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Von Schnäbeln und Ohren: Dialoge erfolgreich gestalten


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Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 23.12.2021

Schwerpunkt: Im Dialog

„Das Gespräch lebt nicht von der Mitteilung, sondern von der Teilnahme“, sagte einst der Schweizer Publizist und Aphoristiker Ernst Reinhardt. An diesem schönen Zitat ist einiges dran – und doch gibt es nur die halbe Wahrheit wieder. Wenn zwei Menschen in den Dialog treten, dann ist für dessen Gelingen nicht nur die Fähigkeit, dem Gegenüber zuzuhören und Anteil zu nehmen, sondern ebenso sehr die Fähigkeit, sich selbst mitzuteilen und als Person zu zeigen, von zentraler Bedeutung.

Schlägt man im Wörterbuch das Wort „Dialog“ nach, so wird dieser als „eine von zwei oder mehreren Personen abwechselnd geführte Rede und Gegenrede“ umschrieben. Eine gute Spur, um dem Kern des Dialogs näherzukommen. Wie es scheint, ist es gerade die wechselseitige Beteiligung am Gespräch, die ihn vom Monolog abgrenzt – so weit, so gut. Und doch ist dies noch lange nicht das Erfolgsrezept für einen als ...

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 1/2022

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... gelungen empfundenen Dialog. Denn das, was dabei wechselseitig geäußert wird, kann manchmal alles andere als wohlwollend, empathisch, annehmbar oder passend sein.

Unser Sach-Ohr reagiert auf die Botschaften, die wir in der Aussage unseres Gegenübers auf der Sachebene herauszuhören meinen: Welche Sachinformation enthält die Botschaft? Welche Daten und Fakten werden zum vorliegenden Sachverhalt vermittelt? Unser Appel-Ohr wiederum ist besonders hellhörig , wenn es um die Wünsche, Aufforderungen oder Anweisungen geht, die im Gesagten mitschwingen. Was will unser Gegenüber von uns? Was sollen wir nach seiner Ansicht tun, denken oder fühlen? Mit unserem Beziehungs-Ohr hören wir die Dinge, die dazu führen, dass wir uns als Person wertgeschätzt oder abgelehnt, gemocht oder ungeliebt, gelobt oder kritisiert fühlen. Unser Selbstkundgabe-Ohr dagegen ist unser „Empathie-Ohr“, mit dem wir besonders sensibel auf die Anteile einer Nachricht reagieren, die Hinweise auf den Gemütszustand unseres Gegenübers geben: Was ist das für einer? Wie geht es ihm?

Sie haben es vielleicht schon vermutet: Das, was der Sender mit seinen vier Schnäbeln senden wollte, ist nicht immer das, was auch beim Empfänger mit seinen vier Ohren ankommt. Nicht selten geschieht es, dass wir zum Teil vollkommen andere Botschaften auf einer oder mehreren der vier Seiten heraushören als die, die unser Gegenüber ursprünglich senden wollte. Gar nicht einfach also, einen guten Dialog zu führen, in dem die Wechselrede nicht von lauter Missverständnissen gestört wird. Und doch gelingt es uns, Dialoge zu führen, die beide Gesprächspartner gerne in Erinnerung behalten.

Interpretationsspielräume im Dialog

Wie kommt es nun, dass wir einige Dialoge als schleppend, unangenehm oder entzweiend wahrnehmen und andere wiederum als leichtgängig , positiv und verbindend? Die Antwort auf diese Frage ist wie so oft keine allgemeingültige. Und doch können wir anhand des Kommunikationsquadrats der Sache etwas näherkommen.

An dieser Stelle lade ich Sie zu einer kleinen Übung ein:

Übung 1: Rufen Sie sich einen Dialog ins Bewusstsein, der Ihnen im Nachhinein als gelungen in Erinnerung geblieben ist und an den Sie gerne zurückdenken. Was hat diesen Dialog Ihrer Ansicht nach so „gelungen“ gemacht?

Zur Verdeutlichung zunächst ein kleines Beispiel, um das Modell des Kommunikationsquadrats für diejenigen unter Ihnen, die es noch nicht kennen oder die sich lange nicht mehr damit beschäftigt haben, etwas greifbarer zu machen.

Diese Analyse ist nur exemplarisch; die vier Seiten der Nachricht, die wir zur Begrüßung mit unseren vier Schnäbeln senden und die bei unserer Freundin mit ihren vier Ohren ankommen, können je nach Tonfall, Mimik, Gestik und Kontext auch ganz anders lauten. Sie soll lediglich verdeutlichen, dass wir mit der Art und Weise, wie wir in den Dialog treten und das gemeinsame Gespräch führen, einen großen Teil zu dessen Verlauf beitragen. Je mehr wir uns dessen bewusst sind, dass das, was wir äußern, mehrdeutig ist, desto eher können wir unsere Kommunikation aktiv gestalten. Wir können dafür sorgen, dass es nicht dem Zufall überlassen bleibt, ob die Aussagen, die für unseren Dialog von besonderer Bedeutung sind, bei unserem Gegenüber auch so ankommen, wie wir sie meinen.

Eine Äußerung analysieren: Sache, Beziehung, Selbstkundgabe und Appell

Begrüßen wir unsere Freundin, die wir seit einer Weile nicht mehr gesehen haben, mit den Worten „Ich hatte schon Sorge, dich nach all der Zeit nicht mehr wiederzuerkennen!“, so lässt sich diese Begrüßung anhand der vier Seiten des Kommunikationsquadrats auf verschiedenste Weise analysieren.

Der Sachverhalt, der auf der Sachebene transportiert wird, könnte lauten: „Es ist lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben.“ Dem kann unsere Freundin nun zustimmen oder widersprechen. Schon ein kurzer Blick in den Kalender könnte helfen, um zu bestimmen, wann das letzte Treffen stattgefunden hat. Vollständige Klarheit schafft eine anschließende Sachdebatte über die Frage, ab wann wir ein Treffen als „lange her“ empfinden (zwei Wochen, sechs Monate oder gar drei Jahre?). Würde der Dialog rein auf der Sachebene stattfinden, so würde diese Begrüßung vermutlich keine allzu große Gefahr für das weitere Gespräch darstellen.

Nun gibt es aber noch die anderen drei Seiten. Wenn die Freundin vor allem ihr Beziehungs-Ohr gespitzt hat, so könnte sie in unserer Begrüßung möglicherweise einen Vorwurf vernehmen: „Nie hast du Zeit für mich!“ Unliebsame Botschaften auf der Beziehungsebene, die als Angriff auf die eigene Person oder als unangebrachte Definition der gemeinsamen Beziehung wahrgenommen werden, bergen großes Potenzial für Dialoge, die wir als unangenehm, konfliktreich oder unangemessen wahrnehmen. Ganz egal, ob wir diesen Vorwurf auf der Beziehungsseite tatsächlich absenden wollten, ankommen kann er aufgrund unserer mehrdeutigen Begrüßung bei unserem Gegenüber allemal.

Was könnte nun auf der Selbstkundgabeseite mitschwingen? Nun, möglicherweise könnte unsere Freundin mit ihrem empathischen Selbstkundgabe-Ohr heraushören, dass wir uns freuen, sie wiederzusehen und zugleich ein wenig traurig und besorgt darüber sind, dass diese Treffen so selten stattfinden. Ein guter Anknüpfungspunkt, um in ein vertrautes Gespräch zu starten und den Faden der gemeinsamen Freundschaft wieder aufzunehmen. Hört sie wiederum mit ihrem Appell-Ohr, so könnte sie unseren Wunsch vernehmen, sie beim nächsten Mal nicht erst nach mehreren Monaten, sondern etwas früher wiederzusehen. Ein Appell, der in unserer Begrüßung implizit mitschwingt, könnte lauten: „Triff dich häufiger mit mir!“

Übung 2: Zeit für eine kleine Fingerübung! Überlegen Sie sich nun anhand des oben genannten Beispiels einen alternativen (und möglicherweise besseren) Gesprächseinstieg, mit dem wir unsere Freundin hätten begrüßen können.

Eine Frage der Stimmigkeit: situationsgerecht und wesensgemäß kommunizieren

Je nach Kontext und Gesprächspartner können die für unseren Dialog besonders wichtigen Aussagen sehr unterschiedlich ausfallen: Ein Bewerbungsgespräch stellt beispielsweise ganz andere Anforderungen an die Beteiligten als ein Gespräch zwischen engen Freunden. Die Kommunikation, die ein Gespräch zwischen Freunden zu einem guten Dialog macht, kann im Kontext von Bewerbungsgesprächen vollkommen deplatziert wirken. Der potenzielle zukünftige Arbeitgeber mag es als unpassend empfinden, wenn der Bewerber zu Gesprächsbeginn intime Fragen nach dem aktuellen Befinden seines Gegenübers stellt und im zweiten Teil des Gesprächs detailreich von den eigenen Beziehungsproblemen berichtet. Im Gespräch mit dem engsten Freund wiederum wäre ein Smalltalk-ähnlicher Gesprächseinstieg („Haben Sie gut hergefunden und möchten Sie ein Glas Wasser?“) der gemeinsamen Beziehung wohl nicht angemessen und würde vermutlich zu Irritationen führen. Dieses etwas überspitzte Beispiel führt uns zu wesensgemäß & situationsgerecht einem weiteren, wichtigen Aspekt von Dialogen: der Stimmigkeit.

Friedemann Schulz von Thun definiert unsere Kommunikation dann als stimmig , wenn sie sowohl situationsgerecht als auch wesensgemäß ist (2021: 352 ff.). Dialoge, die wir im Nachhinein als gelungen bezeichnen, haben mit großer Wahrscheinlichkeit beide dieser Kriterien erfüllt: Sie sind den besonderen Anforderungen der Situation gerecht geworden und standen zudem im grundsätzlichen Einklang mit unserer Person und unserem eigenen Seelenleben.

Gespräche, bei denen wir das Gefühl haben, uns verstellen zu müssen, und in denen wir einen Großteil dessen, was in uns passiert, im Verborgenen halten, empfinden wir oftmals als anstrengend und schleppend. Die Verbundenheit, die wir in leichtgängigen und gelungenen Dialogen mit unserem Gegenüber verspüren, bleibt zumeist aus, da wir uns als Person gar nicht erst zeigen und somit die Voraussetzungen für das Spinnen eines gemeinsamen Kontaktfadens denkbar schwierig sind. Auf der anderen Seite kann ein Gespräch auch fundamental dadurch gestört werden, dass die Art unserer Interaktion nicht zu der Situation passt, in der wir uns befinden. Je nachdem, aus welchem Anlass, mit welchen Beteiligten und mit welchem Ziel ein Gespräch stattfindet, muss die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, angepasst werden.

Gelungene Dialoge werden also oftmals von dem Gefühl beider Beteiligten getragen, sich grundlegend als die Personen zeigen zu dürfen, die sie sind, und dabei zugleich den besonderen Ansprüchen der jeweiligen Situation gerecht zu werden. Ansonsten droht unsere Kommunikation überaus angepasst (gar nicht wesensgemäß) oder situativ unangemessen (gar nicht situationsgerecht) zu sein.

So gelingt es Ihnen, sinnstiftend zu kommunizieren

1. Gehen sie neugierig in den Dialog und hören Sie Ihrem Gegenüber mit „offenen Ohren“ zu. Je aufgeschlossener wir für das sind, was unser Gesprächspartner äußert, desto eher gelingt es uns, wirklich in einen Kontakt zu treten.

2. Formulieren Sie die Aussagen, die Ihnen besonders am Herzen liegen, möglichst klar und deutlich. Je expliziter wir uns auf den vier Seiten des Kommunikationsquadrats ausdrücken, desto weniger Interpretationsspielraum bietet das von uns Gesagte.

3. Achten Sie im Dialog besonders auf die Art und Weise, wie Sie die Beziehung miteinander gestalten. Gespräche, in denen sich beide Gesprächspartner als Person grundsätzlich angenommen, respektiert und wertgeschätzt fühlen, gelingen sehr viel leichter als solche, in denen wir uns auf der Beziehungsebene nicht gut behandelt fühlen.

4. Hinterfragen Sie an Stellen, an denen es holprig wird, auch Ihre eigenen Empfangsgewohnheiten. War ein Ohr bei Ihnen möglicherweise besonders auf Empfang gestellt und haben Sie die Aussage Ihres Gegenübers dadurch womöglich sehr einseitig aufgenommen?

5. Rufen Sie sich vor anstehenden Gesprächssituationen die Idee der Stimmigkeit in Erinnerung: Wie kann es Ihnen gelingen, sowohl wesensgemäß als auch situationsgerecht in den Dialog zu treten? Welche Anteile Ihres Innenlebens möchten Sie mit Ihrem Gesprächspartner teilen, damit Sie sich als Person ausreichend zeigen können? Wie kann dies so gelingen, dass Sie zugleich im Einklang mit der Situation kommunizieren?

Aus diesem Grund sind allgemeine Ratschläge, die den situativen Kontext und die individuelle Persönlichkeit der Beteiligten außer Acht lassen, für einen gelungenen Dialog nur wenig hilfreich: Was in der einen Gesprächssituation wunderbar funktionieren mag, führt in einer anderen Situation womöglich dazu, dass das Gespräch in eine ganz falsche Richtung verläuft. Und was sich für den einen im Dialog sehr passend anfühlt, mag bei einer anderen Person zu großem Unbehagen führen. Das Kommunikationsquadrat und das Ideal der Stimmigkeit können uns in individuellen Gesprächssituationen jedoch dabei helfen, die Wahrscheinlichkeit für ein gelungenes Gespräch, an das wir gerne zurückdenken werden, zu erhöhen.

Den Dialog aufmerksam und aktiv mitgestalten – als Sender und als Empfänger

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse können wir unsere Kommunikation bewusster gestalten und die Aussagen, die für unseren Dialog von besonderer Bedeutung sind, möglichst eindeutig und explizit ins Gespräch tragen. Je klarer wir uns ausdrücken, desto weniger Interpretationsspielraum bleibt für unser Gegenüber und desto weniger überlassen wir es dem Zufall, ob das, was wir „eigentlich gemeint“ haben, auch so bei unserem Gesprächspartner ankommt. Besondere Relevanz kommt in beinahe allen Gesprächssituationen der Beziehungsebene zu: Fühlen wir uns durch das, was unser Gegenüber sagt, als Person grundlegend wertgeschätzt, respektiert und angemessen behandelt, so stehen die Chancen gut, dass wir für das Gesagte offen sind. Achtsam mit den Botschaften umzugehen, die wir auf der Beziehungsebene in den Dialog tragen, kann also ein guter Ansatz für gelungene Dialoge sein – unabhängig davon, ob wir uns in der Sache, um die es geht, einig sind.

Doch nicht nur als Sender haben wir die Möglichkeit, den gemeinsamen Dialog mit dem bewussten Einsatz unserer vier Schnäbel aktiv zu gestalten. Auch als Empfänger kann es sehr hilfreich sein, alle vier Ohren bewusst einzusetzen und neugierig und offen in den Dialog „hineinzuhorchen“. Kaum jemand unter uns ist mit vier gleich gut funktionierenden Ohren und Schnäbeln ausgestattet. Wir alle haben unsere individuellen Sende- und Empfangsgewohnheiten, die durch unsere eigene Biografie, Rolle und Lebenssituation maßgeblich geprägt sind. Sich diese Empfangsgewohnheiten vor Augen zu führen, kann uns dabei helfen, im Dialog auch mal die anderen Ohren zu spitzen, die wir von Natur aus eher selten einsetzen. Reagieren wir beispielsweise schnell auf vermeintlich negative Beziehungsbotschaften, so ist es eine gute Übung , alternativ mit unserem Selbstkundgabe-Ohr auf das zu achten, was unser Gegenüber gerade über sich erzählt.

Übung 3: Wir alle haben unsere ganz eigenen Sende- und Empfangsgewohnheiten. Denken Sie einmal darüber nach, wie Sie sich „typischerweise“ in Gesprächen verhalten. Haben Sie möglicherweise ein Ohr, das übermäßig auf Empfang geschaltet ist, und ein anderes, das kaum zum Einsatz kommt? Oder gibt es vielleicht einen Schnabel, der bei Ihnen besonders häufig zur Sprache kommt, und einen anderen, den Sie nur selten explizit sprechen lassen? Möglicherweise und sehr wahrscheinlich variieren diese Sende- und Empfangsgewohnheiten von Situation zu Situation, vielleicht aber zeichnet sich eine grundsätzliche Tendenz ab, die eine bestimmte Entwicklungsrichtung mit sich bringt.

Der bewusste Einsatz aller vier Ohren kann unsere Gespräche in neue Richtungen lenken und festgefahrene Kommunikationsmuster, die uns den fruchtbaren Dialog erschweren, Stück für Stück aufweichen. Und merken wir im Dialog, dass dieser in die vollkommen falsche Richtung läuft und zu misslingen droht, so kann uns das Kommunikationsquadrat helfen, um dem Grund für diese Störung näherzukommen. War es möglicherweise eine unbedachte Aussage, die unser Gegenüber als Kritik an seiner Person aufgefasst hat? Oder habe ich das Gähnen meines Gegenübers fälschlicherweise als Zeichen seiner Langeweile gedeutet und mich dadurch verunsichern lassen?

Offenheit und Interesse sind die Grundlage eines gelungenen Gesprächs

Die gute Nachricht lautet: Selbst wenn ein Gespräch nicht von Beginn an reibungslos verläuft, heißt das noch lange nicht, dass es nicht noch zu einem guten Dialog werden kann. Störungen zu erkennen und explizit anzusprechen, hat schon so manches als missglückt geglaubte Gespräch in eine andere Richtung befördert.

Und damit das, was wir in den Dialog tragen, sowohl wesensgemäß als auch situationsgerecht ist, kann es helfen, das Ideal der Stimmigkeit im Hinterkopf zu behalten: Das, was wir äußern, sollte im besten Fall sowohl uns als Person entsprechen als auch der Situation, in der wir uns befinden, angemessen sein. Ein gelungener Dialog bedeutet also nicht, ungefiltert all das, was in uns vor sich geht, ins Gespräch zu bringen, sondern auch die besonderen Anforderungen der Situation im Blick zu behalten. Gleichzeitig lautet das Ziel auch nicht, sich aufgrund der situativen Umstände so sehr anzupassen, dass die eigene Person gar nicht mehr sichtbar wird.

Denn ganz egal, um welche Art von Dialog es sich handelt: Am Ende geht es vor allem darum, in den Kontakt zu treten. Und dies gelingt uns dann, wenn beide Seiten die Gelegenheit haben, sich im Einklang mit der individuellen Situation, in der sie sich befinden, als Person zu zeigen. Die dafür erforderliche Balance zwischen „dem anderen zuhören“ und „sich als Person einbringen“ ist nicht immer leicht und bedarf einiger Übung , denn die meisten unter uns fühlen sich von Natur aus auf einer der beiden Seiten etwas mehr beheimatet als auf der anderen. Und doch lohnt es sich! Denn das gelungene Gespräch lebt am Ende sowohl von der Mitteilung als auch von der Teilnahme.

Literatur

Schulz von Thun, Friedemann (2010): Miteinander Reden 1: Störungen und Klärungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch.

Schulz von Thun, Friedemann (2021): Miteinander Reden 3: Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch.

Johanna Dreyer

Psychologin (M. Sc.). Sie arbeitet als Referentin am Schulz von Thun Institut für Kommunikation in Hamburg und vermittelt als freiberufliche Trainerin die Kommunikationspsychologie nach Friedemann Schulz von Thun aus erster Hand.