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Susan Meiselas


fotoMAGAZIN Edition - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 18.09.2018

Die amerikanische Magnum-Fotografin über die Notwendigkeit, immer wieder zurückzublicken, Foto- Ikonen und die Egozentrik mancher Kollegen.


Artikelbild für den Artikel "Susan Meiselas" aus der Ausgabe 8/2018 von fotoMAGAZIN Edition. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: fotoMAGAZIN Edition, Ausgabe 8/2018

Susan Meiselas im Februar 2018 neben einem Selbstportrait aus dem Jahr 1971, das anlässlich ihrer Retrospektive im Pariser Jeu de Paume großformatig vergrößert wurde.


Kassel, 2. Juni 2018. Susan Meiselas ist zumFotobookfestival angereist und wird heute einen Vortrag über ihre Bildbände halten. Jetzt sitzt dieMagnum -Fotografin mit Jetlag auf einer sonnenbestrahlten Parkbank vor derdocumenta -Halle und beantwortet entspannt die Fragen des Interviewers. Bis zum ...

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Kassel, 2. Juni 2018. Susan Meiselas ist zumFotobookfestival angereist und wird heute einen Vortrag über ihre Bildbände halten. Jetzt sitzt dieMagnum -Fotografin mit Jetlag auf einer sonnenbestrahlten Parkbank vor derdocumenta -Halle und beantwortet entspannt die Fragen des Interviewers. Bis zum 21. Oktober ist eine große Retrospektive ihrer Arbeiten in San FranciscosMuseum of Modern Art zu sehen. Im Juni feierte die Fotografin ihren 70. Geburtstag. Gute Gründe für einen Rückblick auf eine große Karriere.

fotoMAGAZIN: Stimmt es, dass Sie zunächst eine ziemlich schüchterne Fotografin waren?
Susan Meiselas: Ich glaube, das bin ich immer noch, vielleicht nicht ganz so schüchtern wie in meinen ersten Jahren als Fotografin. Schüchtern bedeutet, dass es mir schwerfällt, Fremde zu fotografieren. Ich brauche Zeit, um mich jemandem zu nähern. Vielleicht mochte ich deshalb die Street Photography nie. Das war mir alles zu sehr „rangehen und gleich wieder verschwinden“. Dabei hast du keine Beziehung aufgebaut, dir nur etwas genommen und nichts zurückgegeben.

fotoMAGAZIN: Gleich zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie die „Carnival Strippers“ als Sujet gewählt. Kostete Sie dieses Thema nicht besonders viel Überwindung?
Susan Meiselas: Ich habe zunächst wie alle anderen den Stripperinnen bei der Show zugeschaut und hatte keine Ahnung, wie deren Leben war – bis zu dem Zeitpunkt, als ich in ihre Umkleide ging und hinter die Kulissen blickte. Die Arbeit auf dem Jahrmarktgelände war nicht schwierig. Sobald mich dann die Frauen in ihre Welt einluden, wurde ich ein Teil von dieser. Das ist alles natürlich gewachsen. Ich war sicher neugierig auf deren Leben. Heute kann man sich das alles kaum mehr vorstellen, denn jetzt wären diese Frauen von jedem Zuschauer exzessiv mit iPhones geknipst worden. Damals war das noch eine verborgene Welt. Die Tatsache, dass Frauen hier keinen Zugang hatten, forderte mich nur noch mehr heraus.

fotoMAGAZIN: Im Alter von 27 Jahren wurden Sie kurz darauf in die berühmte Bildagentur Magnum aufgenommen. Welche Vorstellung hatten Sie von dieser Fotografenvereinigung, als Sie Gilles Peress dort 1976 einführte?
Susan Meiselas: Ich wusste absolut nichts überMagnum und kannte nicht einmal Henri Cartier-Bresson. Es ist kaum zu glauben, doch ich hatte nie etwas über die Geschichte der Fotografie gelernt. Gilles hatte ich bei einem meiner ersten Jobs getroffen: bei der Party Convention der Demokratischen Partei im Jahr 1976. Das war für mich ein ziemlich ungewöhnlicher Ort. Ich lernte erst, mit einem Großevent umzugehen. Gilles war vermutlich überrascht, dass ich davor in aller Stille mit den Stripperinnen dieses große Werk geschaffen hatte. Niemand hatte die Bilder zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht. Ich konnte ihm also viel zeigen, als er mich fragte, was ich sonst so machte.

fotoMAGAZIN: Wie hat sich Magnum seit jenen Tagen verändert?
Susan Meiselas: Ich habe mich verändert undMagnum hat sich verändert.Magnum war damals noch viel kleiner. Hier arbeiteten etwa 22 bis 25 Fotografen. Die Frauen waren alle richtig starke Typen: Mary Ellen Mark, Eve Arnold, Inge Morath – allesamt ausgeprägte Charaktere und sehr von sich überzeugt.

fotoMAGAZIN: War das ein Charakteristikum, das generell für die Magnum-Fotografen jener Tage galt?
Susan Meiselas: Wir hatten nicht viel Zeit, um gemeinsam abzuhängen.Magnums Aufenthaltsraum der Fotografen war für mich eine gute Lehrstube. Hier hast du immer jemanden getroffen, der gerade von irgendwo herkam oder auf dem Weg zum nächsten Job war. Die Kollegen betrachteten meine Aufnahmen und halfen bei der Bildauswahl. Wenn Sie mich jetzt fragen, was heute anders ist:Magnum ist mittlerweile doppelt so groß. Die Leute haben sich von der Basis entfernt. Heute gibt es eine größere Vielfalt in den stilistischen Ansätzen, doch ein großes Spektrum hatten wir immer. Manche Fotografen sahen sich eher in einer bestimmten Tradition. Es gab immer die Henri Cartier-Bresson- Tradition und die Robert Capa-Tradition. Manche machten Scherze darüber, ob du eher formalistisch ausgerichtet warst oder ein „engagierter“ Fotograf.


Als ich 1976 zu Magnum kam, kannte ich noch nicht einmal Cartier-Bresson.


fotoMAGAZIN: Und wie haben Sie sich über die Jahre bei Magnum verändert?
Susan Meiselas: Ich kann ehrlich nicht sagen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich nicht zuMagnum gegangen wäre. Es war eine große Veränderung für mich, als ich nach Nicaragua ging. Die kommende Revolution war nicht vorhersehbar. Danach blieb ich dann ein Dutzend Jahre in Lateinamerika. Die Presse war immer ein Partner, doch ich definiere mich nicht als jemand, der für die Presse arbeitet. Ich habe mitMagnum ein sehr unabhängiges Arbeitsumfeld gewählt. Dort arbeite ich nicht für einen einzelnen Kunden, sondern verbreite meine Bilder immer über mehrere Plattformen. Vermutlich wäre ich nicht so viel im Ausland gereist, wenn ich nicht zuMagnum gegangen wäre. DaMagnum ein starkes Support-System hatte, konnte ich von überall meine Filme zurückschicken. Die Bilder wurden dann gesichtet und vermarktet. Selbst wenn du nicht im Auftrag unterwegs warst, konntest du von dem leben, was die Reproduktion deiner Fotos in Zeitschriften einbrachte.



Heute gibt es so viel Subjektivität in der Fotografie. Die Leute scheinen sich mehr für sich als für andere zu interessieren.


fotoMAGAZIN: Während Sie in Nicaragua waren, wurde dort gerade Weltgeschichte geschrieben. Verändert sich die eigene Perspektive auf die Nachrichten, wenn man direkt dabei ist?
Susan Meiselas: Ich denke dieser Tage viel darüber nach. Vierzig Jahre später gibt es wieder Straßenunruhen und viele haben mir geschrieben, sie sähen plötzlich, wie meine Bilder täglich wieder neu im Alltag auftauchen. Damals wusste keiner, was da gerade passierte. Einer der Gründe, warum ich zunächst angereist war, ist, dass es über diesen Ort noch kaum etwas Visuelles gab. Durch unser digitales Zeitalter hat es so viel Disruption gegeben. Nun sind mehr Menschen als je zuvor mit Kameras unterwegs. Zugleich gibt es weniger Fotografen, die Langzeitreportagen machen. Damals war es ungewöhnlich, irgendwo länger zu bleiben. Heute leben die Fotografen an dem Ort, über den sie berichten. Das ist eine fundamentale Veränderung und sehr wichtig. Sie fragten jedoch nach etwas anderem. Ich merkte damals, dass Geschichte geschrieben wurde und mich interessierte nicht, was passierte, sondern welche Auswirkung das auf die Zukunft haben würde. Dieses Gefühl einer Dringlichkeit, einer Bewegung, ohne dass jemand wusste, wohin sich alles entwickelte! Doch das wissen wir heute auch nicht. Heute könnte man denken, dass sich alles innerhalb von einem Tag, einer Woche oder eines Monats oder Jahr verändern kann.

fotoMAGAZIN: Was macht ein Foto wie wie Ihr Bild des „Molotov-Mannes“ zur Ikone?
Susan Meiselas: Wir ziehen nicht los um Ikonen zu produzieren. Vermutlich merken wir es zunächst nicht einmal. Beim „Molotov- Mann“ kapierte ich die Ikonisierung, als ich ein Jahr später zurückkam und das Bild wiederentdeckte. Zum ersten Jahrestag der Revolution wurde es neu verwertet. Er war ihr Held, er war in diese Sache komplett verwickelt. Ich weiß nicht, wer diese kleinen Bilder von ihm auf Streichholzschachteln drucken ließ. Das war jedoch der Anfang. In den letzten 30 Jahren ist dieses Motiv an vielen anderen Stellen aufgetaucht. Der „Molotov-Mann“ wurde ein Symbol der Volksarmee, die gegen die Contras kämpfte.

fotoMAGAZIN: Ein weiterer Aspekt einer Ikone scheint mir, dass sie in unterschiedlichem Kontext verwertbar ist. Sie wächst mit der Zeit auf eine ganz eigene Art.
Susan Meiselas: Sie verändert sich. Beim „Molotov-Mann“ bin ich mir nicht sicher: Hätte jemand an ihn gedacht, wenn ich nicht selbst dokumentiert hätte, was aus dem Bild geworden ist? Natürlich haben ihn die Sandinistas als Symbol der Revolution eingesetzt – vom 25. bis zum 30. Jubiläum. Aber ich habe das erst sichtbar gemacht, indem ich die Reproduktion dieses Motivs dokumentierte – bis zum Denkmal in seiner Heimatstadt.

fotoMAGAZIN: Sie feiern am 21. Juni Ihren 70. Geburtstag. Ist es wichtig, zurückzublicken, um anders in die Zukunft zu schreiten?
Susan Meiselas: Ich bin momentan in einer seltsamen Situation. Ich habe vom 21. Juli bis zum 21. Oktober eine große Retrospektive imMoMA in San Francisco. Dort zeige ich eine Nicaragua-Installation, die ich erstmals 1982 ausgestellt habe. Das fühlt sich an wie ein Blick in die Vergangenheit. Dennoch werden viele diese Installation sehen und dabei stärker mit dem verbunden, was heute passiert. Ich weiß nicht, was nötig ist, damit sich die westliche Welt dem widmet, was jetzt in Nicaragua passiert. Es gibt bereits mindestens zehn andere Orte, die sie auch nicht bekümmern.
Sie stellen also eine ganz grundlegende Frage. Du trägst deine Geschichte mit dir herum – weil du sie durchlebt hast, weil du zum Zeitzeugen wurdest oder ganz einfach in einer gewissen Zeit lebst. Du denkst jedenfalls danach über die Dinge anders. Sei es mein Bildarchiv oder die Geschehnisse meiner Zeit – beide prägen meine Gedanken.

fotoMAGAZIN: Sie sagten mal, bei der Fotografie sollte es nicht um den Fotografen gehen. Steckt nicht immer die Persönlichkeit des Fotografen hinter einem Bild?
Susan Meiselas: Auf gewisse Art schon, aber das ist nicht mein Fokus. Ich bin keine, die beim Fotografieren etwas wie ein Spiegel reflektiert, sondern jemand, der sich aus dem Fenster lehnt und sich umsieht. Ich möchte in eine Welt eintreten, die anders ist als die, in der ich lebe. Natürlich bin ich in jedem Bild auch irgendwie zugegen, aber gleichzeitig auch abwesend. Heute gibt es so viel Subjektivität in der Fotografie. Die Leute scheinen sich mehr für sich als für andere zu interessieren. So bin ich nicht.Interview: Manfred Zollner