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Schwärmen für Sailor Uranus


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 28.10.2022
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In der Kultserie ?Sailor Moon? sind Michiru Kaioh alias Sailor Neptun und Haruka Tenoh alias Sailor Uranus von Beginn an ein Paar

Tokio in den 1990er-Jahren: Jeden Sonntagabend versammeln sich in den Bars von Shinjuku Ni-chome, dem schwul-lesbischen Viertel der Stadt, queere Menschen, um gemeinsam „Sailor Moon“ zu schauen. Wieso zeigen Lesbenkneipen eine Zeichentrickserie für Kinder? Wegen Haruka alias Sailor Uranus und Michiru alias Sailor Neptun! „Haruka und Michiru waren so eindeutig ineinander verliebt, so eindeutig ein Paar”, erinnert sich Erica Friedman, Autorin des Buches „By Your Side. The First 100 Years of Yuri Anime and Manga“, im Videocall mit L-MAG zwischen New Jersey und Berlin. „Als erwachsene, lesbische Frau sah ich mir ,Sailor Moon‘ an und dachte, dass ich im Fernsehen noch nie zwei Frauen auf diese Weise dargestellt gesehen hatte. Das hat mich umgehauen – und wie ich erfuhr, hat es auch viele Leute in Japan umgehauen.“ „Sailor Moon“ (Original: 1991–1997) ist bis heute die bekannteste Manga- und Anime-Serie ...

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... mit einem Yuri-Plot.

„Fragt man fünfzehn Leute, was Yuri ist, bekommt man 25 verschiedene Antworten“, sagt Erica. Sie gilt als Koryphäe für Yuri, hält weltweit Vorträge zum Thema und hat die Yuri-Online-CommunityYuricongegründet. Erica definiert Yuri so breit und inklusiv wie möglich: „Yuri ist jede Geschichte mit weiblichen Figuren, die eine körperliche, intensivemotionale oder romantische Beziehung miteinander haben.“

Dazu kann vieles zählen: platonische Liebesgeschichten zwischen Schulmädchen, Action-Serien, Fantasy oder Sci-Fi. Yuri-Mangas und Animes handeln zum Beispiel von Auftragsmörderinnen, fiktiven Popstars, Sportlerinnen oder ganz alltäglichen Menschen. Sie spielen in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der Zukunft und teilweise sogar im Leben nach dem Tod. Mangas sind Comics, Anime Zeichentrickserien und -filme aus Japan. Sie haben eigene Erzählformen und eine eigene Ästhetik. Außerdem werden japanische Manga- und Anime-Genres nicht nach literarischen Themen unterteilt, sondern nach Altersgruppen und Gender. Grundsätzlich gibt es vier Kategorien: Shōjo für Mädchen im Teenageralter, Josei für Frauen, Shōnen für Jungen im Teenageralter und Seinen für Männer.

Schulmädchen und Piano-Duette

Yuri passt in keine dieser Schubladen, sondern verbindet Merkmale aller vier Genres. Als Pendant zu Yuri kann das Genre Yaoi oder „Boys’ Love“ gelten, das sich auf homoerotische Beziehungen zwischen männlichen Figuren konzentriert. Im Gegensatz zu Yuri ist „Boys’ Love“ aber ein Subgenre von Shōjo- und Josei-Mangas und wird vornehmlich an Mädchen und Frauen vermarktet. Der Begriff Yuri bezieht sich auf verschiedene Medien wie Manga und Anime, aber auch Computerspiele, „Light Novels“ (also japanische Romane) mit Illustrationen im Manga-Stil und andere Literatur.

Die Wurzeln von Yuri lassen sich in der japanischen „Class S“-Literatur finden, die seit mittlerweile mehr als 100 Jahren von der romantischen Freundschaft zwischen jungen Frauen erzählt. Der bekannteste Class-S-Roman ist „Yaneura no Nishojo“ (1919) von Yoshiya Nobuko. Die Handlung dient bis heute als Schablone für Yuri- und Shōjo-Mangas für Mädchen.

Viele Yuri-Klischees gehen auf „Yaneura no Nishojo“ zurück: Das katholische Mädcheninternat als Setting, in dem sich eine innige Freundschaft zwischen den Hauptpersonen (hier: Akiko und Akitsu) entfaltet. Auch die Dachgeschosskammer, die sich die beiden teilen und das romantische Pianoduett, in dem Worte durch Musik ersetzt werden, sind fester Bestandteil vieler Yuri-Mangas.

Auch Seinen, also an Männer gerichtete Mangas, greifen die „S“-Ästhetik auf. Diese Geschichten nutzen das Mädcheninternat als erotisch aufgeladenes Setting und erzählen klischeebeladen von lüsternen Lesben, die unschuldige Schulmädchen verführen. Diese überwiegend an Männer vermarkteten, erotischen Fantasien überschatteten bis in die 1990er-Jahre das Genre. Yuri stand lange Zeit vor allem für lesbische Pornografie, die von Männern gelesen wurde. Die heutige Verwendung des Begriffs ist der Aneignung durch Fans zu verdanken: „In den frühen 2000ern fingen wir an, das Genre „Yuri“ zu nennen und haben es so gewissermaßen zum Leben erweckt“, erzählt Erica. „Das ist wie mit schwarzen Löchern. Wir haben eine Hypothese über die Existenz von Yuri aufgestellt und es dann in die Welt gebracht.“

Fans denken lesbische Geschichten und Charaktere weiter

„Yuri wird nicht von der Intention der Schöpfer:in bestimmt, sondern von der Perspektive des Publikums“, erklärt Erica. Wie kaum ein zweites Genre wurde Yuri von seinen Fans geprägt. Das Yuri-Fandom, also die Fangemeinschaft, spielt eine zentrale Rolle, denn lange Zeit fand Yuri vor allem außerhalb des Kanons, also der offiziellen Manga- oder Anime-Handlungen, statt. „Das, was wir an Haruka und Michiru von ,Sailor Moon‘ liebten, tauchte in der eigentlichen Serie gar nicht auf. Also schrieben wir Fanfiction und zeichneten Fan-Art. Wir erzählten uns diese Geschichten gegenseitig“, erinnert sich Erica. In diesen Fanworks werden die Figuren gequeert und es entstehen jene offen lesbischen Paare, die auf dem Papier oder auf dem Bildschirm unsichtbar sind oder nur zaghaft angedeutet werden. „Vieles von dem, was Fans an Yuri lieben, ist das, was sie in ihren Köpfen entstehen lassen, was wir ,head canon‘ nennen“, sagt Erica.

Viele Yuri-Geschichten sind sehr subtil. Offen lesbische Identität wurde bis vor kurzem weitestgehend ausgeklammert. „Die Figuren verhalten sich auf eine Weise, die alles ist, nur nicht explizit queer“, sagt Erica. Lange Zeit bedeutete Yuri lesbische Inhalte ohne lesbische Identität. Zwei Mädchen konnten zwar ineinander verliebt sein, queere Erfahrungswelten aus der realen Welt hatten in Mangas und Animes aber keinen Platz. Das lesbische Potenzial von Yuri liegt deshalb im Auge der Betrachtenden. Für die einen ist Yuri nur Unterhaltung und hat mit der realen Welt nichts zu tun, für die anderen macht sein queeres Identifikationspotenzial es zum queeren Genre. Yuri widersetzt sich außerdem einer Einordnung in binäre Genderboxen. Erotisch explizite Yuri-Mangas wurden zwar oft an Männer vermarktet, unter den Zeichner:innen gab es allerdings zahlreiche Frauen: „Einige meiner liebsten Manga-Künstlerinnen haben zu Beginn ihrer Karriere lesbische Pornos gezeichnet, weil das ein einfacher Einstieg in die Manga-Industrie war“, führt Erica aus. „Sehen Pornos von Frauen für Frauen anders aus? Manchmal. Manchmal sehen sie aber auch genau gleich aus.“ Für wen ist Yuri heute also? Erica Friedman bringt es auf den Punkt: „Yuri ist für alle, die Yuri mögen.“

Convention für Yuri und Yaoi in Dachau

Yuri-Fans haben Räume geschaffen, die offen queer sind. Die YaYuCo in Dachau ist dafür ein guter Beweis. „YaYuCo ist kurz für Yaoi und Yuri Convention“, erklärt Myriam, die die Veranstaltung seit 2005 organisiert. „Ich dachte mir: Warum nicht genau für diese Zielgruppe etwas machen? Damit wir wirklich einen geschützten Raum, einen Safe Space haben, in dem wir tun und lassen können, was wir wollen.“ YaYuCo ist deshalb eine überschaubare Veranstaltung für Erwachsene ab 18 Jahren. „So grob geschätzt kamen die letzten Male zwischen 400 und 450 Leute“, sagt Myriam. „Größer wollen wir auch gar nicht werden, die Convention soll familiär und gemütlich sein.“

„Vieles von dem, was Fans an Yuri lieben, ist das, was sie in ihren Köpfen entstehen lassen“

Conventions sind Orte der Begegnung und des Austausches für Fans. Auf der YaYuCo finden, ähnlich wie auf anderen Conventions, Workshops, Spiele, Vorträge und Cosplay-Wettbewerbe statt. Jede hat ein anderes Schwerpunktthema, das sich im Rahmenprogramm widerspiegelt. Auf der nächsten Convention, die für November 2023 geplant ist, dreht sich alles um Vampire: Unter anderem wird es einen Vampir-Ball geben, auf dem dann auch endlich die Rückkehr der Con gefeiert werden kann – denn die Veranstaltung musste wegen Corona seit drei Jahren immer wieder verschoben werden.

Tendenz steigend: Explizit lesbische Inhalte!

Die Besucher:innen sind meist zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Darunter sind viele trans oder nicht-binär und suchen sich unsere Veranstaltung aus, weil sie wissen, dass sie hier sein können, wie sie sind“, erzählt Myriam. „Hier muss sich niemand in eine Schublade stopfen lassen, man kann auch jeden Tag eine andere Schublade belegen, so wie man gerade Lust drauf hat.“

Die Anzahl der Yuri-Fans auf der YaYuCo ist allerdings überschaubar: „Prozentual würde ich 70 Prozent ,Boys’ Love‘ und 30 Prozent Yuri schätzen“, sagt Myriam, „die ,Boys’ Love‘-Community ist in Deutschland einfach sehr viel größer.“ Generell sei „Boys’ Love“ populärer als Yuri.

Drei Gründe dafür zählt Erica Friedman auf: „,Boys’ Love‘ gibt es schon länger, seit den 60er-Jahren. Es hat ein größeres Publikum, denn für viele hetero Frauen ist es eine Möglichkeit, erotische Geschichten zu lesen, ohne dabei selbst Lustobjekt zu sein. Außerdem kommen viele queere Frauen durch ,Boys’ Love‘ in Kontakt mit queeren Mangas, weil es von diesem Genre bereits so vieles gibt.“

Yuri ist bis heute ein Genre, das stark von seinen Fans geformt wird. Allerdings findet es nicht mehr nur außerhalb des Kanons statt. „In den letzten zehn Jahren hat eine radikale Entwicklung stattgefunden“, berichtet Erica. „Einige Yuri-Mangas sind mittlerweile explizit lesbisch. Wir müssen diesen queeren Raum jenseits des Kanons also nicht mehr herstellen, er wird uns von Anfang an mitgegeben.“ Yuri-Mangas wie „My Lesbian Experience with Loneliness“ (2017) von Nagata Kabi oder „I’m in Love With the Villainess“ (2021) von Inori setzen sich zentral mit lesbischer Identität auseinander. Auch wächst die Zahl der offen queeren Yuri-Künstler:innen.

Japan ist der einzige G7-Staat, der gleichgeschlechtlichen Paaren nach wie vor eine rechtliche Anerkennung verwehrt. „An der rechtlichen und politischen Lage in Japan hat sich zwar kaum etwas geändert“, stellt Erica fest, „aber immer mehr Leuten ist es egal, was andere von ihnen denken.“

Crowdfunding spielt in der Entstehung und Verbreitung neuer Yuri-Geschichten eine wichtige Rolle: „Die Dinge haben sich zum Teil auch verändert, weil Autor:innen ihre Comics über Crowdfunding finanzieren können“, erklärt Erica und nennt als Beispiel den US-amerikanischen Social-Payment-Service-Anbieter Patreon: Leute zeichnen ihre Mangas, erhalten über die Plattform Geld von Fans und können mit ihren Comics ohne Verlag etwas Geld verdienen.

Auch wenn Yuri immer schon ein Genre mit verschiedenen Einflüssen war, sind die Geschichten noch einmal vielfältiger geworden: Femme Fatales existieren neben Schulmädchen, erotische Mangas neben platonisch-romantischen Freundschaften, Action-Serien neben Arbeitsplatzdramen. Egal ob explizit lesbisch, ob von queeren Autor:innen gezeichnet oder nicht – Yuri und Yuri-Fandom waren und sind ein Raum für lesbische Leserinnen. Yuri Fan-Foren und Conventions, wie die YaYuCo in Dachau, sind Orte des Austauschs und der Diskussion etwa über sexuelle Identität, Gender, Konsens oder romantische Ideale. Yuri-Fans haben nicht auf queere Repräsentation gewartet, sondern haben sie selbst in die Hand genommen. Das Genre bildet heute ein ganzes Spektrum lesbischer Erfahrungen ab, auch wenn manche weniger realistisch sind als andere. „Yuri“, so Ericas Fazit, „steht gerade erst am Anfang.“

// Theresa Rodewald

yuricon.com