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„Unserverlorenes Paradies“


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Kleiner Wohnen Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 01.09.2022

JOSEF UNDCAROLA,VOREIFEL

Artikelbild für den Artikel "„Unserverlorenes Paradies“" aus der Ausgabe 1/2022 von Kleiner Wohnen Spezial. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kleiner Wohnen Spezial, Ausgabe 1/2022

InsideOut : Ludolf Dahmen erzählt Geschichten vom Drinnen- und Draußenleben.

Josef hatte ich 2010 das erste Mal fotografiert. Da lebte er schon seit acht Jahren – aber zu diesem Zeitpunkt noch alleine – in seinem selbst umgebauten Zirkuswagen. Der steht auf einem weitläufigen, wunderschön gelegenen Wiesengrundstück eines ehemaligen Hofanwesens in der Voreifel. Eine befreundete Familie hatte diesen Hof gekauft und ihm dort einen Platz zur Verfügung gestellt für seinen Traum „von einer Bude im Wald“.

Die Geschichte nannte ich damals „Der Zeitmillionär“. Denn es hatte etwas Faszinierendes, eine Person kennenzulernen, die ein gutes Stück aus den Zwängen des Alltags ausgestiegen war. Ein kluger Kopf, der das wenige Geld, das er zum Leben benötigte, mit einer halben Stelle als Chauffeur und Redenschreiber eines Vertriebsdirektors verdiente. Ansonsten widmete er sich mit Zeit und ...

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... Muße den schönen Dingen des Lebens.

Es war darüber hinaus meine erste Begegnung mit einem Menschen, der in einem Tiny House lebte – noch lange bevor das zu einem gewissen Hype wurde. Seitdem hatte mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. Doch es sollten noch elf weitere Jahre vergehen, bis ich meine größere Fotoarbeit umsetzte und mich diesbezüglich – natürlich – zuerst an Josef wandte.

In der Zwischenzeit hatte sich bei ihm eine ganze Menge verändert. Zuallererst sei Carola genannt, die kurz nach unserem Kennenlernen in sein Leben trat. Beide sind seitdem ein Paar. Sie, die damals noch eine 600 Quadratmeter große Jugendstil-Villa bewohnte, konnte sich durchaus vorstellen, mit Josef auch dauerhaft in seinem Zirkuswagen zu leben – allerdings nur unter der Bedingung, dass er ihr ein richtiges Bad baute. So war für ihn klar: Ein Bad musste her.

Zirkuswagen und Tiny House

Doch aus der freudigen Notwendigkeit heraus, dieses Bad zu bauen, entstand schließlich die Idee vom Bau eines weiteren Hauses auf dem gleichen Grundstück. Zunächst war es noch für den damals 82-jährigen Vater von Carola gedacht, einem pensionierten Architekten, der sich bei seinen Besuchen in diese Lebensform verliebte und selbst in einem Tiny House wohnen wollte. Die gemeinsamen gestalterischen Planungen wurden schnell angegangen, als Basis für das Haus diente ein altes Bauwagen-Untergestell.

Außer der Elektro- und Wasserinstallation bauten Josef und Carola dieses Tiny House weitgehend alleine, gelegentlich unterstützt durch Helfende. Ein befreundeter Schreiner stand mit Ratschlägen und Tipps zur Seite. Das Resultat war ein ästhetisch sehr ansprechendes Haus von 26 Quadratmetern Wohnfläche, mit einer überdachten Terrasse, zusätzlicher Außenküche und einem aufgeständerten Erker. Im Haus entstand durch diesen Erker ein großer Wohnraum, der acht Personen am ausziehbaren Tisch Platz bot. Wichtig war beiden auch ein großes Bett, das von beiden Seiten zugänglich war, und natürlich das große Bad mit Dusche. Beim Bau verwendeten sie ökologische Materialien, wie zum Beispiel Hanf und Holzweichfaserplatte für die Dämmung. Beheizt wurde das Haus durch einen 6-Kilowatt-Holzofen. Durch eine großzügige Hinterlüftung war das Haus – bei nur geringem Holzverbrauch – im Winter schön warm, und im Sommer entstand kein Hitzestau. Vom Hofgebäude aus wurden Starkstrom sowie eine Wasser- und Abwasserleitung gelegt. Verzichtet wurde trotz Abwasserleitung aber auf ein Wasserklosett, stattdessen hielt eine Trenntoilette Einzug.

Da beide hohe ästhetische Ansprüche haben, recherchierten sie lange für die Inneneinrichtung, aber auch für Dinge wie Fenster, Haustür und Fußboden. Und dabei galt: „Wertig vor billig, gebraucht vor neu.“ So kostete das gesamte Haus am Ende rund 26.000 Euro.

Als es nach einem Jahr Bauzeit schließlich fertig war, wollte Carolas Vater dann doch lieber im Zirkuswagen wohnen. So gab es einen Tausch, und Josef und Carola zogen in das Tiny House. Doch Carolas Vater verliebte sich nicht nur in das minimalistische Leben auf dem Land, sondern auch in eine charmante Dame aus dem angrenzenden Dorf. Und so dauerte es nicht mehr lange, dass er schließlich zu ihr zog. Der Zirkuswagen diente Josef fortan als Rauchersalon und Büro, denn in der Zwischenzeit hatte er sich auch beruflich verändert und sich in der Eifel als freier Trauerredner selbstständig gemacht. Ein Beruf, der wunderbar zu diesem empathischen und wortgewandten Mann passt.

Ein minimalistisches Luxusleben

Als ich Josef und Carola im Sommer 2021 besuchte, um sie zu fotografieren, fand ich also ein kleines Paradies vor. Vieles war für die beiden perfekt: Ihr Leben fand draußen im Grünen statt, war von Einfachheit geprägt und zumeist unbeschwert. Ein Leben im Tiny House als minimalistischer Luxus, mit einer deutlich höher empfundenen Lebensqualität als in der Stadt. Alle Gäste und Familienangehörigen, die regelmäßig zu Besuch kamen, waren ohne Ausnahme begeistert und blieben auch immer gerne ein paar Nächte in der eigens gebauten, kleinen Gästehütte, die sich an der Hinterseite des Zirkuswagens anschmiegte. Auch die Bewohnerzahl auf der Hofanlage war in der Zwischenzeit deutlich angewachsen: Zwei Paare und eine junge Familie im Haupthaus und den ehemaligen Stallungen sowie ein weiterer Tiny-House-Besitzer etwas oberhalb auf dem Gelände bildeten eine gut funktionierende Gemeinschaft.

Die Natur zeigte sich bei meinem Besuch von ihrer schönsten Seite – ein nicht zu heißer Tag mit einer leichten Brise, die Abkühlung verschaffte, unterlegt vom Gezwitscher vieler Vögel in den sattgrünen Bäumen, der angrenzende Rotbach träge vor sich hin fließend. Ich musste sehr aufpassen, nicht auch zu träge zu werden, und mich immer wieder daran erinnern, warum ich eigentlich da war, nämlich um zu fotografieren. Zu groß die Versuchung, in Carolas Hängesessel auf der Terrasse sanft schaukelnd sitzen zu bleiben – oder nach dem gemeinsamen Essen einfach nicht mehr weiter zu fotografieren, sondern mich der wunderbaren Ruhe dieses zauberhaften Ortes einfach restlos zu ergeben.

Die Katastrophe

Keiner konnte an diesem unbeschwerten Tag ahnen, was nur einen Monat später geschehen sollte: diese unfassbare Katastrophe der Jahrhundertflut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die massive Zerstörung von so vielen Orten, Häusern, Infrastruktur – und letztendlich der Tod von so vielen Menschen.

Josef und Carola waren am Tag der Flut nicht zu Hause, sie sahen also nicht, wie eine regelrechte Flutwelle den gesamten Hof innerhalb kürzester Zeit überschwemmte. Der Zirkuswagen und das Tiny House standen bis zu den Dächern in einer dunklen Brühe. Das ge- samte Ausmaß der Zerstörung zeigte sich schließlich nach dem Abzug des Wassers. Nahezu nichts war mehr zu retten: weder Mobiliar noch Einrichtungsgegenstände, Kleidung oder persönliche Unterlagen – geschweige denn das Tiny House selbst oder der Zirkuswagen. Alles mit einem Schlag unwiderruflich verloren unter einer stinkenden Schicht aus Schlamm, durchsetzt mit Öl und Fäkalien. So erging es der gesamten Hofgemeinschaft.

Zur Zerstörung kam der Schock, bei allen tiefsitzend. Für Außenstehende ist es wohl kaum zu erahnen, was solch ein Ereignis mit einem macht, selbst wenn man die Zerstörung sieht. Gleichzeitig setzte jedoch unmittelbar eine große Hilfsbereitschaft ein – zuerst durch die Menschen aus dem angrenzenden Ort, der, da höher liegend, nicht so stark von der Flut betroffen war. Alle Personen, die den Hof bewohnt hatten, fanden dort Unterkunft – Josef und Carola für viele Monate, kostenlos in einer Wohnung der alten Dorfschule. In dieser Zeit galt es, sich zu sammeln, das Erlebte zu verarbeiten, behutsam zu überlegen, wie es weitergehen kann, begleitet durch eine befreundete Traumatherapeutin. Vieles war ungewiss, nur eines war klar: nicht an gleicher Stelle ein neues Tiny House zu bauen – zu groß war die Angst, dass diese Flut sich jederzeit wiederholen könnte. So gingen den beiden viele Fragen durch den Kopf: Bleiben oder wegziehen, eine Wohnung mieten oder doch wieder ein Tiny House bauen – aber wenn ja, wo?

Sie haben sich für ihre Fragen Zeit gelassen und schließlich ihre Antworten gefunden: Ein Neuanfang an gleicher Stelle, auf dem Hof, aber nicht mehr in einem neu zu bauenden Tiny House. Vielmehr zogen sie in die kleine Einliegerwohnung von 39 Quadratmetern. Doch vorher hieß es, über Monate renovieren, alles Zerstörte wieder aufbauen. Dies geschah zuerst in viel Eigenarbeit der Hofgemeinschaft, unterstützt durch helfende Hände, später dann durch Fachfirmen, in Teilen finanziert mit staatlicher Unterstützung.

Der Neuanfang

Während ich diesen Text im Mai 2022 schreibe, sind Josef und Carola in den letzten Zügen ihres Umzuges. Sie freuen sich auf den Neuanfang, die Angst vor einem sich wiederholenden Hochwasser ist der Zuversicht gewichen, dass sich dieses Ereignis (zumindest in diesem verheerenden Ausmaß) nicht wiederholen wird. So bleibt zwar eine gewisse Restsorge, doch der Optimismus überwiegt wieder. Und – vielleicht als Symbol dessen, vielleicht aber auch aus Trotz – hat Josef doch wieder gebaut: Ein Mini-Tiny-House diesmal, mehr eine kleine Hütte denn ein wirkliches Haus, die ihm zukünftig als Büro dienen wird. Ich freue mich schon darauf, das alles zu sehen bei meinen nächsten Besuch – gerne dann wieder an einem unbeschwerten Sommertag. •