhalb der zu retuschierenden Papst-Konturen liegen. Obwohl die Abstände der rekonstruierten Pilaster nicht stimmen und unregelmäßig sind, passen ihre nach dem Sonnenstand rekonstruierten Schlagschatten weitgehend zu den Schatten im Bild. Am nächstliegenden wäre die Vermutung, es seien einfach die originalen Schatten – was ja durchaus zu Abbildung 7 passen würde –, aber warum liegen ihre Ecken dann in der Sonnenstrahl-Fortsetzung der falschen Pilaster?

Meine Konstruktionslinien könnten nicht exakt genug sein, es könnte ebenso leichte Unregelmäßigkeiten der Mauer geben, der Winkel der Sonneneinstrahlung könnte ein wenig versetzt sein, etwa um einen Pilaster-Abstand … rätselhaft!

Der Papst

Ich muss gestehen, dass ich bei meiner Analyse zunächst ziemlich betriebsblind war. Ich hatte nur auf Merkwürdigkeiten der Retusche geachtet, den reinund/oder rausretuschierten Geistlichen selbst aber kaum weiter beachtet. Daher bin ich Oliver Sittel sehr dankbar, der mich darauf hinwies, dass es sich dabei höchstwahrscheinlich um Papst Pius X. handelt. Von meiner Unaufmerksamkeit abgesehen, hätte ich das auch nicht ohne Weiteres vermutet, da das Buch um 1950 erschienen ist, Pius X. aber bereits 1914 starb. (Sollte das Buch vielleicht erst 1954 erschienen sein, dem Jahr, in dem er von seinem Nachfolger Pius XII. heiliggesprochen wurde, die Montage also eine entsprechende Ehrung darstellen?)

Nach dem Hinweis begann ich in dieser Richtung zu recherchieren und fand in der Tat etliche Bilder von Pius X. in den Vatikanischen Gärten. Und da ich weder Kosten noch Mühe scheue, um Ihnen interessantes Material anbieten zu können, habe ich etliche Ansichtskarten-Originale davon bestellt, selbst aus Barcelona. (Ich kann hier aus Urheberrechtsgründen ja nicht einfach Bildmaterial aus dem Web wiedergeben.)

Und dabei entdeckte ich wiederum recht Spannendes: Etwa die beiden Ansichtskarten der Abbildungen 8 und 9. Leider sind beide undatiert, die Poststempel auf der Rückseite nicht lesbar. Die bayerische 5-Pfennig-Briefmarke mit dem Porträt von Prinz Luitpold passt aber zur Amtszeit Pius’ X. Es spricht viel dafür, dass beide Aufnahmen etwa zur gleichen Zeit entstanden, vor allem, weil die Palmwedel und ihre Positionen identisch sind.

Die Beleuchtungsbedingungen (abgesehen von der Kameraposition und der Kleidung) verweisen allerdings auf einen anderen Zeitpunkt als den unserer beiden Retusche-Fotos 1 und 3.

Eine weitere Ansichtskarte [10] zeigt Pius X. mit derselben Kleidung wie im retuschierten Foto 3; auch hier gibt es abweichende Beleuchtungsbedingungen und Positionen der Palmwedel, wenn auch eine ansonsten gleiche Kameraposition. Bei dem Bild stimmen zwar die Beleuchtungsbedingungen von Szene und Papst weitgehend überein, aber der Papst wurde abermals einmontiert. Auffällig ist, dass ihm das Mäuerchen nur bis übers Knie reicht – bei der ersten Montage [2] verläuft die Mauerkrone dagegen in Bauchhöhe.

Und schließlich gibt es noch die Version von Bild 11, aufgenommen wiederum an derselben Stelle. Nur ist es diesmal Papst Pius XI., möglicherweise abermals einmontiert. Sein Schlagschatten jedenfalls ist aquarelliert, vielleicht so reingemalt oder ihn auch nur verstärkend.

Weitere Quellen finden Sie bei Interesse im Web. So gibt es eine kolorierte Fassung mit zusätzlichen einmontierten Personen, die auf dem Foto 9 basiert (www.docma.info/22324). Eine zeitlich leicht versetzte Version von Bild 8 ist eine mit zwei Begleitern, wahrscheinlich echt (www.docma.info/22325). Auch ein kurzer Film zeigt Pius X. in den Gärten, allerdings an einer anderen Stelle (www.docma.info/22326). Weiterhin gibt es mehrere Fassungen einer anderen Szene, in der der Papst mit Obergewand und Hut an derselben Stelle, aber zu einem weiteren Zeitpunkt aufgenommen wurde. Einmal hält er den Hut in der Hand (www.docma.info/22327 ), einmal trägt er ihn auf dem Kopf (www.docma.info/22328). Von dieser Szene gibt es sogar eine Stereoaufnahme (www.docma.info/22329). Da alle drei übereinstimmen, dürften auch sie echt sein.

Eine wirkliche Hilfe bei der Analyse unserer beiden Ausgangsfotos sind all diese Varianten aber leider nicht. Sie belegen lediglich, dass diese Stelle in den Vatikanischen Gärten eine sehr beliebte Location gewesen sein muss. Den Viale del Giardino Quadrato hat mein Kollege Olaf Giermann auf Google Earth entdeckt; mir war er entgangen. Die Palme allerdings ist schon lange gefällt.

Ach ja, die Palme [12]. Da könnte man auch noch etwas spekulieren. Ich habe mal versucht, sie aus einem unzweifelhaft echten Foto von Pius X. (rechts) auf denselben Stammdurchmesser zu bringen wie die in unserem Ausgangsbild (1). Genau gelungen ist mir das nicht (obwohl beide an derselben Stelle nun exakt dieselbe Breite in Pixeln haben) – die Krone in Bild 1 ist etwas höher. Das könnte (aber bitte ganz großer Konjunktiv) bedeuten, dass Bild 1 einige Jahre später aufgenommen wurde als das Vergleichsbild und der Baum inzwischen ein Stück gewachsen war. Allerdings ist die Anordnung der Palmwedel in den wahrscheinlich ebenfalls echten Fotos Nr. 8 und 9 der in Bild 1 sehr ähnlich, was gegen die Hypothese der späteren Aufnahme spricht.

Aber was ist nun wirklich geschehen in diesem Vatikan-Krimi? Zum einen wissen wir aus den vielen anderen Fotos, dass die Mauer nicht so hoch ist (im Verhältnis zur daneben stehenden Person), wie es unsere (blau getonte) Montage 3 mit Pius X. nahelegt. Andererseits entsprechen die Konturen in der Sepia-Variante genau seinem einmontierten Umriss. Hätte da zuvor ein anderer Papst (oder sonst wer) gestanden, hätte er in einem echten Foto größer sein müssen. Also ist wahrscheinlich die blaue Version die frühere (mit einem einmontierten, falsch beleuchteten und zu kleinen Papst) und die sepiafarbene leere (mit Retuscheartefakten und unzutreffend rekonstruierter Mauer) die spätere. Dann muss es aber noch eine dritte, originale gegeben haben. Die hat dann entweder eine menschenleere Szene gezeigt oder dort stand eine nicht mehr identifizierbare Person. Da die aber größer gewesen sein müsste als der einmontierte Papst und man in dessen Umfeld in Bild 2 keine Retuschereste erkennen kann, ist Bild 3 mit Papst wohl die Grundlage des leeren Bildes 1 gewesen. Rätsel über Rätsel! Spannende Bildbearbeitung gab es jedenfalls schon lange vor Photoshop.

DIE „GARANTIERT RICHTIGE LÖSUNG“

Wir könnten die Lösung ja mal in einer Verschwörungstheorie suchen, das ist meist der einfachste Weg und alles passt dann irgendwie zusammen: Demzufolge sollte sich im Originalfoto an der fraglichen Stelle eine Person befunden haben, die man zunächst gern dort fotografiert hatte, die aber später in Ungnade fiel und aus der Geschichte gelöscht werden sollte – man nennt das damnatio memoriae.

Wer könnte das gewesen sein?

Es gab da kurz vor Pius X. einen Möchtegern-Freimaurer und Atheisten namens Leo Taxil (eigentlich Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès), der sich durch seine Schriften den Zorn der katholischen Kirche zugezogen hatte, insbesondere durch sein reißerisches Buch „Die geheimen Liebschaften von Pius IX.“. 1 885 schwenkte er zur Verwunderung aller urplötzlich um, bereute seine frevlerischen Publikationen, schrieb nun für katholische Verlage jede Menge Enthüllungstexte über die verdammungswürdige Freimaurerei und wurde fortan als reumütiger Sünder von der Kirche hoch geschätzt und gern zitiert. Sogar eine Papst-Audienz bei Pius-Vorgänger Leo XIII. (bis 1903) wurde ihm gewährt. Zweimal Leo, kaum ein Zufall!

Was lag also näher, als ihn zu diesem Anlass in den Vatikanischen Gärten zu fotografieren, um aller Welt die Rückkehr des verlorenen Sohnes in den Schoß der Kirche zu dokumentieren? (Besser wäre noch gewesen: vor Leo XIII. kniend.)

Doch bald nach dem großen Trienter Antifreimaurerkongress von 1 896, der sich vor allem auf seine Schriften stützte, platzte die Bombe! Die „ Kölnische Volkszeitung “ entlarvte Taxil; seine scheinbare Hinwendung zur Kirche war ein riesiger Bluff gewesen, seine angeblichen Enthüllungen der Freimaurer-Geheimnisse allesamt erfunden (obwohl sie noch heute gern als echt zitiert werden).

Rächte sich also der Vatikan, indem er auf dem Foto Leo Taxil durch Papst Pius X. ersetzen ließ? Ließ man danach alle Kopien des ursprünglichen Taxil-Fotos verschwinden? Ende gut, alles gut? Wer’s glaubt, wird selig …