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VOLL AUF DIE OHREN


Auto Bild Motorrad - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 30.07.2021

REPORT

Artikelbild für den Artikel "VOLL AUF DIE OHREN" aus der Ausgabe 2/2021 von Auto Bild Motorrad. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild Motorrad, Ausgabe 2/2021

DIE DEUTSCHE BÜRO­ KRATIE RÜSTET AUF – mit Schildern am Straßenrand. An immer mehr Strecken messen so genannte Lärmdisplays die Lautstärke Vorbeifahrender und geben ihnen als Rückmeldung ein „Danke“ oder „Leiser!“. So sollen vor allem Biker zum rücksichtsvollen Fahren ermuntert werden. Das Land Baden-Württemberg fördert Kommunen bei der Anschaffung der rund 15 000 Euro teuren Displays, Hessen stellt 200 000 Euro bereit, um an Motorrad-Hotspots für mehr Ruhe zu sorgen.

Die Tafeln brächten eine Lärmminderung von bis zu 2,2 dB(A), argumentieren Befürworter. Kritiker halten dagegen, mit den Displays würde allenfalls an den Symptomen herumgedoktert, nicht aber die Ursache kuriert – nämlich die unerhörte Lautstärke einiger Maschinen. Sie sorgt dafür, dass sich Bürgerinitiativen bilden, dass es Streckensperrungen und Tempolimits nur für Motorräder gibt, dass Feiertagsfahrverbote oder absurd ...

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... niedrige Geräuschgrenzwerte diskutiert werden. Die Zunft der Biker ist alarmiert, zumal die Politik das Thema Ruhestörung nicht nur auf lokaler Ebene für sich entdeckt hat.

So haben sich lärmgeplagte Regionen im Rheinland zum Bündnis „Silent Rider“ zusammengeschlossen. Mit der „Entschließung zur wirksamen Minderung und Kontrolle von Motorradlärm“ unterstützt NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) die Initiative; er will das Thema auf Bundesebene behandelt wissen.

„Mit der Entschließung stehen Motorradfahrer unter Generalverdacht“, sagt Oliver Luksic, verkehrspolitischer Sprecher der FDP, „sie macht keinen Unterschied zwischen gesetzeskonformen Zweiradfahrern und den wenigen rücksichtslosen Rowdys“.

Wegen der Helmpflicht ist ein Lärmblitzer nur in Verbindung mit einer Halterhaftung umsetzbar

Dabei tolerieren Politiker, dass viele Motorräder schon zu laut auf den Markt kommen. Eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) belegt: Fabrikneue Maschinen halten zwar die Zulassungsvorschriften ein, sind aber bei Messungen außerhalb des Typprüfbereichs manchmal um 20 dB (A) lauter.

Und dann ist da die Zubehörbranche. Am StVZO-konformen Miller-Auspuff für Harley-Davidson etwa lässt sich mit wenigen Handgriffen der dB-Killer entfernen. So manipuliert, brüllt eine Softail Heritage Classic mit 108 dB(A) – 31 dB(A) mehr als erlaubt. Rechnerisch entspricht das einer Vorbeifahrt von 128 Motorrädern unter Bedingungen der amtlichen Typprüfung. Denn pro 3 dB verdoppelt sich der Pegel der Schallquelle. Für Anwohner eine Zumutung.

Die Motorradbranche verurteilt zwar „vorsätzliche Lärmverursacher mit manipulierten und illegalen Auspuffanlagen“, wäscht ih-re Hände aber in Unschuld. „Für Auto- und Motorradposer mit ihrem übermäßigen Lärm trägt nicht die Industrie die Verantwortung“, sagt Achim Marten vom Industrieverband Motorrad (IVM). „Die Exekutive hat alle Instrumente in der Hand hat und sollte schwerpunktmäßig handeln. Das ist allemal sinnvoller als dümmliche Streckensperrungen, die sich pauschal gegen alle richten und einer Diskriminierung gleichkommen.“

Laschets Bundesratsinitiative fordert eine Lärmobergrenze von maximal 80 dB(A), gültig für alle Neufahrzeuge über alle Betriebszustände. Nach Expertenmeinung stößt der Vorschlag bei PS-starken Bikes an Grenzen. „Ein derartiges Regelungskonzept ist vor allem für den Innerortsverkehr sinnvoll“, sagt Lärmexperte Michael Jäcker- Cüppers, Vorsitzender vom Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik (ALD).

Laschets Antilärmpaket soll ohne Parlamentsdebatte direkt auf EU-Ebene platziert werden. Ein nationaler Alleingang ist nicht möglich, europäische Vorschriften stehen über allem. Sie müssen aus Sicht der Anti-Lärm-Lobby dringend aktualisiert werden: Derzeitige Geräuschgrenzwerte gelten seit Anfang 2016 für die Typprüfung und noch bis mindestens 2024 für Neuzulassungen. Da Motorräder durchschnittlich 18 Jahre gefahren werden, röhren die vermeintlichen Krachmacher wohl noch 2042 auf deutschen Straßen.

Die aktuellen Prüfvorschriften sind kaum geeignet, extreme Betriebszustände zu erkennen

Besonders hohe Lärmbelastung herrscht an Sonntagen und in den Sommermonaten: Dann fahren die deutschen Biker 48 Prozent ihrer jährlichen Kilometer. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lehnte weitere Einschränkungen für Biker stets ab. Stattdesssen sollte es mehr Kontrollen geben. Haken an der Sache: Geeignete Messgeräte gibt es so gut wie gar nicht. „Die Polizeidienststellen verfügen nur über wenige Schallpegelmessgeräte“, weiß Marco Schäler von der Kommission Verkehr bei der Deutschen Polizeigewerkschaft. So sieht man Polizeibeamte am Straßenrand, die mit einer normalen Lärm-App auf dem Handy einen Anfangsverdacht feststellen.

Experten bringen nun eine neue Technik ins Spiel: So genannte Lärmblitzer könnten – vor allem in touristischen Regionen – für mehr Ruhe sorgen. Das wäre „eine für die Sensibilisierung der Motorradfahrenden wichtige Maßnahme“, findet Akustiker Michael Jäcker-Cüppers. Stadtparlamente, etwa in Frankfurt/Main, beschäftigen sich bereits mit Lärmblitzern, die ähnlich wie bei Tempokontrollen zu laute Biker und Autoposer erfassen sollen. 2020 scheiterten Jungliberale in Hannover noch mit einem Beschaffungsvorschlag: „Zu diesem Zeitpunkt nicht möglich“, lautete die Antwort der Stadtverwaltung. Aber die Einschläge kommen näher, denn einige europäische Länder testen bereits Lärmblitzer: Frankreich, England und die Schweiz.

Die Entwickler suchten und fanden dabei „ein Kriterium im Geräusch“, dass zu laute Fahrzeuge eindeutig identifiziert. Die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne setzt gemeinsam mit dem Start-up Securaxis auf eine Lärmmessung mit künstlicher Intelligenz. Vereinfacht dargestellt, erkennt ein Akustiksensor über ein hinterlegtes Lärmprofil Pkw, Lkw oder Motorrad. Anhand von Geräuschen lassen sich Fahrtrichtung und Geschwindigkeit bestimmen. Ein Radar sendet die Daten in eine Cloud, wo sie weiterverarbeitet werden können.

In Frankreich ist ein ähnlicher Lärmsensor in der Testphase. „Meduse“ hängt an einem Mast, vier Mikrofone messen in alle Richtungen und analysieren zehnmal in der Sekunde die Umgebungsgeräusche. Der Zeitunterschied des auftreffenden Tons, kombiniert mit einem Algorithmus, soll zur Lärmbestimmung ausreichen. In zwei Jahren könnten erste Geräte für die Polizei verfügbar sein.

MEINUNG

Lieber frei als laut

Meine Meinung zum leidigen Lärmthema? Eine Meinung geht nicht. Klar, die ganzen Wochenend- und Feiertagsfahrverbote, Streckensperrungen, Tempolimits exklusiv für Motorradfahrer und absurd niedrige Lärmgrenzwerte gehen mir so gehörig auf den Zeiger, dass ich den im Drehzahlmesser impulsiv erst mal ganz nah an den roten Bereich bringen will. Als lauten Protest gegen all jene, die Motorradfahren schon immer verbieten wollten. Glücklicherweise hat mein Hirn da noch Impulskontrolle über die Gashand. Ich könnte mich auch brav in eine Protestfahrt in einer Großstadt einreihen, aber weil mein Motorrad nur Orange und Schwarz statt Regenbogenfarben trägt, interessiert das keinen. Zumal in einer Welt, in der alles emissionsfrei, lautlos, CO 2 -neutral, elektrisch, digital, nachhaltig und achtsam sein soll, der Motorradfahrer für Unvernunft und Verschwendung steht und sein Bike im Grunde schon als Symbol für toxische Technik steht. Sich daran abarbeiten, Menschen vom Gegenteil überzeugen – kann man versuchen, bringt aber nichts. Deshalb jetzt Meinung Numero zwo: Wenn wir auch in Zukunft nicht nur zwischen November und Februar von Montag bis Freitag die Freiheit auf zwei Rädern genießen wollen, dann müssen unsere Maschinen leiser werden. Nein, nicht stumm. Es reicht, wenn sie erst mal so leise werden wie vor 10 oder 15 Jahren. Damals mussten nur die Harley-Treiber und ein paar Möchtegern-Racer ihre chronischen Defizite kompensieren – den einen fehlte es an Leistung, die die anderen aufgrund mangelnden Fahrkönnens nicht auf die Straße bringen konnten. Dann kamen aber auch noch Hipster und graumelierte Wiedereinsteiger dazu, die Lärm mit Charakter verwechselten. Die Industrie machte diese Kundschaft mit dem ganzen Klappen-Gedöns happy, und es wurde laut. Schön blöd. Deshalb sollten wir beim Neukauf die Lärmemission zum wesentlichen Kaufkriterium machen, damit sich die Hersteller nicht mehr hinter dem Wunsch ihrer Kunden nach lauten Motorrädern verstecken können. Und warum nicht praxisgerechte Maßnahmen fordern, die Lärm nicht auf dem Papier, sondern auf der Straße reduzieren? Ist mir alles lieber, als wenn ich statt schöner Kurven ständig die nächste Ladesäule suchen und dort zwei Stunden warten muss.

„Wer sich heute noch mit einem ‚Leis ist Scheiß‘- T-Shirt auf den Bock hockt, degeneriert mental in derselben Höhle wie der Wutbürger, der alle Biker als hirnlose Raser beschimpft.“

Und bei uns? Welche Behörden dürften hierzulande unter welchen Voraussetzungen und an welchen Orten lärmblitzen? Polizeihauptkommissar Marco Schäler: „Um Rechtssicherheit zu erlangen, müssen Lärmblitzer zuerst bestimmte Vorgaben erfüllen.“ Die Behörde benötige eine gesetzliche Ermächtigungsgrund- lage für den Einsatz.

Die Geräte selbst müssten geprüft und genehmigt werden, anschließend müssten sie auch noch für den Straßenverkehr zugelassen werden, so Schäler. Vor allem: „Eine Lichtbildaufnahme durch den Lärmblitzer kann eine polizeiliche Kontrolle vorerst nicht ersetzen“, sagt der Hauptkommissar. Manipulationen am oder im Auspuff seien nur vor Ort sicher überprüfbar.

In seinem Bestreben, Anwohner in Tourismusgebieten vor lauten Motorrädern zu schützen, erhält Armin Laschet Beistand aus Baden-Württemberg. Dort gelten bereits Streckenverbote für mindestens zehn Hotspots. Landes- Verkehrsminister Winfried Hermann (Die Grünen): „Es wird die Aufgabe einer künftigen Bundesregierung sein, wirksame Maßnahmen zum Schutz vor Motorradlärm zu ergreifen.“

In einer schwarz-grünen Koalition mit Bundeskanzler Laschet und Verkehrsminister Hermann?

emo/moet