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VON WEIT HER


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Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 12.10.2022
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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 6/2022

Ein Glöckchen klingelt. Erst fern, dann immer näher. Endlich klopft es an der Tür. Es steht ein Mann davor, mit langem Bart und weißem Haar. Er trägt ein prächtiges Gewand und schwarze Stiefel – der Nikolaus. „Darf ich hereinkommen?“, fragt er. Seine Stimme ist ruhig und klangvoll. Stille folgt der Frage, sie ist typisch für diesen Mann wie jede seiner Gesten. Unter dem Türsturz bückt er sich, denn auf seinem Kopf sitzt die Mitra, die hohe, spitz zulaufende Kopfbedeckung eines Bischofs. Sein goldener Hirtenstab ist oben gebogen, an der Krümme hängt das Glöckchen. Der Nikolaus hat ein goldenes Buch dabei und einen großen Jutesack. Müde von der weiten Reise freut er sich über die Wärme im weihnachtlich geschmückten Haus.

Erinnerungen schaffen

Die Familie, die er besucht, begrüßt den abendlichen Gast mit einem Nikolauslied. Er setzt sich auf einen Stuhl und schlägt sein Buch auf. „Hanna“, liest er und ...

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... schaut das Mädchen an, „du bist ein sehr aufmerksames und liebenswertes Mädchen.“ „In meinem goldenen Buch steht viel Gutes über dich“, sagt er weiter. Die 3-Jährige nickt zaghaft und lächelt. Monate später wird sie noch von dem besonderen Besucher erzählen. Selbst als Erwachsene wird sich Hanna wie so viele andere Kinder wohl noch an diese Begegnung erinnern.

Geheimnisvoller Gast

Der Einkehrbrauch des Nikolaus hat eine lange Tradition. Anton Schuler pflegt sie seit beinahe 50 Jahren. An drei bis vier Tagen in jedem Dezember ist er unterwegs und besucht Familien, Kindergärten und Schulen im Schwarzwald und in Freiburg. Zu Anfang, als er vom Pfarrer der Gemeinde gefragt wurde, ob er den Nikolaus spielen möchte, war er 20 Jahre alt. Er war groß, hatte eine kräftige Stimme und konnte mit Kindern umgehen. „Etwas zu tun, was nur wenige tun, faszinierte mich besonders. Ein Mensch zu sein, der Gutes tut und geheimnisvoll ist“, sagt er und lacht. Noch gut erinnert er sich an den 5. Dezember 1973. Mit einem geliehenen Priestergewand zog er erstmals los. In der Tasche eine Liste mit den Familien, die er besuchen sollte.

Der erste Besuch

Das Glöckchen, das er am Obergewand befestigte, war ein Geschenk seiner Mutter. „Als wir klein waren, ist sie an vielen Nikolaustagen damit ums Haus gegangen. Da wussten wir, der Nikolaus ist da“, erinnert er sich an seine eigene Kindheit. Bei seinem ersten Besuch war er sehr aufgeregt. „Der Klang des Glöckchens tat mir gut.“ Ein kleines Mädchen, das er damals besuchte, war verschüchtert. „Sie weinte nicht, sagte aber auch kein Wort.“ Mit jedem Besuch wurde es für ihn einfacher, vor allem, wenn mehrere Kinder beisammen waren. „Die Familien haben Gutes erzählt von meinen Besuchen. Im Jahr darauf sollte ich noch einmal Nikolaus sein.“

Schöne Geschichten

Allmählich verfeinerte sich sein Gespür für das besondere Miteinander. Weil die Kinder sich vor der Rute fürchteten, ließ er sie zu Hause. Um sein junges Gesicht zu verbergen, trug er anfangs eine Nikolausmaske. „Als ich sie schließlich ablegte, kam ich den Kindern viel näher“, sagt der heute fast 70-Jährige. Seine Besuche verbindet er mit vielen Geschichten. Über die Jahre wurden aus den Kindern Eltern von Kindern, die er jetzt besucht. Er erinnert sich außerdem an eine 88-Jährige, bei der er spontan klingelte. „Eine Freude wollte ich ihr machen. Ihr sagen, dass der Nikolaus sie nicht vergessen und ein Säckchen für sie dabei hat mit Nüssen, Früchten und Gebäck“, erzählt er. „Im Jahr darauf hat sie heimlich auf mich gewartet.“

Ein guter Mann

Mit der Zeit wurden auch die Besuche bei älteren Menschen zu seiner Tradition, ebenso wie das „Stiefelchenfüllen“. So nennt er die Zeit nach den Besuchen in den Familien. „Dann gehe ich bis zu zwei Stunden durch die Ortschaften“, erzählt der pensionierte Postbeamte. Anton Schuler genießt diese Spaziergänge sehr. „Es ist früh dunkel, oft windig und kalt. Alles ist still, nur das Glöckchen klingelt.“Stehen vor den Haustüren Stiefel, füllt er sie mit Nüssen, kleinen Schokoladenfiguren oder Äpfeln. „Entdecken mich die Kinder, winke ich sie heraus und übergebe ihnen meine kleinen Gaben persönlich.“ Nur ein einziges Mal hat ihn Knecht Ruprecht bei seinen Familienbesuchen begleitet. „Der große Mann mit rasselnder Kette und Rute hat die Kinder so sehr erschreckt, dass ihnen auch vor dem Nikolaus bange war“, erzählt Anton Schuler. Heute hat kein Kind mehr Angst vor dem Nikolaus. Er muss längst nicht mehr streng mit den Kindern sein. „Weil ich sie bestärke, sind sie offener und erzählen mir gelegentlich, was sie bewegt“, freut er sich über diese Begegnungen.

Das goldene Buch

Was in das goldene Buch über die Kinder geschrieben werden soll, verraten ihm die Eltern. Es sind Talente und Verhaltensweisen der Kinder im Alltag, im Kindergarten oder der Schule, Geschichten über ihre Spiele und auch ihre Streitigkeiten. Anton Schuler lobt und tadelt mit Bedacht. Die Geschenke bekommt er von den Eltern. Er verstaut sie vor den Besuchen in seinem Nikolaussack. Am liebsten sind ihm die Klassiker: ein Weckmann, Pfeffernüsse oder Lebkuchen. Haben die Kinder als Dankeschön ein Bild für ihn gemalt, dürfen sie es ihm in den Nikolaussack stecken. Vieles bewahrt er auf – es sind beschriebene Papierbögen, Bildgeschenke, Dankeskarten und Fotos.

Große Nikolausfeier

„Den ungefähren Ablauf bespreche ich vorher. Aus den früher oft nur kurzen Nikolausbesuchen ist mittlerweile eine richtige Feier geworden“, erzählt der Schwarzwälder. Kinder tragen Gedichte vor oder spielen Lieder auf ihren Instrumenten. Manchmal gestalten mehrere Familien den Nikolausabend zusammen, mal mit einer Fackelwanderung oder einem gemütlichen Adventskaffee. „Wenn es möglich ist, wandere ich zu Fuß von Haus zu Haus oder auf die Höfe. Größere Strecken fahre ich mit dem Auto, parke aber abseits, damit ich noch ein wenig gehen und mich auf meine Rolle vorbereiten kann.“

Alles passt zusammen

Vier Gewänder hat Anton Schuler über die Jahre getragen. Zwei sind ihm geblieben: ein schlichtes rotes, das seine Mutter für ihn genäht hat, und ein prächtiges goldenes, das eine Trachtennäherin samt passender Mitra für ihn maßgeschneidert hat. Anfangs waren es schlichte Kutten aus Bettwäsche für das Unterkleid, später feine weiße Untergewänder mit Spitze aus einem Kloster. Stets trägt er Handschuhe. „Kinder achten auf die Hände“, sagt er. Auch in seiner eigenen Familie ist Anton Schuler als Nikolaus aufgetreten, erst bei seinem Patenkind, später einige Jahre lang bei seiner Tochter: „Keiner hat mich jemals erkannt“, erzählt er und lacht. In die Zukunft schaut er zufrieden: „Nikolaus werde ich bleiben, solange ich kann.“

Hinaus in die Stille

Der Besuch bei der 3-jährigen Hanna und ihrer Familie neigt sich dem Ende zu. Der Nikolaus hat sich Zeit genommen, mit allen gesprochen, hat kleine Säckchen und die Geschenke verteilt. Jetzt klappt er sein goldenes Buch zu und nimmt seinen Hirtenstab. Draußen schneit es große flauschige Flocken. Die Kinder singen ein Lied, sehen ihm lange nach, immer noch staunend. Der Nikolaus wandert in die stille Dunkelheit hinaus. Leise verklingt das Glöckchen.

LEGENDEN EINES HEILIGEN

Nikolaus ist ein bedeutender Heiliger, sein Gedenktag der 6. Dezember. Er ist Schutzpatron für Seefahrer, Kaufleute, Bäcker, Apotheker und Juristen. Nikolaus ist ein Helfer in der Not und ein besonderer Freund der Kinder, Schüler und Studenten. Auch Gefangene und Diebe stehen unter seinem Schutz ebenso wie die Liebenden und Heiratswilligen. Über den wirklichen Nikolaus ist wenig bekannt. Die aktuelle Forschung geht von einer Verschmelzung zweier historischer Personen aus: Bischof Nikolaus von Myra soll in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts in Lykien, einem Teil der heutigen Türkei, gelebt haben. Nikolaus von Sion ist im 6. Jahrhundert zunächst Abt im Kloster Sion in der Nähe von Myra gewesen und später Bischof von Pinora in Lykien. Zudem finden sich die Züge von anderen gleichnamigen Heiligen in der Figur des Nikolaus von Myra. Seine Gebeine befinden sich in der Stadt Bari im süditalienischen Apulien.

HEIMLICHER GABENBRINGER

Als Folge unklarer Überlieferungen vom historischen Nikolaus konnten sich zahlreiche Legenden bilden. Kirchen, Klöster und Kapellen wurden zu seinen Ehren errichtet. Das Nikolausbrauchtum wird ebenfalls durch Legenden bestimmt. Die vielleicht schönste Geschichte, die Jungfrauenlegende, erzählt, wie Nikolaus drei Schwestern nachts drei goldene Kugeln für ihre Aussteuer in ihr Zimmer wirft. Noch heute ist Nikolaus ein Gabenbringer. Häufig bringt er seine Geschenke heimlich und ungesehen (Einlegebrauch). Weil Nikolaus zudem der Schutzheilige der Seefahrer ist, bastelten die Kinder im 15. Jahrhundert Schiffchen für die Gaben. Später ersetzten Teller, Stiefel, dann mancherorts Strümpfe die Schiffchen.

DAS BISCHOFSSPIEL

Die Nikolausfeier, in der eine erwachsene Person verkleidet auftritt, hat sich aus einem mittelalterlichen Schulbrauch entwickelt: In den Klosterschulen wurde einmal jährlich, am Fest der unschuldigen Kinder am 28. Dezember, ein Kinderbischof gewählt. Er verkleidete sich und durfte das Internat regieren. Obwohl der Brauch wegen seiner Auswüchse bald wieder verboten wurde, hat er sich lange erhalten und über die Klöster hinaus ausgedehnt. Im 14. Jahrhundert wurde das Bischofsspiel immer mehr mit Nikolaus, dem Schutzheiligen der Kinder und Schüler, verknüpft und schließlich auf den 6. Dezember verlegt. Der Nikolaustag war in Erinnerung an die Goldspende der Jungfrauenlegende bereits ein Tag, an dem es Geschenke gab. Somit waren der Verkleidungs- und der Geschenkebrauch zusammengefallen.

DAS WILDE GEFOLGE

Dämonische Begleiter tauchten bereits zur Zeit der Bischofsspiele als Gegenspieler des Nikolaus auf. Ausgehend von den katholischen Gebieten Süddeutschlands wurde im 17. Jahrhundert der nächtliche Einkehrbrauch wieder verstärkt gepflegt. Auch das wilde Gefolge kam erneut hinzu – regional verschieden ausgeprägt. Am bekanntesten sind Knecht Ruprecht, Krampus, Klaubauf, der Zwarte Piet in den Niederlanden und Père Fouettard in Frankreich. Die Nikolausbegleiter prüften die Kinder und erfragten ihr Wissen, gegebenenfalls straften sie.

SANKT NIKOLAUS UND DAS CHRISTKIND

Für die Katholiken war nicht Weihnachten, sondern der Nikolaustag, der 6. Dezember, bis ins 20. Jahrhundert hinein der Tag für die Bescherung. Neben dem heiligen Nikolaus war aber auch das Christkind bereits seit dem Spätmittelalter ein Gabenbringer. Beide Figuren gehörten für die Bevölkerung eng zusammen und wurden oft gemeinsam dargestellt. Der Reformator Martin Luther hat den Nikolaus und das Christkind akzeptiert, aber das Bischofsspiel abgelehnt. In seinem Haus wurde am Nikolaustag der heimliche Einlegebrauch gepflegt. Erst in seiner Nachfolge ist es zur Ablehnung des heiligen Nikolaus in den protestantischen Ländern gekommen, mit Ausnahme der Niederlande. In der Biedermeierzeit wurde Weihnachten zum großen Fest mit Bescherung. Der Nikolaus kommt am 6. Dezember wieder zu fast allen Kindern – ganz gleich welcher Konfession sie angehören.

■ Text: Stefanie Pfister,