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SCHULE prägt–UND WIE!


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schule - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 17.10.2022

Man sieht es schon von Weitem – heute findet an der Grundschule etwas Besonderes statt: Die neuen Erstklässler werden feierlich aufgenommen. Sie werden freudig begrüßt von der ganzen Schulgemeinschaft im Beisein von Eltern, Großeltern, Paten. Sie erhalten ihren ersten Schulranzen, eine Schultüte – sie sind ab jetzt Schulkinder und nicht mehr Kindergartenkinder. Häufig kennen sie sich schon aus dem Kindergarten und gehen jetzt gemeinsam einen weiteren Schritt auf ihrem Lebensweg. Diesen Schritt gemeinsam gehen zu können ist eine historische Errungenschaft aus der Weimarer Republik, das Reichsgrundschulgesetz von 1920, bei dem sich die Parteien auf eine gemeinsame Grundschulzeit aller Kinder einigten und so die Phase der teilweise privaten und damit nur den Wohlhabenderen zugänglichen Vorbereitungsschulen ablösten.

Nach ungefähr zwei Jahren aber ändert sich etwas beim Schulbesuch. Denn spätestens ab ...

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... Mitte der 3. Klasse stellt sich für Kinder und Eltern die – manchmal komplizierte – Frage, wie es nach der Grundschule weitergehen wird. Anders als bisher ist ein weiterer gemeinsamer Weg in der Sekundarstufe I keine Selbstverständlichkeit. In der Regel sind es drei verschiedene Wege, die nun zur Debatte stehen, mit unterschiedlichen Lehrplänen und Ansprüchen, mit unterschiedlich ausgebildeten Lehrpersonen und unterschiedlichen Abschlüssen.

Diese Veränderungen führen auf allen Seiten zu höheren Belastungen, die insbesondere für die Kinder teilweise schwer zu verkraften sind. Und auch das ändert sich plötzlich: Aus Klassenkameraden und -kameradinnen werden KonkurrentInnen um die so begehrte höhere Empfehlung.

Natürlich sind Kinder unterschiedlich, sehr sogar. Es gibt nichts Unterschiedlicheres als eine Gruppe Gleichaltriger. Warum aber gibt es genau drei Schularten, die für die immense Zahl an unterschiedlichen Ausprägungen bereitstehen?

Warum drei und nicht fünf oder zehn? Die Antwort ist relativ einfach: Nach der Einigung auf eine gemeinsame Grundschulzeit konnten sich die bildungspolitisch Zuständigen nicht auf eine Weiterführung dieses Weges einigen, und so blieb man eben bei den Schulformen, die sich in den gesellschaftlichen Schichten im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts herausgebildet hatten: Volksschule (heute Hauptschule), Mittelschule (heute Realschule) und Gymnasium – deshalb drei.

AUCH NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG WAR KEIN SPIELRAUM FÜR EINE NEUORIENTIE-RUNG UND ANKNÜPFUNG AN DIE MIT DER GRUNDSCHULE ERREICHTE GEMEINSAMKEIT

Also machte man ab Anfang der 1950er-Jahre weiter wie bisher, und so bilden nach wie vor – bis eben leider heute – die schichtenspezifisch entstandenen Schulformen des 19. Jahrhunderts eine dominierende Rolle: Das ursprünglich postulierte Ziel, eine jeweils standesadäquate Bildung durch das Schulsystem bereitzustellen, leistet es bis heute – denn das ist das, was es leisten kann und wofür es „konstruiert“ wurde. In allen seriösen Untersuchungen zur Bildungsgerechtigkeit landet Deutschland deshalb auf den hintersten Rängen.

Da es nun einmal in der Regel keinen allgemeinen, für alle Kinder gemeinsamen Weg gibt, muss man sie auf verschiedene Wege aufteilen. Dabei verwendet man ein Verfahren, das umstrittener nicht sein könnte: die Grundschulempfehlung. Schon die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt, spaltet die Betroffenen in zwei Lager. Die einen finden sie gut und reden von einer Notwendigkeit in einem gegliederten System, das allen Begabungsausprägungen ein adäquates Angebot bietet, die anderen kritisieren, dass dieses Verfahren ein Höchstmaß an Bildungsbenachteiligung hervorruft, da eine Verteilung nach Begabung nicht möglich ist, sondern sich eben – wenn auch unausgesprochen – sehr stark an der Herkunft orientiert und diese damit zementiert. Die unterschiedlichen und häufig gegenläufigen Regelungen und Modalitäten in den Bundesländern sind ein klarer Beleg dafür, dass es in der Frage der Empfehlung keine allgemein akzeptierte Sicht gibt. Und so ist die Empfehlung mal verbindlich, mal nicht, mal an Notenwerten orientiert, mal nicht, mal gibt es Probezeiten oder Aufnahmeprüfungen, mal nicht … Aus den vielen Kritikpunkten, die im Zusammenhang mit der Grundschulempfehlung genannt werden, möchte ich drei herausgreifen.

1. Problem: der Begabungsbegriff

Bei den Befürwortern einer – möglichst auch verbindlichen – Grundschulempfehlung lässt sich mehr oder weniger deutlich die Grundüberzeugung heraushören, dass Kinder nun einmal unterschiedlich begabt sind und dass es deshalb auch sinnvoll ist, sie einer ihrer Begabung entsprechenden Schulform zuzuweisen. Dabei gehen sie davon aus, dass Begabung eine feste Größe ist, deren Ausprägung sich im Lebenslauf nicht gravierend verändert. Ein spezifisches Begabungsprofil hat gleiche oder zumindest sehr ähnliche Ausprägungen ob mit 6, mit 10, 20 oder 50 Jahren. Solchen statischen Vorstellungen von Begabung stehen allerdings die Positionen und Erkenntnisse gegenüber, die in neuerer Zeit vor allem im Zusammenhang mit den Neurowissenschaften geäußert werden. Deren Vorstellungen von Begabung werden eher als dynamisch bezeichnet. Begabungen sind Potenziale, die immer erst durch systematische Anregungen, Herausforderungen, Ermutigungen ihre Wirkung entfalten können. Eine weiterführende Schule mit einem hohen Anregungspotenzial ist daher wesentlich entscheidender als einmal gemessene „Begabungsdaten“.

2. Problem: die Verwendung von Noten

Allgemein wird immer noch angenommen, dass Noten Aussagen über Leistungen machen. Aber Noten zeigen keine Leistungen an, sie zeigen Bewertungen an. Darein fließen natürlich auch Leistungen mit ein, aber eben nicht nur, sondern auch eine ganze Reihe anderer Gesichtspunkte. Dies betrifft die Zusammensetzung der Klasse (Referenzgruppeneffekt), Informationen aus dem Umfeld der SchülerInnen (Hallo-Effekt), Unterrichts- und Korrekturstil der Lehrpersonen bis hin zu psychologischen Effekten, die – unbewusst – die Wahrnehmung steuern. Die Folge: Für identische Schulleistungen werden teilweise sehr unterschiedliche Notenwerte vergeben, die dann wiederum zu unterschiedlichen Berechtigungen führen.

3. Problem: der Zeitpunkt

Die Aussage darüber, welches Kind welche Schulform besuchen soll, wird zu einem Zeitpunkt getroffen, an dem wesentliche Entwicklungsprozesse noch nicht stattgefunden haben. Das auch für schulische Leistungen zuständige Frontalhirn ist erst im Alter von 20 bis 25 Jahren voll ausgereift. Daher lassen sich Aussagen über die intellektuelle Leistungsfähigkeit erst ab diesem Zeitpunkt treffen. Aussagen vor zentralen Reifungsphasen sind letztlich unseriös.

Nun könnte man ja sagen: Na ja, wenn man sich getäuscht hat, ist es nicht weiter schlimm, es gibt ja die Möglichkeit, zwischen den Schularten zu wechseln. Formal ja, in der Realität aber nicht so einfach, denn die Differenzen zwischen Schulformen bestehen auch im Umfang des Angebots und des Anreizpotenzials – und Defizite in dieser Hinsicht lassen sich nicht einfach nachholen. In der Praxis finden daher überwiegend Korrekturen nach unten statt, nach oben eher selten.

DER SOGENANNTE PYGMALION-EFFEKT, DER BELEGT, DASS IM VORFELD GEÄUSSERTE ERWARTUNGEN AN DIE LEISTUNGS-FÄHIGKEIT EINES MENSCHEN IN HOHEM MASSE DIE SPÄTERE WIRKLICHKEIT BESTIM-MEN, SPIELT AUCH BEI DER GRUNDSCHUL-EMPFEHLUNG EINE ZENTRALE ROLLE

Hinzu kommt die Problematik, dass es sich bei der Empfehlung immer auch um eine Grundaussage über den Menschen handelt. Bei all solchen Aussagen ergibt sich das Problem, dass Prognosen und Vorhersagen über ihre beabsichtigte Funktion hinaus Wirkungen entfalten, die ursprünglich so nicht gewollt waren, und so kann aus der „Vorhersage“ über künftige Leistungen sehr schnell eine „Hervorsage“ werden. Der sogenannte Pygmalion-Effekt, der belegt, dass im Vorfeld geäußerte Erwartungen an die Leistungsfähigkeit eines Menschen in hohem Maße die spätere Wirklichkeit bestimmen, spielt auch bei der Grundschulempfehlung eine zentrale Rolle. Diese sogenannte self-fulfilling prophecy spielt auch bei dem Phänomen eine Rolle, dass sich Kinder mit großen Unterschiedlichkeiten scheinbar auf drei Ausprägungen reduzieren lassen und damit auf drei Schularten passen. Diese Passung ist „natürlicherseits“ nicht gegeben – aber sie kann hergestellt werden, z. B. dadurch, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt Aussagen über die weitere Entwicklung macht. Menschen und insbesondere Kinder sind in ihren Entwicklungen sehr vom Feedback ihrer Bezugspersonen abhängig. Man wird so, wie man von anderen gesehen wird.

In der Debatte über die Grundschulempfehlung trifft man daher häufiger auf Aussagen, die darauf verweisen, dass die Grundschulempfehlung in hohem Maße zutreffend sei, man stößt hier oft auf die Zahl 90 Prozent. Bei genauerem Hinsehen ist dies offensichtlich nur dann der Fall, wenn die Kinder das „gegliederte“ Schulsystem besuchen. Besuchen sie dagegen eine integrierte Schulform, zeigt sich, dass bis zu 70 Prozent der Empfehlungen letztlich falsch waren – in der Regel erreichen die Kinder und Jugendlichen einen höheren Abschluss als den ursprünglich angenommenen.

WIE SCHÖN WÄRE ES DOCH, WENN BEI UNS WIE IN VIELEN ANDEREN LÄNDERN DIE PRAXIS DER FRÜHEN SELEKTION BEENDET WÜRDE UND EINE GEMEINSAME SCHULZEIT BIS ZUM ENDE DER SEKUNDARSTUFE I GESCHAFFEN WÜRDE

Sowohl für Kinder als auch für Eltern ist die Zeit am Ende der Grundschule häufig mit höherem Stress verbunden. Einerseits führt an einer Grundschulempfehlung in der Regel kein Weg vorbei, andererseits werden hier Aussagen gemacht, die eigentlich niemand machen kann und die für die Kinder in hohem Maße prägend sind.

Wie schön wäre es doch, wenn bei uns wie in vielen anderen Ländern die Praxis der frühen Selektion beendet würde und eine gemeinsame Schulzeit bis zum Ende der Sekundarstufe I geschaffen würde. Von den Leistungen her gesehen wäre damit eher eine Verbesserung verbunden. Zumindest bei den PISA-Tests gehen Platz 1 bis 5 an Länder, die für ihre Kinder und Jugendlichen ein gemeinsames Lernen bis Klasse 10 verwirklicht haben. Die dafür notwendigen Methoden und Gestaltungsentscheidungen sind allesamt bekannt und erprobt – aber eben überwiegend im internationalen Terrain. Leider zeigen die beim Thema Strukturwandel geführten politisch-ideologischen Debatten aber, dass wir darauf noch nicht so schnell hoffen können. Und so lassen sich momentan die Beispiele von zeitaktuellen Bildungssystemen und Schulformen überwiegend im internationalen Raum beobachten.

WAS ALSO TUN, WENN EINE SCHNELLE SINN-VOLLE LÖSUNG NICHT REALISTISCH IST?

Grundsätzlich ist es eine richtige Entscheidung, dass bei der Grundschulempfehlung in den meisten Bundesländern die letzte Entscheidung bei den Eltern liegt, und die sollte man nicht aus der Hand geben. Dabei kann es hilfreich sein, sich zusätzlich zur vorliegenden Empfehlung eine zweite Einschätzung durch Fachleute zu holen.

Manchmal ist es auch aufschlussreich, wenn man sich von den Lehrpersonen ausführlich erläutern lässt, welche Faktoren – abseits von Noten – für die getroffene Entscheidung ausschlaggebend waren.

Schließlich kann man – trotz mancher noch vorhandener Vorbehalte – bei der Wahl der konkreten Schule auch integrierte Schulen ins Auge fassen, bei denen die Grenzen zwischen den Bildungsgängen deutlich offener sind, die im Umgang mit Unterschiedlichkeit große Erfahrungen haben und bei denen in der Regel eine hohe „Anreizkultur“ vorausgesetzt werden kann.

PROTOKOLL: CHRISTIAN PERSONN