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SCHL AFLOS IN MADRID


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National Geographic Traveler - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 17.12.2021

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Muchas gracias!“, ruft die Sän gerin. „Wir machen jetzt eine Pause, in 15 Minuten sind wir wieder da!“ Es folgt ein enttäuschtes Seufzen aus dem Publikum, das schon den ganzen Abend zu ihrem jazzigen Discosound tanzt. Scherzend hält sie sich einen Arm wie ein Schutzschild vors Gesicht und geht zur Bar, wo schon ein frisch gezapftes Bier auf sie wartet. Kellner mit Fliegen servieren den herausgeputzten Gästen Desserts, und überall wird geplaudert. Wer noch auf der Tanzfläche ist, wippt ungeduldig mit den Füßen zur Musik der Playlist, die die Pause füllt. Es ist ein Uhr nachts, und obwohl die meisten Leute hier am nächsten Morgen zur Arbeit müssen, wird es immer voller.

„Du solltest mal samstags kommen“, lacht Kellner Constantino, als er mich für einen Drink zu einem Tisch auf der Dachterrasse führt. „Dann ist die Bar kaum wiederzuerkennen.“ Gruppen und Paare haben es sich draußen auf Sofas bequem ...

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... gemacht, unterhalten sich und stoßen an. Eine leichte Brise verweht Haare und plustert Röcke auf. Im Hintergrund ist der Madrider Königspalast zu sehen. Er überragt die Dächer der Stadt und leuchtet wie eine riesige weiße Hochzeitstorte. In der Ginkgo Sky Bar herrscht heute Abend eine zivilisierte, entspannte Atmosphäre. Schenkt man Constantino Glauben, dann brennt hier am Wochenende die Luft.

NACHTS IN BESTFORM

Dass man in Spanien gern bis spät (oder früh) ausgeht, ist kein Geheimnis, aber Madrid lebt für die Nacht. Wenn die Sonne untergeht, erwacht das Leben in den Straßen und auf den Terrassen. Die Temperaturen fallen, die Stimmung steigt. Erst nachts kann die Hauptstadt ganz sie selbst sein. Manchmal bekommt man den Eindruck, als sei der helllichte Tag hier ein notwendiges Übel, denn eigentlich warten alle auf die Abenddämmerung.

„Es gibt immer einen Ort, wo du hingehen kannst, egal um welche Zeit“, erklärt Luis de Paz. Der gebürtige Madrilene leitet das Touristikunternehmen Bespoke Travel Spain, das für seine Kunden individuelle Reiserouten durch Spanien zusammenstellt. „Du könntest problemlos von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens unterwegs sein und dich nicht langweilen.“

Wir laufen durch das Kneipenviertel Malasaña, dessen Bars vor Gästen überquellen. An Tischen im Freien sitzt man bei einem Glas Rioja zusammen, vor einem anderen Lokal stecken sich Studenten riesige Pizzastücke in den Mund. Ein älteres Ehepaar auf dem Nachhauseweg geht an uns vorbei und unterhält sich über das Theaterstück, das es eben gesehen hat. „Was ich besonders an Madrid liebe, sind die Menschen“, sagt Luis. „Sie sind so offen. Egal wo du herkommst, ob aus einer anderen Region Spaniens oder dem Ausland, du bist immer willkommen. Das ist nicht in jeder Stadt so.“

SZENETREFF KINO

Wäre Europa eine Party, dann wäre Madrid der poltrige Gast, der vier Stunden zu spät mit einem Sixpack Bier und einer Boombox zur Tür hereinplatzt. Er würde nicht von der Tanzfläche zu kriegen sein, sich mit allen Gästen unterhalten und schmollen, wenn die Feier vorbei ist. In anderen Städten bedarf es bestimmter Verhaltensnormen, Regeln und einer sorg - fältigen Planung, um das Beste aus der Nacht zu holen. Madrid ist das alles egal. Die Stadt ist relaxt, ziemlich anspruchslos und eigentlich nur darauf aus, Spaß zu haben. Und so soll es auch allen gehen, die in ihr unterwegs sind.

Am Ende des Tages, wenn die letzten Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Bögen der Puerta de Alcalá bahnen, beginnt die Metamorphose von der hoch in- tellektuellen Kulturhauptstadt zur Partymeile schlechthin. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem die Leute vor dem Ausgehen ein Bier trinken und sich unterhalten können“, erklärt Sara Morillo. Sie zeigt mir die Sala Equis, ein Kino am Rande des Stadtteils La Latina. Es war das letzte Erwachsenenkino Madrids, als es 2015 seine Türen schloss. Sara hat ihm neues Leben als Filmsaal mit Retroschick eingehaucht. „Als wir öffneten, wurden wir der Gentrifizierung bezichtigt. Mir ging es aber nur darum, die Vergangenheit neu zu erfinden.“

Eingeweihte kommen schon früh am Abend, genehmigen sich ein Bier und lassen sich die Tacos von der Bar schmecken, während auf der Leinwand ein Stummfilm läuft. Das Kino ist ein trendiger Treffpunkt mit rankendem Efeu und einer blutroten Beleuchtung. An den unverputzten Wänden hängen Lichtkästen und sexy Vintage- Poster. „Die Einheimischen kommen gern zu uns“, meint Sara erleichtert. „Und für ein paar Euro kann man sich einen Film ansehen. Nicht schlecht, oder?“ Sara hat es eilig. Sie muss noch ein paar Erledigungen machen. Wie gesagt: Der Tag kann in dieser Stadt manchmal lästig werden.

DRINKS WIE MEDIZIN

In der Nacht lassen sich viele einfach von einer Location zur nächsten treiben. In Madrid ist das Was – sich unterhalten, tanzen, trinken – nämlich viel wichtiger als das Wo, Wann oder Warum. Definitiv zu den Wos gehört allerdings der Stadtteil Chueca, denn hier schlägt das Herz des Madrider Nachtlebens. Das traditionelle Viertel der LGBT-Szene zieht inzwischen eine bunte Menschenmischung an: Clubber, Barhop- per, Familien, Junggesellinnen- und Junggesellenabschiede, Dragqueens, Hundeaus - führer, sich verstohlen küssende junge Pärchen und verwirrte Touristen.

Von früh bis spät: Acht Adressen

PARQUE DEL BUEN RETIRO Madrids grünes Herz ist auch gegen Abend einen Besuch wert – und am Ruderteich zum Sonnenuntergang besonders malerisch. Und: Es wäre nicht Madrid, wenn es nicht selbst hier ein Restaurant mit einem Club gäbe. Das Florida Retiro sorgt für Partystimmung im Park. floridaretiro.com

CÍRCULO DE LAS BELLAS ARTES Die Ausblicke von dieser Dachterrasse gut 50 Meter über der Calle de Alcalá gehören zu den besten der Stadt – perfekt für einen Sundowner vor der Kulisse der Belle-Époque-Skyline Madrids. circulobellasartes.com/azotea

LA ESCALERA DE JACOB Seit einem Jahrzehnt bereichert dieses einfache Theater die Madrider Kulturszene mit einer bunten Mischung aus Theaterstücken, Stand-up-Comedy, Improvisationstheater und Zaubershows. ¿No hablas español? No hay problema. Jeden Monat werden auch Shows auf Englisch angeboten. laescaleradejacob.es

CANDELA Die Wurzeln des Flamenco liegen zwar in Andalusien, aber einige der besten tablaos (Flamenco- Theater) sind in Madrid zu finden. Die hypnotisierende Atmosphäre aus Tanz, Gesang und Gitarre in dem weiß getünchten Lokal verzaubert sogar die namhaftesten Flamenco-Stars Spaniens, die hier regelmäßig als Darsteller und Zuschauer zu Gast sind. flamencocandela.com

BODEGA DE LA ARDOSA Allein der Anblick der alten Fassade mit ihren Verschnörkelungen und dem Neonschild entführt in das Madrid vergangener Tage. Bereits seit 1892 empfängt La Ardosa die Nachtschwärmer und Vergnügungssüchtigen des Malasaña in ihrer holzgetäfelten Bar voller Erinnerungsstücke, Flaschen, handgeschriebener Kreidetafeln und Fotografien in Sepia. laardosa.es

LA LATINA Während die Touristen zu den Imbissständen des berühmten Mercado de San Miguel strömen, zieht es die Madrilenen vor allem auf die Calle de la Cava Baja im Viertel La Latina, wo sie hier und da haltmachen, Tapas essen und cañas (kleine Gläser Bier) trinken. Gute Startpunkte der Kneipentour sind die Taberna La Concha, La Perejila und das Cafe Pavón.

TEATRO DE LA ZARZUELA Die Zarzuela, Spaniens einzigartige Kombination aus Theater, Tanz und Musik, hat ihre geis -tige Heimat in Madrid. Die Atmosphäre in diesem 1856 fertiggestellten Theater ist elektrisierend, und die Dar -bietungen sind erstklassig. teatrodelazarzuela.mcu.es

TEATRO K APITAL Madrids Hedonismus-Tempel ist ein siebenstöckiger Megaclub, der das basslastige Herzstück der Clubszene bildet. Ein vollgepackter Kalender mit Gast-DJs sorgt dafür, dass Partyhungrige bis zum Morgen durchtanzen. teatrokapital.com

Auf der anderen Seite der geschäftigen Gran Vía, im Viertel Las Letras, gibt es eine Bar, die das ganze eklektische Temperament Madrids verkörpert. „Wir sind eine taberna inusual“, erzählt mir Diego Cabrera, Inhaber des Viva Madrid, „eine ungewöhnliche Kneipe. Wir machen gerne unser eigenes Ding.“ Diego, mit seinem grau melierten Bart und starken argentinischen Akzent, schenkt mir eine media combinación ein, einen süßen, rauchigen Drink aus Wermut und Bitterlikören. Sie gehört zu den Klassikern auf einer Cocktailkarte, die man in konventionellen spanischen Tavernen – wo typischerweise Bier und Wein serviert werden – vergebens sucht.

Der originale Charme des Lokals mit Spiegeln, verzierten Fliesen und einer dunklen Holztäfelung von 1856 ist erhalten geblieben, und auch die Kundschaft ist so breit gefächert wie eh und je. „Das Viva Madrid war schon immer ein Spiegel der Stadt“, erklärt Diego. „Adel, Filmregisseure, Matadore, Prostituierte – alle waren sie hier zu Gast. Nach der Franco-Diktatur kamen die Menschen, weil sie hier ganz sie selbst sein konnten. Und das soll auch in Zukunft so bleiben.“ Gleich um die Ecke betreibt Diego eine weitere Bar. Das Salmón Gurú hat nun überhaupt nichts mehr mit einer traditionellen taberna zu tun: Hinter ihrem unscheinbaren Äußeren versteckt sich nämlich ein psychedelisches Spektakel aus neonfarbener Popart, Animal Prints und plüschigen Polstersesseln. Verschiedene Themenräume wurden von Berlin, New York und China inspiriert.

„Barkeeper sind eigentlich Apotheker“, meint Diego, während seine Mitarbeiter rundum schäumende, dampfende, blumige Cocktails in allen möglichen bizarren Gefäßen servieren. „Wir ‚verschreiben‘ Drinks, die über lange Zeit entwickelt und perfektioniert wurden, und mixen nicht einfach nur irgendetwas zusammen.“ Von der Liste der „Rezepte“ bekomme ich einen Saint-Léger, eine herrliche Kombination aus Zitronengras, Gin, Cognac, Zitrone und Kokos mit einem in Honig getauchten Kochbananenchip und Wasabi- Erbsen. Mit diesem Kunstwerk von einem Cocktail kann eine Nullachtfünfzehn- Piña-Colada nicht mithalten.

SCHOKOLADE FÜR ALLE

Bevor Bars wie das Salmón Gurú auf der Bildfläche erschienen, hatte Madrid eine ziemlich unspektakuläre Cocktailszene. Zum Trinken ging man in alteingesessene Lokale wie das Museo Chicote, wo schon Hemingway, Grace Kelly und andere Berühmtheiten die Nacht zum Tag machten. Das Höchste der Gefühle in Sachen Mixgetränke war damals der gute alte Gin Tonic. Er gehört auch heute noch zu den Klassikern der spanischen Barszene und gilt nach wie vor als Erkennungszeichen eines guten Barkeepers: Ein großes Glas mit jeder Menge Eis muss es sein, gefüllt mit der perfekten Kombination aus Gin, Tonic und diversen Garnierungen.

Bei Diego sind es vor allem seine innovativeren Drinks, die zu Madrids Profilierung als Cocktailparadies beigetragen haben. Nach seinem Umzug nach Spanien ging er nicht gleich in die Hauptstadt: „Bevor ich nach Madrid gezogen bin, habe ich in Bars in Barcelona gejobbt“, erzählt er. Ich frage ihn, wo es ihm besser gefalle, hier oder in der Stadt am Meer. „Ich könnte mich nicht für eine von beiden entscheiden“, lacht er, „aber ich liebe Madrid.“

Egal welchen Sünden man sich des Nachts hingibt: Alle Wege führen irgendwann unweigerlich zur Chocolatería San Ginés an der geschäftigen Puerta del Sol. Schon seit 1894 sorgt das Café zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit für das leibliche Wohl der Müden und Hungrigen. An den grün-weißen Wänden hängen Fotos berühmter Gäste, und auf der Bar stehen, aufgereiht wie Soldaten, unzählige Kaffeetassen. Bald werden sie mit geschmolzener Schokolade gefüllt und zusammen mit einer Portion Churros an die Partygänger verteilt. „Hombre, wir sehen hier alle möglichen Leute“, erzählt mir eine der Kell nerinnen, „Touristen am Tag und madrileños in der Nacht. Wer noch nicht nach Hause gehen möchte, kommt zu uns und isst Churros.“

Fast wie aufs Stichwort eilt sie zur Tür und begrüßt eine Bekannte, der Tränen übers Gesicht rollen. Nach vielen Küssen und Umarmungen wird die Freundin an einen Tisch gesetzt und bekommt einen Berg Churros und eine Tasse Schokolade serviert. Und schon ist ihre Welt wieder ein bisschen mehr in Ordnung.

Aus dem Englischen von Teresa Zuhl

Reisetipps

ANREISE & UNTERWEGS

Iberia, Lufthansa und Air Europa fliegen von vielen deutschen Städten direkt nach Madrid. Dauer: etwa drei Stunden. Das Stadtzentrum lässt sich leicht zu Fuß erkunden. Fahrten mit der U-Bahn gibt es ab 1,50 Euro. metromadrid.es

ÜBERNACHTEN 

Das VP Plaza España Design (in dem sich die Ginkgo Sky Bar befindet) bietet Doppelzimmer ab 196 Euro. plazaespana-hotel.com Im 7 Islas Hotel in Chueca gibt es Doppelzimmer ab 120 Euro. 7islashotel.com