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Was macht den Dekalog so besonders – und wieso befolgen Christen die restlichen Gesetze der Tora nicht?


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.10.2021

Der Dekalog genießt im Christentum eine besondere Wertschätzung. Er gilt als der Teil der Tora, der auch für Christen verbindlich ist. Wie aber verhalten sich dazu die übrigen Gesetze der Tora?

Der Blick auf den literarischen Zusammenhang (s. Grafik unten) zeigt: Ist das Buch Genesis noch weitgehend Erzählung, so ändert sich das Verhältnis im Buch Exodus grundlegend: Mit der Ankunft am Sinai (Ex 19) beginnt die Offenbarung zahlreicher Gesetze, die nur kurz von Erzählpartien unterbrochen werden. Die Bücher Levitikus und Numeri enthalten jeweils nur knappe Erzählpassagen, die Masse der Gesetze überwiegt deutlich. Das Deuteronomium, die Abschiedsrede des Mose, schließlich wird insgesamt als Tora qualifiziert, denn Mose legt darin das Gesetz aus (Dtn 1,5). In dieser Fülle von Gesetzesbestimmungen wird der Dekalog zweimal überliefert und bildet jeweils den Kopf einer daran ...

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 4/2021

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... anschließenden größeren Sammlung von Gesetzen. Doch nicht nur die Doppelüberlieferung unterscheidet den Dekalog von den nachfolgenden Gesetzen.

Zur Zeit Jesu scheint freilich eine Diskussion über den Status des Dekalogs im Verhältnis zu den anderen Gesetzen der Tora geführt worden zu sein, wie die Frage der Schriftgelehrten an Jesus, welches Gebot denn wohl das wichtigste sei (Mk 12,28-34 parr), zeigt. In Qumran wurden Phylakterien (kleine Kapseln mit Lederriemen, die Bibeltexte enthalten und beim Gebet getragen werden, s. S. 42) gefunden, die neben dem Sch‘ma Jisrael von Dtn 6,4ff auch den Dekalog enthalten. Ab dem 1. Jh. nC verschwindet der Dekalog aus den Phylakterien, die fortan bis heute nur noch das Gebet Sch‘ma Jisrael „Höre Israel“ enthalten. Offensichtlich wurde noch zur Zeit Jesu ein gewisser Sonderstatus des Dekalogs akzeptiert. Vermutlich wurde er dann aus den Phy-lakterien verbannt, als der Dekalog im Christentum besondere Hochschätzung erfuhr. Man grenzte sich davon ab, um die Gleichrangigkeit aller 614 Mizwot zu betonen. Dass Christen nicht sämtliche Mitzwot halten müssen, geht letztlich auf den Pragmatismus des Paulus zurück. Eine Verpflichtung insbesondere auf die Beschneidung hätte in seinen Augen das Projekt der Heidenmission gefährdet. Bei der sog. „Jerusalemer Versammlung“ konnte er sich in dieser Streitfrage gegen die ‚Hardliner‘ Petrus und Jakobus durchsetzen (Apg 15; Gal 2).

Der Dekalog bedarf der Auslegung in neue Situationen hinein

Trotz seiner relativen Sonderstellung darf der Dekalog nicht von den übrigen Gesetzen der Tora getrennt werden. Deutlich wird dies in der Erzählung von Dtn 5: Nachdem Gott den Dekalog zum ganzen Volk gesprochen hat, kündigt er an, Mose „das ganze Gebot, die Gesetze und Rechtsentscheide mitzuteilen, die du sie lehren sollst und die sie halten sollen in dem Land, das ich ihnen gebe und das sie in Besitz nehmen sollen“ (Dtn 5,31). Der Dekalog erhebt also keineswegs den Anspruch, suffizient zu sein, und nirgends ist davon die Rede, dass er im Unterschied zu den anderen Gesetzen überzeitlich und unwandelbar sei. Gerade die Doppelüberlieferung des Dekalogs in zwei nicht identischen Fassungen spricht dagegen. Vielmehr bedarf der Dekalog notwendig der Auslegung und Aktualisierung in je neue Situationen hinein. Die verschiedenen Gesetzeskorpora der Tora wollen entsprechend als Auslegungen des Dekalogs verstanden sein.

Eine Auslegung, die sich ungefähr in der Mitte des Buches Levitikus und damit in der Mitte der Tora selbst findet, sticht hierbei hervor: Lev 19 ist eine Aktualisierung des Dekalogs unter der Perspektive priesterlicher Theologie. So wird dort beispielsweise das Fremdgötterverbot unter monotheistischer Perspektive zum Götzenverbot umformuliert, und das Falschzeugnisverbot wird zu einem allgemeinen Lügenverbot ausgeweitet. Neben dieser Erweiterung und Ergänzung ist aber zugleich eine Konzentration erkennbar. Die Mitte des Kapitels bilden die V. 11-18. Dort läuft alles auf das Gebot der Nächstenliebe in V. 18 zu: „Du sollst deinen Nächsten lieben – er ist wie du.“ Im Gebot der Nächstenliebe wird nicht nur der Dekalog, sondern de facto die gesamte Tora gebündelt. Damit wird die Tora auf einer Nächstenliebe gegründet, die niemanden ausschließt und in solidarischem Handeln ihren Ausdruck findet. Die Nächstenliebe von Lev 19,18 ist nicht einfach eine Handlungsmaxime. Sie ist das Prinzip eines umfassenden Lebensentwurfs, der alle Bereiche des Lebens durchdringt.

Diese Linie einer Konzentration der Tora greift Jesus in seiner Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten auf, wenn er die Tora in den beiden Geboten der Gottesliebe in Form des Sch’ma Jisrael (Dtn 6,4f) und der Nächstenliebe von Lev 19 zusammenfasst (Mk 12,28-31par). Der Dekalog wie auch die übrige Tora werden dabei keineswegs außer Kraft gesetzt. Vielmehr werden sie auf der Liebe als Grundprinzip fundiert.

(Michael Konkel)