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Sophie kam vor der Klinik zur Welt


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junge familie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.04.2022

Noch mehr Gebur tsgeschichten

Die Geschichte von Sophie ist eine von vielen, die ihr auch in unserem „Leben & erziehen“-Buch nachlesen könnt: Es enthält 30 wunderschöne Briefe von Eltern, die ihren Kindern von den 24 Stunden rund um die Geburt berichten. Manche sind aufregend, einige dramatisch, viele ungewöhnlich – und alle einzigartig, so wie auch jedes Baby es ist. Genau deshalb gibt es zusätzlich Eintragseiten für euren eigenen Brief.

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Bildquelle: junge familie, Ausgabe 2/2022

?Die Geschichte deiner Geburt ? Mein Brief für dich?, aufgezeichnet von Andrea Leim. 192 Seiten, Migo-Verlag, gebundene Ausgabe 15 Euro

Mein lieber Schatz, mein kleiner Wirbelwind Sophie!

Heute möchte ich dir davon erzählen, wie du das Licht der Welt erblickt hast, wie außergewöhnlich dieser Moment war und was deine Geschichte so besonders macht. Jede Geburt eines Kindes ist natürlich einzigartig. Du aber hast dir damals ganz besonders viel Mühe gegeben, sie nicht nur für uns, sondern auch für ganz viele andere Personen unvergesslich werden zu lassen.

Vorweg muss ich dir sagen, dass schon deine große ...

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... Schwester es eilig hatte und innerhalb von nur vier Stunden bei Mama und Papa im Arm lag. Für eine erste Geburt ist das sehr wenig Zeit, jedoch nichts gegen die Geschwindigkeit, mit der du zu uns kommen solltest.

Es war der 4. März gegen 20 Uhr am Abend. Ich kochte und spülte ab, dein Papa spielte mit deiner Schwester im Wohnzimmer, als ich plötzlich die ersten leichten Wehen spürte. Sofort war ich mir sicher, dass du noch an diesem Abend zu uns kommen und unsere kleine Familie vervollständigen würdest. Dein errechneter Geburtstermin war der 5. März, somit lagst du voll im Zeitrahmen.

Also sagte ich Papa, dass es nun losgeht und wir deiner Oma Bescheid geben müssen, damit sie zu uns kommen und auf deine Schwester aufpassen kann. Mir war wichtig, rechtzeitig in der Klinik zu sein, um Schmerzmittel bekommen zu können. Denn bei deiner Schwester ging alles so schnell, dass genau das nicht mehr möglich war.

Schon nach 15 Minuten klingelte Oma an der Haustür, währenddessen bereiteten dein Papa und ich alles für die Abfahrt vor. Die Wehen hatten an Intensität bereits ordentlich zugelegt, und ich ging noch einmal zur Toilette. Ich schaffte es kaum, von selbst wieder aufzustehen. Deine Oma scherzte vor der Tür, dass ich das Kind nun wohl im Bad auf die Welt bringen müsste. Als ich endlich wieder stand, konnte ich sehen, dass ich ein wenig Blut verloren hatte. Mir wurde mulmig, und ich versuchte, nicht in Panik zu geraten.

Inzwischen waren seit der ersten Wehe fast 30 Minuten vergangen. Jetzt machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus. Nicht einmal zehn Minuten Fahrzeit brauchte es bis zur Klinik. Um halb neun war es bereits dunkel und die Straße frei. Papa fuhr so schnell er konnte und versuchte, mich bei Laune zu halten. Als ich aber immer weniger sagte, ahnte er, dass es doch eiliger wurde, als wir anfangs glaubten.

Was er allerdings nicht wusste: Ich hatte inzwischen die erste Presswehe weggeatmet, aber ihm nichts gesagt, um ihn nicht zu beunruhigen. Ich befürchtete nämlich, dass er aus Sorge zu schnell fahren und vielleicht sogar einen Unfall bauen könnte. Deshalb konzentrierte ich mich voll und ganz auf die Wehen.

Endlich am Parkplatz angekommen, parkten wir direkt gegenüber vom Haupteingang. Als ich aussteigen wollte, rollte die nächste Presswehe an. Ich konnte mich nicht bewegen, sondern musste sie erst veratmen. Dein Papa versuchte, mir aus dem Auto zu helfen, und als ich es endlich geschafft hatte, watschelte ich wie ein Pinguin über die Straße, wo ich direkt vor einer neuen Herausforderung stand: die Haupttreppe hoch zum Klinikeingang. Keine Chance! Ich wusste genau, dass ich es allein nicht mehr schaffen würde. Schon gar nicht bis in den Kreißsaal, der im dritten Stock lag. „Hol bitte Hilfe und einen Rollstuhl, Schatz!“, sagte ich.

Obwohl Papa sofort hoch zur Klingel des Nachtwächters rannte, fühlte es sich für mich wie eine Ewigkeit an. Während er an der Sprechanlage erklärte, was er braucht und dass es eilig ist, platzte die Fruchtblase auf dem Gehweg.

„Gleich kommt jemand!“, beruhigte mich dein Vater, als er zurückkam. Doch in dem Moment spürte ich schon, wie du deutlich nach unten drücktest. „Der Kopf kommt schon!“, sagte ich ihm. „Ich habe keine Zeit mehr, in den Kreißsaal zu fahren. Ich brauche sofort Hilfe!“

Papa rannte also erneut hoch. Ich hockte mich währenddessen unterhalb der Treppe hin und hielt mich mit einer Hand am Geländer fest. Es war dunkel, still und kalt, sicher nicht wärmer als drei Grad. Aus der Tiefgarage, die etwa 50 Meter entfernt war, leuchteten die Frontlichter eines Autos heraus. „Hoffentlich biegt der nicht in meine Richtung ab“, dachte ich noch. Ich wollte einfach nicht, dass mich ein Fremder so sieht. Doch ich hatte Glück, das Auto fuhr in die entgegengesetzte Richtung davon. Die Szene spielte sich vermutlich nur in wenigen Sekunden ab, ich hatte jedes Zeitgefühl vollkommen verloren. Die nächste Presswehe kam, und dein Köpfchen wurde geboren. „Gleich kommt Hilfe“, rief mir dein Papa entgegen, während er die Treppen zu mir hinunterlief. „Nein, das reicht nicht mehr, du musst mir helfen“, sagte ich deutlich. „Geh hinter mich und fang das Baby auf !“

Und so hockte sich dein Papa hinter mich, der Boden war voller Fruchtwasser. Die nächste Wehe kam, und du fielst quasi heraus. Papa hatte unterschätzt, wie schnell du kommst und wie schwer du zu greifen bist. Er hielt deshalb nur eine Hand unter mich. Dadurch bist du nach vorne gerutscht, ich fing dich mit beiden Händen auf und nahm dich sofort in den Arm.

Da warst du! Keinen Mucks gabst du von dir, und geatmet hast du auch noch nicht. Ich realisierte das anfangs nicht einmal, stand komplett neben mir, völlig überfahren von dieser Situation. Papa nahm dich mir ab und hielt dich so, dass das Fruchtwasser aus deinen Atemwegen laufen konnte. Und dann kam er, der erste Atemzug und dein kleiner erster Schrei! Du hingst immer noch an der Nabelschnur, warst weiter mit mir verbunden, und ich schloss dich wieder fest in meine Arme, um dich zu wärmen und vor der Frühjahrskälte zu schützen.

Plötzlich hörten wir Stimmen und jede Menge Lärm. Wir schauten hoch und sahen eine große Gruppe Menschen, die auf uns zugelaufen kam. Zehn Personen waren es sicherlich. Die Frau von der Rezeption hatte den Notknopf des Krankenhauses betätigt und so alle Stationen alarmiert. Samt Erste-Hilfe-Koffer, Decken, Handtüchern und anderen Dingen kamen sie die Treppe runter.

Doch als sie uns da stehen sahen, mit dir in meinem Arm, verschlug es ihnen allesamt für eine Sekunde die Sprache. Das Baby war schon auf der Welt! Umgehend wurdest du in eine Decke gewickelt, denn du warst von der kurzen Zeit an der Luft schon schneeweiß und total unterkühlt. Gleichzeitig maß ein Arzt erst deinen, dann meinen Puls. Fragen prasselten auf mich ein; ob ich alle beantworten konnte, weiß ich heute nicht mehr. Es fühlte sich an, als gäbe es eine große, unrealistische Blase um mich herum. Ich fühlte mich ganz schön überfordert.

Als ich schließlich im Rollstuhl saß, mit dir dick und warm eingewickelt auf meinem Schoß, ging alles ganz schnell: Ein paar Menschen rannten vorweg, um die nötigen Aufzüge zu öffnen, sodass wir nicht warten mussten. Schwester, Pfleger und Ärzte fuhren mit uns nach oben, und als sich die Türen wieder öffneten, wurden wir im Eiltempo über die Gänge geschoben. Ich war inzwischen voller Adrenalin, hellwach und scherzte, dass ich ja nun eigentlich wieder nach Hause gehen könne. Immerhin waren wir doch nur gekommen, um unser Baby auf die Welt zu bringen – und du warst ja nun da.

Auf der Entbindungsstation wurde uns ironischerweise genau der Kreißsaal zugewiesen, den ich schon bei der Geburt deiner Schwester so gern gehabt hätte und mir für deine natürlich auch gewünscht hatte. Doch lagst du bereits in meinem Arm, als ich hineingebracht wurde. Es war jetzt 20.40 Uhr, nicht einmal eine Stunde nach der ersten Wehe!

Ich durfte deine Nabelschnur selbst durchschneiden. Kaum warst du abgenabelt, wurdest du in einer Decke in ein Wärmebett gelegt. Wir brauchten beide ein paar Stunden, um uns von der heftigen Sturzgeburt zu erholen. Am nächsten Morgen aber ging es uns gut. Dein Papa holte deine große Schwester von zu Hause ab, damit sie dich endlich treffen konnte. Dieser Moment war unbeschreiblich und rührte mich zu Tränen. Deine Schwester hatte schon so lang auf dich gewartet und begrüßte dich voller Liebe mit vielen Küsschen und Streicheleinheiten. Unsere Familie war nun komplett, unser vierblättriges Kleeblatt, das vollkommene Glück.

Heute bist du schon sechs Jahre alt, und jedes Mal, wenn wir an der Stelle vorbeikommen, an der du geboren wurdest, erzählst du ganz stolz, dass du genau dort aus Mamas Bauch geschlüpft bist. Es wird noch etwas dauern, bis du wirklich verstehen kannst, was das bedeutet und wie außergewöhnlich deine Geschichte ist, aber ich bin mir sicher, dass du irgendwann auch deinen eigenen Kindern davon erzählen wirst. Davon, wie an diesem Abend für Sekunden die Zeit stillstand und du nur mit der Hilfe von Mama und Papa auf die Welt kamst.

In Liebe, Deine Mama